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Ursprüngliche Akkumulation

Die sogenannte ursprüngliche Akkumulation ist also nichts als der historische Scheidungsprozeß von Produzent und Produktionsmittel. Er erscheint als „ …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Begriff und Voraussetzungen
  2. 2. Enteignung, Gesetze und ländliche Klassenbildung
  3. 3. Innerer Markt und industrieller Kapitalismus
  4. 4. Geschichtliche Tendenz
  5. 5. Rezeption und methodische Einordnung
  6. 6. Kontinuierlicher Prozess, Kritik und spätere Anwendungen

Begriff und Voraussetzungen

Die ursprüngliche Akkumulation bezeichnet in der klassischen Nationalökonomie den Vorgang, durch den sich Geld und Produktionsmittel angeblich durch eigene Arbeit und Sparsamkeit ansammeln. Karl Marx kritisiert diese Erklärung im 24. Kapitel des Kapital, das den Titel „Die sogenannte ursprüngliche Akkumulation“ trägt. Kapitalistische Produktion setzt zwei Gruppen voraus: Eigentümer von Geld, Produktions- und Lebensmitteln, die fremde Arbeitskraft kaufen und verwerten, sowie lohnabhängige Arbeiter, die nur ihre Arbeitskraft verkaufen können. Nach Marx entstand diese Trennung nicht hauptsächlich durch Sparsamkeit, sondern durch politische, ökonomische und militärische Gewalt.

Marx definiert die ursprüngliche Akkumulation als „historischen Scheidungsprozeß von Produzent und Produktionsmittel“. Dabei werden die gesellschaftlichen Lebens- und Produktionsmittel in Kapital verwandelt, während die unmittelbaren Produzenten zu Lohnarbeitern werden. „Ursprünglich“ heißt der Prozess, weil er die Vorgeschichte des Kapitals und der kapitalistischen Produktionsweise bildet. In „Lohn, Preis und Profit“ bezeichnet Marx ihn deshalb auch als „ursprüngliche Expropriation“ und als eine Reihe historischer Prozesse, die die ursprüngliche Einheit zwischen Arbeitenden und ihren Arbeitsmitteln auflösen.

In den Grundrissen von 1858 beschreibt Marx mehrere Voraussetzungen: Die Arbeiter werden von Grund und Boden sowie von feudalen Bindungen getrennt; die Produzenten verlieren das Eigentum an ihren Arbeitsinstrumenten und damit auch die Zunftverhältnisse; ihre vor der Produktion vorhandenen Konsumtionsmittel werden ihnen entzogen; und der Arbeiter wird aus Verhältnissen gelöst, in denen er selbst Teil der Produktionsbedingungen ist, etwa aus Sklaverei oder Leibeigenschaft. So entstehen auf der einen Seite freie Lohnarbeiter und auf der anderen Seite Kapitalbesitzer. Das für die Kapitalbildung notwendige Geldvermögen entstand nach Marx vor allem aus Kaufmanns- und Wuchervermögen, nicht ursprünglich aus Grundeigentum oder Zunftbesitz.

Enteignung, Gesetze und ländliche Klassenbildung

Im Kapital legt Marx die kapitalistische Ära grundsätzlich ins 16. Jahrhundert, obwohl es in Städten am Mittelmeer bereits im 14. und 15. Jahrhundert vereinzelte Anfänge kapitalistischer Produktion gab. Als klassische Form untersucht er vor allem England. Er betont ausdrücklich, dass die englische Entwicklung keine allgemeine Theorie der Menschheitsgeschichte darstellt: Die Länder durchlaufen die verschiedenen Phasen in unterschiedlicher Reihenfolge und zu unterschiedlichen Zeiten.

Die Grundlage des Prozesses bildet für Marx die Enteignung des Landvolks. In der feudalen Produktion war der Boden unter viele Untersassen aufgeteilt, die mehr oder weniger selbstständig arbeiteten. Gegen Ende des 15. Jahrhunderts lösten sich feudale Bindungen zunehmend auf. Das Aufblühen der flandrischen Wollmanufaktur und steigende Wollpreise machten es für Grundherren lohnend, Ackerland in Schafweiden umzuwandeln. Bauernhäuser und ganze Dörfer wurden zerstört, Bauern vertrieben und ihre Produktionsmittel in Kapital verwandelt. Die Reformation verstärkte den Prozess durch den „kolossalen Diebstahl der Kirchengüter“: Kirchengüter wurden unter Wert verkauft oder an Begünstigte des Königshauses verschenkt. Nach der Glorious Revolution von 1688/89 beschleunigten Enteignungen von Staatsgütern, die Umwandlung von Gemeindeland in Privateigentum und die Einhegung des Gemeindelandes diesen Vorgang. Im 18. Jahrhundert entstanden daraus sogenannte Kapitalpachten. Das „Clearing of Estates“, etwa die Highland Clearances, entzog Landarbeitern schließlich sogar den nötigen Raum für eine eigene Behausung.

Die Enteigneten konnten nicht ebenso schnell von der aufkommenden Manufaktur aufgenommen werden, wie sie vom Land vertrieben wurden. Viele wurden Bettler, Räuber oder Vagabunden. Über „400 Jahre“ hinweg entstand eine „Blutgesetzgebung“ gegen Vagabundage, Armut und Arbeiterorganisation. In England wurden arbeitsunfähige Bettler mit Erlaubnisschein von Vagabunden unterschieden; letztere konnten ausgepeitscht, gebrandmarkt, verstümmelt, zur Zwangsarbeit verurteilt oder bei wiederholten Verstößen hingerichtet werden. Als Beispiel nennt der Artikel den Vagabonds Act 1597. Vergleichbare Regelungen gab es in Frankreich und den Niederlanden. Bis weit ins 19. Jahrhundert bestanden Verbote gegen Arbeitervereinigungen.

Die Staatsgewalt diente außerdem dazu, den Arbeitslohn in für Unternehmer günstigen Grenzen zu halten, den Arbeitstag zu verlängern und die Arbeiter in einem bestimmten Abhängigkeitsgrad zu halten. Die kapitalistische Klasse musste die Anforderungen der Lohnarbeit zunächst durch Zwang durchsetzen, bevor sie durch Erziehung, Tradition und Gewohnheit als scheinbare Naturgesetze anerkannt wurden.

Die Entstehung der kapitalistischen Pächter war ein davon unterschiedener, über Jahrhunderte dauernder Prozess. In England wurde der Vogt bereits im 14. Jahrhundert durch den Pächter ersetzt. Seit dem letzten Drittel des 15. Jahrhunderts bereicherten sich Pächter im Zuge der Agrarrevolution, während das Landvolk verarmte. Steigende Preise im 16. Jahrhundert begünstigten sie doppelt: Langfristig festgelegte Grundrenten blieben zunächst gleich, während der Wert des Geldes und damit die Lohnkosten sanken. So entstand eine Klasse von „Kapitalpächtern“.

Innerer Markt und industrieller Kapitalismus

Die Enteignung der Landbevölkerung schuf nicht nur Arbeitskräfte und Lebensmittel für das industrielle Kapital, sondern auch dessen inneren Markt. Die ländliche Subsistenzwirtschaft, also die Selbstversorgung, wurde zerstört. Nahrungsmittel, die Bauern zuvor selbst hergestellt hatten, mussten nun mit dem Arbeitslohn gekauft werden. Nach Marx konnte der innere Markt erst durch die Vernichtung des ländlichen Hausgewerbes die Ausdehnung und den festen Bestand erhalten, die die kapitalistische Produktionsweise benötigte.

Die Trennung von Landwirtschaft und ländlicher Nebenindustrie zeigt Marx an Flachsspinnerei und Weberei. Spindeln, Webstühle und Rohmaterial, die zuvor Mittel unabhängiger Existenz waren, wurden zu Mitteln, mit denen die Produzenten kommandiert und unbezahlte Arbeit beziehungsweise Mehrarbeit und Mehrwert angeeignet wurden. In der Manufakturperiode blieb die Produktion zunächst noch auf städtisches Handwerk und häuslich-ländliche Nebenindustrie angewiesen. Erst die große Industrie schuf eine dauerhafte Grundlage für kapitalistische Landwirtschaft und vollendete die Trennung von Ackerbau und häuslich-ländlicher Industrie.

Die industriellen Kapitalisten entstanden nach Marx nicht einfach aus den kapitalistischen Pächtern. Wucherkapital und Kaufmannskapital bildeten das Geldkapital, das im Mittelalter durch Feudal- und Zunftverfassung daran gehindert wurde, die Produktion unmittelbar zu übernehmen. Mit der Auflösung feudaler Bindungen und der Enteignung der Bauern konnten Kaufmann-Unternehmer auf dem Land, außerhalb der Kontrolle des alten Städtewesens, Manufakturen errichten.

Ein weiterer Hauptmoment war die weltweite Expansion. Marx nennt die Entdeckung der Gold- und Silberländer Amerikas, die Ausrottung, Versklavung und Ausbeutung der indigenen Bevölkerung, die Eroberung und Ausplünderung Ostindiens sowie den afrikanischen Sklavenhandel. Kolonien lieferten Rohstoffe und Absatzmärkte für europäische Manufakturwaren und vermehrten das Handelskapital. Zum System der ursprünglichen Akkumulation gehörten außerdem Staatsschulden, modernes Steuerwesen, Banken, Börsen, Protektionismus und Handelskriege. Staatsschulden verwandelten unproduktives Geld in Kapital; Steuern sicherten die Zinszahlungen, während Schutzölle Bauern, Handwerker und freie Produzenten belasteten. Kinderarbeit, Sklavenhandel und die Entwicklung der Sklavenwirtschaft der Vereinigten Staaten begleiteten nach Marx die Entstehung der modernen Industrie.

Der Artikel verweist ergänzend auf eine allgemeine Darstellung der englischen Wirtschafts- und Sozialgeschichte: behandelt werden das 16. und 17. Jahrhundert, das frühe 18. Jahrhundert, die wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung im späten 18. Jahrhundert sowie die Industrielle Revolution im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert.

Geschichtliche Tendenz

Im siebten Abschnitt verbindet Marx die ursprüngliche Akkumulation mit dem dialektischen Gesetz der „Negation der Negation“. Das selbst erarbeitete Privateigentum unabhängiger Produzenten beruht auf der Verbindung des einzelnen Arbeitenden mit seinen Arbeitsbedingungen. Es wird durch kapitalistisches Privateigentum ersetzt, das auf der Ausbeutung formal freier Arbeit beruht. Die ursprüngliche Akkumulation ist damit die erste Negation des individuellen Eigentums.

Die kapitalistische Produktionsweise konzentriert Produktionsmittel und Kapital in den Händen weniger Unternehmer und vergesellschaftet zugleich die Arbeit durch Kooperation und Arbeitsteilung. Mit der Entwicklung der Produktivkräfte, der wachsenden Ausbeutung und des Elends wird diese Konzentration nach Marx schließlich unverträglich mit der kapitalistischen Form. Die kapitalistische Produktion erzeugt daher selbst ihre eigene Negation. Auf Grundlage ihrer Errungenschaften, insbesondere der Kooperation freier Arbeiter und der gesellschaftlichen Produktion, soll das individuelle Eigentum in einer neuen Form wiederhergestellt werden: als Gemeineigentum an Boden und Produktionsmitteln.

Marx unterscheidet dabei zwischen der ursprünglichen Expropriation, bei der wenige Usurpatoren die große Volksmasse enteignen, und der erwarteten späteren „Expropriation weniger Usurpatoren durch die Volksmasse“. Letztere werde ungleich schneller verlaufen. In „Lohn, Preis und Profit“ formuliert Marx ebenfalls, dass die Trennung zwischen Arbeiter und Arbeitsmitteln sich auf wachsender Stufenleiter reproduziert, bis eine neue Umwälzung der Produktionsweise die ursprüngliche Einheit in neuer historischer Form wiederherstellt.

Rezeption und methodische Einordnung

Die Rezeption war sowohl zustimmend als auch kritisch. Neben Marx prägten besonders Max Weber und Werner Sombart Überlegungen zur Entstehung des Kapitalismus. Frühe Reaktionen stammen unter anderem von Ernest Belfort Bax, der 1881 Marx’ Erklärung gegen eine reine Sparsamkeitstheorie verteidigte, sowie von Gustav Groß, der den historischen Teil 1884/1885 lobte, die theoretische Begründung aber als einen der schwächeren Teile des Kapital bezeichnete.

Marx und Engels bezogen sich später mehrfach auf das Kapitel. Marx erklärte 1877 in einem Brief an die Redaktion der Otetschestwennye Sapiski, das Kapitel schildere nur den Weg, auf dem die kapitalistische Wirtschaftsordnung in Westeuropa aus der feudalen hervorgegangen sei. Im Brief an Vera Sassulitsch von 1881 spielte es ebenfalls bei der Frage nach Russlands Entwicklung eine Rolle. Engels fasste den Argumentationsgang 1887 im Vorwort zur amerikanischen Ausgabe der Lage der arbeitenden Klasse in England zusammen und unterschied die Sklaverei der Antike, die feudale Bindung des Bauern an den Boden und die neuzeitliche Enteignung der Bauern.

Methodisch wird das Kapitel häufig als Übergang zwischen Theorie und Geschichte interpretiert. Elmar Altvater ordnet dem 4. Kapitel des Kapital die logischen Voraussetzungen der kapitalistischen Produktion, dem 21. und 22. Kapitel die Reproduktion dieser Voraussetzungen und dem 24. Kapitel die historisch-empirischen Voraussetzungen zu. Étienne Balibar versteht die ursprüngliche Akkumulation als retrospektive Genealogie der für den Kapitalismus notwendigen Elemente, vor allem von Lohnarbeit und Kapital. Die feudale Produktionsweise habe sich dabei nicht einfach selbst in die kapitalistische verwandelt; ihre Auflösung habe vielmehr Elemente für die neue Produktionsweise freigesetzt.

Kontinuierlicher Prozess, Kritik und spätere Anwendungen

Eine zentrale Debatte fragt, ob die ursprüngliche Akkumulation eine abgeschlossene historische Phase oder ein kontinuierlicher Prozess ist. Lenin vertrat 1899 in Die Entwicklung des Kapitalismus in Russland vor allem die Auffassung einer historischen Phase, in der Bauern von ihrem Boden getrennt, Gemeindeland geraubt und Proletarier sowie Kapitalisten hervorgebracht werden. Rosa Luxemburg deutete in Die Akkumulation des Kapitals von 1913 die gewaltsame Durchsetzung kapitalistischer Austauschverhältnisse gegenüber nichtkapitalistischen Produktionen als dauerhaftes und weltweit wirkendes Element. Auch Louis Althusser sowie Oskar Negt und Alexander Kluge betonten die Bedeutung und beziehungsweise Permanenz von Enteignungs- und Anpassungsprozessen.

In der Sowjetunion wurde die Frage nach einer sozialistischen ursprünglichen Akkumulation nach der Oktoberrevolution von 1917 wichtig, weil Russland eine industriell rückständige Agrargesellschaft war. Jewgeni Preobraschenski forderte 1926 in Die Neue Ökonomik den Ausbau staatlicher Industrie auf Kosten der überwiegend privatwirtschaftlichen Landwirtschaft. Unter Stalin wurde die Landwirtschaft expropriiert, zwangskollektiviert und zur Versorgung der Industrialisierung und Planwirtschaft ausgebeutet. Nicht gefügige Bauern wurden als Kulaken verfolgt und in Lagern ausgebeutet. Nach der Darstellung des Artikels stieg die Sowjetunion dadurch trotz Millionen Opfern binnen kürzester Zeit zur Industrienation auf. Leo Kofler deutete den Stalinismus als nachgeholte ursprüngliche Akkumulation; Tony Cliff als staatskapitalistische Entwicklung, in der Bauern von ihren Produktionsmitteln getrennt und teilweise zu Arbeitskräften für die Industrie gemacht wurden. Wolfgang Abendroth sah die rasche nachholende Industrialisierung als zentrale Aufgabe der UdSSR und verglich sie mit den Voraussetzungen in der Volksrepublik China.

David Harvey bezeichnet seit den 1970er Jahren fortwirkende Formen der Enteignung als „Akkumulation durch Enteignung“. Dazu zählt er unter anderem geistige Eigentumsrechte und das TRIPS-Abkommen der WTO, Biopiraterie, die Kommerzialisierung genetischer Ressourcen, die Zerstörung von Gemeingütern und Lebensräumen sowie die Privatisierung öffentlicher Einrichtungen. Die Bielefelder Gruppe um Maria Mies und Claudia von Werlhof untersucht ebenfalls weltweite Enteignungen, Vertreibungen, Patentierungen, Reproduktionstechnologien und die Prekarisierung der Arbeit.

Joseph Schumpeter verteidigte teilweise die klassische Erklärung, wonach überdurchschnittliche Intelligenz, Energie und Sparsamkeit wirtschaftlichen Erfolg begünstigen. Zugleich kritisierte er, Marx erkläre nicht, wie bestimmte Gruppen überhaupt die Macht zu Raub und Unterdrückung erlangten. André Gunder Frank warf Marx, Sombart, Weber und Wallerstein Eurozentrismus vor, weil sie die Entstehung des Kapitalismus hauptsächlich aus westeuropäischer Perspektive erklären. Kritisch sei auch die verbreitete Fixierung auf das Jahr 1500, besonders auf 1492 und 1498, als Beginn einer neuen kapitalistischen Epoche.

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