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Tonartencharakter

So werden etwa Durtonarten oft als klar, hell und heiter beschrieben, Molltonarten dagegen als trübe, matt und düster. Des Weiteren kann man bei den …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Begriff und Bedeutung
  2. 2. Historische Vorstellungen
  3. 3. Stimmung und Klangunterschiede
  4. 4. Instrumente, Tonhöhe und Quintenzirkel
  5. 5. Hören, Assoziationen und Kritik
  6. 6. Aussagen von Komponisten

Begriff und Bedeutung

Tonartencharakter bezeichnet Charaktereigenschaften oder Ausdrucksmöglichkeiten, die einer Tonart zugeschrieben werden. Durtonarten werden oft als klar, hell und heiter, Molltonarten als trübe, matt und düster beschrieben. Darüber hinaus sind Zuschreibungen zu einzelnen Dur- und Molltonarten je nach Epoche subjektiv und wandelbar; besonders bei entlegenen Tonarten und den meisten Molltonarten gehen die Meinungen stark auseinander.

Die Frage, ob Tonarten tatsächlich unterschiedliche Charaktere haben, ist umstritten. Dennoch setzten viele Komponisten bestimmte Tonarten bewusst als Teil der inhaltlichen Gestaltung ein, um eine Stimmung oder einen Affekt, also einen gezielten Gefühlsausdruck, zu erzeugen.

Historische Vorstellungen

Schon in der Antike wurde die Wirkung bestimmter Tongeschlechter und Tonarten erörtert. Im Mittelalter verband man die vier authentischen Modi mit Temperamenten: dorisch mit phlegmatisch, phrygisch mit cholerisch, lydisch mit sanguinisch und mixolydisch mit melancholisch.

Auch Hexachordformen erhielten Charakterdeutungen: Das hexachordum durum oder der cantus durus galt als hart und kühn, der cantus naturalis als mittelmäßig und normal, der cantus mollis als weichlich und furchtsam. C. Matthaei sammelte 1652 Aussagen älterer Theoretiker zu Kirchentonarten.

Seit dem Ende des 17. Jahrhunderts beschrieben Komponisten und Musiklehren einzelne Dur- und Molltonarten, zunächst aber nicht vollständig systematisch. Jean Rousseau beschrieb elf, Marc-Antoine Charpentier 18 und Ch. Masson acht Tonarten. Johann Mattheson behandelte 1713 in Das neu-eröffnete Orchestre die 17 damals gebräuchlichsten Tonarten und hielt ihre unterschiedliche Wirkung für gewiss, sofern Zeit, Umstände und Personen berücksichtigt würden. Auch im 20. Jahrhundert wurden Kirchentonarten gezielt charakterisierend verwendet, etwa von Arnold Mendelssohn in Drei Madrigale nach Worten des jungen Werthers.

Stimmung und Klangunterschiede

Die Stimmung eines Instruments beeinflusst, ob verschiedene Tonarten tatsächlich verschieden klingen. In der ¼-Komma-mitteltönigen Stimmung sind alle spielbaren Tonleitern gleich gestimmt: Ihre Terzen sind rein, ihre Quinten nur gering verstimmt. In den historisch überwiegend verwendeten wohltemperierten Stimmungen sind Tonleitern dagegen unterschiedlich gestimmt. Terzen in C-Dur-nahen Tonarten bleiben möglichst rein, während Terzen in weiter von C-Dur entfernten Tonarten rauer klingen.

Dadurch konnten Tonarten verschiedene Charaktere erhalten. Francesco Galeazzi nannte B-Dur „zart, weich und süß“, E-Dur dagegen „schneidend, schrill und jugendhaft“. In einem Tonbeispiel wandeln sich zunächst unruhige Akkorde mit einer rauen pythagoreischen Terz von 408 Cent allmählich zu klaren B-Dur-, F-Dur-, C-Dur-, G-Dur- und D-Dur-Akkorden und werden anschließend wieder rauer. Bei C-Dur ist die typische Schwebung der mitteltönigen Quinte hörbar.

In der gleichstufigen Stimmung sind alle Tonleitern wieder gleich gestimmt; sie ließ sich exakt erst seit 1917 physikalisch verwirklichen. Früher wurden entfernte Tonarten auch zur Textausdeutung und dazu verwendet, dass folgende Dissonanzauflösungen reiner wirkten. Mit der gleichstufigen Stimmung verlor dies an Bedeutung. Erhalten blieb etwa die Tradition, Pastoralen gewöhnlich in F-Dur zu schreiben.

Instrumente, Tonhöhe und Quintenzirkel

Auch die Instrumentation kann einen Tonartencharakter prägen. Historische festliche Trompeten waren durchweg in D gestimmt; ihr Glanz konnte sich daher auf D-Dur übertragen. Heute sind fast alle Instrumente chromatisch spielbar, doch bestimmte Tonverbindungen bleiben unterschiedlich leicht spielbar. Beim Komponieren am Instrument können deshalb leicht erreichbare Figuren bevorzugt werden, die selbst verschiedene Klangcharaktere besitzen. Zudem erlauben Tonumfang und Lage mancher Instrumente besonders tiefe, dumpfe oder besonders helle Orchesterklänge.

Hector Berlioz ordnete 1844 in seiner Instrumentationslehre den Tonarten auf der Violine sowohl Schwierigkeitsgrade als auch Klangcharaktere zu. Seine Charakterangaben gelten jedoch als recht willkürlich. Beispielsweise nennt seine Tabelle C-Dur leicht sowie „ernst, aber dumpf und trübe“, D-Dur leicht sowie „heiter, lärmend, etwas gewöhnlich“, E-Dur „glänzend, prachtvoll, edel“ und c-Moll leicht sowie „düster, wenig hellklingend“. Manche Tonarten, etwa Fes-Dur oder fes-Moll, bezeichnet er als unausführbar.

Eine weitere Deutung orientiert sich an den Vorzeichen und am Quintenzirkel mit C-Dur als Null-Punkt. Bewegungen zur Dominante im Uhrzeigersinn erscheinen als Steigerung oder Aufhellung, Bewegungen zur Subdominante gegen den Uhrzeigersinn als Abspannung und Verdunkelung. J. S. Bach notierte im Wohltemperierten Klavier das dritte Präludium-Fuge-Paar in Cis-Dur mit 7 # statt im leichter lesbaren Des-Dur mit 5 b, weil die Kreuze dem heiteren Charakter entsprechen sollten. Klanglich ist die Schreibweise zwar irrelevant, das Werk richtet sich jedoch ausdrücklich an „Kenner und Liebhaber“ und damit auch an Leser. Im ersten Band notierte Bach das achte Paar passend zum düster-ernsten Charakter in es-Moll mit 6 b, im zweiten Band das verspielt-heitere Gegenstück in dis-Moll mit 6 #.

Hören, Assoziationen und Kritik

Hörphysiologische Erklärungen beziehen sich auf die absolute Tonhöhe und die nichtlineare Arbeitsweise des Gehörs. Tonarten können mit körpereigenen Frequenzen, etwa festen Formanten der Vokale, übereinstimmen oder von ihnen abweichen; möglicherweise entstehen dabei synästhetische Verknüpfungen. Bei einer Modulation in gleichstufiger Stimmung werden mathematisch alle Frequenzen nur mit einem konstanten Faktor multipliziert: Der gesamte Frequenzbereich verschiebt sich, die Form des Spektrums bleibt gleich. Das Gehör nimmt Frequenzen jedoch abhängig von ihrer Lage unterschiedlich laut wahr. Außerdem entstehen im Ohr Intermodulationen, also Mischprodukte aus Frequenzen sowie deren Differenz- und Summenfrequenzen.

Frequenzabstände zwischen Halbtönen sind in tiefen Oktaven viel kleiner als in hohen, obwohl sie als gleich empfunden werden. Eine Änderung des Kammertons a um wenige Hertz verändert obere Oktaven daher deutlich stärker und kann besonders bei mechanischen Instrumenten den Klangcharakter hörbar verändern. Im Bass unterscheiden sich etwa C-Dur und A-Dur deutlich: Der Grundton von C-Dur liegt je nach Oktave bei etwa 65,4 oder 130,8 Hertz, der von A-Dur bei 110 oder 220 Hertz. Dies beeinflusst Weichheit und Ortbarkeit des Basses, unabhängig davon, ob temperiert oder rein gestimmt wird.

Tonarten können ferner traditionelle Bedeutungen hervorrufen. Beethovens 5. Sinfonie führt von c-Moll nach C-Dur, verstanden als „durch Nacht zum Licht“; Brahms verwendet dieselbe Kombination in seiner ersten Sinfonie bewusst als Anknüpfung an Beethoven. In Webers Freischütz stehen wie in Beethovens Fidelio c-Moll für düstere Aspekte und böse Mächte, C-Dur für den befreienden Sieg und E-Dur für heroisch-liebende Begeisterung.

Kritiker wie Johann David Heinichen bestritten dagegen eigene Tonartencharaktere. Heinichen schrieb 1728 in Der Generalbass in der Composition, die Wirkung hänge vom Einfallsreichtum des Komponisten, dessen Vorlieben, erforderlichen Modulationen und den Möglichkeiten der Ausführenden ab. Auch Moritz Hauptmann und Eduard Hanslick vertraten ähnliche Positionen. Ihre Argumente: In gleichstufiger Stimmung unterscheiden sich Tonarten in ihrem Aufbau nicht; Instrumentation gehöre nicht zum Wesen einer Tonart; Funktionen gegenüber C-Dur seien nur nach einem Vergleich hörbar; und der Stimmton schwankte historisch erheblich.

Aussagen von Komponisten

Haydn, Mozart, Beethoven und Schubert versuchten, den Charakter einzelner Tonarten sprachlich zu fassen. Für D-Dur nannte Haydn „Lobpreis, Majestätisches, Kriegerisches“; Beethoven verband die Tonart mit „kräftig, Marsch, Sehnsucht, Schmerz“. E-Dur bedeutete für Haydn „Todesgedanken“, für Mozart „überirdisch, besonders erhaben, weihevoll“, für Beethoven „feierlich, religiös, innerlich“ und für Schubert „Gottestonart, Liebe“.

Bei solchen Zuschreibungen ist die damalige Stimmung zu beachten: Um 1800 wird eine ältere Mozartstimmung von 421 Hz genannt, für 1850 eine Wiener und Berliner Stimmung von 422 Hz, knapp einen Halbton unter 440 Hz.

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