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Über die Revolution

Die Autorin analysiert, interpretiert und vergleicht die Französische und die Amerikanische Revolution, wobei auch andere Revolutionen angesprochen werden. Ihr …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Werk und zentraler Revolutionsbegriff
  2. 2. Amerikanische und Französische Revolution
  3. 3. Soziale Frage, Mitleid und politisches Handeln
  4. 4. Gründung, Verfassung und neuer Anfang
  5. 5. Rätesystem und Verlust des öffentlichen Raums

Werk und zentraler Revolutionsbegriff

Hannah Arendts 1963 auf Englisch als „On Revolution“ erschienenes Werk „Über die Revolution“ vergleicht vor allem die Amerikanische und die Französische Revolution. Es fragt nach den „wesentlichen Charakteren des revolutionären Geistes“. Dieser Geist zeigt sich für Arendt darin, gemeinsam politisch zu handeln, einen neuen Anfang zu setzen und der Freiheit einen dauerhaften öffentlichen Raum zu schaffen. Seine Prinzipien heißen in der Sprache des 18. Jahrhunderts „öffentliche Freiheit, öffentliches Glück, öffentlicher Geist“.

Eine Revolution liegt nach Arendt nur vor, wenn die Handelnden Freiheit anstreben und eine neue politische Ordnung gründen. Freiheit ist dabei nicht bloß die negative Befreiung von Not, Elend, Furcht oder Zwang. Positiv bedeutet sie, gemeinsam mit anderen öffentlich handeln und an politischer Macht teilhaben zu können. Ohne eine Neugründung bleibt eine Erhebung eine Rebellion, die im Chaos enden kann.

Revolutionen sind für Arendt eine Erscheinung der Neuzeit. Gewalt kommt zwar sowohl in Kriegen als auch in Revolutionen vor, kann aber höchstens die Grenzen des politischen Bereichs schützen. Macht entsteht dagegen, wenn Menschen sich einigen und gemeinsam handeln. Revolutionen werden möglich, wenn die Autorität eines bestehenden Staates zerfällt und „die Macht auf der Straße liegt“; sie verursachen diesen Autoritätsverlust nicht. Auch vorbereitete Revolutionäre können den Zeitpunkt nicht bestimmen oder eine Revolution einfach „machen“.

Arendt grenzt drei Begriffe voneinander ab: Autorität führt zum Gehorsam gegenüber jemandem, dessen Überlegenheit anerkannt wird; Macht entsteht durch Einigung, gegenseitige Versprechen und gemeinsames Handeln; Gewalt erzwingt Gehorsam mithilfe von Gewaltmitteln, etwa einer Pistole. Aus Gewalt allein kann keine Macht entstehen.

Amerikanische und Französische Revolution

Arendt bewertet die Amerikanische Revolution politisch erfolgreicher als die Französische. Die amerikanischen Siedler hatten sich bereits mehr als 150 Jahre lang in Gemeinden und „townhalls“ selbst verwaltet. Verträge wie der Mayflower-Pakt beruhten auf gegenseitigen Versprechen und Vertrauen. Daher behauptete John Adams, die Revolution sei schon vollzogen gewesen, bevor der Unabhängigkeitskrieg begann. Die Amerikaner hatten öffentliche Freiheit praktisch erfahren und betrachteten politische Ämter nicht nur als Last, sondern als Gelegenheit, gesehen, gehört und respektiert zu werden. Adams nennt diese Neigung „die Leidenschaft sich auszuzeichnen“.

Der amerikanische Gründungsakt verband die Befreiung von England mit der Errichtung einer Republik. Nach Montesquieus Vorbild wurden Legislative, Exekutive und Judikative geteilt. Das System der „checks and balances“, also der gegenseitigen Hemmungen und Kontrollen, sollte Macht nicht nur begrenzen, sondern vermehren: Die Teilung der Macht mache ein Gemeinwesen mächtiger als ihre Zentralisierung. Der Ursprung der Macht lag im Volk, während die Verfassung als Quelle der Gesetze galt. Der Oberste Gerichtshof übernahm durch seine Urteilskraft eine besondere Autoritätsfunktion.

Die Französische Revolution verlief anders. Frankreich fehlten örtliche Einrichtungen praktischer Selbstverwaltung. Mit dem Auftreten der verarmten Sansculotten wurde die soziale Not zum Mittelpunkt der Revolution. Robespierre stellte das Volk und sein Elend vor die politische Freiheit. Die „Verwandlung der Menschenrechte in die Rechte der Sansculotten“ ist für Arendt der Wendepunkt der Französischen Revolution und der Revolutionen, die ihr folgten.

Die Französische Revolution wurde zum Vorbild späterer Revolutionen, obwohl sie in Terror und Gegenrevolution umschlug. Seit dem Sturm auf die Bastille am 14. Juli 1789 erschien Revolution als unwiderstehlicher geschichtlicher Prozess. Arendt kritisiert Hegels Vorstellung historischer Notwendigkeit und die daraus entwickelte Dialektik von Freiheit und Notwendigkeit. Die Revolutionäre erscheinen darin nicht mehr als frei Handelnde, sondern als Werkzeuge der Geschichte. Marx, den Arendt als bedeutenden Schüler Hegels und großen Revolutionstheoretiker bezeichnet, machte die Bekämpfung von Ausbeutung und Massenarmut zum vorrangigen revolutionären Ziel.

Soziale Frage, Mitleid und politisches Handeln

Arendt unterscheidet das „Reich der Freiheit“ vom „Reich der Notwendigkeit“. Existenzielle Armut zwingt Menschen, sich zunächst um das Lebensnotwendige zu kümmern, und kann deshalb den Raum freien politischen Handelns verdrängen. In Lenins Formel „Elektrifizierung und Sowjets“ erkennt sie beide Aufgaben: Die Elektrifizierung sollte Armut technisch überwinden, die Sowjets beziehungsweise Räte sollten politische Freiheit ermöglichen. Lenin habe jedoch nicht den Räten, sondern der Partei die Macht gegeben.

Die Amerikanische Revolution wurde nach Arendt nicht in gleicher Weise von der sozialen Frage bestimmt. Sie weist jedoch ausdrücklich auf „das furchtbare erniedrigende Elend der schwarzen Sklaven“ hin, das aus der Öffentlichkeit ausgeschlossen blieb. Die günstigen Bedingungen beruhten daher auch darauf, dass dieses Elend politisch unsichtbar war.

Besonders gefährlich ist für Arendt das leidenschaftliche Mitleiden. Robespierre erklärte es zur höchsten Tugend und verband es mit Rousseaus „Allgemeinem Willen“ („volonté générale“). Das gemeinsame Interesse wurde dem Eigeninteresse jedes Bürgers entgegengesetzt; daraus konnten Verdacht, Heucheleivorwürfe und Terror entstehen. Arendt stellt dem Mitleiden die Solidarität gegenüber. Solidarität beruht auf Vernunft und kann dauerhaftes Handeln leiten, während massenhaft erregte Gefühle Maßlosigkeit und Grausamkeit fördern können.

Wer innere Gefühle öffentlich beweisen muss, gerät leicht unter Heucheleiverdacht. Der Heuchler ist für Arendt besonders gefährlich, weil er sich seiner eigenen Verlogenheit nicht bewusst ist und daher unterschiedliche Rollen ohne schlechtes Gewissen spielen kann. Denken bedeutet dagegen auch, mit sich selbst einen inneren Dialog zu führen. Dieses spätere „Gewissen“ versagt, wenn Menschen sich weigern zu denken.

Arendt folgert, dass der Versuch, die soziale Frage unmittelbar mit politischen Mitteln zu lösen, im Terror enden könne. Zugleich sei dieser Irrweg in einem von Armut beherrschten Land schwer zu vermeiden. Not und Elend müssten durch Technik oder Naturwissenschaften überwunden werden, damit eine Republik politischer Freiheit entstehen könne. Kritiker beanstanden allerdings gerade diese scharfe Trennung: Seyla Benhabib betont, dass auch Arbeit und Ressourcenverteilung von Machtverhältnissen durchdrungen seien; Mary McCarthy hält die Ausklammerung von Wirtschafts- und Wohlfahrtsfragen aus dem Politischen ebenfalls für problematisch.

Gründung, Verfassung und neuer Anfang

Eine stabile Verfassung kann Arendt zufolge nicht bloß von Fachleuten ausgearbeitet und einem Volk vorgelegt werden. Ihre Autorität muss aus einem gemeinsamen Gründungsakt hervorgehen. Die amerikanische Verfassung wurde dauerhaft, weil sie aus Erfahrungen der Selbstverwaltung, aus Verträgen und wechselseitigen Verpflichtungen entstand. Dagegen blieben die französischen Verfassungen vom wechselnden Volkswillen abhängig. Ein Staat, der ausschließlich auf dem Nationalwillen errichtet werde, sei „auf Sand gebaut“ und könne besonders in Krisen in eine Diktatur übergehen.

Arendt unterscheidet zwei Vertragsformen. Ein Vertrag zwischen Menschen beruht auf gegenseitigen Versprechen; die Einzelnen geben Macht ab, gewinnen durch ihren Zusammenschluss aber gemeinsame Macht und überwinden ihre Isolierung. Ein Gesellschaftsvertrag zwischen einer bereits bestehenden Gesellschaft und einem äußeren Herrscher kann zwar einen Rechtsstaat schaffen, schützt aber die Trennung der Individuen und erzeugt weniger gemeinsame Macht.

Jede Gründung steht vor einem Paradox: Menschen müssen neue Gesetze schaffen, deren Autorität nicht sofort wieder bestritten wird. Französische Revolutionäre machten das Volk und den Allgemeinwillen zum absoluten Ursprung. Amerikanische Revolutionäre beriefen sich teilweise auf Naturrecht und „den Gott der Natur“, fanden die praktische Grundlage der Ordnung aber im Gründungsakt selbst und im römischen Vorbild. Wie Rom seine Autorität aus der Gründung der Stadt bezog, erhielt die amerikanische Republik Stabilität aus dem gemeinsamen Setzen eines Anfangs.

Dahinter steht Arendts Begriff der Natalität oder „Gebürtlichkeit“: Jeder Mensch ist durch seine Geburt selbst ein neuer Anfang und besitzt deshalb grundsätzlich die Fähigkeit, etwas Neues zu beginnen. Die Amerikanische Revolution ist für sie ein Beispiel dafür, dass Menschen durch gemeinsame Beratung, Versprechen und die „vereinte Macht der Vielen“ einen Neuanfang ohne ein ursprüngliches Verbrechen vollziehen können.

Der Erfolg blieb dennoch unvollständig. Die Verfassung sicherte Stabilität und Grundrechte, bewahrte aber den revolutionären Geist nicht dauerhaft. Das öffentliche Glück und die aktive Teilnahme wurden durch Privatinteressen, Konsum und die Verfolgung des Eigennutzes verdrängt. Arendt warnt, die Republik könne an Reichtum und „Konsumbesessenheit“ zugrunde gehen.

Rätesystem und Verlust des öffentlichen Raums

Arendts Hauptkritik an der repräsentativen Demokratie lautet, dass sie dem Volk zwar Freiheit zusichert, aber kaum einen Raum bietet, in dem Bürger diese Freiheit praktisch ausüben können. Politische Beteiligung wird weitgehend auf Wahlen alle zwei oder vier Jahre beschränkt. Der öffentliche Raum gehört den Abgeordneten, während die Bürger entweder politisch gleichgültig werden oder nur noch als Widerstand gegen den Staat auftreten.

Jefferson erkannte dieses Problem und schlug Elementarrepubliken beziehungsweise „wards“ vor, teilweise mit jeweils 100 Bürgern. In einem Brief vom 2. Februar 1816 entwarf er ein gestuftes System aus örtlichen Räten, Kreis- und Länderrepubliken sowie der Republik der Union. Jede Ebene sollte gesetzlich bestimmte Befugnisse besitzen und mit den anderen ein System ausgewogener Hemmungen und Kontrollen bilden. Sein Gedanke, jede Generation etwa alle 19 Jahre die Staatsform neu wählen zu lassen, erscheint Arendt dagegen zu unrealistisch und würde den Neuanfang zur Routine machen.

Räte entstanden nach Arendt in Revolutionen häufig spontan, etwa als Sektionen der ersten Pariser Kommune, während der russischen Februarrevolution 1917 und in der Ungarischen Revolution 1956. Arbeiter-, Soldaten-, Bauern-, Nachbarschafts-, Studenten- und andere Räte organisierten sich örtlich, verbanden sich zu Regional- und Provinzialräten und konnten Vertreter für eine Nationalversammlung wählen. Sie waren Orte des Meinungsaustauschs und des freien politischen Handelns, keine Verwaltungsmaschinen. Fachleute sollten notwendige Verwaltungsaufgaben erfüllen; die Räte sollten den politischen Raum bilden.

Parteien betrachteten die parteipolitisch neutralen Räte als Konkurrenz und zerstörten oder unterwanderten sie. In Frankreich vernichtete die revolutionäre Regierung die Sektionen; in Russland höhlte die bolschewistische Partei das Sowjetsystem aus. Arendt kritisiert sowohl bürokratische Mehrparteiensysteme als auch Einparteidiktaturen. Das englische und amerikanische Zweiparteiensystem ermögliche zwar wirksame Opposition, schaffe aber ebenfalls keinen ausreichenden öffentlichen Handlungsraum.

Im Rätesystem würden Bürger auf jeder Ebene freie und gleiche Vertreter ihres Vertrauens wählen. So entstünde eine pyramidenartige Ordnung, deren Autorität nicht von oben nach unten befohlen, sondern auf jeder Stufe neu aus Gleichheit und Vertrauen gebildet würde. Teilnehmen würden vor allem Menschen mit Mut, Interesse an öffentlichen Angelegenheiten und Freude an öffentlicher Freiheit. Arendt nennt sie eine echte, aus dem Volk hervorgehende politische Elite, ohne den genauen institutionellen Aufbau abschließend festzulegen.

Das Rätesystem ist damit Arendts gewaltlose Alternative zu zentralisierten Parteiapparaten. Es soll öffentliche Freiheit, öffentliches Glück und Verantwortung für gemeinsame Angelegenheiten dauerhaft institutionalisieren. Der politische Raum bleibt für sie eine kleine, schützenswerte „Oase“ im Bereich gesellschaftlicher Notwendigkeiten. Das eigentliche Ziel der Revolution ist erreicht, wenn Bürger nicht nur privat abgesichert sind, sondern aus eigener Erfahrung wissen, was öffentliche Freiheit und ein Anteil an gemeinsamer Macht bedeuten.

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