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Völkerschau

Völkerschauen gelten in der heutigen Forschung daher als ein wesentlicher Faktor bei der Verbreitung und Ausprägung rassistischer Stereotype und Denkmuster.

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Definition und Bedeutung
  2. 2. Entstehung und Hochphase
  3. 3. Inszenierung und Geschäftsmodell
  4. 4. Zur Schau gestellte Menschen
  5. 5. Zuschauer, Wissenschaft und Deutung
  6. 6. Verbreitung, Ende und Erinnerung

Definition und Bedeutung

Eine Völkerschau war die kommerzielle Zurschaustellung indigener Menschen in Zoos, Panoptiken sowie auf Kolonial- und Weltausstellungen. Heute werden diese Vorführungen auch als „Menschenzoos“ bezeichnet. Ihre Hochphase lag von den 1870er Jahren bis Anfang der 1930er Jahre, besonders in Europa und den USA. Die ausgestellten Menschen wurden als „exotisch“ oder als „Wilde“ inszeniert und zogen viele Millionen zahlende Besucher an.

Völkerschauen waren nicht nur Unterhaltung. Sie interessierten auch Wissenschaftler, vor allem aus der biologischen Anthropologie, also der damaligen Lehre von körperlichen Merkmalen des Menschen, und Anhänger von Rassentheorien. Die heutige Forschung sieht Völkerschauen deshalb als wichtigen Faktor bei der Verbreitung rassistischer Stereotype und Denkmuster.

Der Begriff „Völkerschau“ setzte sich in Ethnologie und Geschichtswissenschaft erst seit den 1950er Jahren durch. Zeitgenössisch tauchte er 1904 bei „Marquardt’s afrikanischer Völkerschau“ auf. Vorher sprach man oft von „Menschenausstellungen“ oder „Menschenvorstellungen“. Carl Hagenbeck verwendete auch Begriffe wie „Völkerausstellungen“ oder, wenn Menschen gemeinsam mit Tieren gezeigt wurden, „anthropologisch-zoologische Schaustellungen“.

Entstehung und Hochphase

Völkerschauen hatten Vorläufer in älteren Formen der Zurschaustellung als „fremd“ wahrgenommener Menschen. Solche Vorführungen gab es schon in Antike und früher Neuzeit; mit dem europäischen Kolonialismus nahmen sie stark zu. Ein frühes Beispiel war 1550 in Rouen, wo 50 indigene Tupinambá aus Brasilien in einem nachgebauten „Eingeborenendorf“ auftreten mussten. Im 19. Jahrhundert wurden Menschenausstellungen auf Jahrmärkten und in Freak Shows zu einem erfolgreichen Geschäft. Bekannt wurde Sarah Baartman, eine Khoikhoi, die von 1810 bis 1815 als „Hottentottische Venus“ in Großbritannien und Frankreich vorgeführt wurde.

Als Startpunkt der Hochphase gilt die Ankunft von sechs Samen („Lappländer“) aus Nordschweden mit 31 Rentieren im „Thierpark Hagenbeck“ in Hamburg-St. Pauli am 12. September 1875. Carl Hagenbeck erkannte den großen kommerziellen Erfolg und verlagerte sein Geschäft zunehmend auf die Anwerbung von Menschen aus kolonisierten Regionen. Von Hamburg aus verbreiteten sich Völkerschauen rasch über Europa bis in die USA, nach Japan und Australien. Viele Schauen waren Tourneen, die durch Metropolen und Kleinstädte reisten.

Seit den 1880er Jahren wurden Völkerschauen immer häufiger in Welt- und Kolonialausstellungen eingebunden. Große Beispiele waren die Pariser Weltausstellung 1889 mit bis zu 30 Millionen Besuchern, die Berliner Kolonialausstellung 1896 mit mehr als hundert Menschen aus deutschen Kolonien und die gleichzeitig stattfindende Berliner Kairo-Ausstellung mit über vierhundert Darstellern. Die größte Völkerschau weltweit fand 1904 auf der Weltausstellung in St. Louis statt, wo etwa zweitausend Personen zur Schau gestellt wurden.

Inszenierung und Geschäftsmodell

Völkerschauen unterschieden sich von älteren Jahrmarkts- und Freak-Show-Formaten durch größere Inszenierungen und den Anspruch auf vermeintliche Authentizität. „Authentizität“ bedeutete hier, dass die Vorführung für das Publikum echt wirken sollte, etwa durch Kleidung, Tiere, Waffen, Alltagsgegenstände oder nachgebaute Wohnumgebungen. Die Forschung betont jedoch, dass diese Echtheit meist ein europäisches Konstrukt war: Die Schauen wurden für den Blick und Konsum europäischer Zuschauer gestaltet.

In den frühen Jahren wurden die zur Schau gestellten Menschen oft durch Zäune vom Publikum getrennt. Ab Ende der 1880er Jahre wurde das „Eingeborenendorf“ besonders erfolgreich. Dort konnten Besucher frei umhergehen und mit den Darstellern in Kontakt treten. Impresarios, also Veranstalter solcher Schauen, verdienten zusätzlich am Verkauf von hergestellten Produkten wie Teppichen, Körben oder Masken. Auch Ereignisse wie Hochzeiten, Geburten oder Todesfälle wurden vermarktet.

Ab den 1890er Jahren wurden große szenische Spektakel wichtiger: Tänze, Musik, Gesänge, Paraden und Schaukämpfe. Damit entfernten sich die Völkerschauen immer stärker von der Darstellung eines angeblichen Alltagslebens hin zu choreografierten Aufführungen mit teils mehreren Hundert Personen. Veranstalter wie Carl Hagenbeck setzten auf intensive Werbung durch Plakate, Zeitungsannoncen, Rabattaktionen und öffentliche Umzüge. Für Zoos waren die Schauen oft eine wichtige Einnahmequelle.

Zur Schau gestellte Menschen

Die Anwerbung erfolgte zunächst über Tierhändler, später über spezialisierte Agenten. Die Engagements dauerten meist einen Sommer bis mehrere Jahre und wurden seit den 1880er Jahren häufig vertraglich geregelt. Die Gruppen sollten möglichst vielfältig sein, damit ein angebliches Familien- und Alltagsleben gezeigt werden konnte: Männer, Frauen, Kinder und ältere Menschen. Ausgewählt wurden auch Menschen mit Tätowierungen, Skarifizierungen, Lippentellern, langgestreckten Hälsen oder anderen körperlichen Merkmalen, die das europäische Publikum als „exotisch“ wahrnahm. Für größere Schauen wurden gezielt Handwerker, Artisten und Tänzer engagiert.

Die Forschung betrachtet die Darsteller nicht nur als hilflose Opfer, sondern auch als handelnde Personen. Viele ließen sich wegen der ausgehandelten Honorare anwerben; ihnen war aber nicht immer klar, was sie in Europa erwartete. Die Einnahmen der Darsteller waren im Vergleich zu den Gewinnen der Impresarios gering. Fast alle kehrten nach den Schauen mit Gagen und Geschenken in ihre Herkunftsländer zurück. In Einzelfällen wollten Menschen erneut angeworben werden oder blieben in Europa.

Es gab aber auch Entführungen und schwere Ausbeutung. Robert A. Cunningham entführte 1883 eine Gruppe von neun indigenen Australiern und gilt als besonders rücksichtsloser Impresario. Bei der Völkerschau der „Feuerländer“ 1881/82 wurden elf Kawesqar aus der Nähe der Magellanstraße unter Umgehung chilenischer Behörden nach Europa gebracht. Viele Darsteller litten unter harten Arbeitszeiten von bis zu 10 Stunden, ungewohnter Kleidung und Ernährung, schlechten Unterkünften, mangelnder medizinischer Versorgung und Infektionskrankheiten. Besonders schwerwiegend waren Todesfälle: Bei Hagenbecks „Eskimos“ 1880/81 starb die ganze achtköpfige Inuit-Gruppe an Pocken, weil die vorgeschriebene Impfung unterblieben war. Von elf Kawesqar starben sieben; bei Cunninghams erster „Aborigines“-Tournee 1883 bis 1888 überlebten nur drei von neun Personen.

Proteste sind vereinzelt überliefert. Kwelle Ndumbe, auch Bismarck Bell genannt, kleidete sich 1896 auf der Berliner Kolonialausstellung europäisch und beobachtete die Zuschauer mit einem Opernglas, um ihren Voyeurismus sichtbar zu machen. Andere verweigerten Vermessungen und Fotografien; bei der Berliner Kolonialausstellung stimmten von 106 Teilnehmern nur 83 Vermessungen zu und nur 51 ließen sich fotografieren. Darsteller der Berliner Kairo-Ausstellung klagten vor Gericht auf bessere Arbeitsbedingungen.

Zuschauer, Wissenschaft und Deutung

Die Besucher reagierten meist mit großer Neugier und Begeisterung. Zugleich zeigen Quellen auch Voyeurismus, abfällige Bemerkungen, Berührungen, Geschenke, Autogrammwünsche und Versuche der Kommunikation. In den Gesellschaften des späten 19. Jahrhunderts spielte außerdem die Darstellung halbnackter oder nackter Körper eine wichtige Rolle. Fotos und Postkarten verkauften sich besonders gut, wenn sie nackte oder halbnackte Personen zeigten. Gelegentlich sind Flirts, Beziehungen und wenige Ehen überliefert.

Wissenschaftler, besonders aus physischer Anthropologie und Anatomie, nutzten die Darsteller als Forschungsobjekte. Sie maßen Körper, untersuchten Hautfarbe und andere Merkmale, fertigten Fotografien und Gipsabdrücke an. Verstorbene Menschen wurden teils seziert; Körperteile oder Skelette gelangten in wissenschaftliche Sammlungen. Rudolf Virchow und die 1869 gegründete Berliner Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte spielten dabei eine wichtige Rolle. Die Wissenschaftler hofften, durch die als „Naturvölker“ bezeichneten Menschen etwas über die Entwicklungsgeschichte der Menschheit zu erfahren. Diese Sicht beruhte auf rassistischen Entwicklungsmodellen.

In der Forschung werden Völkerschauen unterschiedlich gedeutet. Postkoloniale Ansätze betonen die „Idee weißer Überlegenheit“ und sehen die Schauen als Mittel, Eroberung, Ausbeutung und teils Auslöschung zu rechtfertigen. Hilke Thode-Arora beschreibt sie als enge Verbindung von kolonialer Politik, kolonialzeitlicher Wissenschaft und Unterhaltungsgeschäft, bei der europäische Machtstrukturen und indigene Strategien zusammentrafen. Eric Ames und Anne Dreesbach betonen stärker den kommerziellen Kern: Die Schauen existierten vor allem, um Geld zu verdienen.

Verbreitung, Ende und Erinnerung

Im Deutschen Reich tourten zwischen 1875 und den 1930er Jahren etwa dreihundert Völkerschau-Gruppen; rund einhundert wurden von Hagenbeck organisiert. Wichtige Orte waren Hamburg, Berlin, Leipzig, Dresden, München, Frankfurt am Main und Hannover. Im Berliner Zoo fanden 25 Völkerschauen statt, in Dresden zwischen 1878 und 1934 sogar 76 Menschenschauen. In München wurden viele Völkerschauen auf dem Oktoberfest gezeigt; die letzte dort war 1959 „Feldl’s Völkerschau Hawaii“ mit etwa 150 Personen.

Auch außerhalb Deutschlands waren Völkerschauen verbreitet. In Frankreich fanden sie häufig im Zusammenhang mit Welt- und Kolonialausstellungen statt, etwa 1889 in Paris mit dreihundert Personen aus dem französischen Kolonialreich. In Belgien wurden 1897 in Tervuren 267 Afrikaner gezeigt; sieben Kongolesen starben an Infektionskrankheiten. In der Schweiz waren Völkerschauen trotz fehlender eigener Kolonien zwischen 1879 und 1939 populär. In den USA waren besonders die World’s Columbian Exposition 1893 in Chicago und die Weltausstellung 1904 in St. Louis bedeutsam. Auch in Großbritannien, Österreich-Ungarn, Italien, Spanien und Japan gab es entsprechende Schauen.

In den 1930er Jahren nahm die Zahl der Völkerschauen stetig ab. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden sie weitgehend durch Filme verdrängt, die jedoch oft ähnliche Klischees über das „Fremde“ und „Exotische“ nutzten. Auch Ferntourismus, sichtbare Akkulturation der Teilnehmer an europäisches Leben, der Zerfall der Kolonialreiche und die Erfahrungen von Nationalsozialismus und Zweitem Weltkrieg trugen zum Ende bei. Die letzte große Zurschaustellung indigener Menschen in Europa fand 1958 auf der Weltausstellung in Brüssel mit einem „kongolesischen Dorf“ statt.

Kritik an Völkerschauen gab es während ihrer Hochphase nur vereinzelt. 1872 untersagte die Münchener Polizeidirektion eine Ausstellung, weil solche Schaustellungen der Menschenwürde widersprächen. 1880 kritisierte die Magdeburger Zeitung Hagenbecks „Eskimos“-Schau als abstoßendes Menschenausstellungsgeschäft. Seit den 2010er Jahren werden Völkerschauen stärker im Zusammenhang mit kolonialem Erbe diskutiert. Beispiele sind Debatten um Hagenbeck in Hamburg, Gedenkinitiativen für Verstorbene wie Tagarah in Wuppertal-Sonnborn und Ausstellungen wie „zurückGESCHAUT“ in Berlin-Treptow oder „Menschen(an)Schauen“ in Dresden.

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