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Tiefenpsychologische Exegese
Die Tiefenpsychologische Exegese ist eine Form der Biblischen Exegese, deren Ansätze in der Tiefenpsychologie wurzeln, in der psychische und …
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Gegenstand und Ziel
Die Tiefenpsychologische Exegese ist eine Form der biblischen Exegese, also der wissenschaftlichen Auslegung biblischer Texte. Ihre Ansätze wurzeln in der Tiefenpsychologie. Diese erklärt psychische und psychotherapeutische Prozesse durch unbewusste seelische Vorgänge, die menschliches Verhalten und Erleben beeinflussen.
Biblische Erzählungen werden dabei nicht hauptsächlich aus ihrem historischen Verständnis heraus interpretiert. Ausgangspunkt ist vielmehr die Vorstellung, dass der Mensch eine Psyche mit unterschiedlichen Tiefenschichten besitzt. Die Texte können deshalb als Ausdruck und Spiegel unbewusster seelischer Strukturen gelesen werden.
Ziel der Methode ist es, die unbewusste seelische Struktur im religiösen Verhalten des Menschen zu erkennen und bewusst zu machen. Dadurch soll das Individuum zu spiritueller Selbsterkenntnis gelangen. Die Sprache der biblischen Schriften wird als Ausdruck der Psyche verstanden. Sie stellt Ursache und Wirkung auf dem individuellen Lebensweg in einen Zusammenhang mit Heil und Unheil.
Entwicklung der Methode
Die Tiefenpsychologische Exegese stützt sich vor allem auf die Tiefenpsychologie von Sigmund Freud und Carl Gustav Jung. Erste Ansätze finden sich in Sigmund Freuds Essay „Der Mann Moses und die monotheistische Religion“ von 1939. Freud deutete darin die biblischen Erzählungen über Moses psychoanalytisch in einem religionsgeschichtlichen Zusammenhang und vor dem Hintergrund der nationalsozialistischen Judenverfolgung. Bereits in „Totem und Tabu“ von 1913 hatte er sich mit religionswissenschaftlichen Fragen beschäftigt.
Carl Gustav Jung entwickelte später den Begriff des Archetypus. Damit bezeichnete er ein im menschlichen Unbewussten angelegtes Vorstellungsmuster, durch das Personen wahrgenommen werden.
Auch Paul Tillich befürwortete eine Annäherung zwischen Psychoanalyse und Religion. Er verband damit vier Gedanken: Die Psychoanalyse könne Einsichten wiederentdecken, die während zweitausend Jahren in den Tiefen religiöser Literatur verborgen gewesen seien. Die Tiefenpsychologie habe außerdem die eigentliche Bedeutung des Begriffs „Sünde“ sichtbar gemacht: die Abspaltung und Entfremdung des Menschen von seinem wahren Sein.
Weiterhin könne die Tiefenpsychologie helfen, sich an „dämonische Strukturen“ zu erinnern. Diese beeinflussen und lenken die Freiheit des Handelns aus unbewussten Schichten, noch bevor daraus bewusste Entscheidungen werden. Schließlich führe die Psychotherapie nach Tillich das fort, was Jesus von Nazaret gelehrt und vorgelebt habe: Nicht nur die Gerechten, sondern besonders die Ungerechten, Sünder und Hilfebedürftigen sollen beachtet, angenommen und aufgenommen werden. Darin sah Tillich den eigentlichen Kern von Gnade und Vergebung.
Traum, Unbewusstes und Textgattungen
Der methodische Ausgangspunkt ist der Traum sowie die Welt des kollektiven Unbewussten und der Archetypen. Das kollektive Unbewusste bezeichnet dabei den Bereich unbewusster, allgemein menschlicher Vorstellungsmuster. Archetypen sind darin angelegte Muster, in denen Personen und Erfahrungen wahrgenommen werden.
Eugen Drewermann beschreibt in seiner bekannten Arbeit „Tiefenpsychologie und Exegese“, wie die Bibel tiefenpsychologisch ausgelegt werden kann. Zugleich übt er scharfe Kritik an der historisch-kritischen Methode.
Nach Drewermann kann die tiefenpsychologische Auslegung eines archetypischen Textes grundsätzlich auf verschiedene Textarten angewendet werden: Mythos, Legende, Novelle, Erscheinungs- und Berufungsgeschichte, Prophetie sowie Apokalypse. Jede dieser Textgattungen projiziert einen bestimmten Teil des Unbewussten auf ein sprachliches Bild.
Eine besondere Bedeutung haben das Wirken und die Gleichnisse Jesu. Sie verbinden die historischen Texte mit dem individuellen Jetzt. Die biblischen Texte werden dadurch auf den persönlichen Lebensweg bezogen und als Deutungsangebote für religiöses Erleben verstanden.
Bekannte Vertreter
Zu den bekannten Vertretern der Tiefenpsychologischen Exegese gehören Eugen Drewermann, Christa Mulack, Gerda Weiler, Maria Kassel und Anselm Grün.