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Werther-Effekt

Der Begriff geht zurück auf das Auftreten einer „Suizidwelle“ nach der Veröffentlichung von Goethes Roman Die Leiden des jungen Werthers im Jahr 1774 und seiner …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Definition und Ursprung
  2. 2. Forschung zu Nachahmungseffekten
  3. 3. Rolle von Methode, Ort und prominenten Vorbildern
  4. 4. Medienregeln und journalistische Verantwortung
  5. 5. Der Papagenoeffekt und empirische Gegenbefunde

Definition und Ursprung

Der Werther-Effekt bezeichnet in der Medienwirkungsforschung, Sozialpsychologie und Soziologie die Annahme eines kausalen Zusammenhangs zwischen ausführlicher Medienberichterstattung über Suizide und einem anschließenden Anstieg der Suizidrate in der Bevölkerung. Gemeint sind Nachahmungseffekte, bei denen ein berichteter Suizid als Vorbild wirken kann.

Der Begriff geht auf eine vermutete „Suizidwelle“ nach Goethes Roman Die Leiden des jungen Werthers von 1774 und dessen Nachahmungen, die sogenannten Wertheriaden, zurück. Wie stark diese Welle tatsächlich war, ist umstritten: Einige Forscher sprachen von einer Epidemie, andere verwiesen auf eine unzureichende rückwirkende epidemiologische Erfassung oder fanden keine nachweisbaren Nachahmungstaten. Wieder andere nannten eine zweistellige Zahl nachweislich mit der Buchveröffentlichung zusammenhängender Suizide. Als Beispiel gilt Christiane Henriette Sophie von Laßberg, die sich am 16. Januar 1778 in der Ilm ertränkte und angeblich ein Exemplar des Werther bei sich hatte.

Vom Werther-Effekt ist das „Wertherfieber“ zu unterscheiden. Damit wird die Nachahmung der Kleidung und des Auftretens der Romanfigur bezeichnet, etwa durch die Werther-Tracht mit blauem Tuchfrack, gelber Weste, gelben Kniehosen aus Leder, Stulpenstiefeln und rundem, grauem Filzhut. Der Leipziger Stadtrat verbot im Januar 1775 die Verbreitung des Romans und auch das Tragen der Werther-Tracht; das Kleidungsverbot wurde 1825 aufgehoben.

Forschung zu Nachahmungseffekten

Für den möglichen Wirkungszusammenhang verwenden Wissenschaftler unter anderem die Begriffe Imitationshypothese, Suggestionstheorie, Enthemmungseffekt und Ansteckungshypothese. Untersucht wird das Thema von Medienforschern, Psychologen und Suizidologen.

Der Ausdruck Werther-Effekt wurde 1974 durch den amerikanischen Soziologen David P. Phillips eingeführt. Er untersuchte 33 Suizide prominenter Personen, über die die New York Times zwischen 1947 und 1967 auf der Titelseite berichtet hatte, und verglich die Berichte mit amtlichen Todesfallstatistiken. In allen Fällen stellte Phillips einen Anstieg der Suizidrate fest. Je prominenter die verstorbene Person war, desto höher war nach seiner Untersuchung die Zahl der möglichen Nachahmungstäter. Die größte von ihm beobachtete Suizidwelle folgte der Berichterstattung über den Tod Marilyn Monroes. Weitere Studien von Phillips zu Nachahmungen nach fiktionalen Suiziden in Seifenopern gelten allerdings als unzureichend und nicht aussagekräftig.

In Deutschland beobachteten Armin Schmidtke und Heinz Häfner 1981 einen Zusammenhang mit dem mehrteiligen ZDF-Film Tod eines Schülers. In allen sechs Folgen wurde zu Beginn der Suizid eines Jugendlichen durch einen Eisenbahnzug gezeigt. Während der Ausstrahlung und in den fünf Wochen danach nahm die Rate der Eisenbahnsuizide bei 15- bis 19-jährigen Männern um 175 Prozent und bei Frauen um 167 Prozent zu. Bei Männern über 40 und Frauen über 30 Jahren wurde kein Effekt festgestellt. Als die Serie anderthalb Jahre später wiederholt wurde, fiel der Effekt etwas geringer aus.

Jüngere Untersuchungen kommen ebenfalls zu dem Ergebnis, dass es Nachahmungseffekte gibt und dass diese bei Berichten über reale Fälle stärker ausfallen als bei fiktionalen Suiziden. Jane Pirkis und R. Warwick Blood werteten 2001 in einer Metastudie 42 Studien aus und kamen zu ähnlichen Ergebnissen. Als wichtige Einflussgrößen gelten unter anderem der Publizitätsgrad, die Medienart, Anzahl und Eigenschaften der Rezipienten, die dargestellte Methode und das dargestellte Verhalten, die Bewertung des Vorbilds, die Darstellung der Folgen sowie kurzfristige und langfristige Medienwirkungen.

Ein rein kausaler Zusammenhang wird jedoch nicht als endgültig bestätigt und teilweise kritisiert. Robert D. Goldney stellte die Beziehung zwischen Medienberichten und Suiziden nicht grundsätzlich infrage, warnte aber davor, die Medien zum „Sündenbock“ zu machen. Auch psychische Störungen und andere Risikofaktoren können mitursächlich sein.

Rolle von Methode, Ort und prominenten Vorbildern

Nachahmung kann sich nicht nur auf die Person, sondern auch auf den Ort oder die Methode beziehen. Die Golden Gate Bridge gilt als Reiseziel von Suizidenten. Nach der Berichterstattung über Robert Enke stieg nach Angaben des Leipziger Psychiatrieprofessors Ulrich Hegerl die Zahl der Schienensuizide unmittelbar danach auf das Vierfache. Bereits in den 1950er Jahren wurde nach Berichten über das Pflanzenschutzmittel E 605 eine Zunahme suizidaler Vergiftungen mit diesem Mittel registriert. Nach Karl-Heinz Ladwig muss sich eine gefährdete Person nicht mit der verstorbenen Person identifizieren; es kann genügen, dass Methode oder Ort durch die Berichterstattung im kollektiven Bewusstsein verankert werden.

Gould et al. verglichen 2014 Berichte über Suizide, nach denen innerhalb eines halben Jahres weitere Suizide am selben Ort auftraten, mit Berichten ohne solche Häufungen. In Fällen mit späteren Häufungen waren die Berichte häufiger und detaillierter. Sie nannten unter anderem Name, Zeit, Ort, Methode und Abschiedsbriefe und erschienen häufiger auf Titelseiten. Die Effekte waren größer, wenn es um Jugendliche oder Prominente ging, mit denen sich suizidgefährdete Menschen identifizierten und die sie als Vorbild betrachteten.

Sonneck et al. stellten 1994 fest, dass die U-Bahn-Suizide in Wien zwischen 1984 und 1987 stark zunahmen. Als mögliche Gründe nannten sie die hohe Akzeptanz des U-Bahn-Systems als Suizidmittel und sehr dramatische Berichte in allen großen österreichischen Zeitungen. Unklar blieb, in welchem Umfang die zweite Ausbaustufe des U-Bahn-Systems seit 1982 berücksichtigt werden muss, durch die sich die Bahn um viele Kilometer erweitert hatte. 1987 entwickelte die Arbeitsgruppe der Österreichischen Gesellschaft für Suizidprävention Medienrichtlinien. Danach veröffentlichten Zeitungen nur noch kürzere, weniger detaillierte Artikel, meist nicht auf der Titelseite, oder berichteten überhaupt nicht über einen Suizid.

Fink et al. untersuchten 2018 die Entwicklung nach dem Tod des Schauspielers Robin Williams am 11. August 2014. Von August bis Dezember 2014 wurden in den Vereinigten Staaten 18.690 Suizide registriert, 1.841 beziehungsweise 9,85 Prozent mehr als erwartet. Der Anstieg betraf verschiedene Altersgruppen und beide Geschlechter; besonders stark war er bei Männern und bei Personen zwischen 30 und 44 Jahren. Suizide durch Erstickung nahmen um 32,3 Prozent zu. Die verstärkte Berichterstattung deutete daher möglicherweise auf einen Einfluss des Todes und der anschließenden Berichte auf die Suizidrate hin.

Medienregeln und journalistische Verantwortung

Der Deutsche Presserat veröffentlichte 1997 zum Schutz der Privatsphäre und der informationellen Selbstbestimmung eine Richtlinie: „Die Berichterstattung über Selbsttötung gebietet Zurückhaltung. Dies gilt insbesondere für die Nennung von Namen und die Schilderung näherer Begleitumstände.“ Der Pressekodex ist jedoch nicht bindend. Die Chefredaktion der Bild-Zeitung erklärte, das Berichterstattungsinteresse werde mitunter deutlich höher eingeschätzt als die Empfehlung des Presserats.

In Norwegen enthielt bereits die erste Fassung des Vær-varsom-Plakats von 1936 die Aufforderung, nicht über Suizide, Suizidversuche und Geisteskrankheiten zu berichten, außer in ganz außerordentlichen Fällen. Diese Selbstverpflichtung ist für norwegische Journalisten bis heute maßgebend. Der Schweizer Presserat empfiehlt, nur die für das Verständnis notwendigen Angaben zu machen, intime oder herabsetzende Einzelheiten wegzulassen und präzise Angaben zu Methoden und Mitteln zu vermeiden.

Eine Untersuchung von Publizistikwissenschaftlern der Universität Mainz zum Fall Robert Enke zeigte, dass deutsche Medien keineswegs immer selbstauferlegte Zurückhaltung übten, sondern ausführlich über den Suizid berichteten. Viele Medien haben deshalb eigene Richtlinien und verzichten freiwillig auf eine Veröffentlichung, wenn die Umstände nicht bereits öffentliches Aufsehen erregt haben. Stefan Niggemeier argumentiert, dass Journalisten auch bei einer spannenden Geschichte bewusst auf viele Einzelheiten verzichten müssten, wenn diese negative Folgen haben könnten.

Auch die Berichterstattung über die angebliche Blue Whale Challenge, die eigentlich ein Hoax sein soll, wurde als problematisch beschrieben. Die große Aufmerksamkeit in den Medien habe suizidale Jugendliche dazu gebracht, im Internet nach riskanten Inhalten und ähnlichen Gruppen zu suchen. Unreflektierte Berichte könnten dadurch das Interesse gefährdeter Menschen an solchen Angeboten verstärken.

Der Papagenoeffekt und empirische Gegenbefunde

Der Papagenoeffekt bezeichnet den möglichen gegenteiligen Einfluss von Medienberichten: Eine bestimmte Darstellung von Suiziden kann Suizide verhindern. Der Begriff bezieht sich auf Papageno aus Mozarts Oper Die Zauberflöte, der seine Suizidgedanken mithilfe anderer Menschen überwindet.

Als besonders wichtig gelten:

• konstruktives Krisenmanagement beschreiben; • Suizide nicht monokausal erklären; • detailreiche Angaben zu Tat, Methode, Umständen und Person vermeiden; • Angehörige zu Wort kommen lassen; • keine Heroisierung oder Romantisierung; • individuelle Probleme erklären und Lösungsansätze sowie professionelle Hilfsangebote nennen.

Niederkrotenthaler et al. analysierten 2010 an der Medizinischen Universität Wien circa 500 Artikel über Suizid und deren Zusammenhang mit Veränderungen der Suizidraten. Die Darstellung von Suizidgedanken ohne suizidales Verhalten korrelierte negativ mit der Suizidrate. Berichte über Menschen, die Krisen konstruktiv und ohne suizidales Verhalten bewältigten, gingen mit einer Senkung der Suizidraten einher.

Auch die Untersuchung von Jerome A. Motto aus dem Jahr 1970 weist auf einen Zusammenhang zwischen Berichterstattung und Suiziden hin. Während eines Streiks gegen Zeitungen in Detroit vom 17. November 1967 bis zum 10. August 1968 erschienen 268 Tage lang keine Zeitungsberichte. Vor allem bei Frauen verringerte sich die Zahl der Suizide und Suizidversuche um 75 Prozent. Nach dem Ende des Streiks stieg die Suizidrate wieder auf das vorherige Niveau. Der Artikel weist insgesamt darauf hin, dass Medienberichte sowohl Nachahmung fördern als auch durch verantwortungsvolle Gestaltung präventiv wirken können. In Notfällen kann Hilfe über den Euronotruf 112 oder eine Telefonseelsorge angefordert werden.

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