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Trickle-down-Ökonomie

Diese Maßnahmen, die sich der Angebotspolitik zurechnen lassen, werden in der jüngeren Vergangenheit von Kritikern oft als Trickle-down-Ökonomie bezeichnet. Den …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Grundidee und Einordnung
  2. 2. Historische Entwicklung
  3. 3. Gegenmodell von unten
  4. 4. Politische Anwendung
  5. 5. Kritik und empirische Befunde

Grundidee und Einordnung

Die Trickle-down-Ökonomie, auch Trickle-Down-Theorie genannt, bezeichnet die Überzeugung, dass Wohlstand bei den Reichsten einer Gesellschaft durch Konsum und Investitionen nach und nach in untere gesellschaftliche Schichten „durchrieselt“. Dadurch soll Wirtschaftswachstum entstehen, von dem am Ende alle profitieren. Eine wichtige politische Forderung, die daraus abgeleitet wird, ist die finanzielle Entlastung Wohlhabender, besonders durch Steuersenkungen.

Der Begriff wird auch als „Pferd-und-Spatz-Ökonomie“ oder „Pferdeäpfel-Theorie“ bezeichnet. Obwohl oft von einer Theorie gesprochen wird, handelt es sich laut Artikel nicht um eine Theorie im engen wirtschaftswissenschaftlichen Sinn. Gemeint ist eher ein informeller Sammelbegriff für bestimmte wirtschaftspolitische Maßnahmen, die der Angebotspolitik zugerechnet werden. Angebotspolitik meint wirtschaftspolitische Ansätze, die vor allem die Produktions- und Investitionsbedingungen von Unternehmen und Kapitalbesitzern verbessern wollen.

Der Ausdruck wird heute vor allem von Kritikern verwendet. Befürworter angebotspolitischer Maßnahmen lehnen ihn meist ab und sehen darin ein Strohmann-Argument, also eine vereinfachte oder verzerrte Darstellung ihrer eigentlichen Position.

Historische Entwicklung

Frühe Ansätze einer angebotsorientierten Sichtweise finden sich bereits bei Adam Smith in Der Wohlstand der Nationen von 1776. Smith schrieb, dass die Vermehrung der Produktion durch Arbeitsteilung in einer gut regierten Gesellschaft einen allgemeinen Reichtum verursache, der sich bis zu den niedrigsten Bevölkerungsständen verbreite. Nach der im Artikel beschriebenen Auslegung sollte staatliche Lenkung durch Märkte als Mittel der Ressourcenverteilung ersetzt werden.

1896 beschrieb der demokratische Präsidentschaftskandidat William Jennings Bryan die Idee mit der Metapher des „Durchsickerns“. Er stellte zwei Vorstellungen von Regierung gegenüber: Die eine wolle Gesetze machen, damit Wohlhabende erfolgreich seien und ihr Wohlstand nach unten durchsickere; die demokratische Idee sei dagegen, die Massen wohlhabend zu machen, sodass dieser Wohlstand nach oben und durch alle Klassen hindurch wirke.

In den USA der 1920er Jahre wurde die Vorstellung unter verschiedenen Namen vertreten. Besonders bekannt wurde der „Mellon-Plan“ des Finanzministers Andrew Mellon. Mellon argumentierte, niedrigere Steuersätze für Spitzenverdiener würden Steuervermeidung verringern und durch stärkeres Wachstum am Ende sogar höhere Staatseinnahmen ermöglichen. Die Idee, Wohlstand werde nach unten etwa in Form höherer Löhne weitergegeben, wurde unter anderem von Henry Ford verbreitet und mit einer damaligen Interpretation des Say’schen Theorems verbunden.

Politische Gegner verspotteten diese Vorstellung unter anderem als „Toryismus“, wie Franklin Delano Roosevelt formulierte. Einige Wirtschaftshistoriker machen entsprechende Politik mitverantwortlich für die 1929 einsetzende Weltwirtschaftskrise. Einer der ersten, der die Metapher „Trickle down“ verwendete, war der Humorist Will Rogers. John Kenneth Galbraith erinnerte später daran, dass man die Idee in seiner Jugend „horse and sparrow theory“ nannte: Wenn man einem Pferd genug Hafer gebe, komme auch etwas für die Spatzen auf die Straße.

Gegenmodell von unten

Als Gegenentwurf zur Trickle-down-Ökonomie wird die Trickle-up-Ökonomie beschrieben. Dabei steht nicht die Entlastung der Wohlhabenden im Mittelpunkt, sondern die Vorstellung, dass wirtschaftliche Stabilität und Wachstum durch Nachfrage von breiten Bevölkerungsschichten entstehen.

Der Ökonom J. A. Hobson entwickelte ab 1889 die Idee, dass ein Mangel an Nachfrage Wirtschaftskrisen verursachen könne. 1928 vertraten William Trufant Foster und Waddill Catchings unabhängig davon ähnliche Gedanken. Sie verwendeten dafür den Begriff underconsumption, also ungefähr „Unternachfrage“. Diese Sicht lag damals außerhalb des wirtschaftswissenschaftlichen Mainstreams.

John Maynard Keynes griff 1936 in The General Theory of Employment, Interest and Money diese Sicht wieder auf. Er argumentierte, Kapital entstehe nicht einfach durch Sparen, sondern dadurch, dass Besitzer von Produktionsanlagen eine steigende Nachfrage nach ihren Produkten erwarteten. Keynes schrieb, Kapital werde „nicht durch die Neigung zum Sparen geschaffen, sondern als Reaktion auf die Nachfrage, die sich aus dem tatsächlichen und voraussichtlichen Konsum ergibt“. Daraus folgt auch sein „Paradox der Sparsamkeit“: Wenn zu viel gespart und zu wenig konsumiert wird, kann dies Wachstum schwächen.

Seit mindestens Mitte der 1950er Jahre wurde der Gegenentwurf als Trickle-up-Theorie bezeichnet, eine entsprechende Volkswirtschaft ab den 1980er Jahren als Trickle-up-Ökonomie. Der Ausdruck wird vereinfacht für eine dezentralisierte Wirtschaft verwendet, in der Wohlstand in die Hände vieler verteilt wird. Im Zusammenhang mit der Obama-Administration wurde auch der Begriff Bottom-up-Ökonomie verwendet; auch Maßnahmen der Biden-Administration wurden als Trickle-up-Ökonomie bezeichnet.

Politische Anwendung

In der realen Wirtschaftspolitik wurde Trickle-down-Ökonomie besonders mit den USA unter Ronald Reagan verbunden. Reagans Haushaltsberater David Stockman sah die angebotsorientierte Wirtschaftspolitik als Teil einer langen Tradition, nach der Laissez-faire nicht nur gut am Markt positionierten Gruppen, sondern allen, auch den Ärmsten, helfe. Er sagte, Angebotsorientierung sei „Trickle-Down“ und habe als Formel dazu gedient, eine entsprechende Steuerpolitik politisch vermittelbar zu machen.

Die Trickle-down-Ökonomie war während der Reagan-Regierung stark politisch aufgeladen. Seit den späten 1980er Jahren nahm die Verwendung des Begriffs ab. Trotzdem blieben Senkung der Grenzsteuersätze, Verkauf von Staatsanteilen und Deregulierung wichtige Programmpunkte der US-amerikanischen Republikanischen Partei.

In Deutschland wird die Steuerreform 2000 als Beispiel genannt. Eine Analyse des DIW kam zu dem Ergebnis, dass durch die Senkung des Spitzeneinkommensteuersatzes und der Unternehmensbesteuerung sowie durch gleichzeitige Erhöhung indirekter Steuern reiche Haushalte entlastet wurden. Im Durchschnitt aller Einkommensgruppen stieg die Steuerbelastung zwischen 1998 und 2015 um 0,1 %. Für die obersten 10 % der Einkommen sank sie dagegen um 2,3 %, für das Top 1 % der Einkommen um 4,8 %. Deutsche Medien bezeichneten Stammwähler der Union und Politiker wie Friedrich Merz als Anhänger der Trickle-down-Ökonomie.

Ein verwandtes Argument gibt es auf dem Wohnungsmarkt als Sickereffekt oder Filtering. Danach soll Neubau zunächst wohlhabende Menschen anziehen, die ihre bisherigen, günstigeren Wohnungen freimachen. Durch eine Kette von Umzügen sollen dann auch Menschen mit niedrigerem Einkommen Zugang zu günstigerem Wohnraum bekommen. Der Artikel betont jedoch, dass der Effekt auf der Annahme sinkender Wohnpreise bei älteren Immobilien beruht und durch andere Mechanismen, etwa Remanenzeffekt, erhöhte Nachfrage zahlungskräftiger First Mover und steigende Preise bei Neuvermietung, meist schon nach zwei Umzügen nicht mehr beobachtbar ist.

Kritik und empirische Befunde

Viele bekannte Wirtschaftswissenschaftler bestreiten die Gültigkeit des Trickle-down-Effekts. Paul Krugman sagte 2008: „Wir warten auf diesen Trickle-down-Effekt nun seit 30 Jahren – vergeblich.“ Joseph Stiglitz bezweifelte 2012, dass an der sogenannten Trickle-down-Theorie „auch nur ein Quäntchen Wahrheit“ sei. Der deutsche Ökonom Marcel Fratzscher äußerte 2021, Trickle-down führe zu nichts außer höheren Schulden und weniger Wohlstand. Achim Truger sagte, die Steuerpolitik der letzten 30 Jahre zeige zumindest für Deutschland keinen Trickle-down-Effekt.

Thomas Sowell kritisierte dagegen die verbreitete Darstellung der Trickle-down-Theorie. Er sah darin eine Karikatur und ein Denken in einem Nullsummenspiel. Nach seiner Darstellung gehe es Befürwortern von Steuersenkungen für Reiche nicht um ein statisches „Durchsickern“ von Wohlstand, sondern um Verhaltensänderungen: Niedrigere Steuern sollten bessere Gewinnerwartungen schaffen, Investitionen anregen, wirtschaftliche Aktivität und Arbeitsplätze erhöhen und dadurch auch das Steueraufkommen steigern.

Weitere Kritik richtet sich gegen die Annahme, Reiche würden zusätzliche finanzielle Mittel automatisch konsumieren oder produktiv investieren. Mark Schieritz kritisierte, das gewonnene Geld werde nicht ausgegeben, sondern auf Bankkonten deponiert oder an der Börse angelegt. Vertreter des Center for American Progress argumentieren ähnlich: Durch Steuersenkungen frei werdende Mittel würden eher gespart, für Kapitalanlagen genutzt oder in Steuerparadiese überführt. Dadurch steige Ungleichheit, während mittlere und untere Einkommensschichten weniger Geld hätten; das senke die Nachfrage und letztlich auch das Wirtschaftswachstum.

Ein empirischer Befund aus einer Studie des Internationalen Währungsfonds von 2015 stützt die Skepsis gegenüber der Trickle-down-Annahme: Wenn der Einkommensanteil der obersten 20 % steigt, nimmt das BIP-Wachstum mittelfristig tatsächlich ab, was darauf hindeutet, dass Gewinne nicht nach unten durchsickern. Dagegen ist eine Zunahme des Einkommensanteils der unteren 20 % mit höherem BIP-Wachstum verbunden.

Lernvideos zu Trickle-down-Ökonomie

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