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Tourismuswissenschaft
Geographie erfasst die Raumwirksamkeit des Tourismus · Bewertung von Landschaften, Klimatologie · räumliche Voraussetzungen für Erholung und Tourismus · räumliche …
Inhalt6 Abschnitte
Begriff und Grundproblem
Tourismuswissenschaft bezeichnet die wissenschaftliche Beschäftigung mit Tourismus als Forschungsgegenstand. Der Begriff existiert als Wortschöpfung erst seit Beginn der 1990er-Jahre und ist bis heute nicht vollständig etabliert. Umstritten ist vor allem, ob es eine eigene Tourismuswissenschaft gibt oder ob man besser von mehreren Tourismuswissenschaften spricht, also von unterschiedlichen Teilgebieten wie Tourismussoziologie, Tourismusgeschichte, Tourismusgeographie oder Tourismusökonomie.
Der zentrale Streitpunkt lautet: Reicht es aus, dass viele Disziplinen den Tourismus untersuchen, oder braucht eine eigenständige Wissenschaft ein eigenes Erkenntnisobjekt, eigene Methoden und ein gemeinsames wissenschaftliches Paradigma? Ein Paradigma ist ein grundlegendes wissenschaftliches Weltbild oder Bezugsmodell, mit dem Forschende festlegen, welche Fragen wichtig sind und wie sie beantwortet werden sollen. Nach dem Artikel fehlt der Tourismuswissenschaft bisher ein allgemein anerkanntes Paradigma. Deshalb wird Tourismus meist als Forschungsobjekt oder Forschungsgebiet beschrieben, nicht als vollständig etablierte eigenständige Wissenschaft.
Von der Fremdenverkehrswissenschaft zur Tourismuswissenschaft
Obwohl der Begriff Tourismuswissenschaft neu ist, begann die wissenschaftliche Beschäftigung mit Fremdenverkehr deutlich früher. Bereits 1929 arbeitete Robert Glücksmann in seinem Berliner Institut zu Fragen des Fremdenverkehrs. Er gilt heute als Mitbegründer der modernen Fremdenverkehrswissenschaft.
Auch nach dem Krieg war jedoch umstritten, ob es eine selbstständige Fremdenverkehrswissenschaft geben könne. Kritiker setzten beim Begriff Fremdenverkehr an: Eine Wissenschaft brauche ein klar umrissenes Erkenntnisobjekt, also einen Gegenstand, der eindeutig bestimmt werden kann. E. Spatt behandelte 1975 die Frage „Die Fremdenverkehrslehre als Wissenschaft“ und kam zu dem Ergebnis, dass diese Frage nur vom Erkenntnisobjekt her beantwortet werden könne.
Seit Beginn der 1990er-Jahre wurde die Fremdenverkehrswissenschaft zunehmend als zu eng empfunden. Sie war stark wirtschaftswissenschaftlich geprägt. Da sich inzwischen viele Disziplinen mit Tourismus befassten, entstand der Wunsch nach einer breiter angelegten Tourismuswissenschaft. Manche Autoren meinten sogar, der Begriff Fremdenverkehr und seine Lehre seien nicht mehr modern und nicht mehr passend.
Etablierung und heutige Stellung
In Deutschland wird der Tourismusforschung häufig eine gewisse Wissenschaftsferne zugeschrieben. Während Tourismuswissenschaft und Tourismusforschung international im akademischen und gesellschaftlichen Bereich einen hohen Stellenwert haben, gilt die Tourismuswissenschaft in der deutschen Forschungslandschaft als unterrepräsentiert. Erste universitäre Forschung und Lehre im Fremdenverkehr gab es allerdings schon um 1930 in Berlin.
An deutschen Universitäten erscheint Tourismuswissenschaft vor allem als Teilgebiet der Betriebswirtschaftslehre oder der Geographie. Genannt werden unter anderem Lüneburg, Rostock, Dresden und Trier für betriebswirtschaftliche Bezüge sowie Paderborn, Greifswald, Trier, Eichstätt, Kiel, Göttingen und Aachen für geographische Bezüge. An Fachhochschulen wird Tourismus meist praxis- und anwendungsorientiert vermittelt.
Ein wichtiger Einschnitt war 1993 das von Hahn und Kagelmann herausgegebene Handbuch zur Tourismuswissenschaft, besonders zu Tourismuspsychologie und -soziologie. Seitdem wurde in Deutschland verstärkt über die Etablierung der Tourismuslehre als Wissenschaft diskutiert. Viele Forschende bezweifeln aber, dass eine allgemeine Tourismuswissenschaft wissenschaftstheoretisch begründet werden kann.
Nach Nahrstedt gibt es drei Entwicklungsstufen: Tourismusforschung in bestehenden Disziplinen, interdisziplinäre Tourismusforschung in Kooperation mehrerer Disziplinen und Tourismuswissenschaft auf Grundlage eines einheitlichen Paradigmas für Tourismus als Gesamtphänomen. Die ersten beiden Formen gibt es bereits, etwa in interdisziplinären Studiengängen und Forschungsansätzen. Die dritte Form steht weiterhin zur Diskussion.
Disziplinen und additive Modelle
Tourismus wird von vielen Fachrichtungen untersucht. Heinz Hahn sah Tourismuswissenschaft als integrative Wissenschaft, also als Wissenschaft, die mehrere Bereiche verbindet. Für ihn tragen vor allem Soziologie, Ökonomie, Geographie und Pädagogik die Tourismuswissenschaft; Psychologie gilt bei ihm eher als Hilfswissenschaft. In einem anderen Modell von Hahn und Kagelmann werden acht Disziplinen genannt: historische Tourismusforschung, Tourismusanthropologie, Tourismussoziologie, Tourismusökonomie, Geographie des Freizeit- und Fremdenverkehrs, Kulturanthropologie des Tourismus, Tourismuspädagogik und Freizeitpädagogik.
W. Freyer nennt sechs konstitutive Disziplinen: Wirtschaftswissenschaften, Politikwissenschaften, Psychologie, Soziologie, Ökologie und Geographie. Die Tourismusökonomie untersucht zum Beispiel Angebot und Nachfrage touristischer Produkte, Wertschöpfung, Kosten-Nutzen-Analysen, touristische Märkte sowie Marketing und Management. Die Tourismussoziologie fragt nach gesellschaftlichen Bedingungen, Reiseverhalten sozialer Gruppen, Reisemotiven und den Wirkungen des Reisens auf Reisende, Bereiste und Beschäftigte im Dienstleistungsbereich.
Die Tourismuspsychologie beschäftigt sich mit Reisemotiven, Reiseentscheidungen, Reisezufriedenheit, Umweltwahrnehmung und Konzepten wie Crowding, Behavior Setting und Territorialität. Die Tourismusgeographie untersucht die Raumwirksamkeit des Tourismus, also wie Tourismus Räume prägt: Landschaften, Klima, Erreichbarkeit, Quell- und Zielgebiete sowie räumliche Auswirkungen. Die Tourismusökologie betrachtet Umweltbelastungen, sanften, ökologischen und nachhaltigen Tourismus. Die Tourismuspolitik befasst sich mit politischen Aktivitäten, Tourismusförderung, Verordnungen und Infrastruktur.
Als additive Tourismuswissenschaft wird ein Modell bezeichnet, bei dem verschiedene Teildisziplinen nebeneinanderstehen und ihre Ergebnisse zu einem Gesamtbild addiert werden. Es entstehen dabei keine eigenen Methoden und kein einheitliches Erkenntnisobjekt. Wissenschaftstheoretisch wird dieser Ansatz dem Reduktionismus zugeordnet.
Eigenständige Wissenschaft und Paradigmenfrage
Für eine eigenständige Tourismuswissenschaft müsste Tourismus als Gesamtphänomen mit einem eigenen theoretischen Rahmen untersucht werden. Eine solche Wissenschaft würde als „Dachwissenschaft“ oder „Meta-Theorie“ auftreten. Andere Fächer wie Soziologie, Psychologie oder Ökonomie wären dann Hilfswissenschaften einer allgemeinen Tourismuslehre. Dazu bräuchte es aber ein gemeinsames Paradigma und eigene Methoden.
Hasso Spode fordert für eine solche Theorie, dass sie holistisch, dynamisch und komparatorisch sein müsse. Holistisch bedeutet, dass soziale, ökonomische und psychologische Aspekte zusammen erfasst werden. Dynamisch bedeutet, dass Wandel erklärt werden kann. Komparatorisch bedeutet, dass Vergleiche möglich sind. Spode kritisiert, dass ohne anerkanntes Paradigma keine echte Grundlagenforschung möglich sei. Ohne solche Grundlage bleibe die Fremdenverkehrslehre eher eine „Kunstlehre“, die vor allem praktische Wie-Fragen beantwortet, statt wissenschaftliche Warum-Fragen zu stellen.
Mehrere Paradigmenvorschläge gelten im Artikel als unzureichend. Pompl und Kulinat sehen die Systemtheorie als mögliche Grundlage, also einen Ansatz, der Tourismus als System aus zusammenhängenden Elementen betrachtet. Laut Artikel ist es aber bisher nicht gelungen, die Systemtheorie wissenschaftstheoretisch ausreichend für eine allgemeine Tourismuswissenschaft zu etablieren. Freyer schlägt den Begriff der Reise vor, doch damit würden Bereiche wie Gastgewerbe und Vergnügungsbetriebe nicht vollständig erfasst. Meder betont Mobilität in der Freizeit, lässt nach der Darstellung aber handelnde Personen und Institutionen zu wenig einfließen. Nahrstedt orientiert sich an der WTO-Definition und nennt den „Ortswechsel einer Person auf Zeit mit einem bestimmten Zweck“, doch auch dies gilt als zu ungenau, weil Beziehungen am Urlaubsort fehlen. Wegner-Spöring sieht einen Paradigmenwechsel zur Erlebnisqualität. Insgesamt bleibt die Paradigmenfrage offen.
Aktuelle Entwicklung
Heute besteht weitgehend Einigkeit darüber, dass Tourismus multidisziplinär untersucht werden muss. Das bedeutet: Mehrere Fachrichtungen müssen zusammenarbeiten, weil Tourismus ökonomische, politische, ökologische, soziale, kulturelle und psychologische Aspekte verbindet. Uneinigkeit besteht weiterhin darüber, ob daraus eine eigenständige Tourismuswissenschaft werden kann.
Ansätze zur Bündelung gibt es bereits. Die Deutsche Gesellschaft für Tourismuswissenschaft will die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Tourismus fördern und zur Etablierung einer interdisziplinären Tourismuswissenschaft beitragen. Das INIT-Forschungsinstitut für interdisziplinäre Tourismuswissenschaften an der Universität Salzburg verbindet Kultursoziologie, Kommunikationswissenschaft, Psychologie und Geschichtswissenschaft. Ziel ist, Tourismus ganzheitlich zu erfassen und an der Entwicklung eines nachhaltigen Tourismus mitzuwirken.
An der Universität Lüneburg wurde im Fachbereich Kulturwissenschaften die Professur „angewandte und empirische Tourismuswissenschaft“ geschaffen. Sie soll zeigen, dass Tourismus nicht einseitig analysiert werden kann, weil bei fast allen tourismusbezogenen Fragen ökonomische, politische, ökologische und soziokulturelle Bedingungen zusammenwirken. 2020 wurde das Deutsche Institut für Tourismusforschung als In-Institut an der Fachhochschule Westküste gegründet. Es ging aus dem Institut für Management und Tourismus hervor und wird als größtes In-Institut im Tourismus an einer deutschen Hochschule beschrieben.
Weitere wichtige Bereiche sind die historische Tourismusforschung, unter anderem mit dem Historischen Archiv zum Tourismus an der Technischen Universität Berlin, sowie Forschung zu Kulturtourismus an der Hochschule Zittau/Görlitz. Insgesamt zeigt die Entwicklung: Interdisziplinäre Tourismusforschung findet bereits statt. Von einer „echten“ eigenständigen Tourismuswissenschaft könnte man nach dem Artikel aber erst sprechen, wenn zusätzlich ein einheitliches wissenschaftliches Paradigma vorhanden wäre.