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Württemberg zur Zeit des Nationalsozialismus
Nationalsozialismus Landesgeschichte 1933 bis 1945. Abitur. 1936 wurden die bisherigen Lehrerbildungsanstalten aufgehoben. Paul Sauer: Wilhelm Murr. Hitlers
Inhalt6 Abschnitte
Stellung Württembergs im NS-Staat
Württemberg war von 1933 bis 1945 faktisch eine Provinz des zentralistisch organisierten Deutschen Reichs. Der frühere Volksstaat verlor durch die Gleichschaltung seine Hoheitsrechte, seine Grenzen blieben jedoch unverändert. Staatsrechtlich wurde Württemberg trotz des NSDAP-Parteigaus Württemberg-Hohenzollern nicht mit den Hohenzollerischen Landen vereinigt.
1933 hatte Württemberg 2.696.324 Einwohner auf 19.508 km²; Hauptstadt war Stuttgart. Reichsstatthalter Wilhelm Murr war der maßgebliche Machthaber, Christian Mergenthaler formeller Regierungschef. Nach der Besetzung im April 1945 wurde der Norden Teil von Württemberg-Baden in der amerikanischen Zone, der Süden Teil von Württemberg-Hohenzollern in der französischen Zone. Beide Länder gingen 1952 in Baden-Württemberg auf.
Aufstieg und Durchsetzung der Diktatur
Die NSDAP war in Württemberg zunächst vergleichsweise schwach. Bei der Reichstagswahl 1930 erhielt sie dort 9,38 %, im Reich dagegen 18,33 %. Gründe waren unter anderem niedrigere Arbeitslosigkeit und Wohnungsnot als im Reich oder in Baden, eine starke linksliberale Tradition, der Pietismus, die Bindung protestantischer Landbewohner an den Württembergischen Bauern- und Weingärtnerbund sowie die Treue katholischer Wähler zum Zentrum. Mit der Weltwirtschaftskrise wuchs die Partei jedoch stark: Bei der Landtagswahl vom 24. April 1932 erreichte sie 26,4 %, bei der Reichstagswahl vom 5. März 1933 42,0 %.
Nach Hitlers Ernennung zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 begleiteten Straßenterror und Einschränkungen der Presse- und Versammlungsfreiheit den Wahlkampf. Am 8. März wurde Dietrich von Jagow Reichskommissar und ließ vor allem Kommunisten verhaften. Der Landtag wählte Murr am 15. März mit Stimmen der Bürgerpartei und des Bauern- und Weingärtnerbunds zum Staatspräsidenten. Ermächtigungsgesetz, Gleichschaltungsgesetze und das Gesetz über den Neuaufbau des Reichs beseitigten die Demokratie und die Eigenständigkeit des Landes. Murr wurde Reichsstatthalter; Mergenthalers Landesregierung war ihm unterstellt.
Die NSDAP-Gauleitung übernahm zunehmend staatliche Aufgaben. Kommunale Selbstverwaltung wurde schrittweise abgeschafft: Ende 1934 waren Gemeinderäte weitgehend nationalsozialistisch dominiert, ab 1935 wurden Bürgermeister ernannt und Gemeinderäte ohne Wahl bestellt. Etwa drei Viertel der 1.875 Bürgermeister blieben anfangs im Amt, doch in den großen Städten ersetzte das Regime die Oberbürgermeister durch eigene Leute. Polizei und Justiz wurden zu Herrschaftsinstrumenten: Die Gestapo-Leitstelle Stuttgart verfolgte politische und kriminalpolizeiliche Fälle, das Sondergericht Stuttgart urteilte seit 25. März 1933 ohne Berufungsmöglichkeit über angebliche politische Verbrechen.
Verfolgung und Terror
Das Regime verfolgte politische Gegner und Gruppen, die es rassistisch oder sozial ausgrenzte. Im März 1933 wurden allein über 500 KPD-Mitglieder aus Württemberg festgenommen. Im KZ Heuberg, das vom 20. März bis Dezember 1933 bestand, waren zeitweise politische Gefangene aus Baden und Württemberg inhaftiert; später folgte das KZ Oberer Kuhberg in Ulm. Das Polizeigefängnis Welzheim bestand ab 1935. Widerstand war lebensgefährlich; bekannt sind etwa Georg Elsers gescheiterter Anschlag vom 8. November 1939 sowie Beteiligte aus Württemberg am Attentat vom 20. Juli 1944.
Jüdinnen und Juden wurden ab 1933 durch Berufsverbote, Entrechtung, Vermögensentzug und Gewalt verfolgt. Von etwa 10.000 Juden um 1930 lebten am 1. Oktober 1938 noch 7.046 in Württemberg, am 17. Mai 1939 noch 4.377. In den Novemberpogromen 1938 wurden zwölf Synagogen vollständig niedergebrannt; 13 Juden starben, 878 Menschen wurden nach Welzheim und Dachau verschleppt. Von Dezember 1941 bis Februar 1945 deportierte das Regime in zwölf Zügen etwa 2.500 Juden aus Württemberg und Hohenzollern nach Osteuropa. Nur wenige überlebten; ungefähr 180 kehrten nach Kriegsende zurück.
Mindestens 11.814 Menschen wurden von 1934 bis 1944 zwangssterilisiert. In der Tötungsanstalt Grafeneck ermordeten Horst Schumann und Ernst Baumhard von Januar bis Dezember 1940 rund 10.000 behinderte Menschen mit Kohlenstoffmonoxid. Sinti und Roma wurden als „Zigeuner“ und kollektiv als „asozial“ verfolgt: Im Mai 1940 deportierte das Regime etwa 490 Menschen aus Südwestdeutschland über Asperg nach Osteuropa. Von 39 1944 aus der St. Josefspflege Mulfingen nach Auschwitz deportierten Kindern überlebten vier. Auch als „Asoziale“ bezeichnete Menschen, Zeugen Jehovas, Homosexuelle und weitere Betroffene wurden verfolgt.
Ab 1944 entstanden zahlreiche KZ-Außenlager, meist mit Häftlingen aus Natzweiler-Struthof. Sie dienten der Rüstungsarbeit und der „Vernichtung durch Arbeit“. Im Unternehmen Wüste mussten etwa 15.000 Häftlinge in sieben Lagern Ölschiefer gewinnen; mehr als 3.480 Menschen starben. Im Außenlager Hailfingen starben etwa 350 von 600 überwiegend jüdischen Häftlingen.
Kirchen, Bildung, Medien und Kultur
Evangelische und katholische Kirchen gerieten trotz anfänglicher Hoffnungen vieler Gläubiger auf Hitler in Konflikt mit dem Regime. Die evangelische Landeskirche blieb unter Landesbischof Theophil Wurm eine „intakte“ Landeskirche und schloss sich der Bekennenden Kirche an. Das Regime setzte Wurm im Oktober 1934 zeitweise ab und unter Hausarrest; öffentliche Solidarität bewirkte seine Wiedereinsetzung. Wurm protestierte 1940 gegen die Morde in Grafeneck und 1943 schriftlich gegen die Judendeportationen und den Holocaust, rief dies aber nicht öffentlich von der Kanzel aus. Die katholische Diözese Rottenburg wurde ebenfalls bedrängt. Bischof Joannes Baptista Sproll verweigerte 1938 die Teilnahme an der Abstimmung über den Anschluss Österreichs und wurde aus Württemberg-Hohenzollern ausgewiesen.
Das Bildungssystem sollte die Jugend nationalsozialistisch erziehen. Lehrkräfte wurden im NS-Lehrerbund organisiert, konfessionelle Volksschulen 1936 durch die einheitliche deutsche Volksschule ersetzt, und die Schulpflicht stieg zum Schuljahr 1939/40 von sieben auf acht Jahre. Neue Schultypen waren Nationalpolitische Erziehungsanstalten in Backnang und Rottweil sowie Aufbauschulen. An Hochschulen wurden jüdische und politisch missliebige Lehrende entlassen, Studienplätze begrenzt und der Anteil weiblicher Studierender ab 1934 auf höchstens 10 % festgesetzt. An der Universität Tübingen waren 1945 nur 31 von 160 Professoren und Lehrbeauftragten nicht NSDAP-Mitglieder.
Presse, Rundfunk und Kinos dienten der Propaganda. 1937 waren 65 von 150 Zeitungen im Besitz der NSDAP; ihr Anteil an der Gesamtauflage lag bei 75 %. Der Reichssender Stuttgart verlor im Krieg seine Eigenständigkeit. Kulturpolitik richtete sich gegen als „entartet“ bezeichnete Kunst. Aus der Staatsgalerie Stuttgart entfernte das Regime 54 Gemälde und 355 Zeichnungen; Künstler wie Oskar Schlemmer, Willi Baumeister und Ida Kerkovius erhielten Berufsverbot.
Wirtschaft, Alltag und Krieg
Die Arbeitslosigkeit sank von 133.604 Personen beziehungsweise 23,0 % im Januar 1933 auf 1.145 beziehungsweise 0,15 % im Juli 1938. Dazu trugen die allgemeine wirtschaftliche Erholung, Arbeitsbeschaffung, Einschränkungen der weiblichen Berufstätigkeit, Wehrpflicht, Reichsarbeitsdienst und vor allem Aufrüstung bei. Vollbeschäftigung wurde 1937 erreicht, doch das Lohnniveau blieb 1933 bis 1939 unter dem von 1929. Der Aufschwung beruhte auch auf hoher, verdeckter Staatsverschuldung und war auf Eroberung und Ausplünderung anderer Länder ausgerichtet.
Württemberg war stark industrialisiert und auf spezialisierte Erzeugnisse ausgerichtet. 1939 arbeiteten 121.916 Menschen im Maschinen-, Stahl- und Fahrzeugbau und 100.853 in der Elektrotechnik. Rüstungsaufträge begünstigten etwa Daimler-Benz, Dornier, Mauser und weitere Betriebe. Zivile Produktion wurde vielfach auf Waffen und Munition umgestellt. Landwirtschaft und Industrie setzten im Krieg Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter ein; bei Daimler-Benz waren 1943 knapp die Hälfte von 67.905 Beschäftigten Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter.
Viele Menschen passten sich an oder unterstützten das Regime, solange sie dessen Erwartungen erfüllten. Massenfeiern, Hitlerjugend, Bund Deutscher Mädel und „Kraft durch Freude“ prägten den Alltag. Außenpolitische Erfolge, besonders der Anschluss Österreichs 1938 und der Sieg über Frankreich 1940, steigerten die Zustimmung. Zugleich nahmen Rüstung, Sammlungen, Arbeitsdruck und Einschränkungen zu. Schon vor dem Krieg waren in der Rüstungsindustrie 60-Stunden-Wochen üblich; im März 1944 wurden in der Luftfahrtindustrie 72-Stunden-Wochen gefordert.
Der Krieg brachte Mangel, Schwarzhandel, Zwangsarbeit und schließlich Zerstörung. Ab 1943 traf der Luftkrieg große Städte. In Stuttgart starben bei 53 Luftangriffen etwa 4.560 Menschen; Heilbronn verlor beim Angriff vom 4. Dezember 1944 allein 6.530 Menschen. Die industrielle Produktion kam Anfang 1945 fast völlig zum Stillstand. Insgesamt fielen 141.508 Soldaten aus Württemberg, 18.419 Zivilisten starben durch Kriegshandlungen.
Besetzung und Ende Württembergs
Im April 1945 besetzten US-amerikanische und französische Truppen Württemberg. Die Wehrmacht leistete entlang der Neckar-Enz-Linie noch militärisch aussichtslosen Widerstand. In Nordwürttemberg starben dabei 2.170 Zivilisten, etwa 2.000 deutsche und rund 700 amerikanische Soldaten; 200 Städte und Dörfer wurden beschädigt. NS-Funktionäre bedrohten Menschen, die sich ergeben wollten, mit Gewalt. In Brettheim wurden am 10. April 1945 drei Bürger hingerichtet, weil sie Hitlerjungen vom sinnlosen Widerstand abhalten wollten.
Die US-Armee nahm unter anderem Heilbronn am 12. April, Esslingen am 22. April und Ulm am 24. April ein. Französische Truppen besetzten Tübingen, Rottenburg und Horb am 19. April, Stuttgart und Ludwigsburg am 22. April sowie Friedrichshafen am 27. April. In den ersten Besatzungstagen kam es durch Teile der französischen Truppen zu Plünderungen und Vergewaltigungen; auch Geiselerschießungen, etwa in Reutlingen, werden genannt.
Der Krieg hinterließ schwere Gebäudeschäden: In Stuttgart waren 34,6 % der Wohnungen zerstört, in Heilbronn 57,5 %, in Ulm 43,1 % und in Crailsheim 66 %. Zerstörte Verkehrswege erschwerten die Rückkehr von Evakuierten, Flüchtlingen, Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern. Damit endete Württemberg in seinen seit dem Wiener Kongress 1814 bis 1815 bestätigten Grenzen.