Zum Inhalt springen
L

Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand

Virus-Taxonomie

Als Virus-Taxonomie bezeichnet man die international verbindliche Benennung von Viren, Virusfamilien und -gattungen. Die Entscheidung über verschiedene Taxa …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Gegenstand und Abgrenzung
  2. 2. Entwicklung und Rangordnung
  3. 3. Aktueller Umfang und höchste Taxa
  4. 4. Einordnung nach Genom und Replikation
  5. 5. Viriforme und weitere subvirale Erreger

Gegenstand und Abgrenzung

Virus-Taxonomie ist die international verbindliche Benennung und systematische Ordnung von Viren, Virusfamilien und Virusgattungen. Zuständig ist das International Committee on Taxonomy of Viruses (ICTV). Es entwickelt, verfeinert und pflegt eine universelle Virustaxonomie im Auftrag der International Union of Microbiological Societies.

Die Virus-Taxonomie ordnet die Vielfalt viraler und subviraler Entitäten, darunter auch Prionen und Retrotransposons. Sie ist von der weiter gefassten Virusklassifikation zu unterscheiden. Diese kann Viren nach einzelnen Eigenschaften einteilen, etwa nach Genomstruktur, Baltimore-Gruppe, Wirtsspezies oder Übertragungsart. Solche medizinisch oder epidemiologisch wichtigen Gemeinsamkeiten – zum Beispiel gleiche Wirte, ähnliche Krankheitsbilder oder gemeinsame Übertragungswege wie die Übertragung durch Gliederfüßer bei Arboviren – sind für die offizielle Taxonomie jedoch nicht entscheidend.

Das ICTV richtet den Schwerpunkt zunehmend auf Übereinstimmungen in der Nukleotidsequenz, also auf Homologie. Dadurch können auch Metagenomanalysen berücksichtigt werden; die Isolation eines Virusstamms ist nicht mehr zwingend erforderlich. Fortschritte bei Vereinfachung, Zugänglichkeit, Dauer und Kosten der Gensequenzierung machen dies möglich. Arten ohne ausreichende Genominformation können taxonomisch nicht eingeordnet und gegebenenfalls wieder aus den ICTV-Listen entfernt werden.

Entwicklung und Rangordnung

Der Vorgänger der heutigen ICTV-Taxonomie war das 1962 von André Lwoff, Robert W. Horne und Paul Tournier entwickelte LHT-System. Es orientierte sich an der von Carl von Linné begründeten binären Klassifikation. Verwendete Rangstufen waren Virosphäre (Phylum: Vira), Subphylum (…vira), Klasse (…ica), Ordnung (…virales), Familie (…viridae), Unterfamilie (…virinae), Gattung oder Genus (…virus) sowie Art oder Spezies (nach der hervorgerufenen Krankheit …virus). Entscheidende Merkmale waren die Natur des Genoms (DNA oder RNA), die Symmetrie des Kapsids, eine mögliche Lipidumhüllung sowie die Größe von Virion und Kapsid.

Ab 1971 etablierte sich zusätzlich die auf David Baltimore zurückgehende Baltimore-Klassifikation. Sie berücksichtigt unter anderem:

  • DNA oder RNA sowie Doppel- oder Einzelstrang; bei Einzelstrang-RNA zusätzlich die Polarität;
  • ein segmentiertes (multipartites) oder unsegmentiertes (monopartites) Genom;
  • lineare oder zirkuläre Topologie;
  • Kapsidsymmetrie und das Vorhandensein einer Hülle;
  • die Anordnung der Gene, die Virusgröße und die Replikationsstrategie.

Die Baltimore-Gruppen sind jedoch keine vollständige Verwandtschaftssystematik. Eine Gruppe kann mehrere vermutlich unterschiedlich entstandene Verwandtschaftsbereiche umfassen, während ein einzelnes höheres Virustaxon Vertreter mehrerer Baltimore-Gruppen enthalten kann.

Bis 2017 entsprach die ICTV-Struktur im Wesentlichen der herkömmlichen Einteilung ab der Ordnung. 2018 wurden höhere Rangstufen ergänzt: Realm (…viria), Subrealm (…vira), Reich (…virae), Unterreich (…virites), Phylum oder Stamm (…viricota), Subphylum (…viricotina), Klasse (…viricetes), Unterklasse (…viricetidae), Ordnung (…virales), Unterordnung (…virineae), Familie (…viridae), Unterfamilie (…virinae), Gattung (…virus), Untergattung (…virus) und Art oder Spezies ([genus] [epitheton]).

Für die taxonomischen Namen ab Gattung aufwärts gelten vorgeschriebene Endungen. Alle taxonomischen Namen werden kursiv geschrieben. Seit März 2025 sind die Artnamen auf eine binäre Nomenklatur umgestellt. Die Namen einzelner Viren im Sinn von Isolaten oder Stämmen sowie reine Akronyme werden dagegen nicht kursiv geschrieben. Tribus, Unterarten (Subspezies), Stämme im Sinn von strain und Isolate sind in den Richtlinien bisher nicht definiert.

Aktueller Umfang und höchste Taxa

Nach MSL#41v1 (Master Species List, Stand 20. März 2026) umfasst die offizielle Taxonomie:

  • 17.554 Arten, 92 Untergattungen und 4.149 Gattungen;
  • 232 Unterfamilien, 427 Familien, 14 Unterordnungen und 105 Ordnungen;
  • 0 Unterklassen, 50 Klassen, 4 Subphyla und 22 Phyla;
  • 0 Unterreiche, 11 Reiche, 0 Subrealms und 10 Realms.

Für die Säugetierwelt wurde aufgrund von PCR-Untersuchungen bei Indischen Riesenflughunden abgeschätzt, dass sie mindestens 320.000 Virenarten beherbergen muss. Wegen des starken Wissenszuwachses fehlen in der offiziellen ICTV-Veröffentlichung viele gebräuchliche Bezeichnungen, weil noch keine einheitliche taxonomische Zuordnung besteht.

Die zehn Realms der MSL#41v1 (Stand 3. April 2026) sind:

  • Adnaviria (Baltimore 1), Duplodnaviria (Baltimore 1), Efunaviria (Baltimore 2), Floreoviria (Baltimore 1 und 2), Pleomoviria (Baltimore 1 und 2);
  • Riboviria (Baltimore 3–7), Ribozyviria (Baltimore 5), Singelaviria (Baltimore 1), Varidnaviria (Baltimore 1) und Volvereviria (Baltimore 2).

Adnaviria, Duplodnaviria, Efunaviria, Floreoviria, Pleomoviria, Ribozyviria, Singelaviria und Volvereviria sind jeweils mit den im Artikel genannten monotypischen höheren Taxa verbunden, während Riboviria und Varidnaviria größere Gruppen umfassen. Der frühere Realm Monodnaviria wurde im März 2026 vollständig in Efunaviria, Floreoviria, Pleomoviria und Volvereviria aufgeteilt und damit abgeschafft.

Nicht höheren Rängen zugeordnete Taxa sind unter anderem die Klasse Naldaviricetes sowie die Familien Alphasatellitidae, Ampullaviridae, Avsunviroidae, Bartogtaviriformidae, Basaltiviridae, Bicaudaviridae, Brachygtaviriformidae, Clavaviridae, Eurekaviridae, Fuselloviridae, Globuloviridae, Guttaviridae, Halspiviridae, Huangdiviridae, Itzamnaviridae, Lomiviridae, Nipumfusiviridae, Obscuriviridae, Ovaliviridae, Plasmaviridae, Polydnaviriformidae, Portogloboviridae, Pospiviroidae, Rhodogtaviriformidae, Spiraviridae, Thaspiviridae, Tolecusatellitidae, Xigoviridae und Yamazakiviridae. Die Gattung Dinodnavirus ist ebenfalls keinem höheren Rang zugeordnet.

Die Gattung Rhizidiovirus verlor im März 2026 ihren offiziellen ICTV-Status, weil keine Genomsequenz für eine taxonomische Einordnung verfügbar war. Viren bilden insgesamt keine monophyletische Gruppe, also keine einzige Verwandtschaftsgruppe mit einem gemeinsamen Ursprung. Die Realms können als maximale Verwandtschaftsgruppen betrachtet werden; niedrigere Top-Level-Taxa können künftig neuen oder bestehenden Realms zugeordnet werden.

Einordnung nach Genom und Replikation

RNA-Viren bilden insgesamt keine gemeinsame Klade und sind daher kein eigenes Taxon. Fast alle gehören zum Realm Riboviria, der zusätzlich revers transkribierende Viren enthält und die umfassendste Verwandtschaftsgruppe von Viren darstellt. Eine kleinere Gruppe gehört zu Ribozyviria; einige RNA-Viren besitzen derzeit keine Realm-Zuordnung. 2018 wurden RNA-Viren zunächst geschlossen in Riboviria gestellt. 2019 wurden Gruppen ausgegliedert, die keine eigene RNA-abhängige Polymerase kodieren, und teilweise Ribozyviria zugeordnet. Revers transkribierende Viren wurden Riboviria zugeordnet, weil sie entsprechende Polymerasen kodieren.

Auch DNA-Viren bilden keine gemeinsame Klade und somit kein eigenes Taxon. Ihre Realms sind Adnaviria, Duplodnaviria, Efunaviria, Floreoviria, Pleomoviria, Varidnaviria und Volvereviria. Daneben gibt es DNA-Viren ohne Realm-Zuordnung. Die Verbindung zwischen Baltimore-Gruppen und tatsächlicher Verwandtschaft ist deshalb nicht eindeutig: Baltimore-Gruppen können mehrere Realms umfassen, und manche Virustaxa erstrecken sich über mehrere Baltimore-Gruppen.

Revers transkribierende Viren nutzen einen Wechsel zwischen RNA und DNA. Retroviren besitzen positive Einzelstrang-RNA, die durch Reverse Transkriptase in DNA zurückgeschrieben und in das Zellgenom eingebaut wird; sie gehören zur Baltimore-Gruppe 6. Pararetroviren besitzen Doppelstrang-DNA und verwenden bei der Replikation einen RNA-Zwischenschritt; sie gehören zur Baltimore-Gruppe 7. Die meisten dieser Viren gehören zur Ordnung Ortervirales.

Die genannte taxonomische Einordnung lautet: Realm Riboviria, Reich Pararnavirae, Phylum Artverviricota und Klasse Revtraviricetes. Zur Ordnung Blubervirales gehören die revers transkribierenden DNA-Viren, insbesondere die Familie Hepadnaviridae mit der Gattung Orthohepadnavirus und der Spezies Hepatitis-B-Virus. Zur Ordnung Ortervirales gehören die Familien Belpaoviridae, Metaviridae, Pseudoviridae und Retroviridae mit ssRNA-RT-Viren sowie die Familie Caulimoviridae mit dsDNA-RT-Viren. In Retroviridae liegen unter anderem die Gattung Lentivirus und die Spezies HIV-1 und HIV-2, SIV, BIV und FIV.

Viriforme und weitere subvirale Erreger

Für Vertreter, die zuvor als Viren der Familie Polydnaviridae bezeichnet wurden, führte das ICTV im März/April 2022 den Begriff „viriform“ ein. Die entsprechende Gruppe heißt nun Polydnaviriformidae. Nach MSL#41v1 (20. März 2026) umfasst sie die Gattungen Bracoviriform mit 31 Arten und Ichnoviriform mit 22 Arten. Weitere Viriforme sind die Familie Bartogtaviriformidae mit Bartonegtaviriform, Brachygtaviriformidae mit Brachyspigtaviriform sowie Rhodogtaviriformidae mit Dinogtaviriform, Rhodobactegtaviriform, Rhodovulugtaviriform und Ruegerigtaviriform.

Viroide sind subvirale Erreger. Ihre Taxonomie folgt grundsätzlich den Regeln der Virustaxonomie, enthält aber den Namensbestandteil „viroid“. Abkürzungen enden auf „Vd“ statt auf „V“ und können eine arabische Nummer tragen. Zu Avsunviroidae gehören Avsunviroid, Elaviroid und Pelamoviroid. Zur Familie Pospiviroidae gehören Apscaviroid, Cocadviroid mit Citrus bark cracking viroid (CBCVd), Coleviroid, Hostuviroid sowie Pospiviroid mit Potato spindle tuber viroid (PSTVd) und Citrus exocortis viroid (CEVd).

Seit November 2018 gibt es auch eine ICTV-Taxonomie für Satelliten-Viren. Der Aufbau entspricht dem der Virustaxonomie, der Name enthält „satellit“. Zur Familie Alphasatellitidae gehören die Unterfamilien Geminialphasatellitinae, Nanoalphasatellitinae und Petromoalphasatellitinae mit den im Artikel aufgeführten Gattungen Ageyesisatellite, Clecrusatellite, Colecusatellite, Gosmusatellite, Clostunsatellite, Fabenesatellite, Milvetsatellite, Mivedwarsatellite, Sophoyesatellite, Subclovsatellite, Babusatellite, Cocosatellite, Coprasatellite, Kobbarisatellite und Muscarsatellite. Colecusatellite umfasst Tomato leaf curl Buea alphasatellite und Tomato leaf curl Cameroon alphasatellite. Die Familie Tolecusatellitidae enthält Betasatellite und Deltasatellite. Zusätzlich wurde vorgeschlagen, Albetovirus, Aumaivirus, Papanivirus und Virtovirus als Satelliten aufzunehmen. Als Prionen werden Vertebrate Prions und Fungal Prions aufgeführt.

Die Taxonomie verändert sich laufend durch neu entdeckte Viren, besonders in marinen und extremen Lebensräumen, sowie durch neue Erkenntnisse aus Sequenzdaten. Neue Taxa werden meist von internationalen Arbeitsgruppen beim ICTV vorgeschlagen. Vor ihrer offiziellen Anerkennung erscheinen sie häufig bereits in Veröffentlichungen oder Datenbanken wie denen des National Center for Biotechnology Information (NCBI). Neuere Vorschläge beruhen oft auf MAGs, also metagenom-assemblierten Genomen. Die NCBI-Taxonomie umfasst daher neben offiziellen ICTV-Taxa auch vorgeschlagene oder noch nicht offizielle Taxa, etwa vorgeschlagene neue Familien wie „Pithoviridae“.

Weiterlesen

Viren Viren, die Bakterien oder Archaeen als Wirte nutzen, wurden früher in Gesamtheit als Bakteriophagen bezeichnet, historisch bedingt durch die alte Bezeichnung … Taxonomie Grundlagen ; Reich, Regnum, Tiere ; Abteilung/Stamm, Divisio/Phylum, Chordatiere ; Unterabteilung/Unterstamm, Unterphylum, Subdivisio/Subphylum, Wirbeltiere ( … Art (Biologie) Jede biologische Art ist ein Resultat der Artbildung. Bislang gelang keine allgemeine Definition der Art, welche die theoretischen und praktischen Anforderungen … Klasse (Biologie) Die Klasse (englisch class, lateinisch classis) ist eine spezielle Rangstufe der hierarchischen Taxonomie nach Linné. In ihr befindet sich die Klasse einen … Ordnung (Biologie) Die Ordnung (lateinisch ordo) ist eine Rangstufe der biologischen Systematik. Sie dient zur Einteilung und Benennung der Lebewesen (Taxonomie). Gattung (Biologie) Die Gattung (auch das Genus) bezeichnet in der Biologie (einschließlich Virologie und Palichnologie) eine Rangstufe innerhalb der Hierarchie der biologischen … Desoxyribonukleinsäure Die Grundbausteine von DNA-Strängen sind vier verschiedene Nukleotide, die jeweils aus einem Phosphatrest, dem Zucker Desoxyribose sowie einer von vier … Replikation Replikation oder Reduplikation bezeichnet in der Biologie die Vervielfältigung der Nukleinsäuremoleküle als Träger der Erbinformation einer Zelle oder eines … Homologie (Biologie) Homologe Merkmale gehen auf Merkmale des gemeinsamen Vorfahren zurück, sie sind also gleichwertig bezüglich ihrer stammesgeschichtlichen Herkunft. Die … Vektor (Biologie) Der Vektor transportiert einen Erreger vom Wirt auf einen anderen Organismus; der Vektor selbst erkrankt nicht. Dies gilt auch für Menschen und Tiere mit … Domäne (Biologie) Prokaryoten: Lebewesen ohne Zellkern (umfasst die Domänen der Bakterien und Archaeen) · Eukaryoten: Lebewesen, deren Zellen einen Zellkern haben. Reich (Biologie) Das Reich (Regnum, englisch kingdom) ist eine Rangstufe innerhalb des Systems der Lebewesen. Es ist nach der Domäne (bzw. dem Realm bei Viren) die …