Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Walter Lippmann
Er gilt in den USA als meistgelesener und einflussreichster politischer Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Sein Werk Die öffentliche Meinung von 1922 wird als …
Inhalt5 Abschnitte
Bedeutung und Grundpositionen
Walter Lippmann (* 23. September 1889 in New York; † 14. Dezember 1974 bei New York) war ein amerikanischer Journalist und Publizist. Er gilt in den USA als einer der meistgelesenen und einflussreichsten politischen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Besonders wichtig ist sein Buch Die öffentliche Meinung von 1922, das als grundlegendes Werk für Journalismus, Medienwissenschaft, Politikwissenschaft und Sozialpsychologie gilt.
Lippmann beschäftigte sich vor allem mit der Frage, wie öffentliche Meinung entsteht und welche Rolle Journalismus, Experten und politische Entscheidungsträger in einer Demokratie spielen sollen. Seine spätere Auffassung war demokratieskeptisch: Er traute der breiten Öffentlichkeit nur begrenzt zu, komplexe politische Fragen vollständig informiert zu beurteilen. Damit geriet er in Gegensatz zu John Dewey; diese Auseinandersetzung wurde später als Lippmann-Dewey-Debatte bekannt.
Auch wirtschaftspolitisch war Lippmann einflussreich. Das Colloque Walter Lippmann von 1938 gilt als wichtiger Schritt in der Entwicklung des Neoliberalismus. Lippmann selbst vertrat keinen reinen Marktfundamentalismus, sondern einen reformierten Liberalismus, der den Markt erhalten, aber regulieren sollte.
Herkunft, Ausbildung und Karriere
Lippmann wurde als einziges Kind jüdischer Eltern deutscher Herkunft in der Upper East Side New Yorks geboren. Seine Familie war wohlhabend, gesellschaftlich einflussreich, reformjüdisch orientiert und politisch republikanisch geprägt. Er besuchte elitäre Privatschulen in deutscher Gymnasialtradition, darunter die Sachs School for Boys und das Sachs Collegiate Institute. Zum Unterricht gehörten unter anderem 11 Wochenstunden Altgriechisch und 5 Stunden Latein.
Mit 17 Jahren begann Lippmann an der Harvard University Literatur, Geschichte, Philosophie und Wirtschaft zu studieren. Zu seinen Lehrern gehörten George Santayana, William James und Graham Wallas. Er beendete sein Studium kurz vor dem Masterexamen. William James wurde durch Lippmanns literarische Aufsätze auf ihn aufmerksam, und Graham Wallas widmete ihm sein Werk The Great Society.
Journalistisch und politisch wurde Lippmann früh aktiv. 1910 arbeitete er an einer Artikelserie in Lincoln Steffens’ Everybody’s Magazine mit, die Korruption in der monopolistischen Bankenstruktur, besonders um J. P. Morgan, darstellte. Der folgende Skandal trug zur Gründung eines Parlamentsausschusses bei und führte zum Gesetz zur Gründung der Zentralbank. In seinen frühen sozialistischen Jahren arbeitete Lippmann kurz für den sozialistischen Bürgermeister George R. Lunn und war Mitglied der Sozialistischen Partei Amerikas. Später kritisierte er, Lunn könne zwar Verbesserungen, aber keine revolutionären Veränderungen erreichen.
Politische Publizistik und Außenpolitik
1913 erschien Lippmanns erstes Buch A Preface to Politics, in dem er psychoanalytische Methoden auf politische Fragen anwandte. Sigmund Freud schrieb eine positive Rezension, Theodor Roosevelt nannte ihn den brillantesten jungen Mann Amerikas. In Drift and Mastery von 1914 vertrat Lippmann bereits die Idee einer Expertokratie: Eine durch wissenschaftliche Erkenntnisse geleitete Managerelite solle den Staat führen. In The Stakes of Diplomacy von 1915 forderte er eine Hegemonie der USA und Einfluss amerikanischer Konzerne über internationale Konsortien.
1914 gründete Lippmann mit Herbert Croly und Walter Weyl das linke Magazin The New Republic. Während des Ersten Weltkriegs wurde er Berater von US-Präsident Woodrow Wilson und half bei der Ausarbeitung von Wilsons 14-Punkte-Programm. 1916 unterstützte er Wilson im Wahlkampf. Nach der Zimmermann-Depesche erklärten die USA 1917 Deutschland den Krieg. Die Slogans, für Demokratie zu kämpfen und die Welt sicher für die Demokratie zu machen, stammten von Lippmann. 1919 war er mit Wilson Gegner des Versailler Vertrags.
Lippmann leitete das Forschungsteam Inquiry im Untersuchungsausschuss zum Ersten Weltkrieg. Daraus ging 1921 das Council on Foreign Relations hervor, in dem er eine einflussreiche Rolle spielte; von 1932 bis 1937 war er Direktor im Direktorium. 1929 vermittelte er zwischen dem Vatikan und Mexiko und half so, eine erneute Intervention der USA zu vermeiden. Nach 1945 prägte er Begriffe wie cold war und reeducation. Er lehnte den Kommunismus strikt ab, kritisierte aber auch die Truman-Doktrin und später den Vietnamkrieg.
35 Jahre lang schrieb Lippmann als Kolumnist für bedeutende Pressemedien, unter anderem für die New York Herald Tribune. Er erhielt 1958 und 1962 den Pulitzerpreis: einmal für seine Kolumne Today and Tomorrow und einmal für ein Interview mit Nikita Chruschtschow von 1961, für das er in die Sowjetunion gereist war.
Medien, öffentliche Meinung und Propaganda
Lippmanns wichtigste medientheoretische Arbeiten entstanden um 1920. In A Test of the News untersuchten Lippmann und Charles Merz die Berichterstattung der New York Times über die Oktoberrevolution. Sie kamen zu dem Ergebnis, dass diese Berichterstattung nicht dem Standard neutraler Information entsprach, der für demokratische Meinungsbildung nötig sei. Die Studie gilt als erste systematische Langzeituntersuchung eines Presseorgans im Hinblick auf Objektivität und Neutralität.
In Liberty and the News von 1920 stellte Lippmann den Zusammenhang von Bildung und Meinung grundsätzlich infrage. Menschen verfügten meist nur über Wissen aus „zweiter, dritter oder vierter Hand“ und über Schlagzeilen. In Public Opinion von 1922 entwickelte er daraus seine Theorie der öffentlichen Meinung. Er sah in der Herstellung einer einheitlichen Meinung, im Text als „manufacturing consent“ bezeichnet, eine Hauptaufgabe von Entscheidungsträgern und Massenmedien. Politische Entscheidungen sollten nach seiner Auffassung in einer demokratischen Gesellschaft einer spezialisierten Klasse, der „specialised class“, vorbehalten sein.
Lippmann meinte, Bürger seien mit umfassender politischer Information überfordert. Öffentliche Meinung werde daher nicht vor allem von mündigen Bürgern gebildet, sondern durch Medien hergestellt. Seine Theorie gilt zunächst als demokratieskeptische Elitentheorie. Zugleich war sie wichtig für die Stereotypenforschung. Unter Stereotypen verstand Lippmann „verfestigte, schematische, objektiv weitgehend unrichtige kognitive Formeln“, die Entscheidungen erleichtern, wenn Menschen ihre Umwelt und Mitwelt bewältigen müssen.
Außerdem prägte Lippmann für Journalisten den Ausdruck gatekeeper. Gatekeeper entscheiden, welche Informationen der Öffentlichkeit vorenthalten und welche weitergegeben werden. Nach Lippmann ist jede Zeitung, wenn sie den Leser erreicht, das Ergebnis vieler Auswahlentscheidungen. Wenn Journalisten ähnliche Auswahlregeln verwenden, entsteht eine Übereinstimmung der Berichterstattung. Diese wirkt auf das Publikum wie eine Bestätigung: Wenn alle es sagen, scheint es wahr zu sein. So entsteht eine durch Stereotypen gestützte „Pseudoumwelt“ in den Köpfen des Publikums.
Wirtschaftsordnung, Philosophie und Rezeption
In wirtschaftspolitischen Fragen kritisierte Lippmann sowohl den klassischen Liberalismus als auch dessen scharfe Kritiker. Der von ihm vertretene reformierte Liberalismus sollte den Markt erhalten, aber regulieren. Den Staatsinterventionismus des New Deal kritisierte er 1937 in The Good Society. 1938 organisierte Louis Rougier in Paris ein Kolloquium über Lippmanns Werk An Enquiry into the Principles of the Good Society, deutsch Die Gesellschaft freier Menschen. Dort prägte Alexander Rüstow den Begriff Neoliberalismus. Lippmann entfernte sich nach 1938 von den im Kolloquium vertretenen Ideen.
Lippmann wird dem ordoliberalen Flügel um Walter Eucken zugerechnet, der sich vom marktfundamentalistischen Flügel Friedrich Hayeks unterschied. Lippmann lehnte Hayeks Mont Pèlerin Society ab. In dieser Sicht können sozialstaatliche Eingriffe und Arbeitsschutzmaßnahmen mit Marktwirtschaft vereinbar sein. 1955 veröffentlichte er The Public Philosophy.
Philosophisch unterstützte Lippmann früh John Deweys Pragmatismus gegen den europäischen Idealismus. Pragmatismus bedeutet hier, dass Philosophie als praktische Lebenshilfe und als experimentelles Denken verstanden wird, nicht als Ort letzter Wahrheiten. 1947 wurde Lippmann Präsident der American Philosophical Society.
Die Rezeption Lippmanns ist umstritten. Ihm wurde teilweise vorgeworfen, eine antidemokratische Theorie vertreten zu haben. Der Artikel betont jedoch, dass diese Kritik auch aus einer strategisch-instrumentellen Fehlinterpretation durch Edward L. Bernays entstanden sei, einen Mitbegründer der Public Relations. Bernays habe aus Lippmanns Konzepten der Stereotypen und Pseudo-Umwelten die Idee einer unsichtbaren, manipulativen Elite abgeleitet. Lippmann selbst habe dagegen als Auswege Experten, besseren Journalismus und Bildung genannt.