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Versuchung Jesu
Die Versuchung Jesu ist eine Episode, die in den drei synoptischen Evangelien des Neuen Testaments erwähnt wird: Jesus von Nazaret fastet allein in der …
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Kern der Erzählung
Die Versuchung Jesu ist eine Episode der drei synoptischen Evangelien Markus, Matthäus und Lukas. Nach seiner Taufe wird Jesus vom Geist Gottes in die Wüste geführt. Dort fastet er vierzig Tage lang und widersteht den Versuchungen des Teufels. Die Erzählung bereitet seinen ersten öffentlichen Auftritt und sein späteres Wirken vor. Der Überlieferung nach geschah dies auf dem Berg der Versuchung im heutigen Westjordanland.
Markus 1,12–13 berichtet nur knapp: Jesus bleibt vierzig Tage in der Wüste, wird von Satan versucht, lebt bei den wilden Tieren und wird von Engeln versorgt. Matthäus 4,1–11 und Lukas 4,1–13 schildern dagegen drei einzelne Versuchungen. Ihre Reihenfolge unterscheidet sich: Bei Matthäus folgt auf die Verwandlung von Steinen in Brot der Sprung vom Tempel und schließlich das Angebot der Weltherrschaft. Lukas setzt die Weltherrschaft an die zweite und den Tempelsturz an die letzte Stelle.
Jesus beantwortet jede Versuchung mit Worten aus dem Alten Testament. Dabei werden Dtn 8,3, Ps 91,11–12, Dtn 6,16 sowie Dtn 5,9 und 6,13 aufgegriffen. Alle diese Stellen stehen mit der Wüstenwanderung Israels in Verbindung. Auch die vierzig Tage und vierzig Nächte werden häufig auf Ex 24,18 bezogen oder symbolisch verstanden. Nach Matthäus lässt der Teufel schließlich von Jesus ab, und Engel dienen ihm. Nach Lukas zieht er sich nur „für eine gewisse Zeit“ zurück, was auf die spätere Passion vorausweist.
Textform und mögliche Herkunft
Als gemeinsame Quelle der ausführlichen Fassungen bei Matthäus und Lukas wird hypothetisch die Logienquelle Q angenommen. Die Matthäusfassung gilt häufig als ursprünglicher, weil sich in ihr eine Steigerung erkennen lässt. Lukas stellt dagegen den Tempel an den Schluss, weil Jerusalem und sein Tempel für sein Evangelium besondere Bedeutung besitzen.
Dass Jesus eine Zeit in der Wüste verbrachte, kann nach dem Artikel historisch angenommen werden. Die konkrete Versuchungsgeschichte besitzt jedoch eine besondere literarische Form: Augenzeugen kommen nicht infrage, und eine streng historisch-wörtliche Deutung stößt unter anderem auf das Problem, dass von keinem Berg aus „alle Reiche der Welt“ sichtbar sind. Manche Exegeten, also wissenschaftliche Bibelausleger, verstehen das Geschehen deshalb als eine innere Auseinandersetzung oder Vision Jesu.
Bedeutung für das Verständnis Jesu
Paränetisch, also als religiöse Mahnung, gelesen zeigt die Erzählung, dass Menschen Versuchungen im Gehorsam gegenüber Gott widerstehen sollen. Diese Deutung wurde besonders von frühen Kirchenvätern geprägt.
Die christologische Auslegung fragt danach, was die Geschichte über Jesus aussagt. Jesus bleibt seinem göttlichen Auftrag und dem Wort Gottes treu. Nach seiner Taufe bewährt er seine Identität als Gottes- und Menschensohn. Seine Messianität zeigt sich als die eines Propheten, Priesters und Königs, nicht als die eines politischen Messias. Der Hebräerbrief greift diesen Gedanken auf: Weil Jesus selbst wie andere Menschen versucht wurde und litt, aber nicht sündigte, kann er menschliche Schwäche verstehen und den Versuchten helfen. Er durchschreitet den menschlichen Weg nicht nur in seinem Sterben, sondern auch in seinem Leben.
Die kurze Markusfassung wird außerdem mit Adam verbunden. Während Adam im Paradies der Versuchung erliegt, widersteht Jesus als „Neuer Adam“ und tilgt die Schuld des ersten. Wüste und wilde Tiere bilden einen Gegensatz zum Paradiesgarten; zugleich erinnert der Dienst der Engel an spätjüdische Überlieferungen, nach denen auch Adam von Engeln gespeist wurde. Mit Jesus beginnt demnach die endzeitliche Wiederherstellung des Paradieses.
Die drei Versuchungen
Bei der ersten Versuchung soll Jesus seine Vollmacht nutzen, um aus einem Stein beziehungsweise aus Steinen Brot zu machen und so seinen Hunger zu beenden. Seine Antwort lautet, der Mensch lebe nicht nur von Brot, sondern von Gottes Wort. Dies kann bedeuten, dass Gehorsam und Vertrauen auf Gott wichtiger sind als materielles Wohlergehen. Jesus verweigert sich damit auch dem Versuch, Leiden einfach auszuweichen. Eine zweite Deutung betont, dass Gott Menschen auch ohne Brot erhalten kann. Würde Jesus sich selbst versorgen, gäbe er sich der Illusion hin, völlig unabhängig und aus sich selbst heraus lebensfähig zu sein. Die Engel, die ihm später dienen, zeigen dagegen sein Vertrauen auf Gottes Versorgung.
Beim Sprung vom Jerusalemer Tempel soll Jesus Gottes Schutz absichtlich erproben. Der Teufel zitiert dazu selbst Ps 91,11–12. Dies zeigt, dass auch ein Bibeltext missbraucht werden kann, um eigene Vorstellungen scheinbar zu beweisen. Jesus weigert sich, Gott auf die Probe zu stellen oder durch ein Wunder seine Stellung zu beweisen. Dieses Motiv kehrt in der Passion wieder: Er fordert keine Engel zu seiner Rettung an, steigt nicht vom Kreuz herab und akzeptiert vollständig die menschlichen Grenzen, insbesondere Verletzbarkeit und Sterblichkeit.
Bei der Versuchung des Weltkönigtums bietet der Teufel Jesus sämtliche Reiche und ihre Herrlichkeit an, wenn Jesus ihn anbetet. Ziel ist es, Jesu Verbindung zu Gott zu lösen. Jesus antwortet, allein Gott dürfe angebetet und ihm allein gedient werden. Sein Ruf „Weg mit dir, Satan!“ erscheint in Mt 16,23 nochmals gegenüber Petrus, als dieser Jesu Weg durch Leiden und Kreuz ablehnt. In beiden Fällen stellt Jesus Gottes Willen über menschliche Wünsche. Der Teufel bietet „Macht ohne Leiden“ beziehungsweise Herrschaft ohne Kreuz an. Nach der Erzählung erhält Jesus wirkliche Macht nicht durch Abkehr von Gott: Der Auferstandene erklärt in Mt 28,18, ihm sei alle Macht im Himmel und auf der Erde gegeben.
Liturgie und Wirkung
In der katholischen Leseordnung gehört die Versuchungsgeschichte zum 1. Fastensonntag. Im Lesejahr A wird Matthäus 4,1–11 gelesen, im Lesejahr B Markus 1,12–14 und im Lesejahr C Lukas 4,1–13.
Die Episode wurde vielfach in bildender Kunst, Literatur, Film und Musik aufgenommen. Zu den genannten literarischen Bearbeitungen gehören John Miltons Gedicht Paradise Regained von 1671, Der Großinquisitor in F. M. Dostojewskis Roman Die Brüder Karamasow und W. S. Maughams Roman Auf Messers Schneide. Auch die Filme Die letzte Versuchung Christi und Jesus von Montreal greifen das Motiv auf. Vertonungen stammen unter anderem von Günter Raphael (1934), Gustav Gunsenheimer (Die Versuchung Jesu, 1968) und Rudolf Mors (1985).