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Ulrike Meinhof

1955 legte sie ihr Abitur am Gymnasium Philippinum Weilburg ab, wo sie die Schülerzeitung Spektrum gegründet hatte. Studienzeit. Bearbeiten. Im April 1955 …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Einordnung und Lebensweg
  2. 2. Journalismus und APO
  3. 3. Heimkampagne und Baader-Befreiung
  4. 4. RAF, Texte und Straftaten
  5. 5. Israel, Haft und Prozesse
  6. 6. Tod und Nachwirkung

Einordnung und Lebensweg

Ulrike Marie Meinhof (* 7. Oktober 1934 in Oldenburg; † 9. Mai 1976 in Stuttgart-Stammheim) war eine deutsche Journalistin, radikale Linke und später Linksterroristin. Sie ist vor allem wichtig, weil ihr Lebensweg von politischem Journalismus und Protest in den 1950er und 1960er Jahren zur Mitgründung der Roten Armee Fraktion (RAF) und zum bewaffneten Terrorismus führte.

Meinhof wuchs nach dem frühen Tod beider Eltern unter der Vormundschaft von Renate Riemeck auf. Ihr Vater Werner Meinhof war Kunsthistoriker, trat 1933 in die NSDAP ein und leitete ab 1936 das Stadtmuseum Jena. Ulrike Meinhof besuchte mehrere Schulen und legte 1955 am Gymnasium Philippinum Weilburg das Abitur ab; dort hatte sie die Schülerzeitung Spektrum gegründet.

Ab 1955 studierte sie zunächst in Marburg Psychologie, Pädagogik und Germanistik, später Kunstgeschichte und Geschichtswissenschaft, ab 1957 in Münster. In dieser Zeit wandte sie sich politisch gegen Atomwaffen, las pazifistische und antifaschistische Autoren und engagierte sich in der Bewegung Kampf dem Atomtod. 1958 trat sie dem SDS Münster bei, Ende Oktober 1958 der damals verbotenen KPD. Sie brach 1960 ihre Dissertation ab, um sich ganz politischer Arbeit zu widmen.

Journalismus und APO

Ab Oktober 1959 arbeitete Meinhof bei der Zeitschrift konkret, zunächst als einzige Frau in der siebenköpfigen Redaktion. Sie schrieb über Außenpolitik, Kunst, Presse und gesellschaftliche Konflikte. Ihr Leitartikel „Hitler in Euch“ von 1961 gegen Franz Josef Strauß machte sie bundesweit bekannt; Strauß klagte erfolglos. 1961 heiratete sie den konkret-Herausgeber Klaus Rainer Röhl, 1962 wurden ihre Zwillingstöchter Regine und Bettina geboren.

Nach Konflikten mit der KPD traten Meinhof und Röhl 1964 aus der Partei aus und führten konkret mit privaten Anzeigen weiter. Meinhof arbeitete danach auch für Rundfunkanstalten. Anerkannt wurden unter anderem Beiträge über den Holocaust-Täter Karl Wolff, über das Warschauer Ghetto, über Arbeitsunfälle, „Gastarbeiter“ und Heimkinder. Sie kritisierte Notstandsgesetze, Wiederbewaffnung, den Vietnamkrieg und aus ihrer Sicht autoritäre oder militaristische Entwicklungen in der Bundesrepublik.

Ab 1967 wurde sie zu einer wichtigen Stimme der Außerparlamentarischen Opposition (APO), also der Protestbewegung außerhalb der Parlamente. Nach der Erschießung Benno Ohnesorgs am 2. Juni 1967 sah sie den Staat als repressiv und unterstützte die Forderung nach Enteignung des Axel-Springer-Verlags. Nach dem Mordversuch an Rudi Dutschke 1968 beteiligte sie sich an Protesten gegen Springer. In „Vom Protest zum Widerstand“ unterschied sie zwischen Protest und Widerstand, warnte aber auch davor, dass Gegengewalt in bloße Gewalt umschlagen könne. Gleichzeitig radikalisierte sich ihr Denken weiter.

1968/69 trennte sie sich politisch und persönlich von Röhl und von konkret. Sie kritisierte das Blatt als marktorientiert und forderte eine demokratische, selbstbestimmte linke Zeitung. Außerdem beschäftigte sie sich mit der Frauenbewegung und mit der politischen Bedeutung von Kindererziehung, ohne sich vollständig mit dem damaligen Aktionsrat zur Befreiung der Frauen zu verbinden.

Heimkampagne und Baader-Befreiung

Ein wichtiger Schwerpunkt Meinhofs waren westdeutsche Jugendfürsorgeheime. Seit 1965 beschrieb sie in Artikeln und Radiosendungen Gewalt, Bestrafung und Ausbeutung von Heimkindern. Sie forderte ein Verbot jeder Gewalt gegen Kinder und selbstbestimmtes Lernen. Für den Südwestfunk schrieb sie den Fernsehfilm Bambule über Heimmädchen. Weil die betroffenen Mädchen nicht wie von ihr gewünscht selbst spielen durften, zog sie sich von den Dreharbeiten zurück. Der Film sollte am 24. Mai 1970 ausgestrahlt werden, wurde aber nach ihrer Teilnahme an der Baader-Befreiung abgesetzt und erst 1994 gezeigt.

Andreas Baader und Gudrun Ensslin waren wegen Kaufhausbrandstiftungen verurteilt worden. Nachdem Baader 1970 erneut festgenommen worden war, beteiligte sich Meinhof an seiner Befreiung. Sie nutzte einen Buchvertrag über Heimerziehung, um einen Termin mit Baader im Deutschen Zentralinstitut für Soziale Fragen zu ermöglichen. Am 14. Mai 1970 wurde Baader dort von bewaffneten Personen befreit; der Bibliotheksangestellte Georg Linke wurde dabei schwer verletzt. Meinhof floh mit den Beteiligten. Die Polizei stellte sie danach als Haupttäterin dar.

Kurz nach der Aktion ließ Meinhof ihre Töchter zunächst zu einer Freundin bringen. Es folgte ein Sorgerechtsstreit mit Klaus Rainer Röhl. Die Kinder kamen schließlich zu ihrem Vater, obwohl Meinhof das Sorgerecht letztlich erhielt. Die Darstellung, Meinhof habe die Kinder in ein palästinensisches Lager bringen wollen, ist umstritten: Stefan Aust und Bettina Röhl vertraten diese Auffassung, Meinhofs Schwester und einige Biografen bestritten sie.

RAF, Texte und Straftaten

Nach der Baader-Befreiung gehörte Meinhof zur Gründungsgruppe der RAF. Die RAF verstand sich als illegale, antiimperialistische Stadtguerilla, also als bewaffnete Gruppe in der Stadt, die nach eigener Vorstellung einen revolutionären Kampf vorbereiten wollte. Meinhof verfasste zentrale Texte. Der Aufruf „Die Rote Armee aufbauen“ erschien am 6. Juni 1970 in Agit 883. Darin wurde Baaders Befreiung als Beginn eines bewaffneten Widerstands in der Bundesrepublik dargestellt.

1971 schrieb Meinhof im Auftrag der Gruppe „Das Konzept Stadtguerilla“. Der Text begründete den bewaffneten Kampf mit dem Zerfall der APO, einer Rechtsentwicklung der SPD und dem Fehlen einer westdeutschen Massenbewegung. Die RAF beanspruchte damit eine Führungsrolle in der radikalen Linken und schloss die Rückkehr zu legalen Formen des Widerstands aus. Weil Meinhof als Urheberin des Konzepts galt, sahen Strafverfolgungsbehörden sie als „Staatsfeindin Nr. 1“.

Die RAF finanzierte sich unter anderem durch Banküberfälle. Am 29. September 1970 wurden drei Banken in West-Berlin überfallen; Meinhof beteiligte sich am Überfall auf eine Sparkasse, bei dem 8.100 DM erbeutet wurden. 1972 trug sie die Mai-Offensive der RAF mit. Diese Anschlagsserie forderte vier Tote und 74 Verletzte. Die Anschläge richteten sich unter anderem gegen US-Armee-Einrichtungen, Polizeibehörden, einen Ermittlungsrichter und den Axel-Springer-Verlag. Meinhofs genaue Tatbeiträge zu einzelnen Anschlägen blieben teilweise ungeklärt; insbesondere zum Anschlag auf eine Springer-Druckerei gab es widersprüchliche Aussagen.

Israel, Haft und Prozesse

Meinhofs Aussagen zu Israel und Juden änderten sich deutlich. 1967 verteidigte sie nach dem Sechstagekrieg das Existenzrecht Israels und forderte zugleich Kritik an israelischer Politik sowie die Berücksichtigung berechtigter arabischer Interessen. 1972 schrieb sie in Haft einen Text zum Münchner Olympia-Attentat, der die Geiselnahme palästinensischer Terroristen lobte und Israel mit nationalsozialistischen Tätern verglich. Diese Aussagen gelten als antisemitisch. Historiker und Publizisten werteten sie als Bruch mit ihrer früheren Israelsolidarität; Jutta Ditfurth bezeichnete sie als „antisemitische Ausfälle“.

Am 15. Juni 1972 wurde Meinhof in Langenhagen bei Hannover zusammen mit Gerhard Müller festgenommen. In ihrem Gepäck fand man Waffen, Sprengstoff, eine Feldflaschenbombe und einen Text mit Anweisungen Gudrun Ensslins. Nach der Festnahme durfte sie zunächst keinen Anwalt anrufen. Ihre Anwälte beschrieben den Umgang mit ihr als rechtswidrig und entwürdigend.

Ab 16. Juni 1972 war Meinhof in Einzelhaft und zeitweise strenger Isolation, zuerst in der JVA Köln-Ossendorf. Ihre Haftbedingungen waren besonders hart und werden heute als inhuman eingestuft: Sie war optisch und akustisch vom normalen Haftalltag getrennt, Kontakte waren stark eingeschränkt. Meinhof beschrieb die Situation als „weiße Folter“. RAF-Anwälte sprachen von „Isolationsfolter“ und „Vernichtungshaft“; staatliche Stellen wiesen den Foltervorwurf zurück. Es gab zudem Pläne, ihren Geisteszustand psychiatrisch zu begutachten; eine geplante riskante Untersuchung ihres Gehirns stieß auf Proteste.

1974 wurde sie im Verfahren zur Baader-Befreiung wegen gemeinschaftlichen Mordversuchs und Gefangenenbefreiung zu acht Jahren Haft verurteilt. Ab 1975 war sie im Stammheim-Prozess mit Baader, Ensslin und weiteren RAF-Mitgliedern wegen Mordes an vier Menschen, 54-fachen Mordversuchs, Raubüberfällen, Sprengstoffanschlägen und Gründung einer kriminellen Vereinigung angeklagt. Die Verfahren waren von Hungerstreiks, Ausschlüssen von Anwälten, Streit über Verhandlungsfähigkeit und Vorwürfen politischer Justiz geprägt.

Tod und Nachwirkung

Am 9. Mai 1976 wurde Ulrike Meinhof in ihrer Zelle in der Justizvollzugsanstalt Stuttgart-Stammheim erhängt aufgefunden. Sie wurde 41 Jahre alt. Zwei Obduktionen kamen zu dem Ergebnis, dass sie durch Erhängen starb und kein Anhalt für Fremdeinwirkung bestand. Weil kein Abschiedsbrief gefunden wurde und ihre Anwälte Zweifel äußerten, blieb ihr Tod umstritten. Eine Internationale Untersuchungskommission hielt 1978 den Suizid nicht für bewiesen, während deutsche Medien die Mordthese überwiegend als Fehldeutung der Befunde kritisierten.

Die Todesnachricht führte zu Demonstrationen und Anschlägen auf deutsche Einrichtungen. Am 7. April 1977 erschoss das „Kommando Ulrike Meinhof“ der RAF den Generalbundesanwalt Siegfried Buback und seine Begleiter. Meinhof wurde am 15. Mai 1976 auf dem Dreifaltigkeitskirchhof III in Berlin-Mariendorf beigesetzt; etwa 4000 Menschen nahmen teil.

Nach der Obduktion wurde ihr Gehirn entnommen und später ohne Wissen der Familie weiter untersucht. Der Neuropathologe Jürgen Peiffer fand einen Hirnschaden im Bereich der Amygdala, der bei einer Operation 1962 entstanden sein sollte. 2002 wurde das Gehirn auf Antrag Bettina Röhls eingeäschert und im Grab beigesetzt.

In der Rezeption wurde Meinhof sehr unterschiedlich gedeutet: als Ikone und Märtyrerfigur der Linken, als Terroristin, als widersprüchliche Intellektuelle oder als Teil der RAF-Geschichte. Stefan Austs „Der Baader-Meinhof-Komplex“ prägte die öffentliche Darstellung stark; Jutta Ditfurth und andere Biografen widersprachen einzelnen Deutungen. Meinhofs Leben wurde außerdem in Theater, Literatur, Musik und Film verarbeitet, darunter in „Stammheim“, „Der Baader Meinhof Komplex“ und Elfriede Jelineks „Ulrike Maria Stuart“.

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