Zum Inhalt springen
L

Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand

Tristan-Akkord

Der Tristan-Akkord ist ein in Richard Wagners 1865 uraufgeführtem Musikdrama Tristan und Isolde als Leitklang verwendeter Akkord. Er erklingt erstmals im …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Kern und Bedeutung
  2. 2. Harmonische Deutungen
  3. 3. Kadenz und musikalischer Zusammenhang
  4. 4. Leitklang statt Leitmotiv
  5. 5. Musikhistorische Bedeutung
  6. 6. Vorkommen und Zitate

Kern und Bedeutung

Der Tristan-Akkord ist ein Akkord aus Richard Wagners Musikdrama „Tristan und Isolde“, das 1865 uraufgeführt wurde. Er wird dort als Leitklang verwendet, also als wiederkehrender Klang mit inhaltlicher und musikalischer Bedeutung. Er erklingt erstmals im zweiten Takt des Vorspiels zum I. Akt in den Celli und Holzbläsern: Er schließt die Cello-Melodie ab und eröffnet zugleich die Oboen-Melodie. Eine Variante erscheint am Anfang des III. Akts in den Streichern.

Wichtig ist der Akkord, weil er sich keiner einfachen, allgemein akzeptierten harmonischen Deutung entzieht. Seine Wirkung entsteht durch harmonische Undurchsichtigkeit, starke Chromatik und tonale Unstetigkeit. Chromatik bedeutet hier, dass Töne außerhalb der einfachen Tonleiter einbezogen werden; tonal unstet heißt, dass die Musik nicht eindeutig und stabil auf eine Tonart bezogen wirkt. Ernst Kurth sah in der Harmonik der „Tristan“-Partitur eine Krise der romantischen Harmonik.

Harmonische Deutungen

Eine Deutung versteht den Akkord als alterierten Vorhaltsakkord. Ein Vorhalt ist ein Ton, der zunächst als Spannung stehen bleibt und sich dann in einen erwarteten Akkordton auflöst. Dabei wird „gis¹“ als Vorhalt gesehen, der sich nach „a¹“ auflöst. Der eigentliche Akkord wäre dann „f-h-dis¹-a¹“. Dieser alterierte Terzquartakkord kann nach der Stufentheorie als zweite Umkehrung des Septakkords der II. Stufe von a-Moll („h-d-f-a“) mit hochalterierter Terz „d“ zu „dis“ gedeutet werden. Die Funktionstheorie versteht ihn bevorzugt als Umkehrform eines Doppeldominant-Septakkords von a-Moll („h-dis-fis-a“) mit tiefalterierter Quinte „fis“ zu „f“ im Bass. Seltener wird er aus einem Subdominantdreiklang mit Sixte ajoutée („d-f-a-h“) abgeleitet, wobei „d“ zu „dis“ hochalteriert wird. Diese Deutung passt gut in einen Kadenzverlauf, wurde aber kritisiert, weil die Auflösung sehr kurz ist und deshalb kaum als Hauptakkord wirkt.

Eine zweite Deutung sieht den Akkord als alterierten Akkord ohne Vorhalt. Dann gilt „dis¹“ als Hochalteration von „d¹“, und der Ausgangsakkord lautet „f-h-d¹-gis¹“. In Grundstellung und enger Lage ergibt sich der verminderte Septakkord „gis-h-d¹-f¹“. Nach der Stufentheorie wäre das die VII. Stufe von a-Moll, nach der Funktionstheorie ein „verkürzter“ Dominantnonenakkord mit fehlendem Grundton „e“.

Weitere Deutungen behandeln den Tristan-Akkord als eigenständiges Klanggebilde, ähnlich einem Leitmotiv. Dabei wird „gis¹“ als Akkordton und „a¹“ als Durchgang verstanden. Möglich ist etwa die Deutung als Doppelleittonklang von E-Dur: Im E-Dur-Dreiklang wird der Grundton „e“ durch seinen oberen Leitton „f“ und unteren Leitton „dis“ ersetzt. Diese Erklärung passt zum Beginn des Vorspiels, lässt sich aber nicht leicht auf alle anderen Formen des Akkords übertragen. Andere Ansätze verwenden das Vogelsche Tonnetz oder Hindemiths Akkordlehre; Hindemith bestimmte „gis“ als Grundton und ordnete den Akkord in die Gruppe „II_b2“ ein, mit A als tonalem Zentrum der Passage.

Kadenz und musikalischer Zusammenhang

Neuere Betrachtungen legen Wert darauf, den Tristan-Akkord nicht isoliert, sondern im Zusammenhang von Kadenzen zu analysieren. Eine Kadenz ist eine Akkordfolge, die einen tonalen Zusammenhang herstellt oder abschließt. Peter Petersen formulierte 2019: „Allgemein gilt, dass wir von der Akkordanalyse wegkommen und endlich Kadenzanalyse betreiben müssen.“

Im I. Akt, Takt 1–3, ist der Akkord mit einem chromatischen Motiv „gis¹-a¹-ais¹-h¹“ verbunden. Dadurch erhält er eine besondere Färbung. Im III. Akt, Takt 1–2, besitzt er dagegen eine normale Mollfärbung, weil er ein diatonisches Motiv „g-as-b-c¹“ harmonisiert. Diatonisch bedeutet: die Töne gehören zur zugrunde liegenden Tonleiter.

Es werden zwei Typen unterschieden: Der chromatische Typ „TA^chr“ enthält alterierte Töne „f/h/dis¹/gis¹“ und ist Teil einer halbschlüssigen Kadenz, die mit einem Dominantseptakkord endet. Der diatonische Typ „TA^dia“ enthält leitereigene Töne „B/des/f/g“ und gehört entweder zu einer plagalen Kadenz mit der Folge IV.–I. Stufe oder ist als halbverminderter Septakkord in verschiedene Kadenzzusammenhänge eingebunden, zum Beispiel als Septakkord der II. Stufe in Moll oder der VII. Stufe in Dur.

Auf die ganze Oper bezogen wird der chromatische Typ der Gefühlswelt Isoldes zugeordnet. Der diatonische Typ steht für Tristans Liebessehnen, kann aber auch das Liebesempfinden beider gemeinsam ausdrücken.

Leitklang statt Leitmotiv

In der Forschung wird für den Tristan-Akkord eher der Begriff Leitklang als Leitmotiv verwendet. Ein Leitmotiv ist ein wiederkehrendes musikalisches Motiv, das mit einer Person, Sache, Idee oder Situation verbunden sein kann. Ein Leitklang ist diesem Begriff nahe, unterscheidet sich aber dadurch, dass er weniger als lineares Motiv und stärker als charakteristischer Klang verstanden wird.

Problematisch ist, dass zunächst unklar bleibt, was genau durch den Tristan-Akkord „geleitet“ wird. Eine These lautet, dass Leitmotive bei Wagner nur im „Ring des Nibelungen“ eindeutig identifizierbar seien, während sie in anderen Werken durch Widersprüche zwischen Motiven und gesungenem Text schwieriger zu bestimmen sind. Beim Tristan-Akkord ist der Bezug nicht zwingend an Text gebunden. Er kann eher auf Wagners „Urszene“ bezogen werden: „[Liebes-]Sehnsucht mit Erlösung im Tode“. Diese Idee zieht sich auf einer Metaebene durch viele Werke Wagners und verweist auf seine psychologisch-philosophischen Ansichten.

Musikhistorische Bedeutung

Der Tristan-Akkord gilt als besonders wichtig für die Entwicklung der Harmonik. Entscheidend sind seine unterschiedlichen Weiterführungen im Gesamtwerk und seine Einbettung in den chromatischen Alterationsstil der Oper. Der Akkord erscheint oft mit denselben Tonstufen, aber enharmonisch verändert, zum Beispiel als „f, h, es, as“ oder „f, ces, es, as“, und in anderem tonalem und harmonischem Umfeld. Enharmonisch bedeutet, dass Töne unterschiedlich notiert, aber gleich oder fast gleich klingend verstanden werden können.

Der Akkord wurde zum Inbegriff spätromantischer Harmonik. Diese Harmonik verliert zunehmend den festen Bezug zur Tonika, also zum tonalen Zentrum einer Tonart. Der Artikel beschreibt diese Entwicklung bis zum Umschlag in die Atonalität um 1910, also zu Musik ohne herkömmlich bindendes tonales Zentrum.

Besonders ist auch die geringe oder praktisch nicht vorhandene Strebewirkung des Tristan-Akkords. Als Dominante mit Sextvorhalt wird er nicht klar gehört, weil die Auflösung nur als kurzer chromatischer Durchgang erscheint. Als Subdominante überzeugt er ebenfalls nicht eindeutig. Erst die Fortschreitung in die Dominante „E“ macht den Zusammenhang mit a-Moll erkennbar. Außerdem wird die Dominante, in die der Akkord mündet, nicht mehr unbedingt als Dissonanz gehört, die aufgelöst werden muss, sondern eher selbst als Auflösung. Darin zeigt sich das, was Arnold Schönberg später „Emanzipation der Dissonanz“ nannte: Dissonanzen verlieren ihre traditionelle Pflicht zur Auflösung.

Vorkommen und Zitate

Der Tristan-Akkord ist so bekannt, dass er bei anderen Komponisten wiedergefunden oder später zitiert wurde. Wagner selbst zitierte ihn auch in den „Meistersingern“. Spätere Zitate finden sich unter anderem bei Edvard Grieg in „Volksweise“ op. 12 Nr. 5, Antonín Dvořák in der Messe D-Dur op. 86, Max Reger in den Variationen op. 73 für Orgel, Alexander Skrjabin in der 4. Klaviersonate, Claude Debussy in „Golliwog’s Cakewalk“, Louis Vierne, Alban Berg, Benjamin Britten und Hanns Eisler. In Brittens Oper „Albert Herring“ hat der Akkord neben der Funktion als Zitat auch eine symbolische Bedeutung: völlige Enthemmung.

Der Akkord oder sehr ähnliche Klänge kommen auch schon vor Wagner vor. Genannt werden Antonio Salieri, Joseph Haydns Streichquartett C-Dur op. 54 Nr. 2 von 1788, Beethovens Klaviersonate Es-Dur op. 31 Nr. 3 von 1802, Franz Schuberts Lied „Dass sie hier gewesen“ D 775 um 1823, Frédéric Chopins Ballade Nr. 1 g-Moll von 1831 und Robert Schumanns Cellokonzert op. 129 von 1850. Bei Beethoven und Schubert zeigt sich bereits eine frühe Form jener „Emanzipation der Dissonanz“, die später mit Wagner besonders stark verbunden wurde.

Im Film erscheint der Tristan-Akkord beziehungsweise das Vorspiel als Leitmotiv in Lars von Triers Film „Melancholia“. Wagners Musik begleitet dort fast 23 % des gesamten Films.

Weiterlesen

Richard Wagner Wilhelm Richard Wagner (* 22. Mai 1813 in Leipzig; † 13. Februar 1883 in Venedig) war ein deutscher Komponist, Schriftsteller, Regisseur und Dirigent. Tristan und Isolde (Oper) Tristan und Isolde ist ein Musikdrama von Richard Wagner, der das Werk selbst als „Handlung in drei Aufzügen“ bezeichnete. Die Uraufführung fand am 10. Takt (Musik) Der Takt (die Taktart) eines Stückes beschreibt in der Regel ein Muster gleicher Grundschläge und Zählzeiten, wodurch die grundlegende zeitliche Struktur des … Harmonik Harmonik (von altgriechisch ἁρμονία harmonía „Ebenmaß“, „Harmonie“) ist ein umfassender Begriff aus der Musiktheorie. Sie beschäftigt sich mit der Ordnung … Funktionstheorie Die Funktionstheorie ist Teilgebiet der Musiktheorie und gehört zur Harmonielehre. Sie beschreibt die Verhältnisse und Spannungen zwischen den Akkorden in … Chromatik Chromatik (altgr. χρῶμα chrṓma ,Farbe') bezeichnet in der tonalen Musik die „Umfärbung“ diatonischer Tonstufen durch Erhöhung oder Erniedrigung (Hoch- bzw. Tonalität (Musik) Tonalität ist in der Musik ein System hierarchischer Tonhöhenbeziehungen. Töne werden dabei in Bezug auf einen Grundton als „Zentrum“ einer Tonleiter, … Stufentheorie (Harmonik) Stufen · Dur–Stufen (große Terz – kleine Terz): I, IV und V · Moll–Stufen (kleine Terz – große Terz): II, III und VI · verminderte Stufe (kleine Terz – kleine Terz): … Septakkord Ein Septakkord, auch Septimenakkord ist ein Vierklang. Zum Dreiklang aus Grundton, Terz- und Quintstufe der jeweiligen diatonischen Tonleiter tritt die … Doppeldominante Die Doppeldominante ist die Dominante der Dominante. Es muss also von der V. Stufe des Grundtons aus der Dreiklang auf der V. Stufe gebildet werden. Quinte Die Quinte besteht als „reine“ Quinte aus sieben, in ihren Varianten auch sechs oder acht Halbtonschritten. Die Quinte ist das Komplementärintervall zur Quarte. Subdominante Subdominante, auch Unterdominante, bezeichnet den Akkord auf der vierten Stufe einer Dur- oder Molltonleiter. Die Bezeichnung Subdominante (sous-dominante) …