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Transnationale Geschichte

Transnationale Geschichte ist eine Art der Geschichtsschreibung bzw. der Geschichtsbetrachtung in der Geschichtswissenschaft, bei der die geschichtliche …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Grundidee und Begriff
  2. 2. Entstehung, Entwicklung und Chancen
  3. 3. Methoden und Untersuchungsfelder
  4. 4. Postcolonial Studies
  5. 5. Transnationale Erinnerung und methodische Grenzen

Grundidee und Begriff

Transnationale Geschichte ist eine Form der Geschichtsschreibung und Geschichtsbetrachtung, die über eine auf den Nationalstaat begrenzte Nationalgeschichte hinausgeht. Sie untersucht Geschichte aus einer globalen und weltgeschichtlichen Perspektive. Im Mittelpunkt stehen soziale, politische, ökonomische und kulturelle Verbindungen über Grenzen hinweg sowie deren Auswirkungen auf lokale und nationale Verhältnisse.

Als „transnational“ werden allgemein Interaktionen zwischen Individuen, Gruppen, Organisationen und Staaten bezeichnet, die über Grenzen hinweg stattfinden und dabei Strukturen hervorbringen, die über den Nationalstaat hinausreichen. Dazu gehören Transferprozesse zwischen Gesellschaften und die Entstehung transnationaler Netzwerke. Grundlage ist die Vorstellung, dass die moderne Welt als „gemeinsame Geschichte“ verstanden werden kann: Gesellschaften teilen bestimmte Erfahrungen und gestalten die Welt durch Interaktion und gegenseitige Abhängigkeit, also Interdependenz.

Der Begriff wurde in den 1960er und 1970er Jahren im Zusammenhang mit „transnationaler Politik“ und „transnationalen Beziehungen“ durch Karl Kaiser, Walter Bühl, Robert Keohane und Josef Nye etabliert. In den Geschichts- und Sozialwissenschaften gewann der Ansatz seit 1989 kontinuierlich an Bedeutung. Transnationale Geschichte versteht sich nicht als eigene „Schule“, als geschlossenes Paradigma oder als „turn“, sondern als ein Zugang zur Geschichte neben anderen. Ein organisatorisches Hauptorgan ist das Projekt geschichte.transnational, in dem Fachforen und internationale Forschergruppen verschiedener Disziplinen zusammenarbeiten.

Entstehung, Entwicklung und Chancen

Die wachsende Bedeutung der transnationalen und weltgeschichtlichen Perspektive hängt eng mit politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklungen der Gegenwart zusammen. Besonders seit den 1990er Jahren, nach dem Ende des Kalten Krieges, nahm das globale Interesse an historischen und sozialwissenschaftlichen Fragen zu. Wichtig war außerdem die Einsicht, dass Ereignisse an anderen Orten der Welt das eigene Leben beeinflussen können. Die Ausweitung internationaler Netzwerke von Forschern und Wissenschaftsorganisationen sowie neue Kommunikationsformen erleichterten die Untersuchung länderübergreifender Phänomene.

Der Ansatz grenzt sich von einer Geschichtsschreibung ab, die eine privilegierte Nationalgeschichte zum Ausgangspunkt macht. Zugleich richtet er sich gegen eine eurozentristische Sichtweise, die europäische Entwicklung als allgemeinen Maßstab behandelt. Nach Sebastian Conrad wurde die Vorstellung eines europäischen Fortschritts und einer linearen Geschichte häufig in Abgrenzung zu Kulturen und Gesellschaften anderer Weltregionen konstruiert. Globale Fragestellungen sollen diese Begrenzung sichtbar machen und überwinden.

Eine zentrale Chance besteht darin, die bisher vorherrschende Nationalgeschichte zu erweitern und historische Zusammenhänge aus neuen Perspektiven zu untersuchen. Die globale Ausrichtung ermöglicht es, größere Einheiten als den Nationalstaat in den Blick zu nehmen. Gleichzeitig können lokale und regionale Ereignisse an Bedeutung gewinnen, weil staatliche Grenzen durchlässiger werden. Dies ist möglich, ohne Geschichte ausschließlich aus einer stark mikrogeschichtlichen Perspektive zu betrachten. Der Ansatz macht damit sowohl weltweite Verflechtungen als auch die Bedeutung lokaler Vorgänge sichtbar.

Methoden und Untersuchungsfelder

Die beiden wichtigsten Methoden der transnationalen Historiografie sind der historische Vergleich und die Transferanalyse. Die transnationale Geschichtsschreibung greift außerdem auf beziehungsgeschichtliche Ansätze zurück. Vergleich und Transfer lassen sich in der Forschung oft nicht vollständig voneinander trennen.

Beim historischen Vergleich werden Phänomene, Prozesse oder Strukturen in zwei oder mehr Ländern untersucht. Ziel ist es, Gemeinsamkeiten und Unterschiede herauszuarbeiten; häufig wird dabei der Nationalstaat als Vergleichseinheit vorausgesetzt. Marc Bloch unterschied zwei Typen vergleichender Arbeit: Beim ersten werden räumlich und zeitlich weit voneinander entfernte Gesellschaften verglichen, zwischen denen keine Transferbeziehungen bestehen. Beim zweiten werden räumlich nahe und zeitgleiche Gesellschaften verglichen. In diesem Fall muss zusätzlich nach gegenseitiger Beeinflussung und Transferprozessen gefragt werden.

Die Transferanalyse untersucht, wie Güter, Wissen und Ideen zwischen Gebieten oder Ländern ausgetauscht und wie neue Kenntnisse in einer anderen Gesellschaft angeeignet werden. In der Imperialismusforschung werden beispielsweise nicht nur Rückwirkungen auf die Ausgangskultur, also die Imperialmacht, betrachtet, sondern auch Einflüsse auf die Rezeptionskultur, also die Kolonien. Ein Beispiel für die Verbindung beider Methoden ist die Untersuchung Deutschlands und Frankreichs: Beide Länder können national-kulturell verglichen werden; zugleich lässt sich der interkulturelle Austausch zwischen ihnen analysieren. In der jüngeren Forschung entwickelt sich die Transferanalyse zunehmend zum Leitmotiv, während der Vergleich als Hilfsmittel dient. Ältere Studien betonen stärker den nationalen Vergleich und das Nationale, das durch Transfers beeinflusst wird.

Die Themenfelder sind sehr vielfältig, weil der Ansatz keine dogmatischen Vorgaben für Gegenstand und Methode macht. Raum, Zeit und Medium können unterschiedlich miteinander verbunden werden. Untersuchungen können sich etwa mit der transatlantischen Geschichte des Sklavenhandels, kulinarischem Austausch oder dem Export von Nationalismus befassen. Auch Vorläufer moderner Netzwerke, beispielsweise Expertennetzwerke im frühen XX. Jahrhundert, sind mögliche Gegenstände. Weitere Felder sind Mentalitätsgeschichte, Erinnerungskultur sowie Verkehrs- und Kommunikationstechniken der letzten Jahrzehnte. Dabei interessieren sowohl der Aufbau transnationaler Verbindungen als auch ihre Ausdünnung oder Auflösung. Kontinuitäten und Brüche gehören gleichermaßen zur Untersuchung.

Transnationale Geschichte ist häufig interdisziplinär. Sie bildet eine Schnittstelle zwischen Kulturtransferforschung und Global- beziehungsweise Weltgeschichte. Verbindungen bestehen unter anderem zur Soziologie, Politologie, Kommunikationswissenschaft, Philosophie und zu den Philologien. Umgekehrt greifen beispielsweise die Citizenship studies auf transnationale Perspektiven zurück, wenn sie Zivilgesellschaften jenseits nationaler Grenzen untersuchen.

Postcolonial Studies

Die Postcolonial Studies sind eine Form transnationaler Geschichtsschreibung. Sie untersuchen die soziokulturellen Folgen kolonialer Herrschaft und die wechselseitige Einflussnahme zwischen ehemaligen Kolonien und Imperialmächten. Im Mittelpunkt stehen unter anderem Erfahrungen von Unterdrückung und Widerstand, Geschlechterverhältnisse und Migration in postkolonialen Zusammenhängen.

Seit Edward Saids Werk „Orientalism“ ist dieses Forschungsfeld besonders stark in den Mittelpunkt gerückt. Said beschreibt darin, wie der „Orient“ durch westliche Vorstellungen und Denkweisen konstruiert wurde. Die Postcolonial Studies gehen davon aus, dass Kolonisierung nicht nur die Kolonisierten, sondern auch die Kolonisierenden veränderte. Sie machen daher koloniale Verflechtungen sichtbar und untersuchen, wie der Kolonialismus das Selbstverständnis Europas und europäischer Gesellschaften geprägt hat.

Transnationale Erinnerung und methodische Grenzen

Eine besondere Form der Transnationalisierung zeigt sich in der globalgesellschaftlichen Erinnerung an den Holocaust. Dabei stellt sich zunächst die Frage, wer zur Gruppe der Erinnernden gehört und ob eine bestimmte Gruppe – etwa Juden, Juden und Deutsche oder Europäer – ein „Monopol der Erinnerung“ besitzen kann. Ebenso lässt sich fragen, ob andere Staaten und Nationen zur Erinnerung verpflichtet sind und letztlich die ganze Welt an der Erinnerungsarbeit beteiligt ist.

Natan Sznaider und Daniel Levy untersuchten in ihrer 2002 erschienenen Publikation die kulturelle und massenmedial getragene Transnationalisierung des kollektiven Holocaust-Gedächtnisses. Ihre Analyse bezog Entwicklungen in Deutschland, Israel und den USA ein. Zur Veränderung der Erinnerungslandschaft trugen unter anderem Adaptionen des Tagebuchs der Anne Frank, der Eichmann-Prozess, die Fernsehserie „Holocaust – Die Geschichte der Familie Weiss“ von 1978, der Spielfilm „Schindlers Liste“ von 1993 und die Debatte über Daniel Goldhagens Buch „Hitlers willige Vollstrecker“ bei. Kritiker bezeichnen die zunehmende Medialisierung teilweise als „Amerikanisierung“ oder „Hollywoodisierung“. Durch transnationale Medien und ein globales kollektives Gedächtnis verliert der nationale Rahmen an Bedeutung; Gesellschaften weltweit setzen sich mit dem Holocaust auseinander.

Der breite Ansatz bringt methodische Probleme mit sich. Erstens bleibt das Verhältnis zur Nation widersprüchlich. Transnationale Geschichte versteht sich ausdrücklich nicht als Antithese zur konventionellen Nationalgeschichte. Nationen dienen häufig als Ausgangspunkt und Untersuchungsgrundlage; zugleich wird betont, dass transnationale Geschichte nicht in nationale Bestandteile aufgelöst werden kann. Nationalstaat oder zumindest Nationalgefühl gelten teilweise als konstituierende Faktoren. Problematisch ist jedoch, dass die Nation keine natürliche Einheit, sondern ein historisches Konstrukt mit häufig ausschließenden Wirkungen ist. Wird dies nicht reflektiert, kann die Forschung die Erfindung der Nation unbeabsichtigt fortschreiben. Der Begriff „nationalisierte Kulturen“ bietet eine Möglichkeit, diese Problematik genauer zu betrachten.

Zweitens bestehen Sprach- und Übersetzungsprobleme. Transnationale Forschung überschreitet oft nicht nur Staats-, sondern auch Sprachgrenzen. Schon innerhalb einer Sprache sind historische Texte und sprachliche Gegenstände nicht eindeutig interpretierbar. Zwischen verschiedenen Sprachen kommen weitere Schwierigkeiten hinzu: Bedeutungen lassen sich nicht immer vollständig übersetzen, und die Kommunikation zwischen Sprachen ist selbst historisch geprägt. Diese Unsicherheit kann nicht einfach umgangen und vermutlich auch nicht vollständig gelöst werden.

Drittens besteht das Risiko selbstkonstituierender Fragestellungen. Die Forschung kann durch ihre Kategorien einen Gegenstand erst hervorbringen oder ihn aus einem nationalen Kontext in andere Gesellschaften hineinprojizieren. Dafür muss vorausgesetzt werden, dass der untersuchte Gegenstand tatsächlich existiert und außerhalb seines Entstehungskontexts sinnvoll beschrieben werden kann. Dies betrifft beispielsweise Kategorien wie „Bürgertum“. Eine solche Problematik gehört zugleich zu den zentralen Schwierigkeiten vergleichender Analysen.

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