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Toxische Männlichkeit
Als „toxisch“ gilt dieses Rollenbild, weil es sowohl fremd- als auch selbstgefährdend ist. Der Begriff stammt aus dem aktivistisch feministischen Kontext, wurde …
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Kern des Konzepts
Toxische Männlichkeit, auch „giftige Männlichkeit“ (englisch toxic masculinity), bezeichnet ein männliches Rollenbild, „das Aggressivität zur Präsentation der eigenen Männlichkeit nahelegt und eine Unterordnung von Frauen befürwortet“. Gemeint sind destruktive, von Dominanz geprägte Verhaltensmuster und Männlichkeitsnormen, die Gewalt legitimieren können. Als „toxisch“ gilt das Rollenbild, weil es andere Menschen und die betroffenen Männer selbst gefährden kann.
Damit werden nicht Männer allgemein als toxisch bezeichnet. Der Begriff richtet sich auf stereotype und repressive Vorstellungen darüber, wie Jungen und Männer fühlen und handeln dürften. Häufig damit verbunden sind Gewalt, Dominanz, Aggressivität, Misogynie (Frauenfeindlichkeit) und Homophobie (Abwertung oder Feindseligkeit gegenüber homosexuellen Menschen). Wissenschaftlich wurde die Bezeichnung nicht so einheitlich verwendet, dass sie als klarer Fachterminus gilt; ihre Bedeutung und Verwendung sind daher umstritten.
Entstehung und Verbreitung
Die Idee wird vor allem mit der mythopoetischen Männerbewegung der 1980er- und 1990er-Jahre verbunden, daneben mit Soziologie, Psychologie und Geschlechterforschung. Männer dieser Bewegung wandten sich gegen traditionelle Männlichkeitsbilder der Nachkriegszeit. Durch Selbsthilfe wollten sie eine „echte, tiefe“ Männlichkeit von einer als gesellschaftlich aufgezwungen verstandenen „giftigen“ Männlichkeit trennen.
In diesem Verständnis zwingt die Geschlechternorm Männer dazu, Gefühle zu unterdrücken und dominant bis aggressiv aufzutreten. Innerhalb der mythopoetischen Bewegung wurde die Ursache häufig bei Frauen gesucht, denen zugeschrieben wurde, ihren Kindern keine Vorstellung „richtiger“ Männlichkeit vermitteln zu können. Zunächst wurde der Ausdruck vor allem auf marginalisierte Männer, etwa am Rand der Gesellschaft, angewandt. In den 1990er- und 2000er-Jahren verbreitete er sich weiter; in den 2010er-Jahren wurde er verstärkt im feministischen Diskurs verwendet, etwa in Debatten über die Trump-Präsidentschaft und #MeToo.
Normen und mögliche Folgen
Als toxisch verstandene Männlichkeitsnormen verlangen unter anderem Härte und das Verbergen von Schwäche. Gefühle sollen unterdrückt werden, ausgenommen Wut oder Aggression; Konflikte werden mit Gewalt gelöst. Ängste und Sorgen sollen Männer für sich behalten, Probleme allein bewältigen und keine Hilfe erbitten. Weinen, Schüchternheit, Angst oder zärtliche Gesten gelten dabei als „verweichlicht“ oder „weibisch“.
Weitere zugeschriebene Erwartungen sind Wettbewerb und Dominanz statt Kooperation, ständige sexuelle Bereitschaft sowie die Annahme, Männer und Frauen könnten einander grundsätzlich nicht verstehen oder nicht befreundet sein. Auch körperliche Ideale wie Breitschultrigkeit, Muskelkraft, Größe und Schmerzresistenz spielen eine Rolle. Nach Frederik Müller vom Missy Magazine müsse Männlichkeit fortlaufend bewiesen werden, zum Beispiel durch Mutproben, Trinkspiele, physisches Kräftemessen oder Erniedrigungsrituale.
Solche Normen würden gesellschaftlich durch Auslachen, Abwerten, Bloßstellen, Beleidigen und Diskriminieren von Männern durchgesetzt, die nicht dem Bild des „wahren Mannes“ entsprechen. Geschlechterforschung betont deshalb, dass auch Männer unter Machtstrukturen des Patriarchats und Rollenklischees leiden können. Als mögliche Folgen gelten risikoreicheres und gewaltbereiteres Verhalten, Einsamkeit, soziale Isolation, Depressionen und eine höhere Suizidrate. Betroffene könnten aus Angst vor Stigmatisierung Therapien meiden. Außerdem werden ein erhöhtes Risiko für Arbeitssucht bis zum Burn-out, Alkoholabhängigkeit und Drogenmissbrauch vermutet.
Erklärungsansätze
Jack Urwin lehnt Erklärungen ab, nach denen solches Verhalten naturgegeben sei. Er betont Sozialisation: Jungen und Männern werde vermittelt, ein „richtiger Kerl“ weine nicht, müsse eine ausschweifende Sexualität haben und jedes Hindernis allein beseitigen. Diese auf Dominanz und Gewalt beruhende Form von Männlichkeit, die Gefühle nicht zulasse, sei ein Problem für Frauen und Männer.
JJ Bola beschreibt Schulen als Orte einer „Kultur der toxischen Männlichkeit“. Männliche Aggression, gespielt oder echt, könne dort Freundschaften und soziale Hierarchien stabilisieren; auch Medien normalisierten sie. Andrew Manno verbindet entsprechende Vorstellungen mit Neoliberalismus: Konkurrenz, Selbstverantwortung, Individualisierung und das Bild des Selbstunternehmers passten zu Unabhängigkeit, Härte, Wettbewerb und Aggression. Für diese Denkweise prägte er den Ausdruck „Poker Mindset“. Neoliberalismus und toxische Männlichkeit würden sich nach diesem Ansatz gegenseitig begünstigen und aufrechterhalten.
Kontroversen und Beispiel
Kritik richtet sich gegen die Unschärfe und die polemische Wirkung von „toxic“: Das Wort könne fälschlich nahelegen, Männlichkeit oder männliches Verhalten sei an sich giftig. Als Modewort und Hashtag sei der Begriff teils zu einer Anschuldigung verkürzt worden. Einige feministische Kritiker halten ihn für unzureichend, weil er eine „Entgiftung“ von Männlichkeit nahelege, obwohl Männlichkeit selbst problematisch sei. Auch die historische Belastung der Gift-Metapher durch den Nationalsozialismus wird kritisiert.
Martin Seager und John A. Barry sehen über anekdotische Erzählungen hinaus keine Belege für das Konzept und beanstanden die diskriminierende Zuschreibung. Ali Haggett befürchtet, dass soziale und emotionale Gründe für schädliches Verhalten sowie die psychische Gesundheit von Männern zu wenig untersucht werden. Andrea Waling kritisiert eine vereinfachende Ableitung aus Raewyn Connells Konzept der hegemonialen Männlichkeit von 1987: Sie ignoriere soziale und materielle Einflüsse sowie persönliche Verantwortung. Carol Harrington warnt vor einer Reduktion struktureller Probleme auf individuelles Fehlverhalten. Michael Salter fordert, auch unterschiedliche materielle Ursachen einzubeziehen. Sam de Boise weist dagegen darauf hin, dass antifeministische Kritik den Begriff oft mit einer generellen Abwertung von Männern verwechsle.
Ein Beispiel ist Terry Crews. Er berichtete am 10. Oktober 2017 im Zuge von #MeToo, dass ihn ein Hollywood-Produzent im Februar 2016 auf einer Party sexuell belästigt und ihm in den Schritt gegriffen habe. Er befürchtete als „schwarzer“ Mann im Showbusiness Folgen und erstattete zunächst keine Anzeige. Andere männliche Prominente machten sich später darüber lustig, dass er sich als starker Mann nicht selbst verteidigt habe. Crews erklärte vor dem Senate Judiciary Committee, solche Reaktionen zeigten, wie toxische Männlichkeit Kultur durchziehe: Seine Erfahrung sei als Witz oder „horseplay“ statt als Missbrauch abgetan worden.