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V1-Stellung
Verb-Erst-Sätze erscheinen als Nebensätze mit der Bedeutung spezieller Satztypen (Kausalsatz, Konditionalsatz, Konzessivsatz, Vergleichssatz o. ä.), wobei …
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Grundidee und Erkennung
V1-Stellung (Verb-Erst-Stellung) ist ein Wortstellungsmuster des Deutschen. Gemeint ist nicht einfach, dass irgendein Verb als erstes Wort erscheint: Entscheidend ist, dass die finite Verbform, also die nach Person, Zahl und Zeitform bestimmte Verbform, in der linken Satzklammer steht und das Vorfeld leer bleibt. Traditionell heißt diese Satzform auch Stirnsatz.
Im Feldermodell zeigt sich dies etwa in „Gehen wir heute noch einkaufen?“: „Gehen“ steht als finites Verb in der linken Klammer, das Vorfeld ist unbesetzt. Ein Satz wie „Einkaufen gehe ich später“ ist dagegen ein Verb-Zweit-Satz: Das infinite Verb „Einkaufen“ besetzt das Vorfeld, während das finite „gehe“ an zweiter Stelle steht.
Auch vor dem Satz stehende Ausdrücke schließen V1 nicht aus, wenn sie im linken Außenfeld statt im Vorfeld stehen, zum Beispiel „Peter, könntest du für mich was einkaufen gehen?“ oder „Aber haben wir nicht noch genug Brot?“.
Fragen, Ausrufe und erzählende Aussagen
In selbständigen Sätzen dient V1 überwiegend dazu, einen Satzmodus zu kennzeichnen, aber nicht eindeutig. Sie steht besonders bei Ja-Nein-Fragen, bei denen eine Antwort des Hörers erwartet wird: „Gibt es hier auch frische Milch?“ Soll nur eine Frage erwogen werden, ohne eine Antwort zu verlangen, kann stattdessen ein selbständig verwendeter ob-Satz stehen: „Ob es hier wohl auch frische Milch gibt?“
V1-Sätze können außerdem Ausrufe ausdrücken: Aufforderungen wie „Lass mich in Ruhe!“, Wünsche wie „Hätte ich doch bloß nichts gesagt!“ und „Möge die Macht mit dir sein!“ sowie Verwunderung wie „Hat der aber große Ohren!“.
Vor allem in gesprochener Sprache können V1-Sätze auch selbständige Aussagesätze sein. Sie erzeugen beispielsweise lebendige Aufzählungen oder Kontraste und sind typisch für Witze: „Kommt ein Pferd in die Kneipe und bestellt ein Bier.“ oder „Läuft mir doch da ein Fußgänger geradewegs vors Auto!“
Davon zu unterscheiden sind scheinbare V1-Sätze mit einem nicht ausgesprochenen, aus dem Kontext erschließbaren Pronomen im Vorfeld. „Hab ich mir auch schon gedacht“ wird besser als Verb-Zweit-Satz mit ausgelassenem Vorfeld-Pronomen verstanden; möglich ist „Das hab ich mir auch schon gedacht“, aber nicht „Hab ich mir das auch schon gedacht“.
V1 als Nebensatzform
V1-Sätze können Nebensätze sein und dabei die Bedeutung bestimmter Satztypen haben. Das finite Verb steht dann am Anfang an der Stelle, an der sonst eine nebensatzeinleitende Konjunktion, also eine Subjunktion, stehen könnte. Die genaue Einbindung solcher Nebensätze in den Gesamtsatz gilt in der Forschung teilweise als ungeklärt.
Wichtige Typen sind:
- Konditionalsätze: „Hätte ich mehr Zeit gehabt, hätte ich einen längeren Brief geschrieben.“ Die Alternative ist ein wenn-Satz.
- Konzessivsätze: „War der Auftritt auch etwas misslungen, so hatte er immerhin Aufmerksamkeit erregt.“ Als Alternative wird „wenn … auch“ genannt.
- Kausalsätze: „Er gab die Hoffnung auf, hatte er doch seit einer Woche keine Nachricht erhalten.“ Als Alternative wird „wo … doch“ genannt.
- Vergleichssätze: „Es war, als hätte der Himmel die Erde still geküsst.“ Die Alternative ist „als ob …“.
Im ersten Beispiel ist der Teil nach dem Komma kein V1-Satz, sondern ein V2-Satz, dessen Vorfeld der V1-Nebensatz bildet. Im zweiten Beispiel besetzt „so“ das Vorfeld; der Nebensatz ist eine Linksversetzung außerhalb des V2-Satzes. Im dritten und vierten Beispiel folgt der V1-Nebensatz dem V2-Hauptsatz. Daneben gibt es V1-Parenthesen wie „Das Zitat stammt – (so) vermute ich – von Pascal.“.
Im Schweizerdeutschen und Schweizer Hochdeutsch kann ein V1-Nebensatz die Bedeutung eines dass-Satzes haben: „Es freut mich, kommst du rechtzeitig nach Hause“ bedeutet „Es freut mich, dass du rechtzeitig nach Hause kommst.“.
Ellipse nach „und“
Bei einer Koordinationsellipse ist V1 im zweiten, mit „und“ verbundenen Satz typisch: „Karl kommt heute und besucht seinen Freund.“ Auch bei einer Subjektbinnenellipse tritt dies auf: „Heute kommt Karl und besucht seinen Freund.“
Die Analyse der zweiten Konstruktion ist in der Fachliteratur umstritten. Daher lässt sich nicht eindeutig entscheiden, ob der V1-Teil ein Nebensatz oder ein gleichgeordneter Hauptsatz ist.
Vergleich mit anderen Sprachen
V1-Sätze kommen in einigen der genannten Funktionen auch in anderen germanischen Sprachen vor. Das Schwedische verwendet sie wie das Deutsche für Ja-Nein-Fragen, Imperative, Wunschsätze und Bedingungssätze, etwa „Måtte det gå dig väl!“ („Möge es dir gut gehen!“) und „Kommer du imorgon, kan du träffa henne“ („Kommst du morgen, kannst du sie treffen“).
Auch das Englische kennt V1-Bedingungssätze, obwohl Verbvoranstellung dort sonst stärker eingeschränkt ist: „Had I known this before going out, I wouldn’t have worn sandals!“.
Ein direkter Zusammenhang zwischen germanischen V1-Sätzen und dem VSO-Muster von VSO-Sprachen lässt sich nicht einheitlich beantworten. Beide beruhen zwar auf einer Voranstellung des Verbs, doch die Sprachen unterscheiden sich offenbar darin, wie weit das Verb vorangestellt wird und wie die Ableitungsregeln gestaltet sind.