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Vernichtungslager Sobibor
Das Vernichtungslager Sobibor war ein deutsches Vernichtungslager im besetzten Polen während des Zweiten Weltkrieges. Es lag in der Nähe des etwa 500 …
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Zweck und Einordnung
Das Vernichtungslager Sobibor war ein deutsches Vernichtungslager im besetzten Polen während des Zweiten Weltkriegs. Es lag nahe dem Dorf Sobibór in der Landgemeinde Włodawa, im damaligen Distrikt Lublin des Generalgouvernements und heute im Dreiländereck Polen–Belarus–Ukraine.
Sobibor gehörte zusammen mit Belzec und Treblinka zur „Aktion Reinhardt“, der planmäßigen Ermordung der Juden des Generalgouvernements. Das Lager wurde Anfang 1942 errichtet. Seine zentrale Funktion war die Tötung deportierter Menschen in Gaskammern; nach Schätzungen wurden dort insgesamt 150.000 bis 250.000 Menschen ermordet, überwiegend Juden.
Lageraufbau und Ablauf der Ermordung
Das zunächst 12 Hektar große, später auf 60 Hektar erweiterte Gelände war in Lagerteile gegliedert. Lager I lag am Bahngleis. Dort befanden sich unter anderem die Kommandantenvilla, ein Waffenarsenal, Versorgungseinrichtungen, Unterkünfte für etwa 30 deutsche SS-Angehörige sowie 90 bis 120 „Trawniki-Männer“ und Baracken für durchschnittlich 50 jüdische Häftlinge. Diese mussten in Werkstätten und Hilfsdiensten arbeiten.
Lager II war durch Sichtschutz abgeschirmt. Rund 400 Häftlinge waren dort untergebracht; sie mussten den Besitz der Opfer sammeln, sortieren und lagern. Von Lager II führte die 150 Meter lange und drei bis vier Meter breite, mit Stacheldraht und Tannenzweigen eingefasste „Himmelsstraße“ zur Vernichtungsstätte in Lager III.
In Lager III standen die Gaskammern. Die zuvor in Lager II entkleideten Opfer wurden dort durch Motorabgase erstickt. Ein Arbeitskommando verscharrte die Leichen zunächst in einer 60 Meter langen und 20 Meter breiten Grube. Ab Sommer 1942 musste es Leichen exhumieren und verbrennen; anschließend wurden auch diese Arbeitshäftlinge ermordet. 1942 wurde die Zahl der Gaskammern erweitert, sodass die Kapazität auf etwa 1.200 Opfer verdoppelt wurde. Im Juni 1943 wurde der äußere Zaun zusätzlich vermint.
Opferzahlen und Deportationen
Mitte April 1942 wurden bei einer „Probevergasung“ etwa 250 Juden aus einem nahegelegenen Arbeitslager getötet. Von Anfang Mai bis Ende Juli 1942 wurden wahrscheinlich bis zu 90.000 Juden ermordet. Heinrich Himmler besuchte Sobibor am 12. Februar 1943; dafür brachte man 100 Frauen aus Lublin in das Lager, um ihm den Vernichtungsvorgang vorzuführen.
Eine genaue Opferzahl lässt sich nicht bestimmen, weil schriftliche Unterlagen vernichtet wurden. Das Höfle-Telegramm nennt zum Jahresende 1942 genau 101.370 getötete Juden, die Mordaktion lief danach aber weiter. Dieter Pohl schätzte 2011 insgesamt 152.000 Opfer. Andere Forschungen nennen 180.000 Menschen; Robert Kuwałek und Sara Berger gehen von mindestens 179.618 bis maximal 238.900 Opfern aus. Stephan Lehnstaedt hält 180.000 für realistisch.
Die meisten Opfer waren polnische Juden aus dem Generalgouvernement. Später wurden auch Niederländer, Deutsche, Franzosen, Tschechen, Slowaken und sowjetische Staatsangehörige ermordet. Vermutlich 33.000 der Opfer kamen allein aus den Niederlanden.
Aufstand, Täter und Ende des Lagers
Am 14. Oktober 1943 organisierte eine Gruppe jüdischer Gefangener einen Aufstand und eine Massenflucht. Entscheidend beteiligt waren sowjetische Kriegsgefangene jüdischer Herkunft aus Belarus unter Alexander Petscherski sowie Leon Feldhendler. Die Aufständischen töteten zwölf SS-Angehörige, darunter Josef Vallaster, und zwei Trawniki-Wachmänner.
365 Gefangene flohen aus dem Lager, etwa 200 erreichten den nahen Wald. Viele starben durch Wachleute oder im Minenfeld. Bis Kriegsende konnten nur 47 Flüchtlinge untertauchen oder sich Partisanengruppen anschließen. Die SS ermordete die zurückgebliebenen Gefangenen, nutzte das Lager nicht weiter und beseitigte es. Auf dem Gelände blieben ein Bauernhof und ein aufgeforsteter Jungwald zurück.
Kommandant war ab April 1942 Franz Stangl, ab September 1942 Franz Reichleitner; Gustav Wagner blieb Stellvertreter. Ein Teil der SS-Angehörigen hatte zuvor in der „Aktion T4“ an der Ermordung psychiatrischer Patienten und Behinderter mitgewirkt. Nur wenige Täter wurden vor deutschen Gerichten angeklagt. Stangl wurde 1970 in Düsseldorf zu lebenslanger Haft verurteilt. John Demjanjuk wurde am 12. Mai 2011 wegen Beihilfe zum Mord in mindestens 27.900 Fällen zu fünf Jahren Freiheitsstrafe verurteilt; das Urteil wurde vor seinem Tod im März 2012 nicht rechtskräftig.
Archäologie und Erinnerung
Archäologische Grabungen begannen 2007. 2011 wurde ein etwa 100 Meter langer Weg entdeckt, der in ein Asphaltfeld mündete. 2014 fanden Forschende die Fundamente von vier Gaskammern sowie einen verschütteten Brunnen in Lager I. In diesen Brunnen hatten Häftlinge vermutlich persönliche Gegenstände geworfen. Sobibor ist damit das einzige Lager der Aktion Reinhardt, in dem der industriell betriebene Massenmord nicht nur durch Zeugenaussagen nachweisbar ist, obwohl die SS 1943 Spuren beseitigte.
1961 entstand auf dem Aschefeld ein Mahnmal, 1993 ein kleines Museum. Eine Gedenkallee mit etwa 300 von Hinterbliebenen und anderen Bürgern gestifteten Gedenksteinen erinnerte an einzelne Opfer. Das alte Museum wurde 2017 abgerissen; ein neues Museum eröffnete im Oktober 2020. Die nach mehrjähriger Bauzeit neugestaltete Gedenkstätte wurde am 12. Oktober 2023 eingeweiht. Sichtbar sind unter anderem die Himmelsstraße, Fundamente der Baracke zum Haarescheren und die Fundamente der Gaskammern. Die Gedenkallee wurde an einem neuen Ort, auf dem Weg vom Museum zum Aschehügel, erneut eröffnet.