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Individualisierung
Der Begriff der Individualisierung stammt aus der Soziologie und bezeichnet einen mit der Renaissance und der Aufklärung einsetzenden, …
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Grundidee und Entwicklung
Individualisierung ist ein Begriff aus der Soziologie. Er bezeichnet einen Prozess, in dem Menschen stärker von Fremdbestimmung zu Selbstbestimmung übergehen. Fremdbestimmung bedeutet, dass das eigene Leben vor allem durch Familie, Stand, Dorf, Kirche oder andere soziale Gruppen festgelegt wird. Selbstbestimmung bedeutet, dass Menschen mehr eigene Entscheidungen über Lebensführung, Beziehungen, Arbeit und Identität treffen können oder treffen müssen. Der philosophische Ausdruck dieser Entwicklung ist der Individualismus.
Der Prozess setzte nach der Darstellung des Artikels mit Renaissance und Aufklärung ein und schritt mit Industrialisierung und Modernisierung westlicher Gesellschaften weiter fort. Einige Autoren unterscheiden zwei Phasen: eine erste Phase seit der Entstehung der modernen bürgerlichen Gesellschaft, deren Grundlagen in der Aufklärung liegen und nach Peter Dinzelbacher schon seit 1400 einsetzten; und eine zweite Phase seit Ende der 1950er Jahre, in der Lebensstile pluraler werden und Identität stärker zur individuellen Aufgabe wird.
Erste Phase
In der ersten Phase hängt Individualisierung mit Industrialisierung, Arbeitsteilung und der Entstehung der bürgerlichen Gesellschaft zusammen. Georg Simmel und Émile Durkheim beschrieben, dass eine erweiterte Arbeitsteilung mit einer Schwächung sozialer Bindungen verbunden war. Beziehungen wurden stärker ökonomisch und utilitaristisch geprägt, also stärker nach Nutzen und Zweck bewertet. Gleichzeitig gingen Großfamilie, dörfliche Gemeinschaften und Kollektiveigentum zurück. In England begann dieser Prozess teilweise schon im späten Mittelalter; jüngere Geschwister wurden dadurch eher zu Mobilität und Lohnarbeit gezwungen.
Dem Verlust traditioneller Bindungen stand eine zunehmende Selbstbestimmung und ein wachsendes Selbstbewusstsein vor allem der oberen Schichten gegenüber. Um 1400 entstand das veristische Porträt, also eine wirklichkeitsnahe Darstellung einzelner Personen. Autobiographien wurden häufiger geschrieben. Zweierbeziehungen, ehelich und nicht-ehelich, wurden Thema der Literatur. Später entwickelte sich das Konzept der romantischen Liebe als Reaktion auf die sachlicher werdenden Tendenzen der beginnenden Moderne. Auch die Beziehung zu Gott wurde im Protestantismus stärker personalisiert.
Frauen nahmen an diesem Individualisierungsschub des 18. und 19. Jahrhunderts nur eingeschränkt teil. Im Gegenteil wurden Geschlechts-, Eltern- und Kinderrollen in dieser Zeit schärfer ausgeprägt.
Zweite Phase und Lebensstile
Viele Soziologen beschreiben seit Ende der 1950er Jahre einen zweiten Individualisierungsprozess, der den ersten überlagert und verändert. Nach Anthony Giddens und Ulrich Beck entsteht in der gegenwärtigen postmodernen Gesellschaft eine neue Radikalisierung und Universalisierung der Individualisierung. Alte soziale Zuordnungen wie Stand und Klasse würden an Bedeutung verlieren. Gleichzeitig wachse der Zwang zu reflexiver Lebensführung: Menschen müssen ihr Leben stärker bewusst planen, begründen und anpassen.
Diese Entwicklung steht im Zusammenhang mit steigender Bildung, einer Pluralisierung von Lebensstilen und der Tatsache, dass Identitäts- und Sinnfindung zunehmend als individuelle Leistung gelten. Auch veränderte staatliche und ökonomische Rahmenbedingungen fördern dies. Ulrich Beck prägte das Schlagwort 1983 zur Beschreibung heutiger sozialer Lebensbedingungen.
Andreas Reckwitz erweitert das Konzept von Giddens und Beck zu einer praxeologischen Logik der Singularisierung. Damit meint er eine gesellschaftliche Logik, in der das Besondere, Einzigartige und Unverwechselbare stärker zählt. Nach Reckwitz prägt diese Logik spätmoderne Gesellschaften seit den 1970er Jahren. Neben der Individualisierungsthese beschreibt Gerhard Schulzes Theorie der Erlebnisgesellschaft veränderte Lebensgewohnheiten und Lebensziele der Menschen.
Norbert Elias
Norbert Elias erklärt Individualisierung in seiner Zivilisierungstheorie, besonders in Über den Prozeß der Zivilisation, über das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft. Wichtige Begriffe sind der soziale Habitus, die Wir-Ich-Identität, die Wir-Ich-Balance und die Überlebenseinheit.
Der soziale Habitus bezeichnet gemeinsame Gefühls-, Denk- und Verhaltensgewohnheiten einer sozialen Gruppe, also eine soziale Persönlichkeitsstruktur. Auf dieser Grundlage entstehen individuelle Unterschiede. Ein Beispiel ist die in einer Gesellschaft übliche Schrift, die ein Kind in der Schule lernt und später zu einer persönlichen Handschrift verändert.
Wir-Identität meint gemeinsame Merkmale einer Gruppe, das Bild dieser Gemeinsamkeiten und die damit verbundenen Gefühle. Ich-Identität meint individuelle Merkmale, das Bewusstsein davon und die Gefühle gegenüber sich selbst. Die Wir-Ich-Balance beschreibt das Verhältnis zwischen Gruppenzugehörigkeit und individueller Einzigartigkeit. Diese Balance verändert sich je nach Gesellschaftsstruktur.
Überlebenseinheiten sind soziale Gruppen oder Gesellschaften, die ihren Mitgliedern physische und soziale Sicherheit geben sollen. Beispiele reichen von Gruppen, Familien, Sippen, Stämmen und Wohnorten bis zu Staaten, Staatenverbänden und der Menschheit. Nach Elias entwickeln sich Gesellschaften langfristig ungeplant, aber gerichtet zu größeren und komplexeren Einheiten. Dabei gibt es Integrationsschübe, aber auch Desintegrationsschübe.
Elias erklärt Individualisierung dadurch, dass kleinere Einheiten im Verlauf von Integrationsschüben Aufgaben an größere Einheiten abgeben. Im Mittelalter lag der Schwerpunkt stärker auf der Wir-Identität. Seit der Renaissance und dem Aufkommen großer Flächenstaaten wurden Individualisierungsprozesse sichtbarer, zum Beispiel in der Porträtmalerei Dürers oder in der individualistischen Philosophie seit Descartes. Seit dem 19. Jahrhundert übernahmen westeuropäische Industriestaaten mit Gewaltmonopol und Sozialsystemen wichtige Aufgaben der Sicherheit für einzelne Menschen, nicht nur für Familien oder Dörfer. Dadurch gewannen Individuen mehr Entscheidungsspielräume, wurden aber auch stärker zum Entscheiden gezwungen. Elias fasst dies so zusammen: Integrationsschübe sind immer auch Individualisierungsschübe.
Macht und soziale Rechte
Michel Foucault betrachtet Individualisierung kritisch als Machttechnik. Im Zusammenhang mit seiner Vorstellung von Pastoralmacht beschreibt er eine Machtform, die nur funktionieren kann, wenn sie weiß, was in den Köpfen der Menschen vorgeht. Sie setzt voraus, dass das Bewusstsein des Einzelnen bekannt ist und gelenkt werden kann. Sie ist auf Seelenheil ausgerichtet, individualisiert und ist mit der Erzeugung von Wahrheit verbunden, nämlich der Wahrheit des Einzelnen.
Für Foucault ist Individualisierung deshalb ein Baustein gesellschaftlicher Macht. Er spricht von einer Taktik der Individualisierung, die für verschiedene Machtformen typisch sei, etwa Familie, Medizin, Psychiatrie, Bildungswesen und Arbeitgeber. Er kehrt die übliche Perspektive um: Nicht nur das Individuum soll vom Staat befreit werden, sondern Menschen sollen sich auch von der durch Staat und Institutionen geprägten Form der Individualisierung lösen und neue Formen von Subjektivität suchen.
In der Sozialpolitik bezeichnet Individualisierung sozialer Rechte ein System, in dem soziale Sicherheit dem einzelnen Menschen unabhängig von Familienstand oder Lebenspartnerschaft zusteht. An die Stelle familienorientierter Leistungen wie Familienversicherung, Bedarfsgemeinschaften oder Ehegattensubsidiarität tritt ein individuelles Recht auf soziale Absicherung. In diesem Zusammenhang wird auch vorgeschlagen, soziale Absicherung unabhängig vom Erwerbsstatus zu gewähren, um Männer und Frauen in gleicher Höhe abzusichern. Das würde soziale Sicherung stärker von Familienpolitik lösen.
Arbeit, Produkte und Film
In der Arbeitswelt kann Individualisierung Arbeitszeiten und Arbeitsformen betreffen. Sie kann mit Prekarisierung und einer Erosion des Normalarbeitsverhältnisses verbunden sein. Prekarisierung bedeutet, dass Arbeitsverhältnisse unsicherer werden. Zugleich kann Individualisierung mehr Zeitsouveränität ermöglichen, also mehr eigene Kontrolle über Arbeitszeiten, etwa durch Arbeitszeitflexibilisierung. Dadurch entstehen individuelle Möglichkeiten, persönliche Lebensbereiche zu gestalten.
Gewerkschaften stehen dabei vor der Aufgabe, ihren kollektiven Einfluss auch unter Bedingungen von Globalisierung, Wettbewerb und Individualisierung geltend zu machen. Schwieriger wird dies, weil Arbeitgeber und Arbeitnehmer oft beide Flexibilisierung verlangen, jedoch aus unterschiedlichen oder gegensätzlichen Interessen.
Auch im wirtschaftlichen Bereich gibt es einen Individualitätstrend. Menschen versuchen, ihre Individualität durch individuelle Produkte auszudrücken und sich von anderen abzuheben. Das zeigt sich etwa beim Massenprodukt Automobil: Viele Hersteller bieten an, ein Serienfahrzeug nach persönlichen Vorstellungen und Wünschen individuell zu fertigen. Wenn solche individuellen Produkte mit Methoden der Massenproduktion hergestellt werden, nennt man das Mass Customization.
Als filmisches Beispiel nennt der Artikel den georgisch-französischen Spielfilm Meine glückliche Familie von 2017. Er zeigt das Ausscheren einer Frau aus ihrer Familie in einer Gesellschaft, in der Individuen gewöhnlich lebenslang in der Familie verbleiben.