Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Transhumanismus
Transhumanismus (von lateinisch trans ‚jenseits, über … hinaus' und humanus ‚menschlich') ist eine philosophische Strömung und politische Ideologie, …
Inhalt6 Abschnitte
Grundidee und Entwicklung
Transhumanismus (oft H+ oder h+ abgekürzt) ist eine philosophische Strömung und politische Ideologie. Seine Anhänger wollen die Grenzen menschlicher Möglichkeiten durch technologische Mittel erweitern – insbesondere in intellektueller, körperlicher und psychischer Hinsicht. Die Interessen und Werte der Menschheit werden dabei als Verpflichtung zum Fortschritt verstanden. Zielvorstellungen reichen von einer verbesserten Lebensqualität bis zu einem posthumanen Zustand, in dem sich die Natur und die Fähigkeiten des Menschen grundlegend verändert haben.
Die Bewegung ist vor allem im angelsächsischen Raum verbreitet. Sie bildet keine einheitliche Organisation, sondern eine lose und heterogene Verbindung von Menschen aus unterschiedlichen sozialen, kulturellen und wissenschaftlichen Bereichen.
Historische Vorläufer sehen Transhumanisten unter anderem in der Suche nach Unsterblichkeit, im Renaissance-Humanismus und in der Aufklärung. Als früher Ideengeber gilt René Descartes, der 1637 in seinem Diskurs über die Methode eine Medizin vorstellte, die körperliche Unsterblichkeit und einen stärkeren Geist ermöglichen könnte. Ob Friedrich Nietzsche als Ahnherr des Transhumanismus gelten kann, wird kontrovers diskutiert; seine Vorstellungen beeinflussten jedoch unter anderem Max More und Stefan Lorenz Sorgner.
Julian Huxley definierte den Begriff 1957 in New Bottles for New Wine. Danach könne die menschliche Spezies, wenn sie es wolle, über sich selbst hinauswachsen – nicht nur einzelne Menschen, sondern die Menschheit als Ganzes. Der Mensch solle Mensch bleiben und sich zugleich durch die Verwirklichung neuer Möglichkeiten über seine bisherige menschliche Natur hinausentwickeln.
Der Begriff wurde später unter anderem von Abraham Maslow in Toward a Psychology of Being (1968), Robert Ettinger in Man into Superman (1972) und FM-2030 in den 1970er Jahren verwendet. FM-2030 bezeichnete Transhumane als erste Erscheinung einer neuen Art evolutionärer Wesen und als mögliche Übergangsform zum Posthumanen. Max More beschreibt Transhumanismus als eine Auffassung, die in Richtung eines posthumanen Zustands führt. Sie teilt mit dem Humanismus den Respekt vor Vernunft und Wissenschaft, die Verpflichtung zum Fortschritt und die Anerkennung des Wertes des menschlichen oder transhumanen Lebens, erwartet aber zugleich radikale Veränderungen durch Wissenschaft und Technik.
In den 1980er Jahren entstanden wichtige Netzwerke und Veranstaltungen, unter anderem in Los Angeles. 1986 wurde Eric Drexlers Buch Engines of Creation zur Nanotechnologie veröffentlicht. Nick Bostrom und David Pearce gründeten 1998 die World Transhumanist Association, die später in Humanity+ umbenannt wurde. Eine 2008 veröffentlichte Studie kam zu dem Ergebnis, dass sich fast 50 % der Transhumanisten politisch als links verstehen; daneben gibt es zahlreiche weitere politische Richtungen.
Technologien und Strömungen
Im Mittelpunkt stehen neue und künftig mögliche Technologien. Dazu gehören:
- Prothetik, also die Verbesserung menschlicher Funktionen durch Prothesen.
- Nano- und Biotechnologie, besonders Gentechnik und regenerative Medizin.
- Gehirn-Computer-Schnittstellen, die langfristig das Hochladen menschlichen Bewusstseins in digitale Speicher ermöglichen sollen. Dieses Ziel teilen nicht alle Transhumanisten, es gilt jedoch als wesentlicher Bestandteil des technologischen Posthumanismus.
- Die Entwicklung von Superintelligenz und die Weiterentwicklung der Kryonik.
Nach transhumanistischer Vorstellung sollen Menschen ihre Lebensqualität, ihr Aussehen sowie ihre körperlichen und seelischen Möglichkeiten selbst bestimmen und verbessern können. Niemand soll zu einer Veränderung gezwungen werden. Ein Beispiel für die technische Zielrichtung sind Prothesen aus kohlenstofffaserverstärktem Kunststoff, wie sie Oscar Pistorius 2007 verwendete.
Innerhalb des Transhumanismus lassen sich mehrere, in der Praxis oft nicht klar voneinander trennbare Strömungen unterscheiden:
- Der demokratische Transhumanismus verbindet liberale Demokratie, Sozialdemokratie und Transhumanismus.
- Der Extropianismus will die menschliche Evolution „proaktiv“ beschleunigen. Er wurde in den 1980er-Jahren von Max More und T. O. Morrow in Kalifornien begründet. Extropie bezeichnet dabei ein Maß für die „Intelligenz, den Informationsgehalt, die verfügbare Energie, Langlebigkeit, Vitalität, Vielfalt, Komplexität und Wachstumsfähigkeit eines Systems“ und bildet einen Gegenbegriff zur Entropie.
- Stefan Lorenz Sorgner unterscheidet kohlenstoffbasierte Ansätze, etwa Genmanipulation, von siliziumbasierten Technologien, etwa Computern und dem Hochladen des Bewusstseins.
- Der libertarische Transhumanismus verbindet Libertarismus und Transhumanismus.
- Der Vorschlag einer Post-Politik zielt auf eine „Postdemokratie“, die auf Vernunft und freiem Zugang zu Neuro-Enhancement-Technologien beruht.
- Der Singularitarianismus geht davon aus, dass eine technologische Singularität möglich und herbeiführbar ist. Gemeint ist insbesondere die Erschaffung einer Superintelligenz, die als „Transzendenz der menschlichen Art“ verstanden wird.
Eugenik und gelenkte Evolution
Eugenik nimmt im Transhumanismus eine zentrale Stellung ein. Anders als die nationalsozialistische Eugenik soll sie nach dieser Vorstellung nicht durch die staatliche Sterilisation als „unerwünscht“ angesehener Menschen verwirklicht werden. Stattdessen soll Genmanipulation eingesetzt werden, um die Geburt eines gesunden Kindes zu ermöglichen und die menschliche Evolution künftig zu steuern.
Die Entscheidung über solche Eingriffe soll in den Händen der einzelnen Eltern liegen. Damit verbindet der Transhumanismus die Idee der biologischen Verbesserung mit individueller Wahlfreiheit. In Deutschland knüpfen ähnliche Diskussionen an Friedrich Nietzsches Begriff des Übermenschen an. Sie sind deshalb nicht ausschließlich technisch ausgerichtet, sondern beziehen auch Vorstellungen einer kulturellen Weiterentwicklung ein.
Kontroversen und Kritik
Transhumanistische Ziele und die Aussicht auf menschliches Enhancement, also die technische Verbesserung menschlicher Fähigkeiten, sind öffentlich umstritten. Die Kritik richtet sich entweder gegen die praktische Wahrscheinlichkeit der Ziele oder gegen ihre moralischen und weltanschaulichen Grundlagen. Kritiker sehen darin häufig eine Bedrohung menschlicher Werte. Umgekehrt bezeichnete Ronald Bailey die Bewegung als das „kühnste, mutigste, visionärste und idealistischste Bestreben der Menschheit“, während Francis Fukuyama sie als „eine der gefährlichsten Ideen“ bezeichnete. Manche Autoren meinen, die Menschheit sei durch den medizinischen Fortschritt der vergangenen Jahrhunderte bereits transhuman geworden.
Die praktische Kritik bezweifelt, dass die erforderlichen Technologien überhaupt entwickelt werden können. Der Genetiker Steve Jones meint, die Menschheit verfüge nicht über die von Transhumanisten erwarteten Technologien und werde sie auch nie besitzen; insbesondere werde Gentechnik nicht so leistungsfähig sein wie häufig angenommen. Gregory Stock hält eine weitgehende Integration von Menschen in Maschinensysteme im 21. Jahrhundert für möglich, bezweifelt aber eine umfassende Cyborgisierung nach den Vorhersagen von Raymond Kurzweil, Hans Moravec und Kevin Warwick. Die entscheidenden Veränderungen würden seiner Ansicht nach eher durch die direkte Manipulation von Genetik, Stoffwechsel und Biochemie entstehen als durch Cyberware.
Max Dublin führte 1992 in Futurehype: Die Tyrannei der Prophezeiung zahlreiche fehlgeschlagene Vorhersagen über den technologischen Fortschritt an. Er bezweifelt deshalb auch die Genauigkeit moderner Zukunftsprognosen und kritisiert Fanatismus und Nihilismus in Teilen der transhumanistischen Bewegung. Außerdem sieht er Ähnlichkeiten zu religiösen und marxistischen Ideologien.
Die ethische Kritik richtet sich darauf, dass technologische Möglichkeiten nicht ausreichend mit ihren Folgen für Gesellschaft und Menschenbild verbunden würden. Francis Fukuyama warnt, eine grundlegende Veränderung der menschlichen Natur könne die progressiven Ideale liberaler Demokratie, insbesondere menschliche Gleichheit, untergraben. Janina Loh kritisiert, dass viele Transhumanisten gesellschaftliche und philosophische Fragen nur am Rand behandeln.
Humanistische Kritiker wenden sich gegen ein ihrer Ansicht nach zu einfaches, auch „Trivial-Anthropologie“ genanntes Menschenbild. Dabei könnten wichtige Eigenschaften des Menschen verloren gehen. Jörg Scheller kritisiert besonders im Extropianismus die reduktionistische Berufung auf Nietzsches Übermenschen. Außerdem wird eine fehlende Achtung vor menschlicher Autonomie beanstandet, insbesondere gegenüber ungeborenem Leben, das durch Genmanipulation betroffen sein könnte.
Antinatalismus und Verschwörungsbilder
Robbert Zandbergen sieht ein besonderes Hindernis darin, dass sich zeitgenössische Transhumanisten nicht ausreichend mit dem Antinatalismus auseinandersetzen. Antinatalismus ist eine Bewegung, die menschliche Fortpflanzung einschränken oder beenden will und dies als letztes Mittel zur Lösung existenzieller Probleme betrachtet. Wenn Transhumanisten diese Bedrohung der menschlichen Fortexistenz nicht ernst nähmen, könne nach Zandbergen das gesamte Projekt radikaler menschlicher Verbesserung zusammenbrechen.
In verschiedenen Alternativmedien erscheint Transhumanismus als Schreckbild von Verschwörungstheorien. Dort wird „Supermächtigen“ unterstellt, heimlich eine Weltherrschaft und Totalkontrolle über alle Menschen zu planen. Technische Anwendungen – vom Smartphone bis zu Implantaten – sollen in diesem Weltbild angeblich Subjektivität und freien Willen abschaffen.
Transhumanismus in Literatur, Film und Computerspielen
Science-Fiction greift transhumanistische Ideen in vielfältigen Formen auf. In William Gibsons Neuromancer-Trilogie besitzen viele Menschen auswechselbare Microchips, künstliche Intelligenzen bewegen sich frei im Cyberspace, und Figuren wechseln zwischen realer und virtueller Welt. Greg Egan behandelt in Distress die morphologische Freiheit, also die künstliche Anpassung des Körpers an das eigene Selbstbild, sowie in Permutation City und Diaspora das Hochladen und simulierte Individuen.
Dan Simmons schildert im Hyperion-Zyklus die „Ousters“ als transhumane beziehungsweise posthumane Menschheit. Sie passen sich mithilfe von Nanotechnologie an den Weltraum an und leben symbiotisch mit ihrer Technik. In Die Abschaffung der Arten von Dietmar Dath hat sich ein Teil der Menschheit durch gesteuerte Evolution in die „Gente“ verwandelt. Michel Houellebecq thematisiert in Elementarteilchen und Die Möglichkeit einer Insel eine geschlechtslose und unsterbliche Spezies. In Max Barrys Maschinenmann ersetzt ein Wissenschaftler nach einem Unfall sein Bein durch eine leistungsfähigere biomechanische Prothese und beginnt, weitere Körperteile auszutauschen. Dan Browns Inferno verbindet Transhumanismus mit einem Virus gegen die Überbevölkerung; in Origin wird außerdem die Prognose verarbeitet, dass die Menschheit 2050 endgültig mit der Technologie verschmolzen sein werde.
Computerspiele behandeln vor allem die Folgen technischer Verbesserungen. Deus Ex thematisiert künstliche Implantate und künstliche Intelligenz. In Mass Effect versucht die Cerberus-Gruppe durch Genmanipulation und Implantologie Vorteile für die Menschheit zu schaffen. BioShock zeigt ein gescheitertes libertäres Gesellschaftsmodell, das dem Transhumanismus ähnelt. In Syndicate werden Menschen durch Prothesen zunehmend zu Cyborgs. Soma stellt die Grenze zwischen Mensch und Maschine infrage. Fallout 4 fragt, ob künstliche Intelligenzen („Synths“) Lebewesen mit entsprechenden Rechten sind. Cyberpunk 2077 ermöglicht Verbesserungen durch Cyberware, etwa verstärkte Knochen, Brain-Computer-Interfaces und ein verbessertes Immunsystem.
Filme und Serien zeigen häufig Risiken und moralische Konflikte. Im „Terminator-Argument“ entwickelt Skynet ein Bewusstsein und will die Menschheit auslöschen, um nicht abgeschaltet zu werden; ähnliche Themen erscheinen in Matrix und I, Robot. Ex Machina behandelt künstliche Intelligenz, Bewusstsein, Wahrheit und Lüge sowie die Frage, ob ein Turing-Test Bewusstsein nachweisen kann. In Altered Carbon (2018–2020) werden Bewusstsein und Erinnerungen auf einem „Stack“ gespeichert und in Klone übertragen, wodurch eine faktische Unsterblichkeit möglich wird. Diese Möglichkeiten hängen jedoch von den wirtschaftlichen Verhältnissen ab. Der Tatort-Fernsehfilm Maleficius (2019) untersucht Brain-Computer-Interfaces und Exoskelette zur Wiedergewinnung von Bewegungsfähigkeit sowie die damit verbundenen ethischen Fragen.