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Tomi Ungerer

Jean-Thomas „Tomi“ Ungerer (* 28. November 1931 in Straßburg; † 9. Februar 2019 in Cork, Irland) war ein französischer Grafiker, Schriftsteller und …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Leben und künstlerischer Weg
  2. 2. Arbeitsweise und Stil
  3. 3. Elsass, Europa und Engagement
  4. 4. Museum, Architektur und Auszeichnungen
  5. 5. Werke, Ausstellungen und Medien

Leben und künstlerischer Weg

Tomi Ungerer, eigentlich Jean-Thomas Ungerer, wurde am 28. November 1931 in Straßburg geboren und starb am 9. Februar 2019 im Alter von 87 Jahren in Cork, Irland. Er war französischer Grafiker, Schriftsteller und Illustrator von Bilderbüchern für Kinder und Erwachsene. Er verstand sich als Elsässer und überzeugter Europäer, blieb aber skeptisch gegenüber der europäischen Bürokratie.

Ungerer wuchs in einer alteingesessenen protestantischen Familie des Elsass auf. Sein Vater Théodore und sein Großvater Alfred waren Uhrmacher und Turmuhrenfabrikanten; sein Vater betreute unter anderem die astronomische Uhr des Straßburger Münsters. Nach dem Tod des Vaters 1935 zog die Mutter mit den Kindern nach Logelbach bei Colmar. Zu Hause wurde Französisch gesprochen, während Ungerer durch Schule und Umfeld auch Deutsch und Elsässisch lernte.

Die Kindheit war von deutscher Besatzung, Krieg und wechselnden Unterrichtssprachen geprägt. Innerhalb von drei Monaten erlernte er die deutsche Hochsprache und den elsässischen Dialekt. Nach dem Krieg wurde wiederum Französisch konsequent durchgesetzt; zugleich war auch der Dialekt unerwünscht. Ungerer kritisierte dies später als „kulturelles Verbrechen“ beziehungsweise „kulturellen Mord“. Wegen sprachlicher Schwierigkeiten verfehlte er das Baccalauréat knapp; sein Schuldirektor bezeichnete ihn als „pervers und subversiv“. Früh wurde er zum Zeichnen und Schreiben ermutigt.

Seine Jugend und frühen Erwachsenenjahre waren von Reisen geprägt. Er fuhr mit dem Fahrrad durch Frankreich und Europa, war bei einem Méhari-Kamelreiter-Regiment in Algerien, arbeitete nach einer Erkrankung zeitweise als Dolmetscher und reiste bis nach Nordnorwegen. Später fuhr er als Matrose auf kleinen Frachtern im Nordatlantik. 1953 besuchte er für einige Monate die École Municipale des Arts Décoratifs in Straßburg. Im amerikanischen Kulturzentrum entdeckte er unter anderem Saul Steinberg und James Thurber und beschloss, in die USA zu gehen.

1956 wanderte Ungerer mit 60 Dollar und einigen Zeichnungen nach New York aus. Die Kinderbuchlektorin Ursula Nordström ermöglichte ihm nach einem Zusammenbruch einen Vorschuss von 500 Dollar. Sein erstes illustriertes Kinderbuch The Mellops go flying erschien 1957, wurde ein Bestseller und erhielt einen Preis. Im selben Jahr begann seine Verbindung zum Diogenes Verlag. In New York arbeitete er als Zeichner, Maler, Illustrator, Kinderbuchautor und Werbegrafiker.

Ab den 1960er-Jahren entstanden auch drastisch-satirische und erotische Werke. Ungerer kritisierte unter anderem die New Yorker Oberschicht, Potenzwahn, Sexismus und Gier. Seine Arbeiten stießen in den USA und England auf Widerstand; das Buch Fornicon wurde in England verboten, das FBI beobachtete und verhörte ihn, und seine Kinderbücher wurden in den USA zeitweise verboten. 1971 verließ er New York und lebte zunächst mit seiner dritten Frau Yvonne Wright auf einer Farm in Neuschottland.

Seit 1976 lebte Ungerer abwechselnd in Straßburg und auf einer 160 Hektar großen Farm nahe Cork. Dort betrieb er Schaf- und Rinderzucht. Er veröffentlichte über 140 Bücher, brachte in seinen letzten 40 Jahren rund 40.000 Zeichnungen zu Papier und war ab 1979 in etwa 100 Ausstellungen vertreten. Seine Bücher wurden in über 28 Sprachen übersetzt. Nach drei Herzinfarkten, einer Krebserkrankung und dem Verlust eines Augenlichts fand er erneut zu großer Produktivität zurück; wegen des fehlenden räumlichen Sehens musste er das Zeichnen neu erlernen.

Arbeitsweise und Stil

Ungerer beschrieb sich selbst als „Aufzeichner“: „Ich zeichne, was ich aufschreibe, und ich schreibe auf, was ich zeichne, um einen Gedanken klar, kurz und bündig auszudrücken.“ Ausgangspunkt seiner Arbeit war eine außergewöhnliche Ideenflut. Er notierte Gedanken, fertigte Skizzen an und wechselte oft spontan zwischen Büchern, Collagen, Gegenständen und anderen Projekten. Um den inneren Druck zu bewältigen, arbeitete er sehr schnell und häufig an zehn oder zwölf Kunstwerken gleichzeitig.

Sein Werk umfasst viele Medien: Bleistift, Buntstift, Zeichenkohle, Kreide, Filzstift, Tinte, Wasserfarben, Tempera, Ölfarben, Collage und Skulptur. Diese Vielseitigkeit unterstützte die große Zahl seiner Arbeiten.

Kennzeichnend ist eine „Kunst der Auslassung“: Mit möglichst wenigen Linien soll möglichst viel ausgedrückt werden. Ungerer strebte nach der „vollkommenen Linie“ und war nur selten mit dem ersten Entwurf zufrieden. Er benutzte keinen Radiergummi, sondern zeichnete Motive bis zu 30 Mal neu, um Präzision und Spontaneität miteinander zu verbinden. Die scheinbare Leichtigkeit seiner Bilder beruhte daher auf strenger Disziplin.

Auch die Verbindung von Text und Bild war zentral. Bedeutungen, die im Text fehlen, können in den Bildern erscheinen. Als Beispiel für ein „perfektes Bilderbuch“ wurde Crictor, die gute Schlange (1959) genannt. In den Kinderbüchern übernehmen außerdem häufig Tiere, die traditionell negativ bewertet werden, positive Hauptrollen, etwa Schlangen, Esel, Schweine, Tintenfische und Fledermäuse. Dadurch werden Vorurteile gegenüber Tieren und allgemein gegenüber dem vermeintlich Fremden abgebaut.

Elsass, Europa und Engagement

Ungerer sah seine Identität an der Grenze zwischen französischer und deutscher Kultur. Er kritisierte den französischen Zentralismus, weil dieser seiner Ansicht nach die elsässische Sprache und regionale Herkunft zurückdränge. Elsässisch bezeichnete er als alemannische Sprache, die dem Altdeutschen ähnlich sei. In einer Rede vom 7. September 2009 forderte er die Elsässer auf, zu Hause weiterhin Elsässisch zu sprechen, entsprechende Institutionen zu unterstützen und Deutsch in den Grundschulen zu lehren.

Seine Haltung war zugleich europäisch und grenzüberschreitend. Die deutsch-französische Annäherung und ein integrierendes Europa bewertete er als positive historische Entwicklung. Ab den 1970er-Jahren engagierte er sich für die deutsch-französische Freundschaft. 1972 gestaltete er für die SPD-Wahlkampagne „Willy wählen“ die selbstironische Anzeigenserie „In Sachen SPD – Wir gegen uns!“. Die SPD erreichte dabei 45,8 Prozent der Zweitstimmen und stellte erstmals die stärkste Fraktion im Bundestag.

Zu seinem sozialen Engagement gehörten Programme für jugendliche Straftäter, die Integration von Einwanderern in französischen Schulen sowie Unterstützung für Aids-Patienten und krebskranke Kinder. 2010 stellte er Grafiken und Zeichnungen für eine Ausstellung in der Gedenkstätte KZ Osthofen zur Verfügung. Er war außerdem seit 2000 „Botschafter für Kindheit und Erziehung“ des Europarats. 1987 wurde er in die Commission interministérielle franco-allemande berufen; 1990 gründete er in Straßburg die Vereinigung Kulturbank zur Förderung des deutsch-französischen Kulturaustauschs.

Museum, Architektur und Auszeichnungen

Das Musée Tomi Ungerer – centre international de l’illustration wurde am 2. November 2007 in der Villa Greiner im Zentrum Straßburgs eröffnet. Es war das erste eigene Museum, das in Frankreich einem lebenden Künstler gewidmet wurde. Grundlage der Sammlung ist eine Schenkung Ungerers mit 8000 Zeichnungen, 2000 Plakaten und weiteren Grafiken sowie Spielzeug, Familienarchiv, Presseartikeln und Fotografien. Die Ausstellung wechselt dreimal jährlich; jeweils werden etwa 300 Werke gezeigt. Die Räume sind wie Ungerers Wohnung neutral weiß gestaltet.

Auch außerhalb des Museums entwarf Ungerer Bauwerke und Skulpturen. Das 1988 zur Zweitausendjahrfeier Straßburgs entworfene „Aquädukt des Janus“ beziehungsweise der Janusbrunnen verbindet einen janusköpfigen Bronzekopf mit drei Pfeilern eines tatsächlich wasserführenden römischen Aquädukts. Es symbolisiert die deutsch-französische Doppelkultur Straßburgs. Der Kindergarten Wolfartsweier bei Karlsruhe wurde 2002 nach Ungerers Konzept als stilisierte Katze gebaut; der Schwanz dient als Rutschbahn. In Plochingen entstand 2007 nach Protesten gegen einen ersten Entwurf mit einem überdimensionalen Hinterteil die öffentliche Toilette „les toilettes“ in überarbeiteter Form.

Zu den wichtigen Auszeichnungen gehören das Bundesverdienstkreuz am Bande (1993) und erster Klasse (2008), der Grand Prix National des Arts Graphiques (1995), der Internationale Hans-Christian-Andersen-Preis (1998), der Prix Spécial Sorcières für sein Gesamtwerk (2014), der Lifetime Achievement Award der Society of Illustrators (2011), der Ehrenpreis des Bayerischen Ministerpräsidenten (2017) sowie die Ernennung zum Kommandeur der französischen Ehrenlegion (2018). 2019 wurde in Straßburg der Tivoli-Platz in Place Tomi Ungerer umbenannt. Mehrere Schulen und Kindergärten im Elsass tragen bereits seinen Namen.

Werke, Ausstellungen und Medien

Ungerers Kinderbücher stellen häufig die Eigenständigkeit, Neugier und Selbstverwirklichung von Kindern in den Mittelpunkt. Zu den bekannten Titeln gehören The Mellops go flying (1957), Crictor, die gute Schlange (1959), Die drei Räuber (1961), Der Mondmann (1966), Zeraldas Riese (1970), Kein Kuss für Mutter (1974), Emil, der hilfreiche Tintenfisch (1980), Rufus, die farbige Fledermaus (1980), Flix (1997), Otto. Autobiografie eines Teddybären (1999), Die blaue Wolke (2000), Zloty (2009) und Der Nebelmann. Eine Geschichte aus Irland (2012). Der Artikel nennt mehr als 150 Kinderbücher.

Für Erwachsene schuf Ungerer unter anderem Tomi Ungerers geheimes Skizzenbuch (1968), The Party (1969), Fornicon (1970), Der Spiegelmensch (1973), Babylon (1979), Schutzengel der Hölle (1986) und Erotoscope (2003). Diese Arbeiten sind oft satirisch, gesellschaftskritisch oder erotisch. Daneben illustrierte er Das große Liederbuch (1975) mit 204 deutschen Volks- und Kinderliedern aus dem 14. bis 20. Jahrhundert und über 150 Aquarellen. Fünf Jahre arbeitete er an diesem Werk. Weitere Veröffentlichungen behandeln unter anderem Kindheit, Elsass, Tiere, Aphorismen und das Leben in Irland.

Seine Arbeiten wurden in zahlreichen Ausstellungen gezeigt, darunter 1999/2000 Zwischen Marianne und Germania, 2004 Mein Elsass, 2010 Eklips, 2011/2012 Satiricon, 2016 Incognito mit 160 wenig bekannten Collagen und 2021/2022 It’s all about freedom. Seine Zeichnungen erschienen außerdem auf Straßburger Bussen. Dokumentarfilme und Radiofeatures beschäftigten sich mit seinem Leben, seinem Werk und seiner Beziehung zum Elsass. Zu den Verfilmungen gehören Die drei Räuber (2007) und Der Mondmann (2012); in Der Mondmann wirkte Ungerer als Erzähler mit. Im Musikfilm Monterey Pop wurde er als Gestalter des Vorspanns genannt.

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