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Von guten Mächten treu und still umgeben
Von guten Mächten treu und still umgeben ist ein geistliches Gedicht des evangelischen Theologen und NS-Widerstandskämpfers Dietrich Bonhoeffer.
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Kernbedeutung
„Von guten Mächten treu und still umgeben“ ist ein geistliches Gedicht des evangelischen Theologen und NS-Widerstandskämpfers Dietrich Bonhoeffer. Er schrieb es im Dezember 1944 während der Gestapo-Haft. Es ist sein letzter erhaltener theologischer Text vor seiner Hinrichtung am 9. April 1945.
Heute ist der Text vor allem als Kirchenlied bekannt. Besonders die letzte Strophe, die mit „Von guten Mächten wunderbar geborgen“ beginnt, wird auch unabhängig vom ganzen Lied verwendet, etwa auf Grußkarten, Kerzen, Frömmigkeitsgegenständen und als Grabspruch. Die zentrale Aussage ist ein Vertrauen darauf, dass Gott Menschen in Angst, Leid und ungewisser Zukunft schützend und tröstend umgibt.
Entstehung in der Haft
Bonhoeffer war seit dem 5. April 1943 als bekannter Gegner des NS-Regimes in verschiedenen Gefängnissen inhaftiert. Im Sommer 1944, in der Zeit um das Attentat vom 20. Juli, begann er auch Gedichte zu schreiben. Am 8. Oktober 1944 wurde er in das Kellergefängnis des Reichssicherheitshauptamts in Berlin, Prinz-Albrecht-Straße 8, verlegt.
Von dort schrieb Bonhoeffer am 19. Dezember 1944 an seine Verlobte Maria von Wedemeyer. Dem Brief legte er „ein paar Verse, die mir in den letzten Abenden einfielen“, als „Weihnachtsgruß für Dich und die Eltern und Geschwister“ bei. Das Gedicht bezog sich auf seine eigene Lage, denn er musste mit seiner Hinrichtung rechnen, und auf die Lage seiner Familie während NS-Herrschaft und Krieg: Sein Bruder Klaus sowie seine Schwäger Hans von Dohnanyi und Rüdiger Schleicher waren inhaftiert, sein Bruder Walter war gefallen, und seine Zwillingsschwester Sabine lebte mit ihrem jüdischen Mann Gerhard Leibholz im Ausland.
Der Brief erklärt auch die Haltung des Gedichts. Bonhoeffer schrieb, er habe sich „noch keinen Augenblick allein und verlassen gefühlt“. Gebete, Gedanken, Bibelworte, Gespräche, Musikstücke und Bücher bekämen in der Einsamkeit neue Wirklichkeit. Die „guten unsichtbaren Mächte“ werden dadurch als Bild für Gottes Bewahrung verständlich. Obwohl Bonhoeffer den Text als Weihnachtsgruß bezeichnete, spricht das Gedicht nicht von der Geburt Jesu, sondern blickt auf die Jahreswende und eine ungewisse Zukunft.
Aufbau und Textaussage
Das Gedicht besteht aus sieben Strophen. Im Autograph, also in Bonhoeffers eigenhändiger Niederschrift, sind sie wie bei einem Gesangbuchlied nummeriert. Jede Strophe hat vier Zeilen. Das Versmaß besteht aus fünfhebigen jambischen Zeilen; die Reime wechseln zwischen weiblicher und männlicher Endung. Eine damals übliche Kirchenliedmelodie passte nicht direkt zu diesem Versmaß.
Der Anfang ist sehr persönlich: „so will ich diese Tage mit euch leben“. Erst im Verlauf der zweiten Strophe wird daraus ein gemeinsames Gebet mit „wir“ und „uns“. Für den Gemeindegesang ist dieser persönliche Beginn ungewöhnlich. Trotzdem eignet sich der ganze Text als gemeinsames Bekenntnis, weil Bonhoeffers persönliche Erfahrung von Leid und Trost in eine allgemeinere Vertrauensaussage mündet.
Inhaltlich verbindet das Gedicht mehrere Grundgedanken: Die Gegenwart ist von Angst, Schuld, Leid und Dunkelheit geprägt; zugleich bittet der Text um Heil, Licht, Zusammenführung und Trost. Auch schweres Leid wird als „Kelch“ beschrieben, den die Menschen aus Gottes „guter und geliebter Hand“ annehmen. Die letzte Strophe fasst die Hoffnung zusammen: „Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist bei uns am Abend und am Morgen und ganz gewiß an jedem neuen Tag.“
Überlieferung des Textes
Bonhoeffers Briefe an Maria von Wedemeyer waren ursprünglich nicht zur Veröffentlichung bestimmt. Wahrscheinlich fertigte Maria von Wedemeyer noch zu Weihnachten 1944 eine Abschrift des Gedichts für Bonhoeffers Eltern und den weiteren Familienkreis an. Auf dieser Grundlage entstand eine hektografierte maschinenschriftliche Abschrift.
Erstmals veröffentlicht wurde das Gedicht 1945 in Genf in der ökumenischen Gedenkschrift „Dietrich Bonhoeffer: Das Zeugnis eines Boten“. Eine größere Öffentlichkeit erreichte es durch Eberhard Bethges Briefsammlung „Widerstand und Ergebung“ von 1951. Diese Fassung galt bis in die 1980er Jahre als authentisch, weicht aber an vier Stellen vom Original ab.
Erst 1988 wurde Bonhoeffers Originalbrief öffentlich zugänglich. Er wurde zur Grundlage der kritischen Edition „Dietrich Bonhoeffer Werke“, Band 8, von 1998. Seit dem Evangelischen Gesangbuch von 1993 enthalten die meisten Liederbücher die Fassung nach dem Autograph.
Melodien und Übersetzungen
Das Gedicht wurde bald in andere Sprachen übertragen. Eine englische Fassung von Geoffrey Winthrop Young, „With every power for good to stay and guide me“, erschien bereits 1946 und wurde 1949 in Bonhoeffers Buch „Nachfolge“ in einem einführenden Nachruf seines Schwagers Gerhard Leibholz aufgenommen. Eine weitere englische Übertragung schuf Fred Pratt Green 1974, allerdings unter Weglassung zweier Strophen. Weitere Übertragungen gibt es unter anderem ins Französische durch Yves Kéler 1994, ins Niederländische im „Liedboek voor de Kerken“, ins Tschechische durch Dagmar Pokorná und Petr Pokorný sowie ins Finnische und Schwedische.
Der Text wurde laut GEMA-Werkdatenbank bis September 2017 von mehr als 70 Komponisten vertont. Beispiele sind Otto Abel 1959, Joseph Gelineau 1971 und Kurt Grahl 1976. Mit der Melodie von Otto Abel steht das Lied im Evangelischen Gesangbuch unter Nummer 65, im Evangelisch-Lutherischen Kirchengesangbuch der SELK unter Nummer 379 und im Mennonitischen Gesangbuch unter Nummer 272. Die Liturgische Konferenz zählt es in Abels Vertonung zu den 33 Kernliedern im Evangelischen Gesangbuch.
Sehr bekannt ist auch die Melodie von Siegfried Fietz aus dem Jahr 1970, die als die populärste gelten kann. Sie wurde in einzelne Regionalausgaben des Evangelischen Gesangbuchs und in freikirchliche Gesangbücher aufgenommen, aber nicht in die Stammteile der großen Kirchengesangbücher. Jürgen Henkys sieht den Grund weniger in ihrer Nähe zur Popularmusik als darin, dass sie Bonhoeffers Zielaussage als Kehrvers verwendet und dadurch die theologisch-poetische Dynamik störe. Im katholischen „Gotteslob“ steht das Lied mit der Melodie von Kurt Grahl als Nr. 430; einige Diözesanteile enthalten zusätzlich die Fietz-Melodie.
Bedeutung heute
Das Lied gehört bis heute zu den bekanntesten und beliebtesten Kirchenliedern im deutschsprachigen Raum. Bei der Umfrage „Schick uns dein Lied“, die die Evangelische Kirche in Deutschland 2021 im Zusammenhang mit der Überarbeitung des Evangelischen Gesangbuchs durchführte, nahmen 10.000 Menschen teil. „Von guten Mächten treu und still umgeben“ wurde dabei vor „Geh aus, mein Herz, und suche Freud“ und „Großer Gott, wir loben dich“ zum beliebtesten Kirchenlied gewählt.