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Polis
In der Forschung ist umstritten, ob die Wurzeln der Polis in der mykenischen Kultur der späten Bronzezeit liegen, ob sie während des „Dunklen Zeitalters“ um 900 …
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Wesen und Entstehung
Eine Polis war der typische Staatsverband des antiken Griechenlands. Sie bestand gewöhnlich aus einem städtischen Siedlungskern, der ásty genannt wurde, und dem umliegenden Landgebiet, der Chóra. Die Bewohner des Umlands unterschieden sich rechtlich nicht von den Einwohnern des städtischen Zentrums. Entscheidend war daher nicht in erster Linie das Territorium, sondern die Polis als Bürgergemeinde beziehungsweise Personenverband. Die Polis wurde zum klassischen Begriff für den antiken Stadtstaat; ob sie tatsächlich als Staat gelten kann, ist in der Forschung jedoch umstritten.
Die Ursprünge sind nicht eindeutig geklärt. Diskutiert werden Wurzeln in der mykenischen Kultur, eine Entstehung während des „Dunklen Zeitalters“ um 900 v. Chr. oder eine Herausbildung erst zu Beginn der Archaik. Die große Mehrheit der heutigen Forschung nimmt an, dass die Polis im 8. Jahrhundert v. Chr. ihre klassische Form entwickelte und bis in die ausgehende Spätantike fortbestand. Der Begriff bezeichnete ursprünglich eine befestigte Höhensiedlung, die auch Akropolis („Oberstadt“, Stadtfestung) genannt wurde. Spätestens im 8. Jahrhundert v. Chr. entstanden unter ihrem Schutz städtische und präurbane Siedlungen. In Athen wurde Polis bis ins 5. Jahrhundert v. Chr. synonym mit Akropolis verwendet.
Bevölkerungswachstum seit dem frühen 8. Jahrhundert v. Chr. und möglicherweise orientalische, besonders phönizische Einflüsse förderten diese Entwicklung. Die Große Griechische Kolonisation um 750 bis 550 v. Chr. verbreitete den Typus der Polis vom griechischen Mutterland über die Küsten fast des gesamten Mittelmeers und des Schwarzen Meeres. Im Hellenismus gründeten Alexander der Große und die Diadochen weitere Städte, die zur Hellenisierung des Alten Orients beitrugen. Insgesamt existierten im griechischen Mutterland, in den kolonialen Gebieten und später in den hellenistischen Reichen mindestens 1500 Siedlungen vom Typ der Polis.
Auch Gemeinden wie Karthago und Rom wurden von den Griechen als Poleis bezeichnet. Die kleinräumige Landschaft Griechenlands mit fruchtbaren, von Gebirgen umschlossenen Ebenen begünstigte die Entstehung eigenständiger politischer Einheiten. Die Alternative zur Polis war das Éthnos, ein griechischer Stammesstaat mit wenigen Siedlungskernen und geringeren Kompetenzen der einzelnen Dörfer.
Politische Entwicklung
Die politische Entwicklung lässt sich wegen der ungleichmäßigen Quellenlage nicht sicher für alle Poleis rekonstruieren. Athen, über das besonders viele Informationen vorliegen, war vermutlich in mancher Hinsicht eine Ausnahme. Ein häufig erkennbares Muster begann mit der Herrschaft einer Großgrundbesitzeraristokratie. Durch Geldwirtschaft und die Möglichkeit, Gewinne zu speichern, wuchs offenbar die Kluft zwischen Arm und Reich. Konflikte innerhalb der Oberschichten und der Widerstand nichtadliger Gruppen führten vielfach zu Bürgerkriegen, den Staseis. Seit der Mitte des 7. Jahrhunderts v. Chr. nutzten einzelne Aristokraten diese Krisen, um sich als Tyrannen an die Spitze von Poleis zu setzen. „Tyrannis“ war zunächst eine weitgehend neutrale Bezeichnung für Einzelherrschaft, erhielt aber bald eine negative Bedeutung.
Spätestens um 600 v. Chr. war die Polis zumindest in Athen so weit institutionalisiert, dass die Bürgerschaft als politische Einheit handeln konnte. Typisch waren drei Staatsorgane: Volksversammlung, Rat und Magistraturen. In vielen Verfassungen berieten Ratsgremien, insbesondere die bulé, politische Aufgaben vor. Die Volksversammlung, die ekklesía, entschied mit Stimmenmehrheit; jährlich wechselnde Beamte führten die Beschlüsse aus.
Als politisch berechtigt galten zunächst vor allem begüterte Bürger, die als Schwerbewaffnete, sogenannte Hopliten, dienen konnten. Ihr aktives und passives Wahlrecht war beim passiven Wahlrecht nach dem agrarischen Einkommen abgestuft, aber nicht mehr an adlige Geburt gebunden. Ärmeren Kleinbauern und Grundbesitzlosen, den Theten, wurde in Athen nach den Reformen Solons von 594/93 v. Chr. zumindest das aktive Stimmrecht in Volksversammlung und Volksgericht zugestanden. Nach Aristoteles galt eine solche Verfassung mit oligarchischen und aristokratischen Elementen als „gemäßigte“, „althergebrachte“ Demokratie. Als besonders demokratisch galt die Verlosung der meisten Ämter; Wahlen galten eher als Hinweis auf eine oligarchische Ordnung.
Nach den Perserkriegen entwickelte sich Athen von einer Landmacht zur Seemacht. Die Theten stellten den Großteil der Ruderer und gewannen durch ihren Einsatz bei Salamis 480 v. Chr. und im Delisch-Attischen Seebund, gegründet 478/77 v. Chr., politisches Selbstbewusstsein. Die Reformen des Ephialtes und Perikles ab 462/61 v. Chr. entmachteten den Areopag und verliehen auch den Theten das passive Wahlrecht. Dadurch entstand die sogenannte radikale Demokratie.
Das Hegemoniestreben größerer Poleis führte zu fast dauernden Kriegen. Mehrere Versuche, durch eine koiné eiréne, einen Allgemeinen Frieden, die Autonomie der Poleis zu sichern, scheiterten in der ersten Hälfte des 4. Jahrhunderts v. Chr. Schließlich gerieten die Poleis unter makedonische und später römische Vorherrschaft. Im Hellenismus bestanden ihre Institutionen jedoch weiter; die neuere Forschung sieht diese Zeit teilweise sogar als Blütezeit der Polis. Im späteren Hellenismus gewann der Euergetismus an Bedeutung, also die Übernahme öffentlicher Aufgaben und Bauten durch reiche Wohltäter, die Euergeten.
Unter römischer Herrschaft blieben die Poleis als halbautonome Gemeinwesen bestehen und bildeten ein wichtiges ökonomisches und administratives Rückgrat. Während der Kaiserzeit oblag ihren Stadträten meist die Steuererhebung; die Mitgliedschaft im Rat wurde vermutlich unter römischem Einfluss erblich. Spätestens im 2. Jahrhundert n. Chr. war damit die alte demokratische Tradition beendet. Seit dem 4. Jahrhundert führten der Ausbau der kaiserlichen Verwaltung, die Christianisierung und der Entzug städtischer Kompetenzen und Finanzautonomie zu einer Krise. Das faktische Ende der meisten griechischen Poleis kam erst im 7. Jahrhundert im Zuge der islamischen Expansion.
Merkmale und innere Gliederung
Die Polis war eine Gemeinschaft freier männlicher Bürger, die sich politisch selbst verwaltete. Zu ihren wesentlichen Idealen und Einrichtungen gehörten:
- Selbstverwaltung und Selbstregierung durch die freien männlichen Bürger; im Hellenismus galt Demokratia zumindest in der politischen Theorie als unverzichtbar.
- Gleichheit der Bürger vor dem Gesetz, die Isonomia.
- Innere Unabhängigkeit durch eigene Gesetze und Institutionen, die Autonomía. Ämter wurden durch Wahl oder Los vergeben; nur die Verlosung galt als wirklich demokratisch.
- Äußere Unabhängigkeit und Freiheit, Eleuthería, durch Wehrhaftigkeit, allgemeine Wehrpflicht und Selbstausrüstung.
- Wirtschaftliche Selbstständigkeit der Bürgerhaushalte, Autarkia, durch den Besitz einer landwirtschaftlich nutzbaren Parzelle, des Kléros. Die antike Gesellschaft war eine Agrargesellschaft; mehr als zwei Drittel der Bevölkerung arbeiteten auf dem Land. Die bäuerlichen Familien betrieben vor allem Subsistenzproduktion, also die Erzeugung für den eigenen Bedarf. Märkte hatten deshalb meist nur eine begrenzte Funktion.
- Öffentliche Gebäude, ein zentraler Versammlungsplatz, die Agora, ein eigener Kalender, eigene Feste und Heiligtümer, eigene Münzen sowie ein eigenes Heer und teilweise eine Flotte.
Die meisten Poleis waren kleine und überschaubare Gemeinden. Platon nahm eine Idealzahl von 5040 Bürgern als Grundbesitzer und Verteidiger ihres Landes an. Für die klassische Zeit werden ungefähr 700 Poleis mit einer Durchschnittsgröße von 50 bis 100 km² und meist 2000 bis 4000 Einwohnern geschätzt. Argos umfasste dagegen etwa 1.400 km². Aus klassischer Zeit sind 626 Stadtstaaten durch Münzen, literarische Quellen und Tributlisten bekannt. Athen und Sparta prägen das heutige Bild besonders stark, obwohl sie politisch und gesellschaftlich sehr verschieden waren. Im Hellenismus nahm die Zahl der Poleis stark zu; Städte wie Antiochia oder Alexandria konnten mehrere hunderttausend Einwohner haben, blieben aber Ausnahmen.
Die Bürger waren durch Phylen („Stämme“) und Phratrien („Bruderschaften“) gegliedert. Die Phylen waren wichtige Einheiten der politischen, militärischen, religiösen und kulturellen Organisation. Ihre meist erbliche Zugehörigkeit war gewöhnlich Voraussetzung für das Vollbürgerrecht. Phylen und Phratrien regelten unter anderem die Verteilung von Ämtern, Verwaltungsaufgaben und Militärdienst und ergänzten dadurch die zentralen Behörden.
In Athen ersetzte Kleisthenes 508/507 v. Chr. die vier alten, personenverbandlich gegliederten Phylen durch zehn neue lokale Phylen. Diese bestanden aus je drei lokalen Trittyen („Dritteln“) aus den Distrikten Stadtgebiet, Binnenland und Küstengebiete. Die Demen („Ortsgemeinden“) wurden zu kleinsten kommunalen Einheiten. Sie führten Personenstandsregister sowie Wehr- und Bürgerlisten, besaßen eine Gemeindeversammlung und wurden von einem jährlich gewählten Bürgermeister geleitet. Die alten Phratrien und Phylen blieben vor allem für religiöse Aufgaben bestehen; die Mitgliedschaft in der Phratrie blieb Voraussetzung für die Aufnahme in die Bürgerschaft.
Soziale Gruppen und Bürgerrecht
Zur Bevölkerung einer Polis gehörten Bürger, Frauen und Kinder, Metöken beziehungsweise xenoi, Periöken und Sklaven. Als vollberechtigte Mitglieder des Personenverbands galten jedoch nur volljährige männliche Bürger, die Politen. Frauen, Kinder, ortsansässige Fremde, vorübergehende Besucher und Unfreie waren von der vollständigen politischen Selbstverwaltung ausgeschlossen.
Metöken waren dauerhaft ansässige freie Fremde ohne lokales Bürgerrecht. Sie durften keinen Grundbesitz erwerben und mussten eine Kopfsteuer, das Metoíkion, bezahlen: 1 Drachme für einen erwachsenen Mann und eine halbe Drachme für eine unabhängige erwachsene Frau. Wohlhabende Metöken mussten außerdem als Hopliten Militärdienst leisten. Zu Beginn des Peloponnesischen Krieges stellten sie bei einer Invasion in das Gebiet von Megara 3.000 Hopliten. Da sie meist kein Land besitzen durften, arbeiteten viele im Handwerk, Handel oder Geldverleih. Um 313 v. Chr. gab es in Athen angeblich 10.000 registrierte Metöken und 21.000 Politen; diese Angaben beziehen sich auf eine Zeit, in der die Zahl der Vollbürger zuvor stark gesunken war. Ein Jahrhundert später war der Anteil der Metöken an der freien Bevölkerung möglicherweise noch höher. Ihre Existenz ist in etwa 70 Städten der klassischen und hellenistischen Zeit bezeugt.
Nach der besonders einflussreichen Theorie des Aristoteles wurde man nicht allein durch den Wohnort zum Bürger. Bürger war, wer an Herrschaft und Rechtsprechung teilnehmen konnte. Nur dieser konnte ein Bíos politikós, ein „bürgerliches Leben“, führen, das als Ausdruck der Eleuthería, der Freiheit, galt. Aristoteles verstand unter dem freien Bürger den vom Erwerb des Lebensnotwendigen freien Mann, der über ein Haus gebot. Dieser antike Bürgerbegriff prägte die spätere Entwicklung des europäischen Bürgerbegriffs.
Frauen galten in den meisten Poleis zwar als Bürgerinnen, durften aber nicht wählen oder Staatsämter bekleiden. In Athen standen sie meist lebenslang unter der Vormundschaft ihres Mannes oder, wenn dieser abwesend oder verstorben war, ihres Vaters oder ältesten Bruders. Sie waren nicht testierfähig und besaßen nur selten Eigentum. In Sparta waren Frauen deutlich besser gestellt als in Athen. Innerhalb des Oikos, der Verwaltung des Hauswesens, und bei der Kindererziehung konnten Frauen jedoch auch in Athen Bedeutung und Ansehen erlangen. Platon forderte um 350 v. Chr. in den Nomoi grundsätzlich gleiche Rechte für Frauen, einschließlich der Teilnahme an der Ausbildung der Epheben und an Symposien. Seine Vorschläge änderten die tatsächliche Stellung der athenischen Frauen nicht grundlegend. Seit Perikles musste jeder athenische Vollbürger nachweisen, dass beide Eltern das Bürgerrecht besessen hatten; dadurch wurde der Status der Mutter wichtiger.
Sklaven, Stadtbild und Beispiele
Sklaven bildeten die unterste soziale Gruppe. Sie wurden meist durch Kriegsgefangenschaft oder Schuldknechtschaft unfrei und galten als Sacheigentum ihrer Herren. Sie besaßen keinerlei Rechte. In manchen Poleis waren sie für die Wirtschaft von zentraler Bedeutung und ermöglichten den Vollbürgern die zeitaufwändige politische Teilnahme sowie die Abwesenheit von der Hauswirtschaft während Kriegszügen. Die attischen Sklaven in den Silberbergwerken von Laurion arbeiteten unter vernichtenden Bedingungen. Ihre Arbeitsleistung trug wesentlich dazu bei, das Flottenbauprogramm des Themistokles von 483 v. Chr. zu finanzieren. Freilassungen waren selten; freigelassene Sklaven erhielten den Status von Metöken.
Das Stadtbild wurde vor allem durch die Agora geprägt. Sie war Mittelpunkt des sozialen, kulturellen und wirtschaftlichen Lebens. Stadtmauern waren je nach Lage und Bedeutung der Polis unterschiedlich stark befestigt. Durch die griechische Kolonisation gelangte dieser Stadttyp unter anderem nach Ägypten, an das Schwarze Meer, nach Sizilien, Italien und Südfrankreich. Viele neue Kolonien besaßen ab 450 v. Chr. einen streng rechteckigen Straßenplan. Dieses als Hippodamisches Schema bezeichnete Raster wird nach dem griechischen Baumeister Hippodamos benannt; besonders bekannt ist seine Anwendung in Milet.
Zu den im Artikel genannten antiken Poleis gehören Argos, Athen, Delphi, Korinth, Kyrene, Massilia, Rhodos, Sikyon, Sparta, Syrakus, Thasos, Theben, Milet und Ephesos.
Im Osten des Römischen Reiches blieben viele Poleis bis in die Spätantike wirtschaftlich und administrativ bedeutsam. Im 6. Jahrhundert scheiterten unter Kaiser Justinian letzte Versuche, die Stellung der Städte zu stärken. Während des Übergangs vom Oströmischen zum Byzantinischen Reich wandelten sich viele Städte schließlich in befestigte, oft sehr kleine Kastrons, eine typische byzantinische Form der Festungsstadt.
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