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Thomas Mann und das Judentum

Das Verhältnis Thomas Manns zum Judentum ist ein Thema der Literaturwissenschaft. Während der Zeit des Nationalsozialismus spielte Thomas Mann eine …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Grundproblem und Ambivalenz
  2. 2. Frühe Texte und persönliche Konflikte
  3. 3. Politischer Kampf gegen Antisemitismus
  4. 4. Jüdische Welt in Joseph und Das Gesetz
  5. 5. Psychoanalyse und geistige Einflüsse
  6. 6. Jüdische Figuren im Werk

Grundproblem und Ambivalenz

Das Verhältnis Thomas Manns zum Judentum ist ein Thema der Literaturwissenschaft, weil es bei ihm zugleich politische Haltung, persönliche Identitätsfragen und literarische Darstellung berührt. Mann bezeichnete sich mehrfach als Philosemit, setzte sich besonders im Exil gegen Antisemitismus ein und hatte enge Beziehungen zu jüdischen Menschen, darunter sein Verleger Samuel Fischer und seine Ehefrau Katia, die jüdischer Herkunft war. Zugleich gilt seine Haltung als ambivalent: In frühen und mittleren Werkphasen finden sich stereotype und teils antijüdische Formulierungen oder Figurenzeichnungen.

Die Forschung deutet diese Widersprüche unterschiedlich. Seit etwa 1980 rückte die Frage stärker in den Mittelpunkt, wie Manns Bild des Judentums mit Identität, Außenseitertum, Sexualität, Psychologie und Politik zusammenhängt. Jüdische Figuren konnten für ihn Projektionsflächen des Außenseiters sein, aber auch etwas Bedrohliches für seinen eigenen Selbstentwurf darstellen. Viele Forscher sehen darin eine Spannung: Mann bewunderte geistige Leistungen des Judentums, griff aber zugleich auf zeittypische Klischees zurück.

Besonders problematisch ist der frühe Essay „Die Lösung der Judenfrage“. Mann nennt sich darin zwar Philosemit und lehnt einen zionistischen „Exodus“ ab, weil Europa den jüdischen „Kultur-Stimulus“ brauche. Gleichzeitig verwendet er Formulierungen über angeblich „entartete“ und „im Ghetto verelendete“ Rassen und wiederholt damit gerade Klischees, die er scheinbar zurückweisen will. Heinrich Detering sieht darin eine deutliche Spannung zwischen philosemitischem Anspruch und antisemitischer Wiederholung. Hermann Kurzke widerspricht einer Deutung als verdrängter Antisemitismus und betont, offener Antisemitismus sei damals nicht gesellschaftlich geächtet gewesen, sodass Mann ihn nicht hätte verdrängen müssen.

Frühe Texte und persönliche Konflikte

In seiner Frühphase schrieb Thomas Mann, wie sein Bruder Heinrich, Beiträge für die Zeitschrift „Das zwanzigste Jahrhundert“. Diese war antisemitisch geprägt. Thomas Manns Beiträge sind nicht von derselben aggressiven Rhetorik bestimmt wie die Heinrich Manns, doch Forscher wie Rolf Thiede und Stefan Breuer erkennen darin antijüdische Stereotype und deutschnationale Kulturvorstellungen. Zugleich wird betont, dass sein Ton moderater blieb. Antijüdische Tendenzen werden teils aus seiner psychologischen Verfassung, teils aus einem stadtbürgerlichen Milieu erklärt, das seit den napoleonischen Kriegen diskriminierungsbereit gewesen sei.

Ein wichtiger persönlicher Konflikt war die Auseinandersetzung mit Theodor Lessing. Lessing hatte Samuel Lublinski in einer Satire als „fettiges Synagöglein“ verspottet. Mann verteidigte Lublinski in dem Essay „Der Doktor Lessing“ scharf und wandte sich damit gegen eine antisemitische Provokation, die von jüdischer Seite kam. Gleichzeitig benutzte Mann in seiner Reaktion selbst antisemitische Wendungen. Der Konflikt eskalierte weiter: Lessing veröffentlichte polemische Artikel gegen Mann, spielte auf dessen „Männerweiblichkeit“ an und verspottete ihn als „femininen, dekadenten Patriziersohn“.

Manns Tagebücher zeigen die Härte dieser Fehde. Am 5. November 1918 nannte er „die Juden Kerr und Lessing“ seine „geborenen Feinde“. Nach Lessings Ermordung durch Nationalsozialisten 1933 reagierte Mann in einer kalten Tagebuchnotiz. Auch 1934 schrieb er den Juden „an den geistigen Dingen“, die sich im politischen System „fratzenhaft“ ausdrückten, einen starken Anteil zu. Solche Stellen gehören zu den belastenden Belegen für die Ambivalenz seines Verhältnisses zum Judentum.

Politischer Kampf gegen Antisemitismus

Während des Nationalsozialismus wurde Thomas Mann zu einem der bekanntesten politischen Schriftsteller im Exil. Er rückte den Kampf gegen Antisemitismus in den Mittelpunkt seiner publizistischen Arbeit. Er formulierte zugespitzt: Wenn der „Faschismus der Sozialismus der dummen Leute“ sei, dann sei der „Antisemitismus der Aristokratismus des Pöbels“. Antisemitismus erschien ihm als Zeichen dumpfer Massenmystik und Brutalität, während er einen „Aristokratismus des Geistes“ davon unterschied.

In Schriften wie „Rettet die Juden Europas“ und „Ein beharrlich Volk“ bewertete Mann das Judentum ausdrücklich positiv. Er beschrieb die Juden, unter Berufung auf Goethe, als selbständiges, tapferes und zähes Volk. Um besondere Leistungen hervorzuheben, nannte er Paul Ehrlich, August von Wassermann, Yehudi Menuhin, Vladimir Horowitz, Jascha Heifetz, Arthur Rubinstein und Albert Einstein. Er schrieb, kein Mensch, „das im Reiche des Geistes zu Hause war“, könne je Antisemit sein.

Manns Weg in die eindeutige Gegnerschaft zum Nationalsozialismus verlief nicht sofort. Nach der Machtübernahme 1933 kehrte er nach einer Vortragsreise nicht nach Deutschland zurück und blieb zunächst in der Schweiz. Erst 1936, unter dem Einfluss neuer Erfahrungen und seiner Tochter Erika, verurteilte er das Regime eindeutig. Von 1940 bis 1945 wandte er sich in den Rundfunkansprachen „Deutsche Hörer!“ an das deutsche Publikum. Dort sprach er auch Eskalationsstufen des Holocaust an und verstand seine Stimme als die eines anderen Deutschlands, das nicht mit der „scheußliche[n] Medusenmaske“ des Hitlerismus identisch sei.

Jüdische Welt in Joseph und Das Gesetz

In „Joseph und seine Brüder“ und in der Erzählung „Das Gesetz“ gestaltete Thomas Mann die Entstehungsgeschichte jüdischer Religion und Geschichte literarisch. Der Joseph-Zyklus entstand zwischen 1926 und 1942. Mann verstand ihn nicht als bloßen historischen oder religiösen Roman, sondern als Schritt vom „Bürgerlich-Individuellen zum Mythisch-Typischen“. Er wollte in die „Brunnentiefe der Zeit“ hinabsteigen und nach den Ursprüngen suchen, bei denen „der Mythos zu Hause ist“.

Die biblische Joseph-Geschichte aus dem 1. Buch Mose diente ihm als Modell einer frühen Menschheit. Er ging mit alttestamentlichem und talmudischem Material frei um und ergänzte es durch erzählerische Fantasie, religionsgeschichtliche und mythenvergleichende Reflexionen. Mann lehnte eine rein religiöse Interpretation ab und sagte, es handle sich nicht um einen „Juden-Roman“, sondern um „ein heiter-ernstes Lied vom Menschen“. Trotzdem zeigt gerade dieses Werk seine intensive Beschäftigung mit jüdischer Kultur. Er betonte das Verdienst Israels, den Monotheismus mitgeschaffen und verbreitet zu haben.

In „Das Gesetz“ schildert Mann den Werdegang Mose von seiner „unordentlichen Geburt“ bis zur Gesetzgebung am Sinai. Auch hier säkularisiert und entmythisiert er die jüdische Welt durch einen ironisch-wohlwollenden, anachronisierenden Stil. Er selbst charakterisierte die Erzählung als eine „gegen das Nazitum gerichtete Verteidigung menschlicher Gesittung“.

Ein wichtiger Einfluss auf die Joseph-Romane war der jüdische Religionsphilosoph Oskar Goldberg. Mann übernahm Anregungen aus dessen Werk „Die Wirklichkeit der Hebräer“, stand Goldberg aber ablehnend gegenüber. Im Roman erscheinen goldbergsche Gedanken in veränderter, teils ironischer Form, etwa in der Vorstellung eines Gottes, der sich ein Volk als Träger seiner Macht schafft. Später bezeichnete Mann Goldbergs Buch am 1. Mai 1942 als „ausgesprochen faschistisches Buch“.

Psychoanalyse und geistige Einflüsse

Thomas Mann erkannte die Bedeutung der Psychoanalyse Sigmund Freuds und nutzte sie vielfältig für sein Werk. Psychoanalyse bedeutet hier eine Deutung seelischer Vorgänge, besonders verdrängter Wünsche und Triebe. Viele Mitarbeiter Freuds, darunter Josef Breuer, Hanns Sachs, Karl Abraham und Sabina Spielrein, waren Juden. In einem antisemitisch geprägten Umfeld wie Wien war die Hoffnung auf eine vorurteilsfreie Wissenschaft besonders wichtig. Freud selbst wollte verhindern, dass Psychoanalyse als „jüdisch nationale Angelegenheit“ galt, und unterstützte deshalb zunächst auch C. G. Jung.

Schon Manns frühe Erzählung „Der kleine Herr Friedemann“ weist nach Manfred Dierks Parallelen zu Freuds und Breuers „Studien über Hysterie“ von 1895 auf: Beide behandeln abgewehrte Sexualität und die bedrohliche Wiederkehr des Verdrängten. Eine direkte Beschäftigung Manns mit Freud ist ab 1911 im Zusammenhang mit „Der Tod in Venedig“ nachweisbar. Um 1919 vertiefte er sich erneut in Freud, etwa im Umfeld des „Zauberberg“. Spätestens 1926 wurde Freuds Denken für ihn zentral, besonders für die Joseph-Tetralogie.

In „Mein Verhältnis zur Psychoanalyse“ nannte Mann die Psychoanalyse ein „merkwürdiges Gewächs wissenschaftlich-zivilisatorischen Geistes“. In „Freud und die Zukunft“ verband er Freud mit Nietzsche und Schopenhauer. Manfred Dierks lobt diesen Vortrag als eindrucksvoll, kritisiert aber, Mann entferne sich vom aufklärerischen Kern der Psychoanalyse und nähere sie metaphysischen Deutungen an. Problematisch ist auch Manns Bezug auf Jung, obwohl Jung sich antisemitisch gegen die „jüdische Psychoanalyse“ geäußert hatte. Dennoch konnte Mann Freuds Idee, das Unbewusste bewusst zu machen, später gegen den Nationalsozialismus wenden.

Jüdische Figuren im Werk

Die Darstellung jüdischer Figuren bei Thomas Mann gilt als besonders umstritten. In Werken wie „Buddenbrooks“, „Gladius Dei“, „Wälsungenblut“, „Tristan“ und „Doktor Faustus“ erscheinen Figuren, die oft nicht ausdrücklich als Juden bezeichnet werden, deren Judentum aber durch stereotype Merkmale nahegelegt wird. Die Forschung ordnet diese Stereotype körperlichen, geistigen und sozialen Kategorien zu: etwa auffällige Nasen, dunkle Augen, hässliches oder exotisches Aussehen, Geschäftstüchtigkeit, Intellektualität oder Außenseitertum.

In „Der Wille zum Glück“ erscheinen Baron von Stein, ein getaufter jüdischer Börsenspekulant, und seine Frau mit Brillanten als Figuren, die an antisemitische Klischees erinnern. Dieter Borchmeyer warnt jedoch vor einem vorschnellen Urteil, weil solche Darstellungen auch in der Literatur jüdischer Autoren des 19. Jahrhunderts vorkamen und die Familie mit Sympathie geschildert werde. In „Gladius Dei“ gilt Herr Blüthenzweig mit seiner „platt auf der Oberlippe liegenden Nase“, seiner Geschäftstüchtigkeit und Unterwürfigkeit als besonders klischeebeladenes Beispiel.

„Wälsungenblut“ ist eines der umstrittensten Werke Manns. Die Novelle schildert ein neureiches jüdisches Großbürgertum, dekadenten Snobismus und inzestuöse Nähe. Mann nannte sie mitunter seine „Judengeschichte“ und zog sie vor der Veröffentlichung zurück, als der Vorwurf einer antisemitischen Novelle aufkam. Später änderte er den Schlusssatz. Erst im Exil betonte er nachdrücklich, die Novelle sei kein Angriff auf das Judentum.

In „Buddenbrooks“ stehen die Hagenströms für wirtschaftlichen Aufstieg und Moderne, während die Buddenbrooks untergehen. Die Familie wird mit Zeichen des Fremden und Störenden beschrieben. Manche Forscher sehen darin antisemitische Untertöne und einen Sündenbock-Mechanismus; andere betonen, dass der Roman den Untergang der Buddenbrooks nicht durch jüdische Konkurrenz erklärt, sondern durch deren eigene Verfeinerung und Dekadenz.

In „Doktor Faustus“ erscheinen jüdische Figuren wie Chaim Breisacher, Saul Fitelberg und Dr. Carlebach. Die nationalsozialistische Judenverfolgung wird nicht ausführlich dargestellt, was Ruprecht Wimmer als „nicht mehr verständliches Manko“ bezeichnet. Mann selbst erkannte später die Gefahr einer antisemitischen Wirkung, weil Fitelberg und Breisacher kein Gegengewicht durch eine jüdische Figur von Würde erhielten; er dachte dabei an den „prophetischen Typus Buber“.

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