Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Walter Benjamin
Eine literarische Bezugnahme auf sein Werk findet sich bei Paul Celan in einigen seiner Gedichte, vornehmlich in dem Gedicht „Port Bou – deutsch?“, und bei …
Inhalt5 Abschnitte
Bedeutung und Grundprofil
Walter Bendix Schoenflies Benjamin (* 15. Juli 1892 in Berlin; † 26. September 1940 in Portbou, Spanien) war ein deutscher Philosoph, Kulturkritiker, Literaturkritiker und Übersetzer. Er gilt als wichtiger Vordenker der Kulturwissenschaften. Seine Schriften verbinden Philosophie, Literaturkritik, Sprachtheorie, Geschichtsdenken, Ästhetik und politische Theorie. Besonders einflussreich wurden seine Überlegungen zu Kunst, Medien, Fotografie, Film, Erinnerung und Geschichte.
Benjamin war kein systematischer Philosoph im klassischen Sinn. Sein Werk wird oft als fragmentarisch beschrieben: Es besteht aus Essays, Kritiken, kurzen Prosatexten, Rundfunkarbeiten, Übersetzungen, Notizen und unvollendeten Projekten. Typisch ist sein „Bilddenken“: Gedanken werden häufig in starken Bildern, Beispielen und kurzen Denkfiguren entwickelt. Ein wichtiger Begriff ist die „Rettung“: Vergessenes, Verdrängtes und Unterdrücktes soll gegen die Geschichtsschreibung der Sieger bewahrt werden.
Er übersetzte Werke von Honoré de Balzac, Charles Baudelaire und Marcel Proust. Zu seinen wichtigsten Texten zählen Der Begriff der Kunstkritik in der deutschen Romantik, Ursprung des deutschen Trauerspiels, Einbahnstraße, Berliner Kindheit um neunzehnhundert, Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit, Das Passagen-Werk und Über den Begriff der Geschichte.
Leben und Exil
Benjamin wuchs in einer assimilierten jüdischen Familie des Berliner Großbürgertums auf. Er besuchte von 1901 bis 1912 die Kaiser-Friedrich-Schule in Charlottenburg, unterbrochen durch einen zweijährigen Aufenthalt an der reformpädagogischen Hermann-Lietz-Schule Haubinda. Dort beeindruckte ihn der Lehrer Gustav Wyneken, wodurch Benjamin zeitweise in der Jugendbewegung aktiv wurde. 1912 legte er das Abitur ab.
Er studierte Philosophie, Germanistik und Kunstgeschichte in Freiburg, Berlin, München und Bern. Der Erste Weltkrieg führte zum Bruch mit dem kriegsbegeisterten Wyneken. 1915 lernte Benjamin Gershom Scholem kennen, der einer seiner wichtigsten Freunde und Briefpartner wurde. Gespräche mit Scholem über Judentum und jüdische Mystik beeinflussten Benjamins Sprachdenken, etwa im Text Über Sprache überhaupt und über die Sprache des Menschen von 1916.
1917 heiratete Benjamin Dora Sophie Kellner; 1918 wurde der gemeinsame Sohn Stefan Rafael geboren. 1919 promovierte er in Bern mit Der Begriff der Kunstkritik in der deutschen Romantik und bestand mit summa cum laude. Seine geplante akademische Laufbahn scheiterte jedoch, als er 1925 seine Habilitationsschrift Ursprung des deutschen Trauerspiels zurückzog, um eine offizielle Ablehnung zu vermeiden.
Danach lebte Benjamin vor allem als freier Schriftsteller und Publizist in Berlin, unterbrochen durch Aufenthalte in Paris, Capri, auf den Balearen und in Moskau. Er arbeitete für Zeitungen, Zeitschriften und den Rundfunk, übersetzte Proust und Baudelaire und schrieb wichtige Essays. 1933 zwang ihn die Machtübernahme der Nationalsozialisten als säkularen Juden und linken Intellektuellen ins Pariser Exil. Dort lebte er unter schwierigen finanziellen Bedingungen und arbeitete weiter an seinem Hauptprojekt, dem Passagen-Werk.
Nach der Besetzung Frankreichs versuchte Benjamin im September 1940 mit Hilfe von Lisa Fittko über Spanien und Portugal in die USA zu fliehen. In Portbou nahm er sich in der Nacht vom 25. auf den 26. September 1940 vermutlich mit einer Überdosis Morphiumtabletten das Leben, weil er die Auslieferung an die Deutschen fürchtete. Zum genauen Wortlaut seines Abschiedsbriefs und zum exakten Todeszeitpunkt bestehen Zweifel, weil die erhaltene Fassung des Briefs später aus dem Gedächtnis niedergeschrieben wurde.
Denken und Methode
Benjamins Werk lässt sich schwer auf eine einheitliche Theorie bringen. Es verbindet Geschichtsphilosophie, Literaturkritik, Sprachtheorie und theologische Motive. Nach der Jugendbewegung setzte er sich mit Kant, dem Neukantianismus und Sprachphilosophie auseinander. Später kamen marxistische Motive stärker hinzu, besonders durch die Freundschaft mit Bertolt Brecht und durch seine Beschäftigung mit Klassenkampf, Technik, Kunstproduktion und Massenmedien.
Ein zentrales Merkmal ist die Montage. Damit ist eine Arbeitsweise gemeint, bei der verschiedene Zitate, Beobachtungen und Gedanken nebeneinandergestellt werden, damit aus ihrer Konstellation eine neue Einsicht entsteht. Diese Methode prägt besonders das Passagen-Werk. Benjamin wollte dort nicht einfach erzählen oder erklären, sondern Materialien so anordnen, dass die Struktur des 19. Jahrhunderts sichtbar wird.
Wichtige Begriffe sind „Aura“, „Allegorie“, „Mythos“, „Rettung“ und „Eingedenken“. „Aura“ bezeichnet bei Benjamin die besondere Einmaligkeit und Ferne eines Kunstwerks oder Bildes, die durch technische Reproduktion geschwächt wird. „Allegorie“ ist für ihn nicht nur ein Stilmittel, sondern eine Ausdrucksform von Vergänglichkeit und Melancholie. „Eingedenken“ bedeutet eine erinnernde Haltung gegenüber den Opfern der Geschichte, die vergangenes Leid nicht als erledigt betrachtet.
Zentrale Werke und Ideen
Zu Lebzeiten erschienen von Benjamin vier eigene Bücher und drei Übersetzungsbände. Zu den Büchern gehören Der Begriff der Kunstkritik in der deutschen Romantik (1920), Ursprung des deutschen Trauerspiels (1928), Einbahnstraße (1928) und Deutsche Menschen (1936, unter dem Pseudonym Detlef Holz). Einbahnstraße ist eine Sammlung kurzer literarisch-philosophischer Miniaturen. Ursprung des deutschen Trauerspiels behandelt unter anderem die Allegorie und unterscheidet Tragödie und Trauerspiel.
Der Essay Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit erschien 1936 in der Zeitschrift für Sozialforschung. Benjamin untersucht darin, wie technische Verfahren wie Fotografie, Schallplatte, Radio, Kunstdruck und Film die Kunst verändern. Durch unbegrenzte Vervielfältigung verliert das Kunstwerk seine „Aura“, also seine einmalige Erscheinung und seinen traditionellen Kultwert. Benjamin sieht darin nicht nur Verlust, sondern auch neue Möglichkeiten: Kunst kann stärker politisch und gesellschaftlich wirksam werden.
Ein verwandter Text ist Kleine Geschichte der Photographie von 1931. Darin fragt Benjamin, wie Fotografie Kunst und Wahrnehmung verändert. Frühe Porträtfotografien besitzen für ihn noch eine Aura; später wird Fotografie stärker zum Massenmedium und kann die Umwelt sachlicher und politisch aufschlussreicher zeigen.
Berliner Kindheit um neunzehnhundert entstand aus autobiografischen Erinnerungen an Benjamins Kindheit in Berlin. Der Text besteht aus kurzen Erinnerungsepisoden und wurde erst nach seinem Tod, 1950 durch Theodor W. Adorno, veröffentlicht.
Das Passagen-Werk ist Benjamins unvollendetes Hauptwerk. Es untersucht Paris als „Hauptstadt des 19. Jahrhunderts“ und die Ladenpassagen als Symbol der Moderne. Es besteht aus Exzerpten, Notizen und theoretischen Überlegungen auf mehr als tausend Druckseiten. Themen sind unter anderem Großstadt, Warenwelt, Mode, Baudelaire, Architektur, Konsum, Traum und Erwachen. Benjamin arbeitete daran zunächst 1927–1929 und dann im Exil 1934–1940.
Geschichte, Adorno und Wirkung
Benjamins letzter Text Über den Begriff der Geschichte entstand 1940 und wurde 1942 postum veröffentlicht. In achtzehn Thesen und zwei Anhängen entwickelt Benjamin eine Kritik am Fortschrittsglauben und am Historismus, also einer Geschichtsschreibung, die Vergangenheit als abgeschlossene Abfolge betrachtet. Für Benjamin ist Geschichte auch eine Geschichte von Unterdrückung und Katastrophen. Berühmt ist das Bild vom „Engel der Geschichte“ nach Paul Klees Angelus Novus: Der Engel blickt auf die Vergangenheit und sieht eine einzige Katastrophe, während ihn ein Sturm in die Zukunft treibt. Ebenfalls zentral ist der Satz: „Es ist niemals ein Dokument der Kultur, ohne zugleich ein Dokument der Barbarei zu sein.“
Benjamin stand in enger Beziehung zu Theodor W. Adorno und zum Institut für Sozialforschung. Während des Exils war er finanziell stark vom Institut abhängig. Adorno und Max Horkheimer regten Veröffentlichungen an, griffen aber auch redaktionell ein und lehnten Texte ab. Besonders beim Kunstwerk-Aufsatz und bei Arbeiten aus dem Umfeld des Passagen-Werks kam es zu Konflikten. Zugleich trug Adorno nach 1945 wesentlich dazu bei, Benjamins Schriften wieder bekannt zu machen.
Zu Lebzeiten war Benjamin nur in bestimmten intellektuellen Kreisen hoch angesehen und blieb einem breiteren Publikum wenig bekannt. Nach seinem Tod änderte sich das grundlegend. Durch Ausgaben seiner Schriften, Briefe und Nachlasstexte wurde er zu einem der meistzitierten Theoretiker der Kulturwissenschaften. Seine Arbeiten beeinflussen Literaturwissenschaft, Philosophie, Medienwissenschaft, Kunsttheorie, Geschichtstheorie und Sozialwissenschaften. Gedenkorte erinnern unter anderem in Berlin, Portbou, Banyuls-sur-Mer, Straßburg, Freiburg und Barcelona an ihn.