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Wahrheit und Politik
Wahrheit und Politik ist ein Essay von Hannah Arendt. Arendt reflektierte 1964 aufgrund der Kontroverse um ihre Publikation Eichmann in Jerusalem über das …
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Kern des Essays
„Wahrheit und Politik“ ist ein Essay von Hannah Arendt über das Verhältnis von Wahrheit, Lüge und politischem Handeln. Arendt schrieb ihn vor dem Hintergrund der Kontroverse um ihr Buch „Eichmann in Jerusalem“. Sie wollte zwei Fragen klären: erstens, ob es stets richtig ist, die Wahrheit zu sagen; zweitens, wie mit den vielen Lügen umzugehen sei, die in dieser Kontroverse über ihre Texte und über berichtete Tatsachen verbreitet worden seien.
Der Essay erschien 1967 in etwas veränderter englischer Fassung und 1969 überarbeitet auf Deutsch. Im Mittelpunkt steht die Frage, was geschieht, wenn Politik nicht nur Meinungen und Interessen austrägt, sondern Tatsachen verdreht, unterdrückt oder in bloße Meinungen verwandelt. Arendt hält dies für gefährlich, weil dadurch der politische und moralische „Orientierungssinn“ beschädigt wird: Menschen verlieren die Fähigkeit, sich in der gemeinsamen Wirklichkeit zu orientieren.
Politik, Pluralität und Wahrheit
Für Arendt beruht Politik auf der „Pluralität von Menschen“, also darauf, dass verschiedene Menschen mit unterschiedlichen Perspektiven gemeinsam handeln und sprechen. Politik ist für sie nicht nur Verwaltung oder Machttechnik, sondern ein öffentlicher Raum, in dem Menschen über gemeinsame Angelegenheiten beraten und die Welt verändern können.
Arendt verbindet Freiheit mit öffentlicher Teilhabe. In Bezug auf die von ihr bevorzugte Räterepublik schreibt sie, niemand könne glücklich genannt werden, der nicht an öffentlichen Angelegenheiten teilnimmt; niemand sei frei, der nicht aus Erfahrung wisse, was öffentliche Freiheit ist; und niemand sei frei oder glücklich, der keinen Anteil an öffentlicher Macht habe.
Vor diesem Hintergrund untersucht sie die Gefährdung sinnvoller Politik in der Gegenwart. Gefährdet ist für sie die Urteilsfähigkeit im Umgang mit Wahrheit, sowohl bei Regierten als auch bei Machthabern. Diese Gefahr sieht sie nicht nur in totalitären Gesellschaften, sondern tendenziell auch in „demokratischen“ Gemeinwesen.
Bereiche und Arten von Wahrheit
Arendt betont, dass Politik nicht darüber bestimmen kann, was wahr ist. Wahrheit gehört nach ihr eher in die Bereiche des Philosophen, Wissenschaftlers, Richters, Historikers, Journalisten und ähnlicher Berufe. Politiker stehen nach Arendt häufig mit der Wahrheit „auf Kriegsfuß“. Zugleich verteidigt sie die Politik, weil sie die einzige Möglichkeit für Menschen sei, „die Welt zu verändern“.
Im Essay unterscheidet Arendt „Wahrheiten der Vernunft“ von „Tatsachenwahrheit“. Vernunftwahrheiten sind Wahrheiten, die mit Denken, Logik oder philosophischer Einsicht verbunden sind. Tatsachenwahrheiten beziehen sich auf konkrete Ereignisse und Sachverhalte, die geschehen sind oder bestehen. Für die Politik ist diese Unterscheidung wichtig: Wenn politische Macht Vernunftwahrheiten angreift, überschreitet sie ihr eigenes Gebiet; wenn sie Tatsachenwahrheiten angreift, geschieht dies innerhalb des politischen Bereichs selbst.
Arendt hält Tatsachenwahrheit für stärker gefährdet als Vernunftwahrheit. Als Beispiel nennt sie die Manipulation von Geschichtsschreibung: Leo Trotzkis Rolle in der Russischen Revolution werde in keinem sowjetischen Geschichtsbuch erwähnt. Damit zeigt sie, wie Politik versucht, unbequeme Tatsachen aus der gemeinsamen Erinnerung zu entfernen.
Wahrheit unterscheidet sich für Arendt von Meinungen und Urteilen. Wahrheit ist „das, was der Mensch nicht ändern kann“; metaphorisch sei sie „der Grund, auf dem wir stehen, und der Himmel, der sich über uns erstreckt.“ Meinungen dagegen sind veränderbar und gehören zum politischen Leben. Politik besteht wesentlich aus Diskussion, Austausch und Streit der Meinungen. Aber legitime Meinungen müssen die Tatsachen respektieren, auf die sie sich beziehen.
Tatsachen als Meinungen
Arendt beschreibt für die Moderne eine Verschiebung: Der Konflikt zwischen Politik und Wahrheit betrifft weniger religiöse oder philosophische Wahrheiten, sondern vor allem Tatsachen. Sie schreibt, es habe vielleicht kaum je eine Zeit gegeben, die Tatsachenwahrheiten, welche den Vorteilen oder Ambitionen von Interessengruppen entgegenstehen, mit so großem Eifer und so großer Wirksamkeit bekämpft habe.
Dabei geht es nicht nur um geheime Informationen. Arendt spricht von Tatsachen, die einer „informierten Öffentlichkeit“ bekannt sind, aber wie „Tabus“ behandelt werden. Sie sind also nicht wirklich geheim, doch es wird gefährlich oder unerwünscht, offen über sie zu sprechen. Das Problem sei nicht auf die „sogenannte freie Welt“ beschränkt. Im Nationalsozialismus sei es erheblich gefährlicher gewesen, von Vernichtungslagern zu sprechen, „deren Existenz kein Geheimnis war“, als sich über Ideologien wie den Antisemitismus zu äußern.
In der „freien Welt“ sieht Arendt eine andere Form des Problems: Unliebsame Tatsachen werden bewusst oder unbewusst „in eine Meinung verwandelt“. Als Beispiele nennt sie unbequeme geschichtliche Tatbestände: dass die Hitlerherrschaft von einer Mehrheit des deutschen Volkes unterstützt worden sei, dass Frankreich 1940 von Deutschland entscheidend besiegt worden sei oder die profaschistische Politik des Vatikans im letzten Krieg. Solche Tatsachen würden unter Berufung auf freie Meinungsäußerung so behandelt, als seien sie Dinge, über die man einfach verschiedener Meinung sein könne.
Für Arendt wird „Wahrhaftigkeit“ erst in einer solchen Lage zu einer politischen Tugend. Normalerweise sei Wahrhaftigkeit in der Politik keine besondere Tugend; wenn aber Tatsachen systematisch geleugnet oder relativiert werden, bekommt das einfache Festhalten an Tatsachen politische Bedeutung.
Ohnmacht, Kraft und Glaubwürdigkeit
Arendt beschreibt Wahrheit gegenüber bestehenden Mächten und Interessen als schwach. Im Konfliktfall ist sie benachteiligt, denn „Überredungskünste oder auch Gewalt können Wahrheit vernichten“. Zugleich besitzt Wahrheit eine eigene Kraft: Politik kann sie durch nichts anderes ersetzen. Das gilt nach Arendt für religiöse Wahrheiten, Vernunftwahrheiten und besonders sichtbar für Tatsachenwahrheiten.
Wer nur die Wahrheit sagen will, steht für Arendt außerhalb des politischen Kampfes. Diese Position verliert ihre Glaubwürdigkeit, sobald sie benutzt wird, um direkt in die Politik einzugreifen. Menschen, die Fakten aufdecken, richten, Kunst schaffen, Wissenschaft betreiben, Geschichte rekonstruieren oder philosophische Erkenntnis gewinnen wollen, brauchen daher eine unparteiliche Position. „Unparteilich“ bedeutet hier: nicht von einer politischen Partei, einem Interesse oder einer Sache geleitet.
Arendt meint aber nicht, dass solche Menschen völlig außerhalb des Menschlichen oder Gesellschaftlichen stehen. Die entsprechenden Tätigkeiten sind „Modi menschlicher Existenz“ und keine festen Menschentypen. Auch ein Wissenschaftler, Historiker oder Richter geht nicht vollständig in seinem Beruf auf.
Fiktionen und Orientierungssinn
Gegen die Verwandlung von Tatsachen in Meinungen betont Arendt die „Faktizität des Faktischen“: Tatsachen haben eine hartnäckige Wirklichkeit, die nicht einfach verschwindet, auch wenn Propaganda sie überdeckt. Wo Tatsachen konsequent durch Lügen und „Totalfiktionen“ ersetzt werden, entsteht nach ihr nicht einfach eine neue Wahrheit. Stattdessen wird der menschliche Orientierungssinn im Bereich des Wirklichen zerstört, weil dieser auf der Unterscheidung von Wahrheit und Unwahrheit beruht.
Diese Zerstörung betrifft auch die Regierenden. Wer politische Fiktionen herstellt, kann ihnen selbst autosuggestiv verfallen. Arendt unterscheidet dabei Lügen der Außenpolitik, die sich an einen äußeren Feind richten, von „Images“ für den inneren Gebrauch. Solche innerpolitischen Fiktionen gefährden die Erfahrungswirklichkeit eines ganzen Volkes; die ersten Opfer dieser modernen Art zu lügen seien die Hersteller der Fiktionen selbst.
Propagandafiktionen wirken zeitweise überlegen, weil sie alles scheinbar vollständig erklären und alle Daten passend ordnen. Ihnen fehlt aber die Stabilität dessen, was tatsächlich ist. Arendt formuliert: Konsequentes Lügen sei „bodenlos“ und könne keinen neuen Boden schaffen, auf dem Menschen stehen könnten.
Daraus folgt ihr zugespitzter Gedanke: Wo grundsätzlich und nicht nur gelegentlich gelogen wird, beginnt schon derjenige zu handeln, der einfach sagt, was ist, auch wenn er das gar nicht beabsichtigt.