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Vipassana
So bedeutet Vi-Passanā ein höheres Sehen, das mit Hilfe der intuitiven Unterscheidung der Achtsamkeit zunehmend jede Illusion, Manipulation oder Verblendung …
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Grundidee und Ziel
Vipassana, auf Pali Vipassanā und auf Sanskrit vipaśyanā, bedeutet „Einsicht“, „Klarblick“ oder „Klarsicht“. Im Buddhismus bezeichnet der Begriff die unmittelbare Einsicht in die Drei Daseinsmerkmale: Unbeständigkeit (anicca), Leidhaftigkeit beziehungsweise Nichtgenügen (dukkha) und Nicht-Selbst (anatta). Der dazugehörige Übungsweg heißt Vipassana-Meditation, vipassanā-bhāvanā, Einsichtsmeditation oder Vipassana-Praxis.
Ziel ist es, das durch Unwissenheit (avijjā) und Geistestrübungen (kilesa) verursachte Leiden zu überwinden und schließlich die Befreiung des Nirwana zu erlangen. Dabei sollen die Übenden sinnlich wahrnehmbare Vorgänge, Körperempfindungen, Gefühlsreaktionen, Emotionen und Gedanken so beobachten, wie sie entstehen und vergehen. Diese „Klare Sicht“ geht über begriffliches oder diskursives Denken hinaus. Sie soll erkennen lassen, dass alle Erscheinungen vergänglich, ungenügend und ohne beständiges Selbst sind.
Durch dieses unmittelbare Erkennen soll das gewöhnlich unbewusste Ergreifen von Phänomenen als „Ich“ oder „mein“ und damit die Grundlage von Ängsten und Leiden schwinden. S. N. Goenka fasst Vipassana als „die Dinge sehen, wie sie wirklich sind“ zusammen. Voraussetzung für den Fortschritt ist neben der Meditation die Entwicklung ethischer „Herzqualitäten“, besonders durch die Fünf Verhaltensrichtlinien (Silas).
Achtsamkeit, Einsicht und Konzentration
Die unterschiedlichen Vipassana-Traditionen wollen eine höhere Form der Achtsamkeit entwickeln: die „Treffliche Achtsamkeit“ (sammā sati). Sie geht über die bloße Konzentration der Aufmerksamkeit hinaus und soll die normalerweise durch Verblendung oder „Nichtsehen“ (avijjā) verborgene Natur der Dinge erfassen.
Nach der Vipassana-Lehre ist methodisch geschulte, jederzeit entwickelbare Achtsamkeit der entscheidende Zugang zur Einsicht. Konzepte und Studien können vorbereiten, ersetzen aber nicht die unmittelbare Beobachtung. In vielen Methoden wird auch keine starke, statische Konzentration vorausgesetzt. Stattdessen gilt eine flexible „Augenblickliche Konzentration“, die durch fortlaufende Aufmerksamkeit auf natürliche Körper-Geist-Prozesse entsteht, als geeignete Grundlage.
Starke Konzentrationszustände werden als Vertiefungen oder Jhānas bezeichnet. Nach einer verbreiteten Vipassana-Auffassung können sie den Weg zur Einsicht erschweren, wenn sich die Aufmerksamkeit auf relativ statische geistige Konstruktionen wie Visualisierungen, innere Laute, Vorstellungen oder Reflexionen richtet. Ein Weg über Jhānas gilt dennoch als möglich. Danach muss die meditierende Person aus der Vertiefung heraustreten und auch deren Faktoren als vergänglich, ungenügend und als Nicht-Selbst erkennen. Als wichtige Quelle für diesen Ansatz gilt das Anupada-Sutta (MN 111).
Der Entwicklungsprozess der Einsicht wird in manchen Richtungen als Folge aufeinander aufbauender Stufen beschrieben. Diese Ebenen des „Einsichtswissens“ heißen Vipassanā-Nyānas. Vom frühbuddhistischen Vipassanā wird das mahāyānische Vipaśyana unterschieden: Vipaśyana arbeitet laut Artikel stärker mit denk- und konzeptbasierten Methoden, Vipassanā stärker mit Achtsamkeit und Intuition. Parallelen bestehen jedoch zu Zen, Mahamudra und Dzogchen, die ebenfalls eine nichtbegriffliche Wahrnehmung einüben.
Grundlegende Übungswege
Zentrale Textgrundlagen sind das Satipatthāna-Sutta, die „Rede von den Vergegenwärtigungen der Achtsamkeit“ (MN 10 und DN 22), und das Ānāpānasati-Sutta, die „Rede vom bewussten Ein- und Ausatmen“ (MN 118). Im Satipatthāna-Sutta wird die Achtsamkeitspraxis als „Einziger Weg“ oder „Direkter Weg“ (ekāyana magga) bezeichnet. Ausgeprägte Jhānas werden dort nicht erwähnt; vorausgesetzt wird eine flexible Konzentration auf die wechselnden Vorgänge von Körper und Geist.
Das Satipatthāna-Sutta unterscheidet vier Vergegenwärtigungen:
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Körperliches (kāyānupassanā)
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Empfindungen (vedanānupassanā)
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Geist und seine wechselnden Zustände (cittānupassanā)
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dhammas beziehungsweise „Natürliche Wahrheiten“ (dhammānupassanā)
Die genaue Bedeutung von dhammas in der vierten Vergegenwärtigung ist umstritten. Manche übersetzen den Ausdruck als „Geistobjekte“, Klaus Mylius als „Gegebenheiten“. Für Anālayo sind dhammas nicht selbst das Meditationsobjekt, sondern ein Rahmen oder Referenzpunkte, die wie eine „Brille“ auf das Erlebte angewandt werden. Hans Gruber versteht darunter „natürliche Wahrheiten“, Buddhadasa Aspekte der Wahrheit des einen größten Dhamma. Im Text werden grundlegende Lehren über Fesselung und Befreiung betrachtet, beispielsweise die „Fünf Hemmungen“: Man erkennt, ob eine Hemmung anwesend ist, wie sie entsteht, überwunden wird und künftig nicht mehr erscheint.
Das Ānāpānasati-Sutta beschreibt einen stufenweisen Weg über bewusstes Ein- und Ausatmen. Durch systematisch entwickelte Atembewusstheit sollen sich die Vier Vergegenwärtigungen der Achtsamkeit und die Sieben Erleuchtungsglieder (bojjhanga) entfalten und schließlich in befreiender Einsicht münden.
Bekannte Methoden setzen unterschiedliche Schwerpunkte. In der von U Ba Khin geprägten und von S. N. Goenka verbreiteten Methode wird die Vergänglichkeit durch das Beobachten feiner und grober Körperempfindungen (vedanā) erkannt; dazu gehört das systematische Bodysweeping. Mahasi Sayadaws Methode verwendet das Benennen oder Etikettieren („Labelling“) auftretender Vorgänge. Pa-Auk Sayadaw verbindet klassische Konzentrationsmethoden mit Einsicht auf der Grundlage der Ruhemeditation.
Entwicklung und heutige Bewegung
Nach Darstellung des Artikels war die systematische Achtsamkeitspraxis zur Gewinnung befreiender Einsichten in der frühbuddhistischen Gemeinschaft weit verbreitet. Ab etwa dem 10. Jahrhundert spielte sie im Theravāda-Buddhismus offenbar kaum noch eine Rolle. Scholastik, Philosophie und die Institutionalisierung in Klöstern, die einen Anspruch auf den höchsten Befreiungsweg erhoben, drängten die breiter angelegte Praxis für Laien und Ordinierte in den Hintergrund.
Seit dem Anfang des 18. Jahrhunderts wurde diese Ausrichtung in Burma, dem heutigen Myanmar, wiederbelebt. Grundlage waren die Achtsamkeitsreden des Pali-Kanons und eine systematische Schulung, die sich erneut an Laien wie Ordinierte richtete. Unterstützung durch den burmesischen Theravāda und das Königshaus verstärkte die Bewegung. Seit dem späten 19. Jahrhundert vermittelte eine große, besonders von Ledi Sayadaw geprägte Reformbewegung Vipassana wieder an breite Bevölkerungsschichten. Von Myanmar breitete sie sich nach Thailand, Sri Lanka und später in die westliche Welt aus.
Die Reform richtete sich unter anderem gegen kulturelle und scholastische Überformungen, das Befreiungsmonopol der Klöster und die christliche Missionierung während der britischen Kolonialherrschaft. Im Mittelpunkt stand Befreiung „hier und jetzt“ statt Spekulation, Metaphysik, Glaubensreligion oder extremer Askese. Entsprechend traten in vielen Richtungen traditionelle Glaubenselemente wie eine wörtlich verstandene Wiedergeburtslehre in den Hintergrund. Als Kernaussage gilt: „Nur eines lehre ich, jetzt wie früher: Das Leiden (dukkha) und das Ende des Leidens.“
Die heutige Vipassanā-Bewegung ist ein loses Netzwerk aus Laien, Ordinierten, Lehrenden, Lernenden, Kursen, Meditationszentren und Gemeinschaften. Vipassana gilt als weltweit einflussreichste Form des heutigen Theravāda-Buddhismus und neben Zen und tibetischem Buddhismus als eine der drei Hauptströmungen des Buddhismus im Westen. Dort wächst die Zahl männlicher und weiblicher Lehrender seit den 1960er-Jahren. Kurse finden häufig als kürzere oder längere Retreats statt; nach dem traditionellen Spendenprinzip Dāna werden Unterweisungen auf Grundlage freiwilliger Spenden angeboten.
Praxis außerhalb des Buddhismus
Vipassana ist grundsätzlich nicht an eine Religionszugehörigkeit gebunden und wird auch von Nicht-Buddhisten geübt und gelehrt. In der Psychologie heißt die Praxis meist „Achtsamkeitsmeditation“ statt Einsichtsmeditation. Viele Lehrende vermitteln vor allem die als wesentlich betrachteten Methoden des frühen Buddhismus und die dazugehörigen HintergrundLehren, ohne kulturgebundene Formen in den Mittelpunkt zu stellen. Die Praxis ist stark auf Befreiung in diesem Leben ausgerichtet.
Die systematische Bewusstwerdung der fortlaufend entstehenden und vergehenden natürlichen Phänomene wurde in verschiedene moderne Bereiche übernommen. Dazu gehören Achtsamkeitstherapien, psychologische Theorien, esoterische Strömungen und Formen eines auf innere Praxis ausgerichteten reformierten Christentums. Weitere Verbindungen bestehen zur Arbeit in Justizvollzugsanstalten, zur Behandlung von Abhängigkeit und zur Komplementärmedizin.
Eine bekannte Anwendung ist MBSR (Mindfulness-Based Stress Reduction), ein komplementärmedizinisches Programm des amerikanischen Molekularbiologen Jon Kabat-Zinn. Es soll Achtsamkeit schulen, Stress abbauen und die Behandlung psychosomatischer Leiden unterstützen. Ein typisches Programm dauert acht Wochen. Es umfasst Atembetrachtung, Body-Scan oder Körperbetrachtung, Sitzmeditation und einfache Körperübungen; die Teilnehmenden verpflichten sich zu mindestens 45 Minuten täglicher Übung.
Der Body-Scan beruht auf dem vipassanātypischen Bodysweeping, die Sitzmeditation auf der Methode des Benennens. Hinzu kommen Elemente anderer Traditionen: Die Achtsamkeit bei Alltagsaufgaben ist von Thich Nhat Hanh inspiriert, die Körperübungen stammen aus dem Hatha-Yoga. Da MBSR weitgehend auf buddhistische Fachbegriffe verzichtet, kann die Schulung unabhängig vom kulturellen und religiösen Hintergrund der Teilnehmenden stattfinden. Das Programm wird an vielen Kliniken in den USA und zunehmend auch in Europa eingesetzt.