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Jambus
Nach Gottfried August Bürger ist der Jambus „das einzige, wahre, echte, natürliche, heroische Metrum unserer Sprache“, ein kerndeutscher Versfuß also …
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Grundidee und Definition
Der Jambus ist ein Versfuß, also eine kleinste rhythmische Einheit im Vers. In der quantitierenden antiken Verslehre besteht er aus zwei Verselementen: Auf ein Breve, also ein kurzes oder leichtes Element, folgt ein Longum, also ein langes oder schweres Element. Das Schema lautet ◡—. Das metrische Gegenstück ist der Trochäus mit dem Schema —◡.
In der akzentuierenden Metrik moderner Sprachen wie des Deutschen wird der Jambus nicht über kurze und lange Silben bestimmt, sondern über Betonung. Er ist dort ein Zweisilbler aus einer unbetonten und einer betonten Silbe. Das Schema ist ebenfalls ◡—, in Heuslerscher Notation xx́. Beispiele für jambische Wortfüße im Deutschen sind „Verstand“, „Ersatz“ und „genau“.
Herkunft und traditionelle Bedeutung
Der Name wird der Tradition nach von Iambe hergeleitet, einer Gestalt der griechischen Mythologie. Iambe ist eine Dienerin im Haus des Königs von Eleusis. Dort kehrt Demeter ein, die um ihre entführte Tochter Persephone trauert. Iambe bringt die Göttin durch derbe Scherze wieder zum Lachen.
Darum ist der Jambus traditionell mit Scherz- und Spottgedichten verbunden. Im Griechischen bezeichnete Iambos auch ein Gedicht in Jamben. Wegen der Verbindung zu den Scherzen der mythischen Iambe und wegen der Verwendung des Jambus für Schmäh- und Spottgedichte, besonders bei Archilochos, konnte Iambos auch allgemein „Spottgedicht“ bedeuten. Aus obszönen Spottgedichten im Dionysos- und Demeterkult sowie aus den Invektiven des Archilochos und seiner Nachfolger entstand die Gattung der Iambik; ihre Vertreter heißen Iambiker oder Iambographen.
Realisierung in Antike und Moderne
In der antiken Dichtung erscheint der Jambus nicht nur in der einfachen Form ◡—. Er hat an erster Stelle ein Anceps, also eine metrisch freie Stelle. Das Schema lautet ×—. Dadurch kann er als ◡—, spondeisch als —— oder als Anapäst ◡◡— realisiert werden.
Für den antiken Jambus gilt außerdem Dipodie. Das bedeutet: Das Metron, also das Grundelement, in dem der Jambus in der antiken Metrik erscheint, besteht aus zwei Versfüßen. Sein Schema ist ×—◡—.
In der akzentuierenden Metrik moderner Sprachen wie des Deutschen fehlt diese Ambivalenz. Der Jambus wird regelmäßig als ◡— gebildet: Er besteht immer aus zwei Silben, die erste unbetont, die zweite betont.
Jambische Versmaße
In der antiken Metrik gibt es verschiedene jambische Versmaße. Dazu gehören unter anderem die jambische Dipodie beziehungsweise der jambische Monometer, der jambische Quaternar, der jambische Dimeter, der jambische Senar, der jambische Trimeter, der hipponakteische Trimeter, auch Choljambus, Hinkjambus oder Skazon genannt, sowie jambischer Septenar und jambischer Oktonar.
Eine häufige Epodenform verbindet einen jambischen Trimeter mit einem Dimeter. Diese Distichonform wurde zum Beispiel von Rudolf Borchardt in seinem Gedicht „Nomina Odiosa“ von 1935 verwendet.
In modernen akzentuierenden Verssystemen, etwa im Deutschen, werden jambische Versmaße einfacher bestimmt: Entscheidend ist meist die Zahl der Hebungen, also der betonten Stellen. Man spricht daher zum Beispiel von jambischem Vierheber oder jambischem Fünfheber.
Jambus im Deutschen
Jambische Versmaße sind in der deutschen Dichtung beliebt. Ein Grund ist, dass viele zweisilbige Wörter selbst jambische Wortfüße bilden. Außerdem lassen sich mit einem einsilbigen, meist unbetonten Proklitikon, zum Beispiel einem Artikel, leicht jambische Rhythmen bilden: etwa „das Haus“ oder „der Vater“.
Wichtige deutsche jambische Versmaße sind der jambische Dreiheber, Vierheber, Fünfheber und Sechsheber. Ein Dreiheber hat das Schema ◡—ˌ◡—ˌ◡—; als Beispiel nennt der Artikel Verse aus Matthias Claudius’ „Abendlied“: „Der Mond ist aufgegangen, / Die goldnen Sternlein prangen / Am Himmel hell und klar“.
Ein jambischer Vierheber hat das Schema ◡—ˌ◡—ˌ◡—ˌ◡—. Ein Beispiel aus Goethes „Wilhelm Meister“ lautet: „Wer nie sein Brot mit Tränen aß“.
Ein besonders wichtiges Maß ist der jambische Fünfheber. Der Blankvers ist ein ungereimter jambischer Fünfheber und in der deutschen Bühnendichtung, besonders in der Klassik, beliebt. Ein Beispiel aus Lessings „Nathan der Weise“ lautet: „Es eifre jeder seiner unbestochnen, / Von Vorurteilen freien Liebe nach!“ Daneben gibt es den gereimten Fünfheber mit 10 beziehungsweise 11 Silben als Nachbildung des französischen Vers commun mit Zäsur nach der vierten Silbe. Auch der Endecasillabo wird erwähnt: Er ist die italienische Entsprechung des französischen Vers commun, mit festem Hauptton auf der 10. Silbe und beweglichem Hauptton vor der Zäsur nach der 4. oder 6. Silbe.
Der jambische Sechsheber erscheint als Alexandriner. Er ist ein gereimter jambischer Sechsheber mit 12 oder 13 Silben, je nach Versschluss, und einer Zäsur nach der sechsten Silbe. Als Beispiel nennt der Artikel die ersten beiden Verse von Andreas Gryphius’ Sonett „Menschliches Elende“. Außerdem können deutsche Gedichte Strophen aus jambischen Versen unterschiedlicher Länge bauen, etwa Theodor Storms „Die Stadt“, wo jambische Vier- und Dreiheber wechseln.
Einordnung im Deutschen
Die Stellung des Jambus im Deutschen ist nicht ganz eindeutig. In Heuslerscher Schreibweise kann ein jambischer Vierheber als Folge trochäischer Takte mit Auftakt und unvollständigem letztem Takt erscheinen: x | x́x | x́x | x́x | x́. Deshalb ist bei einer Folge von Wörtern nicht immer eindeutig zu entscheiden, ob der Rhythmus jambisch oder trochäisch ist.
Ein hyperkatalektischer Vers, also ein Vers mit zusätzlicher unbetonter Silbe am Ende, kann statt jambisch auch als akephal trochäisch aufgefasst werden, also als trochäischer Vers ohne vollständigen Anfang. Aus solchen Beobachtungen entstanden verschiedene Deutungen. Ivo Braak schlug vor, den Jambus im Deutschen wegen seiner steigenden Bewegung besser „Steiger“ zu nennen. Gerhard Storz beschrieb ihn als proklitisch, etwa nach dem Muster „das Haus“ oder „Gestalt“, im Gegensatz zum enklitischen Trochäus.
Die Bewertungen des Jambus widersprechen sich. Wolfgang Kayser sah ihn als ausgeglichener, schmiegsamer, weicher und gleitender als den Trochäus. Philipp von Zesen hielt ihn 1641 eher für ernsthafte Lieder und Gedichte geeignet, Enoch Hanmann 1645 eher für fröhliche als für traurige Sachen. Gottfried August Bürger nannte ihn „das einzige, wahre, echte, natürliche, heroische Metrum unserer Sprache“, obwohl die deutsche Sprache eigentlich mehr natürliche Trochäen als Jamben bietet.
Andreas Heusler hielt den Jambus dem Deutschen nicht für angemessen und lehnte ihn wohl auch ab, weil der Auftakt sein Taktschema störte. Dagegen lässt sich einwenden, dass die häufige Nichtübereinstimmung von Wort- und Versfußgrenzen ein nützliches Spannungsverhältnis erzeugt. Dadurch wird die Gefahr des „Klapperns“ vermindert, das entstehen kann, wenn Wort- und Versfußgrenzen zu oft zusammenfallen. Heinrich Heine formulierte in einem Brief an Immermann entsprechend, es sei nicht wünschbar, „daß die Wörter und die Versfüße immer zusammenklappen“.