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Neukantianismus

Diese Perspektive zeichnet sich also durch die Konstruktion einer ausdifferenzierten Binnenperspektive aus, die wiederum mittels einer Außenperspektive auf …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Grundidee und Bedeutung
  2. 2. Entstehung und wissenschaftlicher Konflikt
  3. 3. Frühe Vertreter und gemeinsame Ausrichtung
  4. 4. Die beiden Hauptschulen
  5. 5. Kritizismus und spätere Ausprägungen
  6. 6. Forschungsfragen zur Einheit

Grundidee und Bedeutung

Der Neukantianismus ist eine philosophische Bewegung, die in den 1860er Jahren vor allem von Otto Liebmann und Friedrich Albert Lange eingeleitet wurde. Sie forderte eine direkte Rückkehr zu Immanuel Kant und sollte eine Philosophie entwickeln, die den modernen Naturwissenschaften gerecht wird. Dabei berief sie sich besonders auf Kants Erkenntnistheorie und transzendentale Logik, also auf die Untersuchung der Bedingungen, unter denen Erkenntnis überhaupt möglich ist.

Die Bewegung richtete sich zugleich gegen zwei Gegensätze: gegen den Anspruch des Materialismus, die gesamte Wirklichkeit allein aus Materie erklären zu können, und gegen metaphysische oder spiritistische Lehren, die sich einer wissenschaftlichen Prüfung entzogen. Der Neukantianismus wollte zeigen, dass auch der Materialismus keine unbestreitbare Tatsache, sondern eine philosophische Annahme ist.

Ein weiteres Hauptanliegen war die Begründung der Geistes- und Kulturwissenschaften. Außerdem beeinflusste der Neukantianismus die politische und rechtliche Theorie. Der Marburger Neukantianismus bildete etwa eine theoretische Grundlage für den Revisionismus Eduard Bernsteins und den Austromarxismus Max Adlers. In der russischen Philosophie des frühen 20. Jahrhunderts erschien er als Mittelweg zwischen orthodox-mystischer Metaphysik und atheistischem Materialismus.

Entstehung und wissenschaftlicher Konflikt

Im frühen 19. Jahrhundert wurde Kants Moralphilosophie häufig zur Verteidigung christlicher oder spiritistischer Auffassungen herangezogen. Besonders wichtig waren dabei die in der Kritik der praktischen Vernunft behandelten Postulate der Unsterblichkeit der Seele und des Daseins Gottes. Mit dem Aufstieg der Naturwissenschaften geriet diese Deutung jedoch in eine Glaubwürdigkeitskrise.

Im Materialismusstreit von 1854 standen sich unterschiedliche Auffassungen gegenüber. Der Physiologe Rudolf Wagner verteidigte das Christentum als geistige Grundlage der Naturwissenschaft. Der Zoologe Carl Vogt betrachtete dagegen die Materie als Voraussetzung des Geistigen und auch eines Gottes. Nach Charles Darwins Über die Entstehung der Arten von 1859 weitete sich die Auseinandersetzung zu einem Kampf um das gesamte Weltbild aus. Naturwissenschaftler wie Vogt, Jacob Moleschott, Ludwig Büchner und später Ernst Haeckel vertraten materialistische oder monistische Positionen. Monismus bezeichnet hier den Versuch, die Wirklichkeit aus einem einzigen Grundprinzip zu erklären.

Der Neukantianismus entstand als Gegenprogramm sowohl zum radikalen Materialismus als auch zu metaphysisch-spiritistischen Vorstellungen. Seine kritische Erkenntnistheorie sollte die Grenzen wissenschaftlicher Aussagen bestimmen und dadurch den Absolutheitsanspruch des Materialismus einschränken. Hans Vaihinger deutete Kants moralische Postulate als Fiktionen: Sie seien keine objektiv beweisbaren Wahrheiten, könnten aber eine praktische Funktion besitzen. Daraus entwickelte sich seine Philosophie des Als Ob von 1911.

In der Auseinandersetzung über Natur und Geist entstand zudem eine methodische Trennung der Wissenschaften. Wilhelm Windelband unterschied die Naturwissenschaft als nomothetische Wissenschaft, die allgemeine Gesetze sucht, von der Geisteswissenschaft als idiographischer Wissenschaft, die das Einzelne und geschichtlich Besondere untersucht.

Frühe Vertreter und gemeinsame Ausrichtung

Als Beginn des Neukantianismus gelten besonders die Arbeiten von Friedrich Albert Lange, Otto Liebmann, Eduard Zeller und Hermann von Helmholtz. Lange kritisierte den Materialismus ausführlich in seiner Geschichte des Materialismus von 1866. Liebmann untersuchte in Kant und die Epigonen von 1865 den Deutschen Idealismus, den Realismus Johann Friedrich Herbarts, den naturwissenschaftlichen Empirismus und Arthur Schopenhauers Transzendentalphilosophie. Seine wiederholte Schlussforderung lautete: „Also muß auf Kant zurückgegangen werden“.

Helmholtz betonte 1877, dass auch der Materialismus eine metaphysische Hypothese sei. Er könne in den Naturwissenschaften sehr fruchtbar sein, werde aber zum Dogma, wenn sein hypothetischer Charakter vergessen werde. Kuno Fischer verband den Kritizismus mit Johann Gottlieb Fichtes Idealismus; Jürgen Bona Meyer wirkte mit Kants Psychologie von 1870.

Der Ausdruck „Neukantianismus“ wird seit ungefähr 1875 in der Fachliteratur verwendet. Eduard von Hartmann führte ihn zunächst als Kampfbegriff ein, um die antimetaphysische Kantdeutung Langes und Liebmanns als morallosen Materialismus abzuwerten. Später wurden vor allem zwei große Richtungen unterschieden: die Marburger Schule und die Südwestdeutsche oder Badische Schule. Daneben standen unabhängige Vertreter, die häufig unter dem Begriff Kritizismus zusammengefasst werden. Kritizismus bedeutet hier eine Philosophie, die Möglichkeiten, Voraussetzungen und Grenzen der Erkenntnis untersucht.

Die beiden Hauptschulen

Die Marburger Schule war stark an Mathematik, Logik und exakten Wissenschaften orientiert. Ihr Begründer Hermann Cohen wandte sich gegen den Psychologismus, also gegen die Auffassung, Wissen lasse sich vollständig aus individuellen psychischen Vorgängen erklären. Dass mathematische Erkenntnisse unabhängig von einzelnen Personen in Lehrbüchern bestehen, zeigte für ihn, dass Erkenntnis nicht allein an ein einzelnes Subjekt gebunden ist. Cohen betrachtete Urteile, nicht einzelne Begriffe, als Grundlage des menschlichen Denkens.

Paul Natorp untersuchte besonders die logischen Grundlagen der exakten Wissenschaften. Er lehnte sowohl ein unerkennbares „Ding an sich“ als auch vom Verstand unabhängige Anschauungen ab. Karl Vorländer verband Geschichtsphilosophie und Marxismus, Rudolf Stammler arbeitete über Sozial- und Rechtsphilosophie, und Walther Schücking knüpfte an Kants Friedensgedanken an. Ernst Cassirer erweiterte den Ansatz: Nicht nur Kategorien, sondern eigenständige symbolische Formen wie Sprache, Religion, Kunst, Technik, Geschichte und Recht stellen für ihn Bezüge zur Welt her.

Die Südwestdeutsche oder Badische Schule richtete sich stärker auf Werte und Kulturwissenschaften. Wilhelm Windelband verstand Philosophie als Lehre von allgemeingültigen Werten: Wahrheit im Denken, Gutheit im Wollen und Handeln sowie Schönheit im Fühlen. Er unterschied grundsätzlich zwischen Geschichte und Naturwissenschaft und vertrat die Auffassung, Kant zu verstehen bedeute, über Kant hinauszugehen. Heinrich Rickert betonte ebenfalls den Unterschied zwischen Kultur- und Naturwissenschaft und entwickelte eine eigene Wertphilosophie.

Kritizismus und spätere Ausprägungen

Außerhalb der beiden Hauptschulen entwickelten mehrere Philosophen eigene kritizistische Ansätze. Alois Riehl verstand Philosophie nicht als Weltanschauungslehre, sondern als Kritik der Erkenntnis. Kants Philosophie sollte nach seiner Ansicht unter Einbeziehung neuer Erkenntnisse aus Naturwissenschaft und Mathematik, beispielsweise der nicht-euklidischen Geometrie, fortgeschrieben werden. Robert Reininger beschäftigte sich mit dem psychophysischen Problem, also dem Verhältnis von körperlichen und psychischen Vorgängen, sowie mit Wertphilosophie.

Hans Vaihinger erklärte Erkenntnis durch hypothetische Fiktionen. Deren Wahrheitsgehalt bemesse sich nach ihrem praktischen Lebenswert; eine objektive Wahrheit sei nicht möglich. Wegen dieses Wahrheitsbegriffs wird seine Philosophie des Als Ob dem Pragmatismus zugerechnet.

Richard Hönigswald stellte das „Gegebene“ und eine allgemeine Methodenlehre des Erkennens in den Mittelpunkt. Anders als die Marburger Schule untersuchte er das Ding an sich mit denkpsychologischen Überlegungen. Sprache ist für ihn notwendig für das Bewusstsein und stellt erst die Objektivität eines Gegenstandes her. Leonard Nelson knüpfte sowohl an Jakob Friedrich Fries als auch an die Marburger Schule an, gehörte dieser aber nicht unmittelbar an.

Kritik kam unter anderem von Erich Kaufmann. Er warf dem Neukantianismus vor, dem positiven Empirismus keine objektive Metaphysik entgegenzustellen und sich in abstrakte, formale und eindimensionale Begriffe zurückzuziehen. Damit wandte er sich dem Neuhegelianismus zu.

Forschungsfragen zur Einheit

Die neuere Forschung fragt, ob der Neukantianismus trotz seiner unterschiedlichen Schulen und Ansätze eine Einheit bildet. Eine erste Perspektive übernimmt die Frage der Neukantianer nach der „Einheit des Bewusstseins und der Vernunft“ als Voraussetzung für die „Einheit der Erfahrung“.

Eine zweite, historisch-wissenssoziologische Perspektive unterscheidet mehrere Richtungen: eine physiologische bei Helmholtz und Lange, eine metaphysische bei Liebmann und Volkelt, eine realistische bei Riehl, eine logizistische bei Cohen, Natorp und Cassirer, eine werttheoretisch-kritizistische bei Windelband, Rickert und Münsterberg, eine relativistische bei Simmel sowie eine psychologische bei Fries und der Neufriesschen Schule. Diese Vielfalt macht umstritten, welche Merkmale für die Zugehörigkeit zum Neukantianismus notwendig sind und wie die Bewegung nach außen abzugrenzen ist.

Die dritte Perspektive betrachtet den Neukantianismus kulturphilosophisch. Er versuchte, Kants Vernunftkultur mit der tatsächlichen Kultur des 19. Jahrhunderts zu verbinden. Dabei entstand ein geschichtlicher Kulturbegriff, der sich vom übergeschichtlichen Denken des Deutschen Idealismus abgrenzte.

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