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Die Leiden des jungen Werthers
Der Roman wurde 1774 veröffentlicht und war nach dem nationalen Erfolg des Dramas Götz von Berlichingen (1773) Goethes zweiter großer, jetzt sogar europäischer …
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Werk, Entstehung und Bedeutung
Die Leiden des jungen Werthers ist ein 1774 veröffentlichter Briefroman von Johann Wolfgang Goethe. Er schildert, wie sich der junge Rechtspraktikant Werther in Lotte verliebt, die zunächst mit Albert verlobt ist und ihn später heiratet. Werther kann seine Gefühle nicht mit der gesellschaftlichen und persönlichen Wirklichkeit vereinbaren und nimmt sich schließlich das Leben. Der Roman gehört zur literarischen Strömung des Sturm und Drang und war nach Götz von Berlichingen Goethes zweiter großer Erfolg.
Goethe schrieb den Roman innerhalb von vier Wochen. Die anonym erschienene Erstausgabe kam im September 1774 zur Leipziger Buchmesse heraus und wurde sofort ein Bestseller. 1787 überarbeitete Goethe den Text; unter anderem entfiel das Genitiv-s im Titel, sodass die heute bekannte Form Die Leiden des jungen Werther entstand.
Der Roman verarbeitet reale Anregungen: Goethes Beziehung zu Charlotte Buff bildete eine Grundlage für die Figur Lotte, während der Suizid seines Bekannten Karl Wilhelm Jerusalem das Motiv für Werthers Ende lieferte. Auch Züge Maximiliane von La Roches gingen in die Figur Lotte ein. Trotzdem ist der Roman ein fiktional komponiertes Werk, keine bloße Selbstaussprache und kein Schlüsselroman.
Handlung und zentrale Konflikte
Die Handlung umfasst den Zeitraum vom 4. Mai 1771 bis zum 24. Dezember 1772. Werther verlässt seinen Heimatort, um für seine Mutter eine Erbschaftsangelegenheit zu regeln und eine unglückliche Liebesgeschichte hinter sich zu lassen. Er lebt zunächst in einer Stadt, dann im idyllischen Dorf Wahlheim, dem realen Garbenheim. Dort streift er durch die Natur und verarbeitet seine Eindrücke in Zeichnungen.
Über den verwitweten Amtmann S. lernt Werther dessen Tochter Lotte kennen. Bei der Vorbereitung auf einen Tanzabend sieht er sie, wie sie ihren acht jüngeren Geschwistern Brot abschneidet und ihnen gegenüber eine Mutterrolle übernimmt. Werther ist von ihrer Schönheit und Fürsorglichkeit tief beeindruckt. Beim Tanz erklärt Lotte, dass Albert ein „braver Mensch“ sei, mit dem sie „so gut als verlobt“ sei. Nach einem Gewitter betrachten Werther und Lotte gemeinsam die erfrischte Natur; beiden fällt Friedrich Gottlieb Klopstocks Ode Frühlingsfeier ein. Werther deutet diese Übereinstimmung als Zeichen einer Seelenverwandtschaft und sucht fortan immer stärker Lottes Nähe.
Als Albert von einer Geschäftsreise zurückkehrt, entsteht ein Dreiecksverhältnis. Albert ist besonnen und traditionsverbunden, Werther dagegen von stürmischen Gefühlen geprägt. Beide freunden sich zunächst an und sprechen auch über Selbstmord und die „Krankheit zum Tode“, also die Schwermut. Werther erkennt jedoch, dass er seine Liebe zu Lotte aus Rücksicht auf Albert nicht ausleben darf. Nachdem Lotte ihm von ihrem Versprechen an ihre verstorbene Mutter berichtet, Albert zu heiraten, verlässt Werther den Ort ohne Abschied.
Werther arbeitet anschließend bei einem Gesandten an einem Hof. Die Pedanterie seines Vorgesetzten und die enge höfische Etikette stoßen ihn ab. Als er aus einer adeligen Gesellschaft hinauskomplimentiert wird, weil er Bürgerlicher ist, und öffentlich über seinen gesellschaftlichen Verstoß gesprochen wird, fühlt er sich zerstört. Gleichzeitig erfährt er, dass Lotte und Albert geheiratet haben. Werther lässt sich entlassen, reist zunächst zu einem Fürsten und in seinen Heimatort und kehrt schließlich nach Wahlheim zurück.
Er besucht Lotte wieder regelmäßig. Ihre teils unbewusste Koketterie, etwa mit einem Kanarienvogel, verstärkt seine Leidenschaft. Werther wird zunehmend verzweifelt und hoffnungslos. Lotte bittet ihn wegen der Gerüchte im Dorf und auf Alberts Wunsch, vier Tage zu warten und sie erst zu Weihnachten wiederzusehen. Werther kommt jedoch am nächsten Tag erneut. Beim Vorlesen aus seiner Übersetzung von Ossians Gesängen von Selma werden beide überwältigt. Als Werther Lotte umarmt und küsst, löst sie sich verwirrt von ihm und schließt sich ein.
In seinem letzten Brief an Lotte äußert Werther die Hoffnung, sie in einem anderen Leben wiederzusehen. Um Mitternacht vor Heiligabend erschießt er sich an seinem Schreibtisch mit einer von Albert geliehenen Pistole. Auf seinem Pult liegt Lessings Emilia Galotti. Werther wird am nächsten Morgen schwer verletzt gefunden und stirbt gegen zwölf Uhr mittags. Ein christliches Begräbnis bleibt ihm als Selbstmörder verwehrt.
Briefroman und Erzählweise
Goethe gestaltet den Roman überwiegend als Briefroman. Die Briefe sind mit drei Ausnahmen an Werthers Freund Wilhelm gerichtet. Die erste Ausgabe begann mit einer kurzen Erklärung eines fiktiven Herausgebers, sodass die Leser die Briefe scheinbar als echte Schriftstücke auffassen konnten. Der Leser wird dadurch zum Mitwisser von Werthers intimsten Gefühlen.
Werthers Sprache ist emotional und subjektiv. Der Herausgeber spricht dagegen sachlich und teilnehmend. Wiederholte Kommentare und ungewöhnliche Fußnoten, in denen Orts- und Personennamen angeblich zum Schutz realer Personen verschlüsselt werden, verstärken den Eindruck eines authentischen Berichts. Die Briefform knüpft an Jean-Jacques Rousseaus Julie ou la Nouvelle Héloïse an, deren scheinbar echter Liebesbriefwechsel eine ähnliche Wirkung erzielte.
Im Vorwort und im Abschnitt Der Herausgeber an den Leser wechselt die Erzählweise zur auktorialen Erzählhaltung. Diese ermöglicht es, Werthers Tod zu schildern, den er selbst nicht mehr in einem Brief darstellen könnte. Eingestreute Dokumente und die Kommentare des allwissenden Erzählers steigern am Schluss zusätzlich die Spannung.
Zeitgenössische und spätere Rezeption
Der Roman wurde zum ersten Bestseller der deutschen Literatur, in zahlreiche Sprachen übersetzt und zu einem Mitauslöser der sogenannten Lesesucht. Viele Leser, besonders Jugendliche, entwickelten ein Werther-Fieber. Sie imitierten Werthers Kleidung – blauen Frack mit Messingknöpfen, gelbe Weste, braune Stulpenstiefel und runden Filzhut – und verwendeten Gegenstände mit Werther-Motiven. Zugleich suchten Menschen, die sich in einer ähnlichen Lage sahen, in dem Roman Verständnis und Trost.
Kritiker warfen Goethe vor, Werther als Störer des Ehefriedens und als Rebellen darzustellen sowie Jugendliche zum Suizid zu verleiten. Kirchliche Kritiker wie Johann Caspar Lavater und Johann Melchior Goeze bezeichneten den Roman als unchristlich oder als gefährlich. In Sachsen, Dänemark und dem Habsburgerreich wurde er zeitweise verboten. Neuere Studien bestätigen ein knappes Dutzend Suizide im Zusammenhang mit der damaligen Debatte; Rüdiger Safranski bezeichnet die angebliche „Selbstmordwelle“ dagegen als Gerücht. Der Streit über die moralische Wirkung wurde unter anderem von Lessing, Jakob Michael Reinhold Lenz und Christoph Martin Wieland geführt. Lenz verteidigte die Darstellung heftiger Leidenschaften als dichterische Leistung, während Lessing einen erklärenden und moralisch distanzierenden Schluss forderte.
Goethe wies den Vorwurf zurück, den Suizid zu verherrlichen. In der zweiten Ausgabe von 1775 ergänzte er Leitsprüche, deren zweiter mit „Sei ein Mann, und folge mir nicht nach“ endet. Nach dem Suizid seiner 17-jährigen Bekannten Christiane von Laßberg im Januar 1778, die ein Werther-Exemplar bei sich gehabt haben soll, überarbeitete er den Roman 1787 und rückte stärker von der Figur ab.
Im 19. Jahrhundert verehrte Napoleon den Roman und gab an, ihn siebenmal gelesen zu haben. Goethe selbst erklärte 1824, er habe das Buch nach der Veröffentlichung nur einmal gelesen und meide es, weil es den früheren schmerzhaften Zustand wieder hervorgerufen habe. Spätere Deutungen sahen Werther unter anderem als geschichtlich begrenzte, verzweifelte oder narzisstische Figur. Gerhard Storz bezeichnete ihn 1953 als „Dichter ohne Werk“, der Leben und Bild verwechsle. Weitere psychologische Deutungen beschrieben ihn als „präpsychotische Persönlichkeit“ oder als narzisstisch geprägte Figur. Andere Forschungen betonten die ästhetische Gestaltung und wiesen den Vorwurf zurück, der Roman sei bloß kitschig. Der Roman wurde unter anderem in die ZEIT-Bibliothek der 100 Bücher und die ZEIT-Schülerbibliothek aufgenommen.
Weiterwirken in Literatur, Kunst und Medien
Der Roman beeinflusste Inhalt und Form späterer Werke. Solche Nachbildungen werden als Wertheriaden bezeichnet. Christoph Friedrich Nicolai schrieb mit Freuden des jungen Werthers eine Gegenfassung, in der Werther Lotte gewinnt und ein glückliches Leben als Landbesitzer führt. Ulrich Plenzdorf verlegte den Stoff 1972 in Die neuen Leiden des jungen W. in die DDR. Edgar Wibeau flieht nach Berlin, verliebt sich in Charlie, die mit Dieter verlobt ist, und stirbt durch einen Starkstromschlag. Die Handlung wurde je nach politischer Perspektive als tragisch oder komisch gedeutet. Weitere literarische Bezugnahmen finden sich unter anderem in Thomas Manns Lotte in Weimar und Peter Untuchts Zwei hinterm Limes.
Zu den Bearbeitungen für die Bühne gehören Jules Massenets Oper Werther, die am 16. Februar 1892 an der Wiener Staatsoper uraufgeführt wurde, Arnold Mendelssohns Drei Madrigale nach Worten des jungen Werthers von 1912 sowie Hans-Jürgen von Boses Oper Die Leiden des jungen Werthers von 1983/84, die im April 1986 in Schwetzingen uraufgeführt wurde. Plenzdorfs Bearbeitung wurde 1972 in Halle als Theaterstück aufgeführt; weitere dramatische Bearbeitungen stammen unter anderem von Jürgen Eick und Ines Eck. Daniel Nikolaus Chodowiecki war der wichtigste zeitgenössische Illustrator zentraler Werther-Szenen.
Verfilmungen entstanden 1938, 1949, 1976, 1982, 2008 und 2010. Besonders die Filme von Egon Günther und Philipp Stölzl greifen den Stoff beziehungsweise auch Goethes Leben und die Entstehung des Romans auf. Als Hörproduktionen erschienen 2003 und 2019 Werther!-Fassungen mit Philipp Hochmair.
Werther-Effekt
Der Werther-Effekt bezeichnet medial vermittelte Nachahmungs-Suizide und Suizidversuche, die in Beziehung zur Nachahmung der Werther-Figur stehen. Die Diskussion über solche Medienwirkungen setzte nach dem Erscheinen des Romans ein und wird bis heute geführt. Seit den 1970er Jahren untersucht die Psychologie dieses Phänomen unter dem Namen Werther-Effekt.
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