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Vogesisch
Diphthonge ; [ ej], -éy, -éye, lè guéye = la quille (Kegel) ; [ aj], -aye, -ail, -aille, l'onaye = l'année (Jahr) ; [ ɒj], -aye, -ail, -aille, wie [aj] …
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Einordnung und Verbreitung
Vogesisch ist eine romanische Sprache beziehungsweise Mundartengruppe im galloromanischen Bereich. Sie gehört zur Region Lothringen und wird üblicherweise dem Lothringischen zugerechnet. In der Sprachklassifikation steht sie innerhalb der indogermanischen, italischen, romanischen und galloromanischen Sprachen; die angegebenen ISO-Codes beziehen sich auf Französisch: ISO 639-1 fr, ISO 639-2 fre/fra, ISO 639-3 fra. Die Zahl der Sprecher ist unbekannt.
Das Verbreitungsgebiet liegt vor allem im Osten des Départements Vosges. Dazu kommen Teile der benachbarten Départements Moselle und Meurthe-et-Moselle sowie einige elsässische Täler jenseits der Kammlinie der Vogesen, wo die Sprache „Welsch“ genannt wird. Auch im Breusch-Tal bei Schirmeck-Saales im Département Bas-Rhin wird Vogesisch gesprochen; dieses Gebiet gehörte vor der deutschen Annexion 1870 zum Département Vosges.
Die Grenzen der vogesischen Variante des Lothringischen folgen ungefähr natürlichen Trennlinien: im Osten den hohen Gipfeln der Vogesen, im Westen stark bewaldeten und meist wenig fruchtbaren Gegenden um 500 m Höhe. Das Vogesenmassiv ist bikulturell und bildet über weite Strecken die Sprachgrenze zwischen romanischem und deutschem Sprachraum. Der Einfluss deutsch-elsässischer Dialekte auf das Romanische ist deutlich. Wichtig ist die Unterscheidung zwischen „Lothringisch“ als galloromanischer Mundartengruppe und „Fränkisch“ als staatlich anerkanntem Begriff für eine deutsche Mundart an der deutschen und luxemburgischen Grenze im Département Moselle.
Geschichtlicher Hintergrund
Vor der Abtretung an Frankreich im 18. Jahrhundert stand das sogenannte herzogliche Lothringen wegen seiner romanisch-deutschen Diglossie in Spannung zum zentralistischen französischen Königreich. Diglossie bedeutet hier, dass in einem politischen Raum verschiedene Sprachformen nebeneinander verwendet wurden. Der deutschsprachige Teil des unabhängigen Herzogtums hieß damals „bailliage d’Allemagne“, also Landvogtei von Deutschland.
Die romanischsprachigen Bewohner bezeichneten die fränkischen Dialekte dieser Gegend als „allemand“, also „deutsch“ im mittelalterlichen Sinn: Gemeint war alles, was nicht galloromanisch war. Ob es sich genauer um Fränkisch, Elsässisch oder Hochdeutsch handelte, spielte dabei keine Rolle. In den drei anderen Landvogteien des Herzogtums wurden romanische Mundarten gesprochen, die sich unterschiedlich stark vom Hochfranzösischen unterschieden.
Seit der Französischen Revolution 1789 wurden Regionalsprachen auf nationaler Ebene als republikfeindlich abgewertet und bekämpft. Deshalb sind viele Dialekte der Oïl-Gruppe, zu der auch das Vogesische gehört, ausgestorben oder vom Aussterben bedroht. Vogesisch wird im Artikel als eine dieser dialektalen Verkehrssprachen beschrieben.
Schreibung und Lautsystem
Für das Vogesische gibt es keine einheitliche Orthographie. Da viele nordfranzösische Dialekte vor allem im familiären und mikroregionalen Alltag verwendet wurden, blieben sie meist mündliche Umgangssprachen. Schriftliche Texte sind selten und benutzen oft eine eigene, phonetische und am Französischen orientierte Schreibweise. Verwendet wird das lateinische Alphabet, das an besondere vogesische Laute angepasst wird.
Besonders wichtig ist die Schreibung „HH“ für den Ach-Laut [x]. Ein einfaches „H“ wird wie in germanischen Sprachen behaucht, etwa wie in „Haus“. „HH“ steht dagegen nicht für zwei h-Laute, sondern für einen stimmlosen velaren Reibelaut, ähnlich dem deutschen Ach-Laut, dem niederländischen g/ch oder der spanischen Jota. Dieser Laut bleibt im Vogesischen velar und wird nicht wie im Deutschen vor bestimmten Vokalen zum Ich-Laut. Er ist sehr häufig und wird im Artikel sogar zur Einteilung des lothringischen Sprachraums in drei Zonen verwendet: eine westliche Zone mit Formen näher an französisch „poisson“, eine zentrale Zone mit „CH“ beziehungsweise „SCH“, und eine östliche Zone mit dem Ach-Laut.
Das Lautsystem ist vielfältig, weil nicht alle Laute in jeder einzelnen Mundart vorkommen. Bei den Konsonanten gibt es neben aus dem Französischen bekannten Lauten auch Laute wie [h], [x], [ŋ], [w] und verschiedene r-Laute. In manchen südlichen Übergangsgebieten treten Affrikaten wie „tch“ [tʃ] in „tchampa“ und „dj“ [dʒ] in „mindji“ auf.
Bei den Vokalen sind nasale Laute wichtig. Das nasalierte „i“ wird „ïn“ geschrieben und existiert im Französischen nicht. Außerdem unterscheidet der Dialekt noch „un“ und „in“, während diese Unterscheidung im Hochfranzösischen bei vielen Sprechern verschwindet. Nasale Vokale im Auslaut können eine leichte Velarisierung haben, also ein nasales N wie [ŋ], ähnlich dem deutschen ng in „lang“, aber mit nasalisiertem Vokal. Es gibt außerdem ein velares A [å], das zwischen O und vorderem A liegt.
Echte Diphthonge gibt es laut Artikel nicht. Stattdessen handelt es sich meist um Verbindungen aus Vokal und Halbkonsonant oder Halbkonsonant und Vokal, zum Beispiel mit [j], geschrieben „y“, oder mit [w]. Beispiele sind „lo m’tèye“ für „le métier“ und „lo fwé“ für „le fer“.
Formenlehre und Verben
In der Morphologie gibt es zwei Genera: Maskulinum und Femininum. Beispiele sind „lo fon“ für „das Heu“ und „lè chorotte“ für „die Karre“. Auch bei bestimmten Suffixen wird das Geschlecht markiert, etwa maskulin „-ou“ oder „-iou“ und feminin „-rosse“, „-osse“, „-(o)yosse“ oder „-ouse“. So steht „hhlopou“ für einen Trinker und „hhloprosse“ für eine Trinkerin.
Die vogesischen Verben haben je nach Gegend ganz oder teilweise dieselben Modi wie das Hochfranzösische: Infinitiv, Indikativ, Imperativ, Konjunktiv, Subjunktiv sowie Partizip Perfekt und Partizip Präsens. Im Allgemeinen werden sie ähnlich wie in der Standardsprache verwendet. Eine Besonderheit ist im Indikativ ein Tempus, das der Artikel als nahes, simultanes Imperfekt beschreibt. Es drückt ein unmittelbares, gleichzeitiges Geschehen in der Vergangenheit aus. Im Beispiel „Als du gestern um 8 Uhr anriefst, war ich schon beim Heuwenden“ passt auf Vogesisch die Form „tèzo“, weil während einer längeren vergangenen Handlung gerade etwas anderes geschah: „Qwan t’m’o tèlèphonè hirmin o 8 heure, j’r’tônèyezo jo lo fon.“
Die regelmäßigen Verben der ersten Gruppe entsprechen den französischen Verben auf „-er“ und können je nach Gegend auf „-è“, „-é“ oder „-a“ ausgehen. Als Beispiel wird „trove“ verwendet, mit Formen für Präsens, abgeschlossenes Imperfekt, simultanes Imperfekt, Präteritum und Futur. Die zweite Gruppe endet auf „-i“, entsprechend französischen Verben wie „punir“; Beispiel ist „puni“. Daneben gibt es unregelmäßige Gruppen auf „-de“, „-te“ und „-re“, etwa „crâre“ für glauben, „prenre“ für nehmen, „vouère“ für sehen, „pleure“ für regnen und „condûre“ für fahren.
Die Hilfsverben „haben“ und „sein“ zeigen viele regionale Varianten. Für „haben“ wird als Beispiel eine Variante aus der Mittel- und Ober-Vologne zwischen Bruyères und Gérardmer gegeben, mit Formen wie „j’â“ im Präsens, „j’ovoi“ im abgeschlossenen Imperfekt, „j’ovoyezo“ im simultanen Imperfekt, „j’aureus“ im Präteritum und „j’èrâ“ im Futur. Mit dem Partizip Perfekt „èvu“ entstehen zusammengesetzte Formen wie „j’â èvu“. Für „sein“ erscheinen Formen wie „j’sèye“, „j’tè“, „j’tèzo“, „j’fereus“ und „j’s’râ“; mit dem Partizip Perfekt „tu“ entstehen Formen wie „j’â tu“.
Satzbau und Lautverkürzungen
Der Satzbau des Vogesischen ist romanisch und dem Französischen ähnlich. Grundlegend gilt die Reihenfolge Subjekt – Verb – Objekt, also SVO. Eine Besonderheit gegenüber dem Französischen ist jedoch, dass attributive Adjektive normalerweise vor dem Substantiv stehen, ähnlich wie im Deutschen. Beispiele sind „ène bianche môhon“ für „ein weißes Haus“ und „ène mahh onaye“ für „ein schlechtes Jahr“.
In der Aussprache treten häufig Synkope und Apokope auf. Synkope bedeutet, dass ein unbetonter Vokal im Wortinneren ausfällt, ähnlich wie im gesprochenen Französisch „petit“ als „p’tit“ ausgesprochen werden kann. Beispiele sind „lè m’naye“ für „monnaie“ und „d’mourè“ für „demeurer“. Apokope bedeutet, dass ein unbetonter Vokal am Wortende wegfällt. Bei „fromège“ für Käse wird das letzte „e“ zwar geschrieben, aber nicht gesprochen.
Diese Kürzungen betreffen besonders kleine grammatische Wörter wie Personalpronomen, Verneinungen oder die Präposition „de“. Beispiele sind „ous kè t’vè?“ für „Où vas-tu?“ und „j’vâ“ für „je vais“. Auch „t’s’rè“ für „tu seras“ zeigt eine Apokope bei „tè“ und eine Synkope bei „serè“.
Namen und Ortsnamen
Familien- und Ortsnamen spiegeln die Lage der Vogesen zwischen romanischem und deutschem Sprachraum. Familiennamen folgen denselben onomastischen Grundregeln wie in anderen germanisch-romanischen Bevölkerungen des ehemaligen Lotharingen: Sie können aus Tauf- oder Rufnamen, Herkunftsnamen, Wohnstättennamen, Berufsnamen und Übernamen entstehen. Die regionale Aussprache kann bekannte Vornamen stark verändern, etwa Aigotte für Agatha, G’hèhtin für Augustin, Diaude für Claude/Klaus, Mayon für Marie/Maria oder Chan für Jean/Johann.
Die Vogesen waren eine Puffer-, Einwanderungs- und Übergangszone zwischen Germania und Romania. Elsässer, sächsische Bergleute, Schweden im 15. Jahrhundert sowie Tiroler, Deutschschweizer und Bayern kamen aus verschiedenen Gründen in die Region, unter anderem als Bergleute, Köhler, Maurer, Müller, Almbauern oder Glasmacher. Dadurch gelangten deutsch klingende Familiennamen in romanische Gebiete. Wegen der Diglossie wurden Namen teils übersetzt, entstellt, dialektalisiert, verdeutscht oder französisiert. Der Artikel nennt als Beispiel die Entwicklung von „Bündner“ über „Bindner“ und „Binder“ zu „Peintre“ und möglicherweise weiter zu „Maler“ oder „Moler“. Auch „Sonntag“ konnte zu „Dimanche“ oder „Demenge“, „Kohler“ zu „Colin“, „Colle“ oder „Collé“ und „Waldner“ zu „Valdenaire“ werden. Nach der Revolution 1789 und der einheitlicheren Führung der Register hörte dieser Wirrwarr rasch auf.
Ortsnamen waren stabiler als Familiennamen, auch wenn ihre Schreibung schwanken konnte. Viele Orts- und Bergnamen beziehen sich auf Natur und unmittelbare Umgebung. Sie werden ähnlich wie im Deutschen gebildet: Ein Bestimmungswort steht vor einem Grundwort, etwa einem Wort für Siedlung, Bach, Berg oder Hof. In den Vogesen sind Endungen wie „-ey“ oder „-y“ wichtig, die wie deutsches „-ach“ auf Wasser hinweisen und auf die Zeit zwischen dem 7. und 10. Jahrhundert zurückgehen. Weitere wichtige Suffixe sind „court“ für „-hof“, „-mont“ für „-berg“, „-rupt“ für „Bach“, „-ménil“ aus lateinisch „mansioniles“ und „-viller“, das mit einer villa rustica verbunden ist.
Echte offizielle Ortsnamen in dialektaler vogesischer Form sind selten. Als Beispiel aus dem germanischen Département Moselle nennt der Artikel Dabo: Französisch beziehungsweise historisch „Dagsbourg“, Deutsch „Dagsburg“, Rheinfränkisch „Dàgschburri“, während „Dabo“ die vogesische Aussprache von „Dagsbourg“ ist. Weitere dialektale Formen sind etwa Pinau für Épinal, Saint-Di für Saint-Dié, Giraumouè für Gérardmer, Corci für Corcieux, Brouères für Bruyères, Lè Bresse für La Bresse und Lo Vayetin für Le Valtin.