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Vierter Kreuzzug

Der Vierte Kreuzzug von 1202 bis 1204, an dem hauptsächlich französische Ritter sowie venezianische Seeleute und Soldaten beteiligt waren, …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Kern und Bedeutung
  2. 2. Vorgeschichte der Spannungen
  3. 3. Planung und Vertrag mit Venedig
  4. 4. Zara und die Wendung nach Konstantinopel
  5. 5. Belagerungen und Plünderung Konstantinopels
  6. 6. Folgen für Byzanz und Europa

Kern und Bedeutung

Der Vierte Kreuzzug dauerte von 1202 bis 1204 und war Teil der mittelalterlichen Kreuzzüge. Beteiligt waren vor allem französische Ritter sowie venezianische Seeleute und Soldaten. Ursprünglich sollte der Kreuzzug nach Ägypten führen, um das Kerngebiet der muslimischen Ayyubiden anzugreifen und dadurch die Rückeroberung Jerusalems vorzubereiten. Tatsächlich endete er aber mit der Eroberung und Plünderung zweier christlicher Städte: Zara und Konstantinopel.

Das Ereignis war besonders folgenreich, weil es dem Kreuzzugsgedanken widersprach und trotz päpstlicher Einwände gegen Christen geführt wurde. Die Einnahme Konstantinopels vertiefte die Spaltung zwischen dem griechisch-orthodoxen Osten und dem römisch-katholischen Westen. Die wichtigsten Konfliktparteien waren auf der einen Seite die Kreuzfahrer und die Republik Venedig, auf der anderen Seite das Byzantinische Reich sowie Zara unter ungarischer Oberherrschaft. Genannt werden etwa 10.000 Kreuzfahrer, 10.000 Venezianer mit 210 Schiffen sowie 30.000 byzantinische Soldaten und 20 byzantinische Schiffe.

Vorgeschichte der Spannungen

Vor dem Vierten Kreuzzug waren die Beziehungen zwischen Byzanz und Venedig stark belastet. In Konstantinopel lebten Mitte des 12. Jahrhunderts sehr viele „Lateiner“, also Westeuropäer, vor allem Händler aus Amalfi, Genua, Pisa und Venedig. Sie besaßen Handelsprivilegien, die Byzanz ihnen in früheren Notlagen gegen militärische Unterstützung zugestanden hatte. Diese Bevorzugung, das Auftreten der Händler und ihre Konflikte untereinander führten zu wachsendem Hass in der byzantinischen Bevölkerung.

1171 wurden nach Ausschreitungen im genuesischen Viertel von Pera alle venezianischen Kaufleute im Byzantinischen Reich verhaftet, eingekerkert und ihr Besitz beschlagnahmt. Venedig wertete dies als Kriegserklärung und schickte eine Flotte mit 120 Schiffen aus. Die Expedition scheiterte jedoch nach Verhandlungen, Verzögerungen und einer Seuche auf den Schiffen. Das Verhältnis blieb dauerhaft beschädigt. 1182 kam es beim sogenannten „Lateinerpogrom“ zur Ermordung fast der gesamten lateinischen Bevölkerung Konstantinopels.

Auch während des Dritten Kreuzzugs verschlechterte sich das Verhältnis: Kaiser Isaak II. Angelos verweigerte 1189 dem deutschen Heer Friedrich Barbarossas zunächst die zugesagte Durchreise und ließ die Kreuzfahrer erst 1190 nach Kleinasien übersetzen. Nach 1195 schwächte sich das Byzantinische Reich weiter. Alexios III. stürzte Isaak II., die kaiserliche Autorität nahm ab, Gebiete lösten sich, und nach der Vernichtung eines Großteils der Flotte besaß Byzanz nur noch 20 Schiffe. Dadurch konnte es seine Seeherrschaft kaum noch sichern, und der Seehandel als wichtige Einnahmequelle Konstantinopels ging stark zurück.

Planung und Vertrag mit Venedig

Papst Innozenz III. rief im August 1198 mit der Bulle Post miserabile Ierusolimitane zu einem neuen Kreuzzug auf. Anders als beim Dritten Kreuzzug gab es keinen einzelnen Auslöser wie die Niederlage bei Hattin. Ziel war die Rückeroberung der Levante, da Jerusalem und große Teile Palästinas noch unter der Herrschaft der muslimischen Ayyubiden standen. Zu den frühen Teilnehmern gehörten Theobald von der Champagne, Ludwig von Blois, Balduin von Flandern und Hennegau sowie Hugo IV. von St. Pol. Nach Theobalds Tod im Mai 1201 wurde Bonifatius von Montferrat zum Anführer gewählt.

Wegen früherer Spannungen mit Byzanz einigte man sich darauf, den Seeweg zu nehmen. Gesandte verhandelten mit italienischen Hafenstädten, darunter Gottfried von Villehardouin, der später als Chronist des Vierten Kreuzzugs bekannt wurde. Venedig erklärte sich bereit, den Transport von etwa 33.000 Mann zu organisieren und zusätzlich 50 Galeeren auszurüsten. Dafür verlangte Doge Enrico Dandolo 85.000 Mark Silber und die Hälfte des zu erobernden Gebiets. Offiziell blieb Jerusalem das Ziel, doch in einem geheimen Zusatzprotokoll wurde die Eroberung Ägyptens vereinbart. Die Flotte sollte am 29. Juni 1202 auslaufen; tatsächlich begann der Kreuzzug Anfang Oktober 1202.

Zara und die Wendung nach Konstantinopel

Für Venedig war der Kreuzzug ein hohes Risiko: Die Stadt stellte über 200 Schiffe bereit, konnte aber zunächst nicht bezahlt werden. Als nur etwa ein Drittel der erwarteten 34.000 Kreuzfahrer erschien, konnten diese die vereinbarte Summe nicht aufbringen. Deshalb einigte man sich darauf, die dalmatinische Stadt Zara einzunehmen. Venedig akzeptierte dafür einen Zahlungsaufschub. Zara wurde nach zweiwöchiger Belagerung Ende November 1202 erobert, und die Beute wurde mit den Schulden der Kreuzfahrer verrechnet. Da die Jahreszeit bereits weit fortgeschritten war, überwinterte das Heer in Zara.

Der Angriff auf Zara war problematisch, weil die Stadt unter der Oberherrschaft des ungarischen Königs stand, der selbst einen Kreuzzug gelobt hatte. Papst Innozenz III. hatte den Krieg gegen Christen ausdrücklich verboten und exkommunizierte die Venezianer. Sein Brief wurde jedoch von den Anführern des Kreuzzuges abgefangen.

Im Winterlager bei Zara kam es zur entscheidenden Wendung gegen Byzanz. Prinz Alexios IV. Angelos, Sohn des gestürzten Isaak II. und Neffe von Alexios III., suchte Unterstützung, um seinen Vater wieder auf den Thron zu bringen. Er versprach den Kreuzfahrern 200.000 Silbermark, die Versorgung des Heeres für ein Jahr und 10.000 Mann Unterstützung für die Rückeroberung Jerusalems. Viele Kreuzfahrer lehnten den Plan ab und verließen das Heer, doch wichtige Anführer wie Bonifatius von Montferrat, Ludwig von Blois, Balduin von Flandern und Hennegau sowie Hugo von St. Pol stimmten zu. Am 24. Juni 1203 erreichten die Kreuzfahrer Konstantinopel.

Belagerungen und Plünderung Konstantinopels

Bei der ersten Belagerung Konstantinopels 1203 sperrten die Byzantiner die Einfahrt zum Goldenen Horn mit einer Kette. Den Venezianern und Kreuzfahrern gelang es, diese Sperre zu durchbrechen. Am 17. Juli 1203 griffen die Venezianer die Seemauer am Goldenen Horn an und konnten einen Abschnitt erobern. Das fränkische Heer, das die Theodosianische Landmauer angriff, musste sich zurückziehen. Kaiser Alexios III. floh jedoch nach Thrakien, obwohl die Lage noch nicht aussichtslos war. Daraufhin brach der Widerstand zusammen. Der geblendete Isaak II. wurde wieder auf den Thron gesetzt, und sein Sohn Alexios IV. wurde am 1. August zum Mitkaiser ernannt.

Die Versprechen an die Kreuzfahrer konnten jedoch nicht erfüllt werden. Isaak II. konnte die Schulden nicht bezahlen und kein Heer für Palästina aufstellen. Gleichzeitig wuchs in Konstantinopel die Ablehnung gegen die lateinischen Truppen. Es kam zu Angriffen auf lateinische Kaufleute, zu Versorgungsproblemen und zu Plünderungen durch Kreuzfahrer. Am 28. Januar 1204 wählte eine Senats- und Priesterversammlung Nikolaos Kanabos zum Kaiser. Kurz darauf setzte sich Alexios V. Murtzouphlos durch. Alexios IV. und Nikolaos wurden getötet, Isaak II. starb wenig später unter ungeklärten Umständen, wahrscheinlich ebenfalls durch Alexios V. Dieser verweigerte jede Zahlung an die Kreuzfahrer und forderte sie auf, Byzanz zu verlassen.

Im März 1204 schlossen die Kreuzfahrer und Venezianer den Vertrag Partitio Terrarum Imperii Romaniae. Er regelte für den Fall des Sieges die Aufteilung von Beute und Gebiet: Venedig und die Kreuzfahrer sollten jeweils drei Achtel erhalten, der künftige Herrscher Byzanz’ ein Viertel, bis die Schulden bezahlt waren. Am 9. April 1204 scheiterte ein erster Angriff auf die verstärkten Seemauern. Am 12. April gelang die Einnahme einiger Türme, und die Angreifer setzten sich im Hafenviertel fest. In der Nacht zum 13. April floh Alexios V.; der organisierte Widerstand brach zusammen.

Danach kam es zu einer drei Tage dauernden Plünderung Konstantinopels. Viele Einwohner wurden misshandelt, vergewaltigt oder getötet. Kunstschätze wurden geraubt, Ikonen und Mosaike zerstört, Reliquien entwendet und über Europa verstreut. Der Gesamtwert der Beute wird auf etwa 900.000 Silbermark geschätzt. Während fränkische Kämpfer häufig wahllos Goldschmuck sammelten und einschmolzen, ließen die Venezianer gezielt wertvolle Kunstgegenstände sichern; viele gelangten nach Venedig.

Folgen für Byzanz und Europa

Nach dem Sieg wurden die Gebiete des Byzantinischen Reiches unter den Siegern aufgeteilt. Aus einem Rumpfgebiet entstand das Lateinische Kaiserreich mit Konstantinopel als Hauptstadt. Erster Kaiser wurde Balduin von Flandern und Hennegau. Weitere lateinische Herrschaften entstanden, etwa das Königreich Thessalonike sowie Fürsten- und Herzogtümer auf der Peloponnes und auf ägäischen Inseln. Venedig erhielt unter anderem Kreta, Modon und Koron, Korfu und die Ionischen Inseln, Stützpunkte in der Ägäis, die Kontrolle über Gallipoli und die Dardanellen sowie drei Achtel Konstantinopels mit Hafenanlagen und Warenlagern.

Gleichzeitig entstanden byzantinische Nachfolgestaaten, darunter das Despotat Epiros, das Kaiserreich Trapezunt unter Alexios I. Komnenos und das Kaiserreich Nikaia unter Theodor I. Laskaris. Das Lateinische Kaiserreich war militärisch schwach. Schon etwa ein Jahr nach der Einnahme Konstantinopels unterlag Kaiser Balduin I. den Bulgaren unter Zar Kalojan in der Schlacht von Adrianopel. 1261 eroberte Michael VIII. Palaiologos Konstantinopel für Nikaia zurück, doch das Byzantinische Reich erreichte seinen früheren Glanz nicht mehr.

Langfristig schwächte der Vierte Kreuzzug Byzanz schwer. Das Reich hatte zuvor über 500 Jahre als „Bollwerk“ gegen die muslimische Expansion gegolten, verlor nun aber stark an Widerstandskraft. Später folgte die osmanische Expansion; Konstantinopel fiel 1453. Auch religiös waren die Folgen tiefgreifend: Die Gräueltaten bei der Plünderung machten theologische Einigungsversuche zwischen katholischer und orthodoxer Kirche für viele orthodoxe Christen unannehmbar. Obwohl der Papst die Ereignisse später scharf verurteilte, wurde der seit dem 11. Jahrhundert bestehende Graben zwischen beiden Kirchen weiter vertieft. Im Heiligen Land kam der Kreuzzug nie an; König Amalrich II. von Jerusalem verlängerte deshalb 1204 seinen Waffenstillstand von 1198 mit dem Ayyubiden-Sultan Al-Adil I. um sechs Jahre.

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