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Evolutionärer Humanismus
Evolutionärer Humanismus ist die Selbstbezeichnung einer Reihe von humanistischen Weltanschauungen, die die Einbindung des Menschen in die biologische …
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Grundidee und Bedeutung
Evolutionärer Humanismus ist die Selbstbezeichnung verschiedener humanistischer Weltanschauungen, die den Menschen als Teil der biologischen Evolution verstehen. Anders als traditionelle humanistische Entwürfe sollen sie ihr Welt- und Menschenbild nicht mit metaphysischen oder transzendenten Annahmen, sondern mit Erkenntnissen der Natur- und Sozialwissenschaften begründen. Der Evolutionsbegriff umfasst dabei neben biologischen auch soziale und kulturelle Entwicklungen. Der Ansatz soll auf Grundlage wissenschaftlicher Erkenntnisse und humanistischer Werte Antworten auf existenzielle Fragen des Menschseins geben.
Julian Huxley prägte den englischen Ausdruck Evolutionary Humanism in Essays of a Humanist (1964). Vor dem Hintergrund des Zweiten Weltkriegs suchte er nach einer universellen Ethik, die weder von christlichen, islamischen oder hinduistischen Glaubenslehren noch von politischen Ideologien wie Kapitalismus, Marxismus, Sozialismus, Totalitarismus oder Nationalismus abhängig sein sollte. Ein wissenschaftlicher Humanismus sollte als Arbeitsphilosophie der UNESCO dienen, deren Generalsekretär Huxley war.
Diese Arbeitsphilosophie sollte dynamisch sein: Entwicklungen seien nach ihrer Geschwindigkeit und Richtung zu beurteilen, nicht nur anhand eines gegenwärtigen Zustands. Wissenschaftliche Erkenntnisse gelten dabei als fehleranfällig und korrekturbedürftig; auch ethische und politische Normen verändern sich historisch. Der evolutionäre Humanismus versteht sich daher nicht als starres System mit absoluten Wahrheiten, sondern als offenes Rahmenmodell, das sich aufgrund neuer Erkenntnisse weiterentwickeln soll. Die Neutralität der Darstellung im zugrunde liegenden Artikel ist umstritten; als Grund wird genannt, dass sie vor allem auf Selbstdarstellungen beruhe.
Wissenschaftliches und naturalistisches Weltbild
Ein wesentliches Merkmal ist der Naturalismus: Wirklichkeit wird ohne übernatürliche Erklärungen als Zusammenhang naturgesetzlich und kausal ablaufender Prozesse aufgefasst. Der protestantische Theologe Martin Fritz bezeichnet diese Position als „radikalen Naturalismus“, der alles Sein als geschlossenes System solcher Prozesse verstehe. Unter naturwissenschaftlich orientierten Menschen sei diese Sicht durch populärwissenschaftliche und populärphilosophische Vermittlung zu einer verbreiteten Standardweltsicht geworden.
Huxley wollte die Evolution als allgemeines Erklärungsmodell verstehen. Sie sollte nicht nur die biologische Entwicklung erklären, sondern auch anorganische Vorgänge wie die Sternenentwicklung sowie menschliche und gesellschaftliche Veränderungen. Er betrachtete den Menschen als höchstes Produkt der Evolution und hielt ihn für fähig, deren Verlauf etwa durch Gentechnik am Menschen mitzugestalten. Zugleich betonte er die Vorläufigkeit wissenschaftlicher Erkenntnisse.
Michael Schmidt-Salomon entwickelte das Konzept im Manifest des evolutionären Humanismus von 2005 zu einer naturalistischen Philosophie weiter. „Evolutionär“ ist sie nach seiner Erklärung in zweifacher Hinsicht: Der Mensch gilt als Zufallsprodukt der natürlichen Evolution, und alle Vorstellungen über Welt und Werte müssen ständig kritisch überprüft und gegebenenfalls verändert werden.
Gerhard Engel versteht den evolutionären Humanismus weniger als fertige Weltanschauung denn als Methode, an einem möglichst objektiven Gesamtbild der Welt und an einer menschenwürdigen Zukunft zu arbeiten. Erkenntnisse aus Wissenschaft, Kunst, Religion, Literatur, Musik und Philosophie sollen miteinander verbunden werden. Evolution bedeute demnach nicht nur Differenzierung und Anpassung, sondern auch Integration, also die Verbindung von Systemen zu leistungsfähigeren Komplexen.
Mensch, Sozialverhalten und Ethik
Der Mensch, Homo sapiens, gehört zur Familie der Menschenaffen, der Hominidae. Da die Evolution keine Sprünge macht und die Unterschiede von einer Generation zur nächsten sehr klein sind, gibt es nach dieser Position keinen bestimmten Entwicklungspunkt, an dem dem Menschen plötzlich eine „unsterbliche Seele“, ein „autonomer Geist“ oder ein „freier Wille“ hinzugefügt worden sein könnte.
Menschen unterscheiden sich von anderen Menschenaffen vor allem durch ihr größeres Gehirn und besonders hoch entwickelte soziale Intelligenz. Auch Schimpansen und Bonobos können bluffen, betrügen, lieben, hassen und Scherze machen. Menschen besitzen jedoch eine stärker ausgeprägte Theory of Mind, also die Fähigkeit, Gedanken, Absichten und Verlässlichkeit anderer einzuschätzen. Zusammen mit genauer Nachahmung verbessert dies die Kooperation und ermöglicht Kulturleistungen wie Sprache, Lesen, Schreiben, Rechnen und Musik. Schmidt-Salomon fasst dies zugespitzt so zusammen: „Der Mensch ist der Affe, der am besten nachäffen kann.“ Damit widerspricht der evolutionäre Humanismus Teilen des klassischen Humanismus, die eine scharfe Trennlinie zwischen Mensch und Tier ziehen.
Ethische Grundformen werden soziobiologisch erklärt: Kooperation, Regeln und gegenseitige Hilfe entstanden demnach bereits im Tierreich. Pjotr Alexejewitsch Kropotkin wandte sich Anfang des 20. Jahrhunderts sowohl gegen den Sozialdarwinismus als auch gegen metaphysische Moralbegründungen. Er sah Menschen und Tiere in einem Kontinuum. Das bei gesellig lebenden Tieren vorhandene Gefühl, ein anderes Wesen als gleichartig wahrzunehmen, könne zu Gleichberechtigung, Sympathie und gegenseitiger Hilfe führen. Diese Solidarität erkläre auch altruistisches Verhalten, also Handeln zugunsten anderer unter eigenen Opfern.
Zusammenarbeit findet sich etwa bei Ameisen, Bienen, Wolfsrudeln, Elefantenherden und Pavianen. Sie ist aber nicht bei allen Arten gleich ausgeprägt und hängt auch von ökologischen Bedingungen ab; Braunbären, Tiger und Igel leben beispielsweise weniger gemeinschaftlich. Hilfe kann sogar Artgrenzen überschreiten: Kropotkin berichtete von zwei jungen Zaunkönigen, die in einem Rotkehlchennest wie dessen eigene Jungen gefüttert wurden.
Kooperation hat zugleich eine Schattenseite. Starke Solidarität innerhalb einer Gruppe kann mit Feindschaft gegen Außenstehende verbunden sein. Dieses In-Group-Out-Group-Phänomen kann in Religionen und dogmatischen Ideologien Fanatismus und sogar Massenmord fördern. Vergleichbares Gruppenverhalten wurde bei staatenbildenden Insekten und beim Schimpansenkrieg von Gombe beobachtet. Beim Menschen kann sich gegenseitige Hilfe dagegen von kleinen Gruppen über Staaten und Staatengemeinschaften bis idealerweise zur gesamten Menschheit erweitern. Wissenschaft, Erfindungen, Kunst sowie der Kampf für Freiheit und Gerechtigkeit seien nur durch umfangreiche Kooperation möglich geworden.
Freiheit, Menschenwürde und Menschenrechte
Der evolutionäre Humanismus fordert einen weltanschaulich neutralen Staat. Jede Person soll nach ihren religiösen oder weltanschaulichen Überzeugungen leben dürfen, solange dadurch keine Rechte anderer verletzt werden. Neutralität endet dort, wo die humanistischen und menschenrechtlichen Prinzipien des Rechtsstaats gefährdet sind. Ein moderner Rechtsstaat müsse daher auf einer international verankerten und säkularen Leitkultur von Humanismus und Aufklärung beruhen. Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte gilt als Ergebnis soziokultureller Evolution; ihre Entwicklung ist eng mit der Säkularisierung von Gesellschaft und politischen Institutionen verbunden.
Schmidt-Salomon bindet Menschenwürde an die Selbstbestimmung des Individuums: „Die Würde des Einzelnen ist dadurch bestimmt, dass der Einzelne über seine Würde bestimmt“ – nicht Staat, Familie oder eine Religions- beziehungsweise Weltanschauungsgemeinschaft. Das Rahmenmodell soll deshalb auch Überzeugungen schützen, die aus evolutionär-humanistischer Sicht irrational erscheinen. Als Beispiel nennt er das Recht eines Gläubigen, in der „Nachfolge Jesu“ zu leiden und auf Palliativmedizin oder Sterbehilfe zu verzichten.
Der Ansatz orientiert sich an Karl Poppers offener Gesellschaft mit den vier Grundprinzipien Liberalität, Egalität, Individualität und Säkularität. In den Zehn Angeboten des evolutionären Humanismus stellt Schmidt-Salomon den biblischen Zehn Geboten unter anderem folgende Anregungen gegenüber: Leid mindern, sich gegenüber nahen und fernen Menschen fair verhalten, Autoritäten ohne Angst kritisch prüfen, den eigenen Verstand gebrauchen, an einer besseren Welt mitarbeiten und das wahrscheinlich einzige Leben genießen. In Hoffnung Mensch. Eine bessere Welt ist möglich von 2014 betont er Fortschritte in Ethik, Wissenschaft, Technologie und Kunst sowie das Potenzial des Menschen, immer „humaner“ zu werden.
Religiosität, Deutungsstreit und Verbreitung
Religiosität wird unter anderem mit der menschlichen Neigung erklärt, Sinn- und Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge zu suchen. Schon Babys bilden „kognitive Karten“ ihrer Umwelt, entwickeln Erwartungen an Naturvorgänge und verändern ihr Weltwissen bei Widersprüchen. Menschen können dabei jedoch Zusammenhänge annehmen, die nicht bestehen.
Dies veranschaulicht das Experiment der „abergläubischen Ratte“: Ratten konnten einen Futtertrog in 2 Sekunden erreichen, erhielten Futter aber nur, wenn sie länger als 4 und kürzer als 5 Sekunden brauchten. Nach einem Erfolg wiederholten sie häufig zufällige Tätigkeiten, mit denen sie die Zeit überbrückt hatten. So entstanden nutzlose, teils ritualähnliche Verhaltensweisen. Solche Versuche heißen in der Psychologie nichtdeterministische Experimente. Menschen können entsprechende Rituale durch ihre Kommunikationsfähigkeit verbreiten und gemeinsame Kulte entwickeln. In der frühen kulturellen Evolution seien Wissenslücken häufig durch Spekulationen gefüllt worden; erst später habe die wissenschaftliche Methodik klarere Erkenntnisse ermöglicht.
Umstritten ist Yuval Noah Hararis abweichender Gebrauch des Begriffs. In Eine kurze Geschichte der Menschheit zählt er den evolutionären Humanismus zu drei „humanistischen Religionen“, die statt Göttern Homo sapiens verehrten. Als Kerngedanken nennt er die mögliche Degeneration zum „Untermenschen“ beziehungsweise Entwicklung zum „Übermenschen“ und bezeichnet die Rassenideologie des Nationalsozialismus als Musterbeispiel. Zu Beginn des neuen Jahrtausends sieht er eine mögliche Fortsetzung in Forderungen nach biologischer Aufrüstung des Menschen, nun ohne Bezug auf angeblich minderwertige Völker oder Rassen.
Diese Einordnung wurde scharf kritisiert. Schmidt-Salomon hält die nationalsozialistische Weltanschauung weder für humanistisch noch für evolutionär und wirft Harari vor, ihren theistischen, teils okkulten Charakter sowie die üblichen Unterscheidungen zwischen humanistischen und antihumanistischen Positionen zu verkennen. Die Richard Dawkins Foundation verweist darauf, dass Harari „Religion“ ungewöhnlich weit als jeden gesellschaftsordnenden Ideenkomplex und Humanismus als herrschende Religion der Moderne definiert.
Im deutschsprachigen Raum ist der evolutionäre Humanismus besonders mit der Giordano-Bruno-Stiftung und Schmidt-Salomons Manifest von 2005 verbunden. Das Konzept wurde 2014 im Leitbild der neu gegründeten Partei der Humanisten verankert. Darauf beziehen sich außerdem die Säkulare Flüchtlingshilfe in ihrem Selbstverständnis von 2017 und die Kirche des Fliegenden Spaghettimonsters Deutschland e. V. in ihrer Satzung von 2018. In Kroatien übernahm das 2011 gegründete Centar za gradansku hrabrost, das Zentrum für Civilcourage, das Konzept der Giordano-Bruno-Stiftung.