Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Gerundium
Genauer gesagt bezeichnet man hier als Gerundium die Deklinationsformen des Verbalsubstantivs, in denen nicht eine Substantivierung (Konversion) der …
Inhalt6 Abschnitte
Begriff und sprachübergreifende Verwendung
Das Gerundium ist ursprünglich ein Begriff der lateinischen Grammatik. Es bezeichnet dort ein Verbalsubstantiv, also eine Verbform, die eine Handlung als Gegenstand oder Tätigkeit ausdrückt. In anderen Sprachen wird der Begriff ebenfalls verwendet, aber nicht immer mit derselben Bedeutung.
Die wichtigsten Verwendungen sind:
- Im Englischen bezeichnet Gerundium ein Verbalsubstantiv.
- In slawischen und baltischen Sprachen wird es teilweise als alternative Bezeichnung für Adverbialpartizipien beziehungsweise adverbial gebrauchte Verbformen verwendet.
- In den Turksprachen bezeichnet Gerundium spezielle nicht-finite Verbformen zur Bildung von Adverbialsätzen; dafür wird auch der Begriff Konverb verwendet.
- Im Litauischen werden mehrere Verbaladverbien und ein Halbpartizip als Gerundien bezeichnet.
Damit kann das Gerundium je nach Sprache entweder eher substantivische Funktionen, adverbiale Funktionen oder beides übernehmen.
Das lateinische Gerundium
Im Lateinischen ist das Gerundium ein Verbalsubstantiv. Der substantivierte Infinitiv kann nur im Nominativ und im präpositionslosen Akkusativ verwendet werden. Die übrigen Fälle, die sogenannten cāsūs oblīquī, werden durch das Gerundium ausgedrückt: Genitiv, Dativ, Akkusativ nach einer Präposition und Ablativ.
Beispiele für den substantivierten Infinitiv sind Cantāre mē dēlectat. („Singen erfreut mich.“) im Nominativ und Didicī cantāre. („Ich lernte singen.“) im Akkusativ. Für die übrigen Fälle stehen Formen wie ars legendī („die Kunst des Lesens“) und docendō discimus („durch das Lehren lernen wir“).
Historisch entstand das Gerundium aus dem substantivierten Neutrum des Gerundivums. Das Gerundivum ist ein passivisches Verbaladjektiv auf -us, -a, -um. Aus dem Neutrum Singular legendum („ein zu Lesendes“) entwickelten sich die Gerundiumsformen legendī („des Lesens“), legendō („durch das Lesen“) und ad legendum („zum Lesen“). Deshalb heißen Gerundivum und Gerundium auch adjektivische nd-Form beziehungsweise substantivische nd-Form.
Das Gerundium bezeichnet nur die Handlung selbst, das Tun; es ist ein nomen actionis. Das Gerundivum drückt zusätzlich eine Notwendigkeit aus: vir laudandus bedeutet „ein zu lobender Mann“ oder „ein Mann, den man loben muss“.
Bildung und Satzfunktionen im Lateinischen
Das lateinische Gerundium wird aus dem Präsensstamm des Verbs, dem Kennzeichen -nd- und den Endungen -ī, -ō, -um gebildet. Der Stammauslaut wird gekürzt. In der 3. und 4. Konjugation tritt ein Zwischenvokal e auf.
Beispiele:
-
- Konjugation: laudāre („loben“) → laudandī („des Lobens“)
-
- Konjugation: dēlēre („zerstören“) → dēlendī („des Zerstörens“)
-
- Konjugation: regere („leiten“) → regendī („des Leitens“)
- gemischte oder ĭ-Konjugation: capere („fangen“) → capiendī („des Fangens“)
-
- Konjugation: audīre („hören“) → audiendī („des Hörens“)
Am Beispiel von laudāre lautet die Formenübersicht: Nominativ laudāre („loben, das Loben“), Genitiv laudandī („des Lobens“), Dativ laudandō („dem Loben“), Akkusativ laudāre sowie nach einer Präposition ad laudandum („zum Loben“) und Ablativ (in) laudandō („beim Loben, durch das Loben“).
Obwohl das Gerundium ein Substantiv ist, kann es verbale Ergänzungen bei sich haben. Es kann ein direktes Objekt oder eine adverbiale Bestimmung regieren, etwa Pompēium laudandō („durch das Loben des Pompeius“), ōrātiōnem habendō („durch das Halten einer Rede“), diū ridendō („durch langes Lachen“) oder fortiter bellandō („durch tapfere Kriegführung“).
Der Genitiv steht häufig als Attribut: ars vivendi („Lebenskunst“). Der Akkusativ erscheint nur nach Präpositionen wie ad, in, inter oder ob: ad pugnandum parātus („kampfbereit“). Der Dativ ist wenig gebräuchlich, etwa solvendō non esse („zahlungsunfähig sein“). Der Ablativ kann allein oder nach in, ab, ex, dē und prō stehen und bezeichnet oft Mittel, Art und Weise oder Zeit: bellandō diripiendōque („durch das Führen eines Krieges und durch das Plündern“), in conficiendō („bei oder während der Durchführung“).
Gerundium in den modernen romanischen Sprachen
Die romanischen Sprachen setzen den Ablativ des lateinischen Gerundiums fort. Er bezeichnet vor allem die Begleitumstände, unter denen eine Handlung stattfindet, und kann adverbiale Nebensätze verkürzen. Aus lateinisch cantando („durch das Singen“) entstanden unter anderem rumänisch cântând, italienisch, sardisch, spanisch und portugiesisch cantando, katalanisch cantant, rätoromanisch chantand oder cantond, französisch chantant und okzitanisch cantant.
Im Französischen wird das gérondif mit der Präposition en und der ant-Form gebildet: chanter → nous chantons → en chantant, faire → en faisant, finir → en finissant und voir → en voyant. Unregelmäßig sind être → étant, avoir → ayant und savoir → sachant. Das gérondif présent bezeichnet meist Gleichzeitigkeit: Il travaille en chantant. („Er arbeitet und singt dabei.“) Das gérondif passé, etwa en ayant chanté, bezeichnet Vorzeitigkeit, gilt aber als schwerfällig und wird im modernen Sprachgebrauch vermieden. Das französische gérondif kann zeitliche, konditionale oder modale Bedeutung haben, etwa „als“, „wenn“ oder „indem“.
Im Spanischen entstehen die Formen mit -ando oder -iendo: cantar → cantando, vender → vendiendo, partir → partiendo. Zwischen zwei Vokalen wird i zu y: leer → leyendo; hinter ll oder ñ entfällt i: tañer → tañendo. Im Italienischen stehen -ando und -endo, im Portugiesischen -ando, -endo und -indo, im Okzitanischen -ant und -ent, im Rumänischen -ând und -ind.
In mehreren romanischen Sprachen kann das Gerundium den imperfektiven Aspekt ausdrücken, also eine noch nicht abgeschlossene oder gerade ablaufende Handlung: italienisch Sto cantando („Ich singe gerade“), spanisch Estaba cantando („Ich sang gerade“) und portugiesisch Estou escrevendo uma carta („Ich schreibe gerade“). Außerdem ersetzt es häufig adverbiale Nebensätze, zum Beispiel italienisch Vedendola („Wenn du sie sehen würdest“), spanisch Tomando el tren („Wenn du den Zug nimmst“), portugiesisch Caminhando pela rua („Als ich auf der Straße ging“) oder rumänisch Ajungând acasă („Zu Hause angekommen“).
Germanische Sprachen und Englisch
Das Gerundium der westgermanischen Sprachen war ursprünglich ein Verbalsubstantiv. Es wurde formal mit /j/ gebildet und kam im Genitiv, Dativ und Instrumental vor. Im Nominativ und Akkusativ stand dagegen der ohne /j/ gebildete Infinitiv. Diese Formenverteilung wird als heteroklitischer Wechsel bezeichnet. In den literarischen Sprachstufen ist das /j/ nur indirekt erkennbar, etwa im Althochdeutschen durch die Geminierung des /n/ und im Altfriesischen durch die Erhaltung eines Nasals.
In den neueren germanischen Sprachen blieb diese Form in allen friesischen sowie in einigen hoch- und niederdeutschen Dialekten als zweite, nach zu oder to stehende Infinitivform erhalten. Im älteren Deutschen gab es nach der Präposition zu beziehungsweise zi, ze oder zuo Formen wie althochdeutsch nëman – zi nëmanne („nehmen – zu nehmen“) und mittelhochdeutsch nëmen – ze nëmen(n)e oder ze nëmende. Die Varianten auf -ende wurden zunehmend durch den Einfluss des Partizips Präsens verbreitet. Vom 14. bis zum 15. Jahrhundert ging der Gebrauch außerhalb des Südalemannischen deutlich zurück; nach 1500 erscheint das Gerundium nur noch selten in schriftlichen Texten. In südalemannischen Texten hielt es sich bei Kurzverben teilweise bis ins 17. Jahrhundert. Einige Dialekte bewahren bis heute einen „Infinitiv II“, etwa ostalemannisch z ässid („zu essen“) oder südniederdeutsch to makene („zu machen“).
Im Niederländischen und Belgischen gibt es in einigen niederfränkischen Dialekten ebenfalls zwei Infinitive, etwa te drinkene („zu trinken“) oder te ziene („zu sehen“). Das Altfriesische kannte Formen auf -ane oder -ande. In den heutigen friesischen Sprachen besteht daneben ein „n-Infinitiv“ oder „Infinitiv II“, etwa westfriesisch sjongen, neben dem „Infinitiv I“ sjonge. Dieser Infinitiv II ist formal teilweise mit dem Partizip Perfekt zusammengefallen.
Im Englischen bezeichnet gerund traditionell eine -ing-Form, die als Verbalsubstantiv verwendet wird: to read → reading, Reading is fun („Lesen macht Spaß“). Beispiele sind Climbing is dangerous und I stopped smoking. Das Gerundium kann nach Präpositionen als präpositionales Objekt stehen: He is proud of working at this company. Es kann auch mit Hilfsverben verbunden werden, etwa Having worked, Being accepted oder Having been accepted.
Nach Verben wie admit, advise, avoid, consider, deny, enjoy, finish, give up, imagine, keep, miss, postpone, recommend, resist, stop, suggest und understand steht häufig das Gerundium als Objekt. Es kann mit dem Infinitiv konkurrieren und dadurch die Bedeutung verändern: He stopped to read the announcement bedeutet „Er blieb stehen, um die Ankündigung zu lesen“, während He stopped reading the announcement bedeutet „Er hörte auf, die Ankündigung zu lesen“.
Slawische, baltische und Turksprachen
Die slawischen Sprachen besitzen morphologisch kein Gerundium im eigentlichen Sinne. Vergleichbare Funktionen übernehmen Adverbialpartizipien, die in manchen Grammatiken als Gerundium bezeichnet werden. Sie bilden adverbiale Angaben, etwa russisch Она написала письмо, напевая песню („Sie schrieb einen Brief und sang dabei ein Lied“) oder polnisch Czytając gazetę, słuchałem muzyki („Während ich Zeitung las, hörte ich Musik“). Diese Funktion entspricht Beispielen aus dem Italienischen und Englischen.
Im Litauischen werden vier Verbaladverbien als Gerundien oder Quasipartizipien und eines als Halbpartizip bezeichnet. Die Suffixe sind: Gegenwart -ant, -int; Zukunft -siant; einmalige Vergangenheit -us; mehrmalige Vergangenheit -davus; Halbpartizip -damas. Die Gerundien dienen ähnlich wie in den slawischen Sprachen zur Bildung adverbialer Nebensätze. Gegenwart und einmalige Vergangenheit drücken häufig Gleichzeitigkeit oder Vorzeitigkeit aus: Auštant išėjau („Als es tagte, ging ich fort“) und Man išėjus aušo („Nachdem ich fortgegangen war, tagte es“).
Das logische Subjekt einer Gerundium-Konstruktion steht im Dativ, dem sogenannten dativus absolutus. Es ist niemals mit dem Subjekt des Hauptsatzes identisch; bei identischem Subjekt wird das Halbpartizip verwendet. Außerdem können litauische Gerundien attributiv stehen: Moteris pamatė vyrą ateinant („Die Frau sah einen Mann näherkommen“), Radau visus sumigus („Ich fand alle eingeschlafen“) und Sakė … atjosiant („Er sagte, der Bursche werde herbeigeritten kommen“).
In der Turkologie bezeichnet Gerundium eine Reihe adverbial gebrauchter Verbableitungen. Diese Formen werden auch Konverben genannt und drücken adverbiale Beziehungen innerhalb eines Satzes aus.