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Postmaterialismus
Er bezeichnet die Einstellung einzelner Personen oder ganzer Bevölkerungsgruppen (Soziales Milieu), nicht nach dem greifbaren Materiellen zu streben, sondern …
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Grundidee des Postmaterialismus
Postmaterialismus ist ein Begriff aus Soziologie, Politikwissenschaft und Kulturtheorie. Er beschreibt eine Einstellung von einzelnen Menschen oder ganzen Bevölkerungsgruppen, bei der nicht das greifbar Materielle im Vordergrund steht, sondern Werte, die als abstrakt, höher oder übergeordnet verstanden werden.
Für Postmaterialisten haben materielle Güter eine geringere Bedeutung als Werte wie Gesundheit, Freiheit, Glück, Kultur, Bildung, Tier- oder Umweltschutz. Der Begriff meint also keinen völligen Verzicht auf materielle Dinge, sondern eine andere Gewichtung: Wenn grundlegende materielle und existenzielle Bedürfnisse gesichert sind, können andere Ziele wichtiger werden.
Erklärung des Wertewandels
Ronald Inglehart erklärt Postmaterialismus als Folge von psychischer und physischer Sicherheit in einer wohlhabenden materialistischen Gesellschaft. Wenn Menschen in Sicherheit leben und ihre existenziellen Bedürfnisse weitgehend erfüllt sind, entwickeln sie darüber hinaus kulturelle, soziale und intellektuelle Bedürfnisse.
Inglehart begründet diesen Wandel mit der Mangelhypothese. Sie besagt, dass gerade diejenigen Bedürfnisse an Wertschätzung gewinnen, die noch nicht befriedigt und knapp sind. Dadurch kommt es zu einem Wertewandel: Materielle Sicherheit bleibt wichtig, aber sie verliert gegenüber anderen Werten an Vorrang, sobald sie als selbstverständlich erlebt wird.
Merkmale des philosophischen Postmaterialismus
Roland Benedikter nennt mehrere Hauptmerkmale eines philosophischen Postmaterialismus. Dazu gehören Ambivalenz, also Mehrdeutigkeit, und Unschärfe, also das Fehlen klarer Grenzen. Außerdem nennt er Konfliktualität, Offenheit und Unabgeschlossenheit.
Weitere Merkmale sind Prozessualität, also ein Denken in Entwicklungen und Abläufen, sowie Indirektheit und Schweben. Hinzu kommen Unexpliztheit und Individualitätszentrierung. Damit wird Postmaterialismus nicht als starres System beschrieben, sondern als offene, teilweise widersprüchliche Orientierung, die stark auf individuelle Sinn- und Wertvorstellungen bezogen ist.
Messung und Befunde in Deutschland
Inglehart entwickelte einen Index, um postmaterialistische Wertorientierungen zu messen. Dieser Index ist jedoch umstritten. Er wird häufig verwendet, um zu untersuchen, wie materialistische und postmaterialistische Einstellungen in der Bevölkerung verteilt sind und wie sie mit Parteipräferenzen zusammenhängen.
In ALLBUS-Erhebungen zeigte sich in den 1980er Jahren in Deutschland ein stark steigender Anteil der Postmaterialisten: Zwischen 1980 und 1986 stieg er von etwa 13 auf etwa 26 Prozent der Befragten. CDU-Anhänger hatten dabei die höchsten Werte für materialistische Orientierung, Anhänger der Grünen die höchsten Werte für postmaterialistische Orientierung. Heute ist eine weitere Entwicklung eindeutig in Richtung postmaterialistischer Werte jedoch nicht mehr klar erkennbar.
Grenzen der Deutung
Der deutsche Jugendsurvey stellte fest, dass die mit einem solchen Index gemessene postmaterialistische Orientierung bei deutschen Jugendlichen kaum mit Selbstentfaltung, Kritikfähigkeit und Prosozialität zusammenhing. Prosozialität bedeutet ein Verhalten, das anderen Menschen oder Gruppen zugutekommt; nach Kohlbergs Theorie der Moralentwicklung kann sie als Hinweis auf ein entwickeltes Moralbewusstsein gelten. Eine deutliche Verbindung fand sich nur zwischen Postmaterialismus und der Bereitschaft zu alternativem politischem Engagement.
Als mögliche Ursache wird angenommen, dass Selbstverwirklichung sowohl materialistisch als auch postmaterialistisch ausgeprägt sein kann. Seit 1990 wachsen materialistische Orientierungen in Deutschland wieder an. Die Rückkehr von Knappheit habe einen „Wandel des Wertewandels“ bewirkt. Auch prosoziales Verhalten muss nicht unbedingt auf einer postmaterialistischen Moral beruhen; es kann opportunistisch oder egoistisch motiviert sein, etwa durch erwartete Belohnungen.