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Universität für Bodenkultur Wien
Department für Ökosystemmanagement, Klima und Biodiversität; Department für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften. Wissenschaftliche Zentren. Bearbeiten.
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Überblick und Bedeutung
Die Universität für Bodenkultur Wien, kurz BOKU, ist eine staatliche Universität in Wien. Sie wurde 1872 als „k.k. Hochschule für Bodencultur“ gegründet und trägt das Motto „Science for Life“. Ihr Profil verbindet Naturwissenschaften, Technik beziehungsweise Ingenieurwissenschaften sowie Wirtschafts-, Sozial- und Rechtswissenschaften. Dadurch richtet sie sich besonders auf Themen wie Landwirtschaft, Forstwirtschaft, Lebensmittel, Biotechnologie, Wasser, Landschaft, Infrastruktur, Klima, Biodiversität, Ökosysteme und nachhaltige Ressourcen.
Im Wintersemester 2024/25 hatte die BOKU 10.205 Studierende, davon 52,9 % Frauen. Sie beschäftigte 1.916,2 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Vollzeitäquivalenten, darunter 1.233,8 wissenschaftliche Beschäftigte und 107,9 Professorinnen und Professoren. Der Jahresetat lag 2023 bei 255 Mio. €, einschließlich 70 Mio. € für Forschungs- und Entwicklungsprojekte. Rektorin ist Eva Schulev-Steindl. Die Universität ist in zahlreichen internationalen Netzwerken vertreten, darunter AGRINATURA, ASEA-UNINET, ELLS, EUA, EPICUR, Africa UniNet und weitere.
Geschichtliche Entwicklung
Die Hochschule wurde am 15. Oktober 1872 in Wien eröffnet. Zu den Gründungsvätern gehörte Joseph Roman Lorenz. Anfangs gab es eine landwirtschaftliche Sektion im Palais Schönborn in Wien-Josefstadt. 1875 wurde nach der Auflösung der k.k. Forstakademie in Mariabrunn das Forststudium an die Hochschule übergeleitet. 1883/1884 kam ein dreijähriger Kurs für Kulturtechniker als dritte Studienrichtung hinzu.
1896 wurde das heutige Hauptgebäude in der Gregor-Mendel-Straße an der Türkenschanze eröffnet. 1903 folgte die Versuchswirtschaft in Groß-Enzersdorf. 1906 erhielt die Hochschule das Promotionsrecht; der erste Promovierte war der Forstwissenschaftler Rudolf Jugoviz. 1917 wurde der Titel „Ingenieur“ für Absolventen eingeführt. 1919 wurden erstmals Frauen zum Studium zugelassen, obwohl einzelne Professoren Frauen grundsätzlich nicht für geeignet hielten.
Die Zwischenkriegszeit war von deutschnationalen, offen antisemitischen und teils nationalsozialistischen Strömungen geprägt. 1923 beschloss das Professorenkollegium eine gegen jüdische Studenten gerichtete Resolution. In der Studentenschaft wurde bereits in den frühen 1920er-Jahren das Hakenkreuz verwendet. Nach dem Wahlsieg der NSDAP im Deutschen Reich am 5. März 1933 fand am 7. März eine Anschlusskundgebung statt. 1934 setzte die Diktaturregierung Dollfuß den Bundeskommissar Otto Skrbensky ein, der Studierende verweisen konnte und die Enthebung von fünf Professoren betrieb. Nach dem „Anschluss“ 1938 wurden der Rektor Emmerich Zederbauer und der Professor Hans Karl Zeßner-Spitzenberg verhaftet; Zeßner-Spitzenberg starb am 1. August 1938 im KZ Dachau.
Nach dem Zweiten Weltkrieg waren im Wintersemester 1945/1946 nur 158 Studierende eingeschrieben, davon 54 Frauen. 1947/48 stieg die Zahl wegen eines Rückstaus auf 1.388 Studierende, sank danach aber wieder. 1960 wurde das Wilhelm-Exner-Haus fertiggestellt. 1972 feierte die Hochschule ihr hundertjähriges Bestehen, 1975 wurde sie in Universität für Bodenkultur Wien umbenannt. Ab 2000 schärfte die BOKU im Rahmen von Life Science Austria ihr Profil von einer vorwiegend landwirtschaftlichen Orientierung hin zu Life Science, also Lebens- oder Biowissenschaften. 2001 gründete sie mit mehreren europäischen Partneruniversitäten die Euroleague for Life Sciences. Am 12. Juni 2023 wurde nach drei Jahren Bauzeit das Wasserbau-Labor am Brigittenauer Sporn eröffnet. Es hat mit 10 m³ Durchfluss pro Sekunde ohne Pumpen ein weltweites Alleinstellungsmerkmal; die Errichtungskosten betrugen rund 49 Millionen Euro.
Organisation, Forschung und Lehre
Die Organisation der BOKU wurde mehrfach verändert. Nach dem Universitätsgesetz 2002 wurden frühere Institute zu Departments mit unterstellten Abteilungen und Instituten umgewandelt. Bis Ende 2024 bestanden 15 Departments. Seit 1. Jänner 2025 ist die Universität in sechs Departments gegliedert: Agrarwissenschaften; Biotechnologie und Lebensmittelwissenschaften; Landschaft, Wasser und Infrastruktur; Naturwissenschaften und Nachhaltige Ressourcen; Ökosystemmanagement, Klima und Biodiversität; Wirtschafts- und Sozialwissenschaften.
Zusätzlich nennt die Universität wissenschaftliche Zentren: das Zentrum für Agrarwissenschaften, das Zentrum für Bioökonomie sowie das Zentrum für Globalen Wandel und Nachhaltigkeit. Die BOKU ist Mitglied der 2012 gegründeten Allianz Nachhaltige Universitäten in Österreich, die Nachhaltigkeit an Universitäten fördern will.
Die Lehre folgt dem Drei-Säulen-Prinzip. Das bedeutet, dass alle Bachelor- und Masterstudien neben ihren Fachinhalten auch Lehrveranstaltungen aus drei Bereichen enthalten: Naturwissenschaften, technische beziehungsweise Ingenieurwissenschaften sowie Wirtschafts- und Sozialwissenschaften einschließlich Rechtswissenschaften. Dieses Prinzip soll die interdisziplinäre Ausrichtung der BOKU sichern und ein vernetztes Verständnis fördern. Im Studienjahr 2023/24 gab es sieben Bachelorstudien und 31 Masterstudien. Von den Masterstudien konnten 13 international studiert werden, 17 wurden in englischer Sprache angeboten. Neben traditionellen Doktoratsstudien gibt es zehn Doctoral Schools, also strukturierte Doktoratsprogramme zu spezialisierten Forschungsfragen; davon sind zwei PhD-Programme.
Standorte und Einrichtungen
Die BOKU ist auf mehrere Standorte verteilt. Ein wichtiger Standort ist die Türkenschanze im 18. und 19. Wiener Gemeindebezirk. Dort befinden sich unter anderem das Gregor-Mendel-Haus als Hauptgebäude, das Justus-von-Liebig-Haus, das Wilhelm-Exner-Haus, das Franz-Schwackhöfer-Haus, das Adolf-von-Guttenberg-Haus, das Oskar-Simony-Haus, das Adolf-Cieslar-Haus, die Villa von BOKU-International Relations, das Türkenwirt-Gebäude und das Ilse-Wallentin-Haus.
Ein weiterer Standort ist die Muthgasse im 19. Bezirk mit dem Emil-Perels-Haus („Muthgasse I“), dem Armin-Szilvinyi-Haus („Muthgasse II“), dem Simon-Zeisel-Haus („Muthgasse III“) und einer Außenanmietung in der Muthgasse 107. In Tulln befinden sich das IFA Tulln – Department für Agrarbiotechnologie sowie das Inge-Dirmhirn-Haus („UFT Tulln“).
Zu den Außenstellen gehören unter anderem die Versuchswirtschaft Groß-Enzersdorf, ein Versuchsstandort für Ingenieurbiologie und Landschaftsbau in Essling, das Versuchszentrum Jedlersdorf, der Versuchsgarten Obstbau, das Gustav-Hempel-Haus „Knödelhütte“ mit forstlichem Versuchsgarten, das Lehrforst-Zentrum Heuberg/Rosalia, der WasserCluster Lunz, das Wasserbaulabor der BOKU am Brigittenauer Sporn und eine Außenstelle des Instituts für Soziale Ökologie in der Schottenfeldgasse.
Persönlichkeiten und Campusleben
Mit der BOKU sind zahlreiche Wissenschaftlerinnen, Wissenschaftler und Absolventinnen beziehungsweise Absolventen verbunden. Zu den bekannten Wissenschaftlern zählen unter anderem Walter Bitterlich, Forstwissenschaftler und Erfinder, Friedrich Haberlandt, Pflanzenwissenschaftler und Förderer der Sojabohne in Mitteleuropa, Helga Kromp-Kolb, Meteorologin und Klimaforscherin sowie Wissenschaftlerin des Jahres 2005, Erich Tschermak-Seysenegg, Pflanzenzuchtforscher und Wiederentdecker der Mendelschen Vererbungsregeln, und Martin Wilckens, Tierzuchtforscher und Gründungsrektor der BOKU.
Unter den bekannten Absolventinnen und Absolventen finden sich mehrere österreichische Politikerinnen und Politiker sowie Fachleute aus Land- und Forstwirtschaft, Wissenschaft und Verwaltung. Genannt werden etwa Leopold Figl, österreichischer Bundeskanzler von 1945 bis 1953, Franz Fischler, EU-Kommissar für Landwirtschaft von 1995 bis 2004, Erwin Pröll, Landeshauptmann von Niederösterreich von 1992 bis 2017, Josef Pröll, Finanzminister und Vizekanzler von 2008 bis 2011, sowie Ilse Wallentin, die erste weibliche BOKU-Absolventin, die den Grad einer Doktorin erworben hat.
Zum Campusleben gehört auch eine eigene Blasmusikkapelle. Sie besteht in ihrer heutigen Form seit Herbst 2010 und hatte 2023 etwa 100 Mitglieder. Ihre Ursprünge reichen bis 2007 zurück, als musizierende Studierende das traditionelle Maibaumaufstellen an der BOKU mit Blasmusik begleiteten.
Kritik
Die BOKU wurde dafür kritisiert, auch Esoterik und Pseudowissenschaft zu lehren oder in Arbeiten zuzulassen. Krista Federspiel und Florian Aigner kritisierten unter anderem, dass die unwissenschaftliche Geomantie als Forschung Anwendung gefunden habe. In einer Diplomarbeit wurden Messungen mit Radiästhesie durchgeführt, einer pseudo- beziehungsweise parawissenschaftlichen Lehre. Weitere im Artikel genannte Beispiele für wissenschaftlich nicht anerkannte Methoden sind Abschlussarbeiten über angebliche Biophotonen oder über Testverfahren in der anthroposophischen biologisch-dynamischen Landwirtschaft, konkret Kupferchloridkristallisation.