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Vertikale Ökumene
In einer weiteren Version von Ökumene werden die anderen abrahamitischen Religionen Judentum und Islam beigezogen. Diese Vorgehensweise bezeichnet Keel als …
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Grundidee der Vertikalen Ökumene
Die Vertikale Ökumene ist ein von Othmar Keel entwickeltes Konzept für gegenseitige Anerkennung und nachhaltige Verständigung zwischen monotheistischen und polytheistischen Religionen sowie grundsätzlich zwischen allen Religionen. Sie betrachtet Religionen als gleichberechtigte Gesprächspartner.
„Vertikal“ meint den Blick auf historische Beziehungen und aufeinanderfolgende, oft verabsolutierte Phasen großer religiöser Traditionsströme. Das Konzept richtet sich gegen Polemik, Arroganz und Selbstgerechtigkeit in religiösen Schriften, soweit diese zur Begründung eigener Identität dienen. Solche Abgrenzungen und ihre Motive werden als ein Faktor für unnötige Verletzungen und gewalttätige Auseinandersetzungen verstanden.
Ziel und Verhältnis zur bisherigen Ökumene
Religiös motivierte Unterschiede haben nach dem Artikel über Jahrtausende zu schweren Gräueltaten beigetragen. Gespräche zwischen Vertretern verschiedener Religionen versuchen seit mehr als 100 Jahren, diesem Problem entgegenzuwirken.
Die gegenwärtige Ökumene bezeichnet meist Gespräche zwischen christlichen Konfessionen über gemeinsame Inhalte. Werden außerdem Judentum und Islam einbezogen, spricht Keel von horizontaler Ökumene. Diese könne jedoch in unverbindlichen Freundlichkeiten oder Stellungsdebatten stehen bleiben. Die Vertikale Ökumene soll darüber hinaus nach den Umständen, Umfeldern und Motiven fragen, die monotheistische Religionen geprägt haben. Sie will damit ein friedliches, verständnisvolles und produktives Verhältnis ermöglichen, anstatt Religionen als einzigartig und absolut zu behandeln.
Abraham und historische Wurzeln
Abraham ist historisch kaum fassbar, hat aber in Judentum, Christentum und Islam jeweils eine wichtige, unterschiedliche Rolle. Der Artikel beschreibt kritisch, dass Abraham in diesen Religionen als erster Jude, erster Christ beziehungsweise erster Muslim dargestellt werde. Dadurch diene er der Abgrenzung vom Heidentum und Götzendienst; im Christentum und Islam auch der Abhebung vom Judentum. Die ältesten Texte über Abraham reichen laut Artikel bestenfalls ins 10. Jahrhundert v. Chr. zurück.
Für den Islam gilt Abraham als Begründer; genannt werden Sure 22,27 beziehungsweise 26–29. Daraus konnte der Islam für sich einen älteren und würdigeren Ursprung als Judentum mit Mose und Christentum mit Jesus beanspruchen; diese hätten die Religion Abrahams vermischt, so Sure 9,30.
Keel kritisiert die abrahamitische Ökumene, weil sie die gemeinsamen polytheistischen Wurzeln der drei monotheistischen Religionen ausblende. Gemeinsam sei ihnen der Glaube an einen einzigen, unsichtbaren Gott als Schöpfer alles Sicht- und Unsichtbaren; dieser Glaube habe nichts mit dem biblischen Abraham zu tun. Die Anerkennung tatsächlicher historischer Anfänge soll eine vertikale, historische und antifundamentalistische Gesprächsdimension eröffnen, auch mit dem Polytheismus nahestehenden „Naturalisten“.
Entstehung und Abgrenzung monotheistischer Religionen
Der Abschnitt zum Judentum ist im Artikel ausdrücklich als nicht hinreichend belegt gekennzeichnet. Ihm zufolge wandten sich Juden in Jerusalem im 7./6. Jahrhundert v. Chr. von polytheistischen, paganen Riten und Denkweisen ab und dem Glauben an einen einzigen Gott zu. Diese Entwicklung wird zugleich als Gewinn und als Verlust beschrieben: Wahrnehmbare Geschöpfe zeigten die Wirklichkeit nicht in ganzer Tiefe, doch gehe damit auch ein Verlust menschlicher Erfahrung einher, etwa eine geringere Ernstnahme der Natur.
Im Christentum bildeten sich nach Jesu Tod und Auferstehung verschiedene Gemeinden, teils mit gnostischen oder apokryphen Überlieferungen. Konstantin nahm 312 n. Chr. den christlichen Glauben an, Theodosius erklärte das Christentum 380 n. Chr. zur Reichskirche. Das Konzil von Chalcedon entschied 451 n. Chr. die Anerkennung zweier Naturen Christi, Gott und Mensch, sowie die Trennung von gnostisch-apokryph ausgerichteten Kirchen. Die Dogmengeschichte wird nicht nur als geistig-spirituelle Entwicklung, sondern auch als von politischen Machtansprüchen beeinflusst dargestellt.
Der Islam entstand in einem Kontext arabischer Gottheitenverehrung. Er stellte jüdische und christliche Einzelinteressen und Auslegungsdifferenzen durch Rückgriff auf eine ursprüngliche, einfache Religion Abrahams neu dar und erkannte Mose sowie Jesus, den Sohn Marias, als Wegbereiter an. Nach muslimischem Selbstverständnis wurden Muhammad die Suren des Koran etwa von 610 n. Chr. bis zu seinem Tod 632 offenbart. Bis 622 blieb er in Mekka; die frühen Offenbarungen richteten sich vorwiegend gegen die arabisch-polytheistische Welt. Auch hier werden politische Überlegungen als bedeutsam genannt.
Monotheistische Texte beruhen laut Artikel oft auf altorientalischen Motiven. Als Beispiele nennt er die Sintflutgeschichte mit einer alten babylonischen Überlieferung sowie Rechtsordnungen im Buch Exodus, für die es Jahrhunderte ältere Rechtssätze gebe, etwa auf der Hammurapi-Stele. Jüdische, christliche und islamische Gemeinschaften hätten ihre Identität stark durch gegenseitige Abgrenzung aufgebaut. Die Abgrenzung von heidnischen Religionen wird zudem mit einem Verlust an Sensibilität für Naturkräfte verbunden.
Umsetzung und Voraussetzungen für Dialog
Keel verwendet die Bilder von Familie, Generationen, Lebensaltern und Stockwerken. Sie sollen zeigen, dass aufeinanderfolgende Entwicklungsphasen miteinander verbunden sind. Jeder Übergang bringt Gewinn und Verlust; keine Phase ist nur gut oder nur schlecht, und eine neue macht die vorherige nicht überflüssig. Dies soll auch für Glaubensbekenntnisse gelten.
Treffen sollen Menschen aus allen relevanten Schichten beteiligen, ausdrücklich auch Frauen, Arme, Benachteiligte und „Fußvolk“. Voraussetzung sind gegenseitiger Respekt, die Bereitschaft, den eigenen Absolutheitsanspruch zu relativieren, und die Auseinandersetzung mit Prozessen religiöser Identitätsbildung, auch wenn sie mit radikaler Abgrenzung verbunden waren. Andere sollen als Andere anerkannt werden. Der Artikel verbindet die Suche nach Versöhnung mit Gottes Willen und Erlösung.
Derzeit wird Vertikale Ökumene laut Artikel zwischen Christentum und Judentum, innerhalb der christlichen Kirchen des Ostens und Westens sowie in Begegnungen von Christentum und Islam gepflegt. Die theologischen Eigenwerte und Perspektiven sollen respektiert, Gemeinsamkeiten bewusst gemacht und Dialoge ehrlich gegenüber der eigenen Geschichte sowie zukunftsgerichtet geführt werden. Dazu gehört auch, politische Einflüsse auf Dogmengeschichten wahrzunehmen.