Zum Inhalt springen
L

Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand

Eugenik

Die nationalsozialistische Rassenhygiene diente zur Rechtfertigung der Krankenmorde in der Zeit des Nationalsozialismus im Rahmen der „Vernichtung …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Begriff und Grundidee
  2. 2. Grundlagen und Methoden
  3. 3. Vordenker und Hauptvertreter
  4. 4. Politische Anwendung bis 1945
  5. 5. Nach 1945 und moderne Debatten
  6. 6. Aktuelle Formen und Kultur

Begriff und Grundidee

Eugenik, auch Eugenetik oder Erbgesundheitslehre genannt, bezeichnet die Anwendung von Konzepten der Humangenetik auf Bevölkerungs- und Gesundheitspolitik. Ziel ist es, den Anteil als positiv bewerteter Erbanlagen in einer Population zu vergrößern und den Anteil als negativ bewerteter Erbanlagen zu verringern. Man unterscheidet positive Eugenik, die Fortpflanzung erwünschter Gruppen fördern soll, und negative Eugenik, die Fortpflanzung unerwünschter Gruppen verhindern soll. Der Artikel bezeichnet Eugenik als pseudowissenschaftliches Konzept ohne zureichende empirische Begründung.

Der Begriff wurde vom britischen Anthropologen Francis Galton (1822-1911) geprägt, der Eugenik als Wissenschaft zur Verbesserung angeborener Eigenschaften einer „Rasse“ verstand. Um 1900 entstand der Gegenbegriff Dysgenik, also die Vorstellung einer Anhäufung „mangelhafter“ Gene und Eigenschaften in einer Population. In Deutschland wurde Eugenik häufig mit „Rassenhygiene“ gleichgesetzt; dieser Begriff wurde 1885 von Alfred Ploetz eingeführt und 1911 von Max von Gruber als „Hygiene des Keimplasmas“ definiert.

Eugenische Vorstellungen waren in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in vielen Industrieländern verbreitet. Sie beeinflussten Debatten über Einwanderung, Schule, Minderheiten, Gesundheitswesen und Fortpflanzung. In der Zeit des Nationalsozialismus wurden eugenische und rassenhygienische Ideen zur Rechtfertigung von Zwangssterilisationen, Krankenmorden, der „Aktion T4“, der „Kinder-Euthanasie“ und Menschenversuchen genutzt. Nach 1945 wurden die Begriffe Eugenik und Rassenhygiene besonders in Deutschland stark gemieden.

Grundlagen und Methoden

Historisch gab es sehr unterschiedliche eugenische Motive: rassistische Vorstellungen, medizinisch-technokratische Ziele zur Senkung von Gesundheitskosten, sozialpolitische Ideen oder der Wunsch nach einer angeblichen biologischen Höherentwicklung des Menschen. Gemeinsam war vielen Ansätzen die Übertragung von Vorstellungen aus Tierzucht und Selektion auf Menschen.

Eugeniker behaupteten häufig, soziale Fürsorge, Medizin und moderne Zivilisation schwächten die natürliche Auslese. Daraus entstand die Vorstellung, es drohe eine „Degeneration“ der Gesellschaft oder bestimmter „Rassen“. Als Gegenmittel wurden politische Eingriffe gefordert: die Förderung der Fortpflanzung als gesund bewerteter Menschen, etwa durch Belohnungen für Kinderreichtum, und die Verhinderung der Fortpflanzung als krank oder „minderwertig“ bewerteter Menschen, etwa durch Empfängnisverhütung, Geburtenkontrolle, Eheverbote, Anstaltsunterbringung oder Zwangssterilisation.

Eugenische Ziele wurden auf drei Wegen verfolgt: erstens durch autoritäre staatliche Vorgaben wie Zwangssterilisationen oder Einschränkungen bei Zuwanderung, Bildung und Freizügigkeit; zweitens durch Empfehlungen staatlicher oder privater Institutionen, etwa bei Untersuchungen von Schwangeren; drittens durch persönliche Entscheidungen von Paaren, zum Beispiel im Zusammenhang mit humangenetischer Beratung. Michel Foucault deutete Eugenik, Rassenhygiene und Bevölkerungspolitik als Teil einer modernen Machttechnik, die er Biopolitik nannte.

Vordenker und Hauptvertreter

Zu den frühen Vorläufern zählen sozialutopische und selektive Vorstellungen seit der Antike, etwa bei Platon, später auch in Schriften von Thomas Morus, Francis Bacon und Tommaso Campanella. Im 19. Jahrhundert verbanden sich solche Ideen mit Rassentheorien, Sozialdarwinismus und neuen Vererbungslehren. Arthur de Gobineau vertrat 1852 bis 1854 in seinem Essai sur l’inégalité des races humaines die Vorstellung einer nordisch-arischen Ursprungsrasse und bewertete „Rassenmischung“ negativ. Nach 1900 wurden Mendels Vererbungsregeln zunehmend bekannt und beeinflussten die Debatten.

Francis Galton begründete die Eugenik als wissenschaftlich gemeintes Programm. Er wollte positive Eigenschaften fördern und negative Eigenschaften vermeiden. Er sah ein Problem darin, dass sozial höhergestellte Menschen sich angeblich später und weniger vermehrten als sozial schwächere Gruppen. Galton gründete unter anderem eine Professur, ein Institut, ein Labor und 1908 die Eugenics Education Society.

In Deutschland prägten Alfred Ploetz und Wilhelm Schallmayer die Rassenhygiene. Ploetz veröffentlichte 1895 Die Tüchtigkeit unserer Rasse und der Schutz der Schwachen und sprach von „Rassenhygiene“ als Lehre zur optimalen Erhaltung und Vervollkommnung der menschlichen „Rasse“. Schallmayer setzte stärker auf negative Eugenik und prägte den Begriff Sozialeugenik. Er forderte unter anderem Gesundheitszeugnisse als Eheerlaubnis, erbbiografische Karteien, Eheverbote, Zwangsasylierung und unter Umständen Sterilisation. Weitere wichtige Namen im Artikel sind Alexander Graham Bell, Ludwig Woltmann, Alfred Hoche und Karl Binding, Fritz Lenz sowie Alfred Grotjahn.

Politische Anwendung bis 1945

Vor 1945 wurden eugenische Ideen in vielen Ländern praktisch umgesetzt. In den USA verbot Connecticut 1896 Ehen für bestimmte als krank oder geistig beeinträchtigt klassifizierte Menschen. 1907 erlaubte Indiana erstmals Zwangssterilisationen aus eugenischen Gründen; weitere 32 US-Bundesstaaten folgten. Insgesamt wurden rund 60.000 US-Bürger sterilisiert, besonders viele in Kalifornien. In Kanada, vor allem Alberta, wurden seit 1928 geistig behinderte Menschen auf Grundlage des Sexual Sterilization Act sterilisiert; englischsprachige Intelligenztests benachteiligten dabei viele Immigranten.

Auch in Europa entstanden Sterilisationspolitiken. In der Schweiz fanden um 1890 erste eugenisch begründete Zwangssterilisationen und Zwangskastrationen statt, besonders im Umfeld psychiatrischer Kliniken. Der Kanton Waadt erließ 1929 das erste europäische Gesetz zur eugenischen Zwangssterilisation. In Skandinavien wurden ähnliche Gesetze eingeführt: Dänemark 1929, Schweden, Norwegen und Finnland 1934/35. In Schweden wurde 1921 ein Staatliches Institut für Rassenbiologie gegründet; das Sterilisationsprogramm dauerte bis 1976 und führte zu 62.888 Sterilisationen, davon laut Untersuchungskommission von 1999 geschätzt 6000 bis 15.000 gegen den Willen der Betroffenen.

In Deutschland wurde Eugenik seit etwa 1900 öffentlich diskutiert und institutionell verankert. In der Weimarer Republik blieb die politische Umsetzung begrenzt; Eheverbote und Sterilisationsgesetze wurden diskutiert, aber ein Entwurf zur freiwilligen Sterilisation von 1932 trat nicht in Kraft. Nach 1933 änderte sich dies radikal. Das nationalsozialistische Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses vom Juli 1933 erlaubte Zwangssterilisationen. Bis 1939 wurden etwa 300.000 Menschen unfruchtbar gemacht, bis 1945 kamen etwa 60.000 hinzu. Das Gesetz richtete sich unter anderem gegen Menschen mit „angeborenem Schwachsinn“, Schizophrenie, manisch-depressivem Irresein, erblicher Epilepsie, erblicher Blindheit, erblicher Taubheit, schweren körperlichen Missbildungen und schwerem Alkoholismus. Die Radikalisierung mündete in die systematische „Vernichtung lebensunwerten Lebens“; das genaue Verhältnis von Eugenik und „NS-Euthanasie“ ist wissenschaftlich umstritten.

Nach 1945 und moderne Debatten

Nach 1945 wurde Eugenik unter Akademikern und in der Politik deutlich unpopulärer. Viele Organisationen und Zeitschriften distanzierten sich; Eugenics Quarterly wurde 1969 in Social Biology umbenannt. Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte von 1948 betonte das Recht heiratsfähiger Männer und Frauen, ohne Beschränkung aufgrund von Rasse, Staatsangehörigkeit oder Religion zu heiraten und eine Familie zu gründen. 1978 erklärte die UNESCO die fundamentale Gleichheit aller Menschen zum Ideal. Dennoch verschwanden eugenische Ideen nicht vollständig. Einzelne Wissenschaftler diskutierten sie weiter, und einige Länder führten Zwangssterilisationen noch bis in die 1970er Jahre durch.

In Europa verbieten die Charta der Grundrechte der Europäischen Union und die geplante EU-Verfassung Zwangssterilisationen und eugenische Maßnahmen. In Deutschland wurde das nationalsozialistische Sterilisationsgesetz nach 1945 suspendiert und 1986 als grundgesetzwidrig beurteilt. Gleichzeitig nennt der Artikel spätere Regelungen und Praktiken, die als eugenisch diskutiert werden: Sterilisationen geistig behinderter Frauen ohne oder gegen ihren Willen bis 1991, Schwangerschaftsabbrüche bei schweren Erkrankungen oder Entwicklungsstörungen des Embryos, Debatten um das Inzestverbot, Peter Sloterdijks Rede über „Regeln für den Menschenpark“, Thilo Sarrazins Thesen und eine Kontroverse um Klaus Heckemann im Jahr 2024.

Ein besonderes Beispiel ist Zypern. Dort ist β-Thalassaemia major verbreitet; jeder siebte Einwohner trägt die defekte Erbinformation. Wenn beide Eltern Träger sind, beträgt das Risiko für ein erkranktes Kind 25 Prozent. Seit 1976 gibt es ein freiwilliges Programm mit Gentests, Beratung, Pränataldiagnostik und gegebenenfalls Schwangerschaftsabbruch. Die Zahl erkrankter Neugeborener sank von etwa 70 pro Jahr auf etwa zwei pro Jahr; die Zahl der Patienten blieb bei etwa 630 konstant.

Aktuelle Formen und Kultur

Als moderne Formen der Eugenik werden vor allem vorgeburtliche Selektion und Debatten um Reproduktionsmedizin genannt. Kritiker sehen Schwangerschaftsabbrüche mit embryopathischer Indikation als Form vorgeburtlicher Eugenik, wenn eine Behinderung oder Erkrankung des Kindes diagnostiziert wurde. Auch Präimplantationsdiagnostik, also die Untersuchung von Embryonen vor dem Einsetzen in die Gebärmutter, wird von Kritikern in diesem Zusammenhang abgelehnt.

Im Transhumanismus und Posthumanismus spielt Eugenik ebenfalls eine Rolle, aber mit anderem Schwerpunkt: Nicht Sterilisation oder Geburtenverhinderung stehen im Mittelpunkt, sondern Genmanipulation mit dem Ziel, gesunde Kinder zu ermöglichen und die menschliche Evolution an selbst gewählten Zielen auszurichten. Diese Steuerung soll laut solchen Vorstellungen nicht durch den Staat, sondern durch einzelne Eltern erfolgen.

In Literatur und Film wurde Eugenik besonders zwischen 1890 und 1930 in vielen Zukunftsromanen behandelt. Häufig erschien sie als säkulares Heilsversprechen, das Medizin überflüssig machen und gesellschaftliche Probleme lösen sollte. Nach den Weltkriegen und besonders nach der nationalsozialistischen Praxis änderte sich die Bewertung stark. Spätere Werke wie Gattaca thematisieren eher gentechnische Planung, soziale Ungleichheit und die Frage, wer Zugang zu solchen Technologien erhält.

Weiterlesen

Zeit des Nationalsozialismus Die NS-Zeit begann am 30. Januar 1933 mit der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler und endete am 8. Mai 1945 mit der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht … Nationalsozialistische Rassenhygiene Die nationalsozialistische Rassenhygiene (oder NS-Rassenhygiene) war die zur Zeit des Nationalsozialismus betriebene Radikalvariante der Eugenik, … Humangenetik Die Humangenetik, früher auch menschliche Erblehre genannt, ist ein Teilgebiet der Genetik, das sich speziell mit dem Erbgut des Menschen beschäftigt. Population (Biologie) Als Population wird in den Biowissenschaften die Gesamtheit aller Individuen, in der Regel derselben Art, bezeichnet, die in einem bestimmten Verbreitungsgebiet … Anthropologie Die biologische Anthropologie ist mit ihren Teilgebieten Primatologie, Evolutionstheorie, Paläoanthropologie, Bevölkerungsbiologie, Industrieanthropologie … Francis Galton Im Jahr 1879 veröffentlichte er die erste Studie zu Wortassoziationen. Weiterhin ist er Entwickler und Namensgeber des Galtonbretts, eines Modells zur … Art (Biologie) Jede biologische Art ist ein Resultat der Artbildung. Bislang gelang keine allgemeine Definition der Art, welche die theoretischen und praktischen Anforderungen … Biologismus Biologismus (Begriffsbildung aus Biologie mit dem Suffix -ismus) bezeichnet die Übertragung biologischer Maßstäbe und Begriffe auf nicht oder nicht primär … Gregor Mendel Die Uniformitätsregel beschreibt die Nachkommen (F1) reinerbiger Vorfahren (P). Alle F1-Individuen sehen gleich aus. · Die Spaltungsregel gilt für die … Lamarckismus Lamarckismus ist die Theorie, dass Organismen Eigenschaften an ihre Nachkommen vererben können, die sie während ihres Lebens erworben haben. Gesetzgebung Die Gesetzgebung ist die Schaffung von Rechtsnormen. Ihre Regelung gehört zu den Mindestinhalten jeder Verfassung. Inhaltsverzeichnis. Liberalismus Der klassische Liberalismus entwickelte sich im 17. und 18. Jahrhundert um bestimmte Denker, darunter John Locke, Montesquieu und Immanuel Kant. Heute zählt er …