Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Anatta
Mit der Anatta-Lehre positionierte sich Buddha gegen die Ātman-Lehre hinduistischer Prägung oder zumindest gewisse Interpretationen davon. In der buddhistischen …
Inhalt5 Abschnitte
Kern der Lehre vom Nicht-Selbst
Anatta (Pali) beziehungsweise Anātman (Sanskrit) bedeutet „Nicht-Selbst“, „Nicht-Ich“ oder „Unpersönlichkeit“. Es ist ein Schlüsselbegriff der buddhistischen Lehre. Gemeint ist, dass keine Existenz ein festes, unveränderliches und unabhängiges Selbst, einen bleibenden Wesenskern oder eine Seele besitzt.
Anatta gehört zusammen mit dukkha (Leiden) und anicca (Unbeständigkeit) zu den drei Daseinsmerkmalen der bedingten Existenz. Der Buddha wird deshalb als Anatta-vadi, als Verkünder des Nicht-Selbst, bezeichnet. Die Lehre richtet sich gegen die Annahme, der jeweils erlebte, vorübergehende Zustand sei eine dauerhafte Seele. Das Festhalten an dieser Vorstellung verursacht Leiden.
Ziel der Praxis ist es, sich von unangemessenem Anklammern an einen vermeintlich festen Wesenskern zu lösen. Ethisches Verhalten und Meditation unterstützen diesen Weg zur völligen Befreiung, dem Nirwana. Ein Arhat, also ein Mensch in völliger Befreiung, hat Gier, Hass und Verblendung überwunden; das Nirwana hebt seine Wiedergeburt auf.
Bedingtheit, Skandhas und Befreiung
Nach buddhistischer Lehre ist alles einer fortlaufenden Veränderung unterworfen und existiert nur in Abhängigkeit von Bedingungen. Dieses Prinzip heißt Bedingtes Entstehen, Pratītyasamutpāda. Weil bedingte Dinge nicht dauerhaft sind, gilt die Vorstellung eines bleibenden Selbsts oder einer Seele als unwissend und illusioniert.
Was gewöhnlich als Person oder Selbst erscheint, besteht aus fünf Skandhas, also veränderlichen Bestandteilen: Körper, Empfindungen, Wahrnehmungen, Geistesformationen und Bewusstsein. Ein Individuum bildet Begehren und Anhaften an diese Skandhas; dieses Anhaften heißt Upadana (Sanskrit upādāna). Der Buddha erklärte die fünf Skandhas für unbeständig, vergleichbar mit einer brennenden Flamme, die ständigem Wechsel unterworfen ist.
Durch meditative Einsicht sollen Praktizierende das Begehren nach allen fünf Skandhas überwinden. Daraus entstehen Nicht-Anhaften und Weisheit; weltliche Begierden können losgelassen und Leiden überwunden werden. Anatta wird auch als „Ich-Selbstlosigkeit“ übersetzt. In einem weiteren Sinn bezeichnet es die „Uneigenständigkeit“ aller objektivierbaren Tatsachen: Gedanken, Impulse und Gefühle sind vergängliche Bewusstseinsinhalte und keine unabhängigen, festen Instanzen.
Der Buddha führte das Anhaften an ein festes Selbst auf Unwissenheit über die vier Edlen Wahrheiten, die drei Daseinsmerkmale und zwölf Bestandteile zurück. Die Frage, was mit einem vollständig erleuchteten Buddha nach dem Tod geschieht, betrachtete Buddha Shakyamuni (Siddhartha Gautama) als spekulativ und beantwortete sie nicht.
Abgrenzung von hinduistischen Vorstellungen
Die buddhistische Anatta-Lehre wurde als Gegensatz zu den damals vorherrschenden Lehren der Upanischaden und zur Ātman-Lehre dargestellt. Dort steht Atman für eine unveränderliche und ewige Seele. Sie wird vom Jiva eingehüllt, ist nicht erkennbar, gilt als unsterblich und immateriell und soll nicht dem Kreislauf der Wiedergeburten unterworfen sein. Daher müsse Atman nicht befreit werden, sondern sei ewig frei.
In der Erlösung, Moksha, vereinigt sich Atman mit Brahman, dem Absoluten Höchsten, das allem zugrunde liegt. Advaita, die Lehre der „Nicht-Zweiheit“, nimmt an, dass Atman und Brahman identisch und auf ewig untrennbar seien; Moksha bedeutet dann, diese ewige Einheit zu erkennen. Dvaita, die Lehre der „Zweiheit“, versteht Atman und Brahman dagegen als auf ewig getrennt. Ziel der Seele ist es dort, nach unzähligen Wiedergeburten bei dem Absolut-Göttlichen zu sein.
Zur begrifflichen Unterscheidung wird das erlebte, illusionierte und vorübergehende Selbst oft als „Ich“ oder „Selbst“ bezeichnet, das ewige Selbst dagegen als „Seele“. Maya beschreibt die negative Verhüllung der unsterblichen Seele durch die Identifikation mit Körper, Gedanken und Gefühlen.
Wiedergeburt und Fragen des Verständnisses
Anatta und Wiedergeburt können zunächst widersprüchlich erscheinen: Wenn es keine dauerhafte Essenz einer Person gibt, was wird dann wiedergeboren? Im Kūtadanta Sutta, der 5. Lehrrede im Dígha Nikaya, erklärte Buddha dies einem Brahmanen namens Kutadanta: Die Verbindung zwischen einzelnen Leben stellt allein der karmische Impuls her. Es wird keine Substanz übertragen.
Als Vergleich dient eine Kerze: Wenn ihr Wachs ausgeht und sie erlischt, kann an ihrer Flamme eine neue Kerze entzündet werden. Die Flamme bleibt erhalten, aber der Brennstoff ist neu. Ebenso besteht zwischen dem jetzigen Selbst, einem Selbst vor wenigen Minuten und einem Selbst aus früheren Leben keine feste Identität. Verbunden sind sie durch eine Kontinuität der Veränderung, ähnlich einem Fluss, der eine Minute später ein anderer ist.
Der Artikel nennt zwei Schwierigkeiten der Auslegung. Anatta kann als direkte Verneinung eines Ichs oder Selbsts verstanden werden; es kann aber auch nur die falsche Vorstellung eines Ichs oder Selbsts verneinen, die von einem „wahren Selbst“ geschieden sei und durch einen Arhat erlangt werden könne. Außerdem scheint die Lehre einer Praxis der Selbstbefreiung zu widersprechen: Wenn kein Selbst existiert, kann kein Selbst sich selbst befreien. Nach dieser Überlegung befreit man sich lediglich von der Wahrnehmung eines Selbsts.
Buddhanatur in Tathagatagarbha-Sutras
Eine Minderheit innerhalb der Mahayana-Tradition beschränkt Anatta auf die vergänglichen fünf Skandhas. Die Tathagatagarbha-Sutras vertreten demgegenüber, dass diese Skandhas zwar Nicht-Selbst sind, die tatsächliche Realität oder innewohnende Essenz eines Wesens jedoch Buddha-dhatu, das Buddha-Prinzip oder die Buddhanatur, sei.
Diese Buddhanatur wird als selbst, rein und todlos beschrieben. Im Mahayana Mahaparinirvana Sutra heißt sie „wahres Selbst“: Sie werde nicht von Wiedergeburt beeinflusst, sei immer makellos und strahlend rein und müsse in den Tiefen des durch Klesas verunreinigten Alltagsbewusstseins entdeckt werden. Klesas sind mentale Verunreinigungen wie Gier, Hass und Verblendung.
Nach dem Tathagatagarbha Sutra besitzt jedes Wesen eine für alle Zeiten vollkommen reine Buddha-Essenz mit Tugenden, die sich nicht von den Tugenden des Buddha unterscheiden. In dieser Darstellung ist das Nicht-Selbst nur eine relative Tatsache und nicht die absolute Wahrheit. Der Artikel bezeichnet diese Deutung der Anatta-Lehre als kontrovers.