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Kulturtourismus
Als Kulturtourismus werden Reisen bezeichnet, in der die Reisenden das vorrangige Ziel verfolgen, sich über Elemente der Kultur des Zielgebietes zu …
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Begriff und Bedeutung
Kulturtourismus bezeichnet Reisen, bei denen Menschen vorrangig die Kultur eines Zielgebiets kennenlernen, erfahren oder erleben möchten. Eine allgemeingültige Definition gibt es nicht. Typische Kennzeichen sind das Interesse an Kultur, die Besichtigung kultureller Einrichtungen, die Teilnahme an Kulturveranstaltungen und eine fachlich fundierte Vermittlung von Informationen. Bildungs-, Studien- und Kulturreisen sollen die eigene Bildung erweitern oder vertiefen; auch Pilgern kann als Kulturtourismus gelten.
Kulturtourismus beschränkt sich nicht auf klassische Bildungsreisende. Kulturinstitutionen und Tourismusanbieter versuchen, Besucher auf vielfältige und ansprechende Weise mit regionaler Kultur in Kontakt zu bringen. Neben Wissen spielen Unterhaltung sowie ästhetische und emotionale Erfahrungen eine Rolle. Dabei werden Gebäude, Gegenstände, Bräuche, Veranstaltungen und andere kulturelle Ressourcen touristisch erschlossen und als Sehenswürdigkeiten vermittelt.
Die Definitionen setzen unterschiedliche Schwerpunkte: Eine EU-Studie versteht darunter Reisen, die ganz oder teilweise die Wertschätzung der kulturellen Ressourcen Europas steigern sollen. Als kulturelle Ressource gilt dabei jeder Ort, jedes Bauwerk, jedes Objekt oder Ereignis, dessen Erleben das Verständnis für Herkunft, Lebensweisen, Geschmack und Bräuche der gastgebenden Region vergrößert. Andere Definitionen betonen Kulturtourismus als Strategie, die kulturelle Eigenarten einer Region durch geeignete Kommunikation vermittelt, oder als Nutzung von Bauten, Relikten, Bräuchen und Veranstaltungen, um die Kultur-, Sozial- und Wirtschaftsentwicklung eines Gebiets verständlich zu machen.
Reisende und Angebote
Kulturtouristen verfolgen unterschiedliche Interessen. Eine Einteilung von Yvonne Pröbstle aus dem Jahr 2013 unterscheidet passionierte Spezialisten, kenntnisreiche Traditionalisten, aufgeschlossene Entdecker, unterhaltungsorientierte Ausflügler und pflichtbewusste Sightseeker, also Menschen, die bekannte Sehenswürdigkeiten aus einem Gefühl der Verpflichtung heraus besuchen.
Zahlreiche meist kleinere Reiseveranstalter haben sich auf professionell geplante Kultur- und Studienreisen spezialisiert. Ausgebildete Reiseleiter führen häufig kleine Gruppen durch fremde Länder oder wenig erschlossene Regionen. Studienreisen werden zu fast jedem Thema angeboten. Wegen der intensiveren Betreuung und Beratung sind sie meist teurer als Pauschalreisen. Auch Wanderreisen gewinnen an Bedeutung; ein wichtiges Ziel ist dabei ein ökologisch nachhaltiger Tourismus. Volkshochschulen bieten ebenfalls Bildungs- und Studienreisen in Zusammenarbeit mit Reisebüros an. Qualitätsrichtlinien des Dachverbandes der deutschen Volkshochschulen sollen deren Güte sichern.
Bei der Planung besteht ein grundlegender Unterschied: Eine Orientierung an authentischen, kulturellen und endogenen Ressourcen – also an kulturellen Mitteln, die aus der Zielregion selbst stammen – fördert einen sanften, nachhaltigen Kulturtourismus und kann langfristig höhere Erträge bringen. Eine Orientierung an der Nachfrage und an inszenierten Kulturangeboten soll größere Besuchergruppen anziehen und kurzfristig eine hohe Rentabilität erzielen.
Als Hinweis auf die Bedeutung des Kulturtourismus in Europa nennt der Artikel einen Anteil von 23,5 % aller Touristenankünfte. 31 Millionen Ankünfte entfallen demnach auf „general cultural tourists“, deren Reise nur teilweise kulturell bestimmt ist, und 3,5 Millionen auf „specific cultural tourists“ mit einem besonders gezielten Kulturinteresse. Ein Spezialfall ist der spirituelle Tourismus: Dazu gehören Besuche von Kirchen, Klöstern und anderen religiösen Bauwerken sowie die Nutzung von Pilgerwegen durch Ortsfremde.
Historische Entwicklung
Kulturtourismus knüpft an die Grand Tour an, eine historisch verankerte Bildungsreise. Ursprünglich stand der Anspruch im Mittelpunkt, sich durch das Reisen zu bilden. Als Beispiel nennt der Artikel Goethes italienische Reise. Reisen zur Erholung und Entspannung verbreiteten sich erst im 19. Jahrhundert, als sich die Reisebedingungen verbesserten; Kurreisen gelten als Vorläufer. Mit dem Massentourismus seit der Mitte des 20. Jahrhunderts und der Entwicklung des Flugverkehrs rückte die Erholung auch in weit entfernten Gebieten in den Vordergrund.
Bereits im 18. Jahrhundert begannen infolge der Aufklärung auch Bürger zu reisen. Für sie ging es nicht nur um Vergnügen, sondern um Bildung, Erkenntnis, die Stärkung der Vaterlandsliebe und das Gemeinwohl. Diese Reisen standen in der Nachfolge der mittelalterlichen „peregrinatio academica“, der Bildungsreise von Universität zu Universität. Die Reisenden verfassten eigene Berichte. Wichtigstes Ziel für Menschen aus Gebieten nördlich der Alpen war Italien; danach folgten die als besonders gastfreundlich geltenden Städte Wien und Salzburg.
Um die Jahrtausendwende führte der Wettbewerb in der Tourismusbranche zu weiteren spezialisierten Formen, beispielsweise Sprach-, Konzert- und Literaturreisen sowie Friedhofstourismus. Die klassische Form des Kulturtourismus wird mit „Authentizität“, also dem möglichst unverfälschten Erleben regionaler Kultur, verbunden. Als Gegenpol oder Erweiterung entwickelten sich Erlebnis- und Eventtourismus. Die Grenzen zwischen diesen Formen sind fließend, besonders bei Konzertreisen.
Wachstum, Nachhaltigkeit und Zusammenarbeit
Europa besitzt wegen seiner langen Geschichte und der großen Dichte historischer Überlieferungen erhebliche Entwicklungsmöglichkeiten für den Kulturtourismus. Anfangs steht häufig die Hochkultur im Zentrum. Mit steigenden Besucherzahlen gewinnen jedoch auch Alltagskultur und regional bedeutsame Ziele an Aufmerksamkeit. Das Irish Tourist Board stellte 1988 fest, dass mehr als 70 Prozent der kulturtouristischen Attraktionen Europas erst in den vorhergehenden 20 Jahren erschlossen worden seien.
Touristische Einnahmen schaffen Anreize, Orte und Regionen unter Betonung ihrer kulturellen Eigenart zu erschließen. Dabei sollen die Regionen selbst Träger ihrer Kultur bleiben und die Initiative übernehmen. Eine Studie des Deutschen Tourismusverbandes von 2006 bescheinigt dem Kulturtourismus in Deutschland großes Wachstumspotenzial. Besonders die Nachfrage nach authentischem Miterleben regionaler Eigenarten bis zum „Destinationskultureintauchen“, also einem intensiven Eintauchen in die Kultur des Reiseziels, nimmt zu.
Für die Weiterentwicklung sind Netzwerke wichtig. Kultur-Netzwerke verbinden Angebote innerhalb einzelner Formen wie Objekt-, Ensemble-, Ereignis-, Gastronomie- oder Sozio-Kulturtourismus. Kultur-Tourismus-Netzwerke schaffen Verbindungen zwischen Kultureinrichtungen und Tourismusorganisationen. Kultur-Tourismus-Politik-Netzwerke führen wichtige Beteiligte einer Region zusammen, darunter Kultur, Tourismus, nicht gewinnorientierte Organisationen, Medien und die einheimische Bevölkerung.
Internetangebote und Online-Buchungen erleichtern den Zugang zu Kulturorten, Festivals und anderen Ereignissen. Regionen können gemeinsam unter einem Namen werben, beispielsweise als Märchenstraße, oder Veranstaltungsreihen bündeln. Als Leitbild nennt der Artikel die schonende Nutzung kulturhistorischer Elemente und die sachgerechte Vermittlung traditioneller regionaler Wohn- und Lebensformen. Dadurch sollen Verständnis und Wertschätzung für die Eigenart einer Region wachsen.
Berufliche Wege
Für eine Tätigkeit im Kulturtourismus gibt es Ausbildung, Studium und Quereinstieg. Der einschlägige Ausbildungsberuf heißt „Kaufmann/-frau für Tourismus und Freizeit“. Hochschulen behandeln Kulturtourismus vor allem in Studiengängen des Tourismus-, Hotel- und Eventmanagements.
Als Beispiele nennt der Artikel die Hochschule Zittau/Görlitz mit dem Bachelor Tourismusmanagement und dem Master Internationales Tourismusmanagement, die Hochschule Fresenius mit dem Bachelor Tourismus-, Hotel- und Eventmanagement, die Hochschule Heilbronn mit dem Bachelor Tourismus und dem Master International Tourism Management sowie die SRH Berlin University of Applied Sciences mit dem Bachelor Internationales Tourismus- und Eventmanagement. Weitere Tätigkeitsfelder und Qualifikationen betreffen Tourismusberufe und Reiseleitung.