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Verbalsubstantiv
Ein Verbalsubstantiv ist im weitesten Sinn jedes Substantiv, das aus einem Verb gebildet wurde (deverbales Substantiv). Der überwiegend etablierte Gebrauch …
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Grundbegriff und zentrale Unterscheidung
Ein Verbalsubstantiv ist im weitesten Sinn jedes Substantiv, das aus einem Verb gebildet wurde. Es handelt sich dann um ein deverbales Substantiv. Im überwiegend etablierten sprachwissenschaftlichen Gebrauch bezeichnet „Verbalsubstantiv“ jedoch vor allem eine Substantivierung mit direktem Ereignisbezug, etwa das Lesen oder die Lesung.
Davon zu unterscheiden sind deverbale Substantive, die nicht das Ereignis selbst, sondern damit verbundene Personen oder Gegenstände bezeichnen, zum Beispiel der Leser. Die genaue Bedeutung des Begriffs hängt daher von der jeweiligen sprachwissenschaftlichen Tradition und der Beschreibungssprache ab.
Enge und weite Bedeutungen
Die Literatur verwendet den Begriff „Verbalsubstantiv“ nicht einheitlich. Einzelsprachliche Grammatiken geben nicht immer eine zuverlässige Allgemeindefinition, weil in jeder Sprache nur bestimmte Bildungsweisen und Bedeutungen besonders häufig sind.
In der engen Bedeutung ist ein Verbalsubstantiv ein deverbales Substantiv, das ähnlich wie das zugrunde liegende Verb ein Ereignis bezeichnen kann. Diese Bildung heißt Ereignisnominalisierung oder Nomen actionis. In der weiteren Bedeutung umfasst der Begriff alle Arten deverbal gebildeter Substantive, also auch Bezeichnungen für Handelnde, Betroffene, Orte oder Instrumente.
Äußerlich gleiche Bildungen können mehrdeutig sein. Lieferung kann zum Beispiel das Ereignis bezeichnen: „Die Lieferung ins Ausland dauert länger.“ Es kann aber auch den gelieferten Gegenstand meinen: „Die Lieferung war beschädigt.“
Verbalsubstantiv und Verbalnomen
In vielen Schultraditionen gelten Substantiv und Nomen als bedeutungsgleich. Entsprechend werden auch Verbalsubstantiv und Verbalnomen häufig synonym verwendet. In der Beschreibung anderer Sprachen kann „Verbalnomen“ jedoch eine besondere fachliche Bedeutung haben.
Grundsätzlich können deshalb alle im Artikel genannten Bildungs- und Bedeutungstypen in deutschsprachigen Texten auch als Verbalnomina bezeichnet werden. Welche Bezeichnung angemessen ist, muss jeweils im Zusammenhang mit der verwendeten Fachtradition oder Einzelphilologie beurteilt werden.
Nominalisierungen des Ereignisses
Viele Quellen beschränken den Begriff Verbalsubstantiv auf ein „deverbales Substantiv, welches ein Geschehen oder einen Zustand bezeichnet“. Gemeint ist ein Substantiv, dessen Bedeutung besonders eng mit der des zugrunde liegenden Verbs verbunden ist und das den Situationskern hervorhebt, ohne obligatorische oder fakultative Aktanten der Handlung semantisch in den Mittelpunkt zu stellen.
Je nach Bedeutung des Ergebnisses werden verschiedene Untertypen unterschieden:
- Ein Verbalabstraktum ist ein Verbalsubstantiv, das ein Abstraktum bezeichnet, zum Beispiel die Hoffnung.
- Ein Gerundium ist ein Verbalnomen in einem obliquen Kasus, also nicht im Nominativ. Beispiele sind das lateinische ars legendī („die Kunst des Lesens“) im Genitiv und docendō discimus („durch (das) Lehren lernen wir“) im Ablativ.
- Ein Nomen actionis bezeichnet das Geschehen selbst als Ding, etwa das Regnen, der Ruf, der Schrei, das Wachstum oder die Zerstörung.
- Ein Nomen actionis pejorativum stellt das Geschehen abwertend dar, zum Beispiel das Gerede, die Singerei oder die Liebelei.
- Ein Nomen acti beziehungsweise Nomen resultatis bezeichnet das Ergebnis einer dynamischen Situation, als Zustand oder Gegenstand, etwa der Bruch, die Schmiererei, die Zerstörung, die Beschreibung, die Wirkung oder die Klassifikation.
- Ein Nomen qualitatis bezeichnet eine Eigenschaft infolge einer Handlung oder eines sonstigen verbalen Bedeutungsinhalts. Als Beispiel wird lateinisch valetudo („die Gesundheit“) vom Verb valēre („gesund sein“) genannt.
- Ein Nomen vicis bezeichnet das Ergebnis oder Instrument der einmaligen Ausführung einer Handlung, etwa der Rülpser oder arabisch qarʕat („einmaliges Klopfen“) und saddat („Stöpsel“).
Besondere Fälle sind der substantivierte Infinitiv, etwa das Aufatmen, das Müdesein oder das ständige Sich-über-andere-Auslassen. Dabei können auch größere Konstruktionen als Ganzes substantiviert werden. Außerdem bezeichnet Verbalnomen im Sinn von verbal noun oder masdar ein Verbalsubstantiv, das typischerweise eine ähnliche Rolle wie ein nicht-finites Verb spielt und in periphrastischen Formen vorkommt, beispielsweise zur Kennzeichnung aspektueller Kategorien.
Nominalisierungen von Aktanten
Deverbale Substantive können danach klassifiziert werden, ob ihre Bedeutung auf obligatorische oder fakultative Aktanten der verbalen Valenzstellen ausgerichtet ist. Aktanten sind dabei die von der Verbhandlung beteiligten Rollen. Solche lexikalischen Bildungen werden seltener als Verbalsubstantive und noch seltener als Verbalnomina bezeichnet.
- Ein Nomen agentis bezeichnet das Subjekt oder den Aktor, also den Handelnden, zum Beispiel der Zauberer, der Zerstörer, der Pflanzer oder die Leitung (des Unternehmens).
- Ein Nomen patientis bezeichnet das direkte oder indirekte Objekt, den Undergoer oder den Benefizienten einer Handlung, etwa der Beschlag, die Pflanzung, der Beschenkte oder der Nutznießer.
- Ein Nomen loci bezeichnet den Ort, an dem die Handlung stattfindet, zum Beispiel der Sitz.
- Ein Nomen instrumenti bezeichnet das Instrument, mit dem die Handlung ausgeführt wird, etwa der Rührer, die Liege, der Wecker, der Büchsenöffner oder die (Wasser)Leitung.
Die Liste dieser Bezeichnungen ist weder vollständig, noch besteht Einigkeit über die Einordnung aller Formen. Ein Wort kann gleichzeitig mehreren Klassen angehören. Je nach Fachtradition, theoretischer Richtung oder Sprachfamilie werden unterschiedliche Kataloge und Benennungen verwendet.