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Buddhistische Philosophie

Ein Grundgedanke des Buddha ist es, dass die Welt in prozeduralen Begriffen gedacht werden sollte. Er empfahl, die Realität als aus abhängig entstandenen …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Grundidee und Ziel
  2. 2. Erkenntnis und frühe Lehren
  3. 3. Bedingtes Entstehen, Leerheit und Verflechtung
  4. 4. Ethik und religiöse Praxis
  5. 5. Schulen und spätere Deutungen
  6. 6. Vergleiche mit westlichem Denken

Grundidee und Ziel

Buddhistische Philosophie behandelt Fragen der Metaphysik, Phänomenologie, Ethik, Erkenntnistheorie und Systemtheorie. Ihr praktisches Ziel ist die Befreiung vom Leiden und aus dem Samsara, dem Kreislauf von Geburt, Tod und Wiedergeburt. Theorien gelten nicht als Selbstzweck, sondern sollen der Erleuchtung, Bodhi, dienen.

Der Buddha soll spekulatives Denken abgelehnt haben, wenn es von diesem Ziel ablenkt. Wirklichkeit wird vor allem als Prozess verstanden: Erscheinungen entstehen abhängig von Bedingungen und besitzen kein unveränderliches Wesen. Dadurch soll sowohl Verdinglichung, also die Annahme dauerhaft bestehender Dinge, als auch Nihilismus vermieden werden.

Ein dauerhaftes Ich oder Atman wird verneint. Das scheinbare Ich entsteht aus den fünf Skandhas oder Daseinsgruppen: materiellem Körper und Sinnesorganen, Gefühlen, Wahrnehmung, Geistesformationen und Bewusstsein. Die Bindung an ein permanentes Selbst gilt als wesentliche Ursache des Leidens. Ebenso lehnte der Buddha eine höchste Gottheit oder eine allem zugrunde liegende essenzielle Substanz ab. Stattdessen lehrte er einen Weg der Selbstvervollkommnung.

Der Buddhismus gehört zu den heterodoxen Systemen der indischen Philosophie, weil er die Autorität der Veden nicht anerkennt. Bedeutende Richtungen sind Theravada beziehungsweise Vibhajjavada, Sarvastivada beziehungsweise Vaibhashika, Sautrantika, Yogācāra beziehungsweise Vijñānavāda und Madhyamaka. Zwischen diesen Schulen waren viele philosophische Fragen umstritten.

Erkenntnis und frühe Lehren

Als Pramana werden gültige Quellen des Wissens bezeichnet. Buddhistische und hinduistische Schulen akzeptieren Wahrnehmung und Schlussfolgerung, unterscheiden sich aber darin, welchen Rang sie der überlieferten Texttradition geben. Einige buddhistische Schulen wandten sich gegen starre Ehrfurcht vor anerkannten Lehren. Nach den kanonischen Schriften soll man etwas nicht allein wegen Tradition, Schriften oder eigener Vorurteile annehmen. Maßgeblich sei vielmehr die Einsicht, dass etwas moralisch und schuldlos ist, von Weisen gelobt wird und zu Wohlbefinden und Glück führt.

Zu den grundlegenden frühen Lehren zählen nach Ansicht der meisten Wissenschaftler die drei Daseinsmerkmale Vergänglichkeit, Unzulänglichkeit und das Fehlen eines eigentlichen Wesenskerns; die fünf Aggregate; bedingtes Entstehen; Karma und Wiedergeburt; die Vier Edlen Wahrheiten; der Achtfache Pfad; Nirwana als Austritt aus dem Samsara sowie Karuna, universelles Mitgefühl als Teil der Brahmavihara. Einzelheiten des sogenannten frühesten oder vorkanonischen Buddhismus bleiben wissenschaftlich umstritten.

Nach dem Tod des Buddha wurden seine Lehren zunächst mündlich, später schriftlich im Tripitaka überliefert: Vinaya enthält Ordensregeln, Sutta die Lehrreden und Abhidhamma die systematische Lehrdarlegung. Viññāṇa bezeichnet das auf die Welt bezogene Wissen oder Bewusstsein. Es gehört zu den fünf Aggregaten und zu den zwölf Nidānas des bedingten Entstehens: Unwissenheit, mentale Formationen, Bewusstsein, Name und Form, sechs Sinnestore, Kontakt, Empfindung, Verlangen, Verhaftung, Werden, Geburt sowie Alter, Zerfall und Tod.

Die Sarvastivadins zerlegten Erfahrungen in kleinste ontologische Wahrnehmungseinheiten, die Dharmas. Sautrantikas und Theravadins kritisierten ihren Realismus. Nagarjuna wandte sich sowohl gegen den Sarvastivada-Realismus als auch gegen den Sautrantika-Nominalismus und entwickelte die Lehre von Leerheit und den zwei Wahrheiten weiter.

Bedingtes Entstehen, Leerheit und Verflechtung

Bedingtes Entstehen, Sanskrit pratītyasamutpāda, gilt als wichtiger eigenständiger Beitrag buddhistischer Metaphysik. Ereignisse sind demnach weder vorbestimmt noch zufällig. Sie entstehen unter untrennbaren Bedingungen und bestehen nicht als unabhängige Entitäten. So hängt Verlangen von Emotionen ab, Emotionen wiederum vom Kontakt mit der Umgebung. Leiden steht am Ende einer Kausalkette, zu der Verlangen und Begierde gehören.

Nagarjuna verband bedingtes Entstehen mit Anatta, dem Nicht-Selbst, und Shunyata, der Leerheit. Weil alles nur abhängig entsteht, besitzt nichts Svabhava, also eine eigene, essenzielle Natur. Leerheit bedeutet daher nicht einfach Nichtsein, sondern das Fehlen eines unabhängigen Wesenskerns. Das Herz-Sutra fasst dies in der Aussage „Form ist Leere, Leere ist Form“ zusammen.

Das Diamant-Sutra unterscheidet zwei Wirklichkeiten oder Wahrheiten: die sinnlich erfahrbare Welt der Formen, Zeichen und begrifflich verfestigten, einseitigen Wahrnehmungen sowie die Welt der Leerheit jenseits von Form, Geburt und Tod, Anfang und Ende, Selbst und Nichtselbst. Letztlich sind Form und Leerheit eins; ihre Trennung hängt von Vorstellung und Wahrnehmung ab.

Die Mahayana-Lehre der gegenseitigen Durchdringung beschreibt zusätzlich, dass alle Dharmas miteinander verbunden und ineinander enthalten sind. Das Bild vom Netz Indras zeigt Edelsteine, von denen jeder alle anderen widerspiegelt. Im Bild des Welt-Textes besteht das Universum aus einem gewaltigen Text, dessen gesamter Inhalt zugleich in jedem Atom liegt. Ein Buddha soll diesen Text so erschließen, dass Wesen vom Leiden befreit werden können.

Ethik und religiöse Praxis

Die buddhistischen Verhaltensregeln unterscheiden sich nach Schule sowie zwischen Mönchen und Laien. Ihr Kern lässt sich im Edlen Achtfachen Pfad zusammenfassen: rechte Erkenntnis, rechte Absicht, rechte Rede, rechtes Handeln, rechter Lebensunterhalt, rechte Anstrengung, rechte Achtsamkeit und rechte Konzentration. Der Pfad verbindet Weisheit, sittliches Verhalten und meditative Vertiefung und soll zur Beendigung des Leidens führen.

Geschickte Handlungen beeinflussen den Geist positiv und führen zu zukünftigem Glück; ungeschickte Handlungen bewirken das Gegenteil. Ethische Disziplin schafft mentale Stabilität und ermöglicht die Kultivierung des Geistes durch Meditation. Durch Einsicht in die Natur der Existenz und in Anatta sollen Unwissenheit und damit Leiden überwunden werden. Im Mittelpunkt stehen deshalb Ethik, Meditation und Weisheit, nicht ein Schöpfergott.

Als Ursachen des Leidens gelten die drei Geistesgifte: Unwissenheit, Gier beziehungsweise Anhaften und Wut beziehungsweise Hass. Aus der Unwissenheit über das Nichtvorhandensein eines dauerhaften Ichs entstehen Anhaftung und Ablehnung. Beim Medizinbuddha wird diese Lehre auf Krankheit bezogen: Schädliche Geisteshaltungen und der Glaube an eine den Dingen innewohnende Wirklichkeit werden mit bestimmten Krankheitsmustern und einem Ungleichgewicht der Elemente und Körperprinzipien verbunden.

Ob Buddhismus als Philosophie oder Religion einzuordnen ist, wird unterschiedlich beurteilt. Für die philosophische Deutung sprechen sein nicht-theistischer Charakter und seine praktischen Methoden. Für die Einordnung als Religion sprechen ein zusammenhängendes Lehrsystem, die Sangha als religiöse Institution, verbindliche Normen, Rituale, Mythologie, Soteriologie, Karma-, Himmels- und Höllenvorstellungen, übernatürliche Mächte und Heiligenverehrung. Vor allem im Mahayana dienen zahlreiche Buddhas und Bodhisattvas als Gegenstände von Gebet und Meditation. Der Artikel fasst den Buddhismus daher als Religion mit reichem philosophischem Gehalt auf.

Schulen und spätere Deutungen

Die wichtigsten späteren philosophischen Richtungen sind die Abhidharma-Schulen Theravada und Sarvastivada sowie die Mahayana-Schulen Madhyamaka, Yogācāra, Huayan und Tiantai. Der Bodhisattva, ein auf Buddhaschaft ausgerichtetes Wesen, wurde besonders im Mahayana zu einer zentralen, durch die vier unermesslichen Geisteshaltungen oder Brahmavihara gekennzeichneten Gestalt.

Die Trikaya-Lehre beschreibt drei Ebenen der Buddhaschaft. Im tibetischen Buddhismus kam die Lehre vom Illusionskörper, tibetisch sgyu-lus, hinzu. Er gilt als Ergebnis sehr fortgeschrittener Übungen der Vollendungsstufe, rdzogs-rim, in der höchsten Tantraklasse Anuttarayoga. Mit diesem Körper werde die nichtbegriffliche Verwirklichung der Leerheit durch den subtilsten Geist des „Klaren Lichts“ erlangt. Der Begriff der letztendlichen großen Leere ist umstritten; das heutige Drikung-Kagyü lehrt, dass Leerheit vom Geist durchdrungen ist.

Die Tathagatagarbha- oder Buddha-Natur-Lehre verwendet im Gegensatz zur meist negativen Sprache über Nicht-Selbst und Leerheit positive, kataphatische Formulierungen. Einige Sutras sprechen vom „wahren Selbst“, das im Buddha, im Nirwana und verborgen in allen Wesen liege. Nach einer wichtigen Auslegung ist damit jedoch kein substanzielles Selbst gemeint. Buddha-Natur ist dann ein positiver Ausdruck für Shunyata und für die in jedem fühlenden Wesen vorhandene Möglichkeit, durch buddhistische Praxis Buddhaschaft zu verwirklichen. Das „wahre Selbst“ wird als Vollkommenheit der Weisheit des Nicht-Selbstes verstanden.

Diese Sprache sollte offenbar verhindern, dass die Lehre von Leerheit fälschlich als Nihilismus aufgefasst wird. Die grundlegende Anatta-Lehre bleibt bestehen: Ein permanentes, unveränderliches Selbst gilt als unnötig und hinderlich, weil der Glaube daran Anhaftung und Abneigung fördert. Karma, Wiedergeburt und andere personenbezogene Vorgänge werden stattdessen durch bedingtes Entstehen, die Skandhas und in einigen Schulen durch Pudgala, die Person als Trägerin des Wiedergeburtskreislaufs, erklärt.

Vergleiche mit westlichem Denken

Während klassische westliche Philosophen häufig nach dem Anfang oder wahren Wesen der Dinge fragten, beginnt buddhistisches Denken beim leidenden und wahrnehmenden Subjekt. Viele frühbuddhistische Schulen nahmen nur eine momentane Existenz der Dinge an: Erst die ununterbrochene Folge wechselseitig abhängiger Momente erzeugt den Eindruck von Stabilität. Dauer erscheint somit als mentale Konstruktion.

David Humes Ablehnung eines unabhängig bestehenden Ichs ähnelt der Lehre von den Skandhas; sein Bewusstsein besteht aus fließenden mentalen Zuständen. Wegen seiner anderen Auffassung von Verursachung gelangte er jedoch in weiteren Fragen zu gegensätzlichen Ergebnissen. Arthur Schopenhauer stimmt dem Buddhismus darin zu, dass Begehren Leiden verursacht und Askese zu seiner Überwindung beitragen kann. Anders als im Buddhismus ist der „Wille“ bei ihm aber das in Raum und Zeit erscheinende „Ding an sich“, während Tanha, der Lebensdurst, im Buddhismus nur ein vergänglicher Daseinsfaktor ist.

Bei Martin Heidegger werden Ähnlichkeiten vor allem hinsichtlich Vergänglichkeit, „In-der-Welt-Sein“, Sorge, Angst, Gelassenheit und „Sein zum Tode“ gesehen. Es bestehen jedoch Unterschiede im Verständnis der Kausalität. Auch beim Zeitbegriff sind buddhistische Positionen nicht einheitlich: Viele Philosophen verstehen Zeit als bedingtes Dharma ohne eigenen ontologischen Status. Der Zen-Meister Dōgen (1200–1253) setzt dagegen ähnlich wie Heidegger Sein und Zeit gleich; Zeit sei nicht von den Wesen getrennt, sondern mit jedem Geschehen eins.

Die moderne Qualia-Diskussion weist Ähnlichkeiten mit dem Streit über Dharmas auf. Qualia sind subjektive Erlebnisgehalte wie Kälte, Farbe, Süße oder Schmerz. Umstritten ist, ob sie physikalisch reduzierbar, grundlegende Eigenschaften des Bewusstseins oder phänomenale Eigenschaften sind. Ebenso stritten buddhistische Schulen darüber, ob Dharmas Grundelemente der Wirklichkeit oder Bestandteile des Wahrnehmungsapparates seien. Der entscheidende Unterschied liegt im Ziel: Buddhistische Untersuchungen sind auf Erlösung ausgerichtet und nehmen teils höhere Bewusstseinszustände an, während moderne Bewusstseinsphilosophie überwiegend wissenschaftliches Erkenntnisinteresse verfolgt.

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