Zum Inhalt springen
L

Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand

Theremin

Es ist das einzige verbreitete Musikinstrument, das berührungslos gespielt wird und dabei direkt Töne erzeugt. Sein Name geht auf den Erfinder, den Russen Lew …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Instrument und Spielweise
  2. 2. Technischer Aufbau
  3. 3. Entwicklung und Geschichte
  4. 4. Renaissance und heutige Einsatzgebiete
  5. 5. Varianten und wichtige Aufnahmen

Instrument und Spielweise

Das Theremin ist ein 1919/1920 von dem russischen Physiker Lew Sergejewitsch Termen erfundenes elektronisches Musikinstrument. 1920 wurde es erstmals in Petrograd gezeigt; 1921 stellte Termen es in Moskau öffentlich vor. Im Westen nannte er sich später Leon Theremin. Das Instrument gilt als das einzige verbreitete Musikinstrument, das berührungslos gespielt wird und dabei unmittelbar Töne erzeugt.

Die Hände steuern zwei Metallstäbe, die als Spielantennen bezeichnet werden. Eine Hand verändert die Tonhöhe, die andere die Lautstärke. Rechtshänder benutzen normalerweise die rechte Hand für die Tonhöhe und die linke für die Lautstärke. Der Ton wird verstärkt und über einen Lautsprecher ausgegeben.

Ein Standardtheremin gibt keine optische oder haptische Rückmeldung. Die Spielenden müssen sich daher vollständig auf ihr Gehör verlassen. Der Einflussbereich der Tonhöhenantenne reicht etwa 40 bis 50 Zentimeter weit. Auch Arm und Körper können das Feld beeinflussen, weshalb der übrige Körper möglichst still gehalten werden muss.

Das Instrument ermöglicht eine kontinuierliche, theoretisch unendlich feine Veränderung von Tonhöhe und Lautstärke. Töne können beliebig lange gehalten werden. Weil die Tonhöhe stufenlos veränderbar ist, sind Glissandi und Vibrati besonders leicht möglich; das Theremin ist nicht auf Tonleitern beschränkt. Einzelne klar getrennte Töne zu spielen, ist dagegen schwierig. Das Instrument ist monophonisch, erzeugt also jeweils nur eine Melodiestimme, und seine Klangfarbe kann über Knöpfe verändert werden.

Clara Rockmore und später Lidija Kawina entwickelten Fingertechniken, mit denen weitgehend glissandofreies Spiel möglich wird. Carolina Eyck entwickelte 2006 die 8-Fingerpositionen-Technik. Dabei wird das elektromagnetische Feld auf die Länge einer Hand eingestellt; diese Entfernung entspricht einer Oktave. Eyck erklärte die Methode in ihrem 2006 erschienenen Buch Die Kunst des Thereminspiels. Das Theremin ist vergleichsweise einfach zu erlernen, aber auf hohem Niveau sehr schwer zu beherrschen. Sein Klang wird häufig als fragil, außerweltlich, unheimlich oder geisterhaft beschrieben.

Technischer Aufbau

Das Theremin arbeitet nach dem Prinzip eines kapazitiven Abstandssensors. Die Hand verändert über die jeweilige Elektrode die Kapazität eines LC-Schwingkreises. Ein LC-Schwingkreis besteht hier aus einer Spule und einem parallel geschalteten Kondensator. Die Hand beeinflusst außerdem die Güte, also die Dämpfung beziehungsweise Schwingungsqualität des Kreises.

Die Bezeichnung „Antenne“ ist technisch irreführend: Die Elektroden sehen zwar wie Antennen aus, senden und empfangen aber keine Funksignale. Die durch die Hand verursachten Kapazitätsänderungen liegen nur im Picofarad-Bereich. Deshalb arbeitet der Schwingkreis mit einer sehr hohen, für Menschen unhörbaren Grundfrequenz. In frühen Geräten wurden etwa 500 kHz verwendet; typisch ist ein Bereich von 100 kHz bis 1 MHz.

Für die Tonerzeugung wird das Heterodyn-Verfahren eingesetzt. Das variable Signal des an die Antenne angeschlossenen Oszillators wird mit dem Signal eines zweiten Oszillators fester Frequenz gemischt. Dabei entstehen Summen- und Differenzfrequenzen. Hörbar ist die Differenzfrequenz zwischen den beiden Schwingkreisen. Ein Verstärker verstärkt sie und leitet sie an den Lautsprecher weiter.

Die Lautstärke wird mit einem dritten Oszillator gesteuert. Dessen Frequenz wird in eine Spannung umgewandelt. Je näher die Hand der Lautstärkenantenne kommt, desto niedriger wird die Oszillatorfrequenz und desto stärker verändert sich die Steuerspannung.

Originale Theremine besaßen Röhrenoszillatoren; eine Hexode erzeugte die Differenzfrequenz. Moderne Instrumente verwenden häufig kleinere und weniger umweltabhängige Transistoroszillatoren. Termens ursprüngliches Instrument erzeugte fast reine Sinustöne. Durch zusätzliche Seitenbandfrequenzen und mehrere parallel geschaltete Oszillatorpaare wurde später eine reichere Klangfarbe möglich.

Das originale Theremin hatte ungefähr fünf Oktaven Tonumfang und konnte Schwingungen zwischen 0 und 2000 Hertz erzeugen. Es ist jedoch anzunehmen, dass der Lautsprecher Frequenzen erst ab etwa 60 Hz wiedergab. Seit den 1980er Jahren können experimentelle Theremine Bewegungen teilweise drei- statt nur zweidimensional verarbeiten. Seit den 1990er Jahren gibt es außerdem Instrumente mit Datenausgängen für Software und Computer.

Entwicklung und Geschichte

Das Theremin entstand in einer Zeit, in der Elektrizität zunehmend zur Tonerzeugung eingesetzt wurde. Frühere Vorläufer waren unter anderem das Telharmonium und das Audion Piano. Die Vakuumröhre machte elektronische Instrumente erstmals so klein und leicht, dass eine Person sie bedienen konnte.

1921 steuerte Termen zunächst die Tonhöhe mit Handbewegungen, während die Lautstärke noch über ein Pedal geregelt wurde. Bis 1923 war auch die Lautstärkesteuerung berührungslos möglich; Termen nannte das Instrument nun Thereminvox. Mitte der 1920er Jahre konnten Lautsprecher angeschlossen werden, und seit 1929 umfasste das Instrument vier statt zuvor drei Oktaven. 1928 erhielt Termen in den USA ein Patent. RCA produzierte dort ein 3½-Oktaven-Theremin in großen Stückzahlen, verkaufte aber insgesamt nur etwa 500 Exemplare.

In den 1920er und frühen 1930er Jahren galt das Instrument als Symbol von Fortschritt und Zukunft. Es wurde auf Konzert- und Showbühnen vorgeführt und unter anderem von Clara Rockmore virtuos gespielt. Komponisten wie Joseph Schillinger, Bohuslav Martinů, Edgar Varèse und Percy Grainger schrieben dafür. Ein bedeutender internationaler Erfolg war die Uraufführung von Schillingers First Airphonic Suite 1929 in Ohio. 1932 musste die Pariser Oper wegen großer Zuschauermengen bei einer Vorführung die Polizei rufen; in New York traten in Termens Theremin Electrical Symphony 16 Theremine und verwandte Instrumente auf.

Die breite Verbreitung scheiterte jedoch an der schwierigen Spielweise, der Wirtschaftskrise in den USA und dem Zweiten Weltkrieg. Termen verschwand 1938 aus den USA und wurde später im sowjetischen Lagersystem festgehalten. In der Sowjetunion erschwerte eine zunehmend avantgardefeindliche Kulturpolitik die Weiterentwicklung.

In den 1950er Jahren wurde das Theremin vor allem von Bastlern gebaut und in Filmmusik verwendet. In den 1960er Jahren setzten es Popbands ein, bevor es vom vielseitigeren Synthesizer verdrängt wurde. Eine wichtige Rolle spielte Robert Moog: Er ersetzte Röhren durch Transistoren, verkleinerte und verbilligte das Instrument, erweiterte den Tonumfang auf fünf Oktaven und gewann dabei Erfahrungen, aus denen später der Moog-Synthesizer entstand. Seit den 1990er Jahren produziert Moog Music wieder Theremine und ist heute der weltgrößte Thereminhersteller.

In der Sowjetunion blieb Konstantin Kowalski der wichtigste Interpret. Zwischen 1920 und 1976 gab er mehr als 3000 Solokonzerte. Von 1971 bis 1976 entwickelte er mit Lew Koroljow ein Transistor-Theremin mit optischer Tonhöhenanzeige. Nach Kowalskis Tod 1976 übernahm Lidija Kawina seine Position im elektronischen Ensemble. Ein staatliches Thereminzentrum in Moskau scheiterte Anfang der 1980er Jahre; seit 1992 gibt es dort jedoch ein Studio für elektronische Musik am Moskauer Konservatorium.

Renaissance und heutige Einsatzgebiete

Seit den 1990er Jahren erlebte das Theremin eine kleine Renaissance. Dazu trugen die Perestroika, ein neues Interesse an der Avantgarde des frühen 20. Jahrhunderts, elektronische Musik, das Internet und die Wiederentdeckung von Lew Termen und Clara Rockmore bei. Steven Martins Dokumentarfilm Theremin: An Electronic Odyssey von 1993 machte das Instrument international bekannt; der Film erhielt 1994 beim Sundance Film Festival den Preis für den besten Dokumentarfilm. Zum hundertsten Geburtstag Termens 1996 gab es weltweit Ehrungen und Retrospektiven.

Das Theremin ist bis heute überwiegend ein Nischeninstrument, wird aber in Neuer Musik, populärer Musik, Jazz, Film, Fernsehen und Musiktheater eingesetzt. Seine sichtbare, berührungslose Spielweise macht Aufführungen besonders wirkungsvoll. Außerdem wird es mit der Rückkehr performativer und ritualisierter Formen in der elektronischen Musik verbunden. Der minimalistische, oft gesangsähnliche Klang eignet sich auch für ruhige und meditative Musik.

In der Neuen Musik treten besonders Lidija Kawina, Barbara Buchholz und Carolina Eyck hervor. Buchholz entwickelte unter anderem ein Theremin, das über MIDI Samples aufrufen kann. Kalevi Aho widmete Carolina Eyck 2012 das Theremin-Konzert Acht Jahreszeiten; die Aufnahme wurde 2015 mit dem Echo Klassik ausgezeichnet. Das Instrument wurde auch in Olga Neuwirths Oper Bählamms Fest und in John Neumeiers Ballett Die kleine Meerjungfrau eingesetzt.

In der populären Musik erklingt es häufig als charakteristischer Effekt oder bei Liveauftritten, unter anderem bei den Beach Boys, Captain Beefheart, Led Zeppelin, Jean-Michel Jarre, Tom Waits, Sting, Zaz, Fishbone, Lord of the Lost und Pisse. Bei Good Vibrations verwendeten die Beach Boys allerdings ein Tannerin, eine nicht mehr vollständig berührungslose Variante mit Bandmanual. Auch Jazzmusiker wie Barbara Buchholz, Pamelia Stickney, Travis Dickerson und Gilda Razani setzen das Theremin ein.

Im Film wurde das Instrument zunächst in Odna – Allein (1931), später unter anderem in King Kong und die weiße Frau (1933) und Frankensteins Braut (1935) verwendet. Ab 1945 prägte es vor allem unheimliche und übernatürliche Filmmusik. Besonders deutlich hörbar setzte Miklós Rózsa es in The Lost Weekend und Spellbound ein. In Science-Fiction-Filmen der 1950er Jahre, etwa Das Ding aus einer anderen Welt (1951), Der Tag, an dem die Erde stillstand und Gefahr aus dem Weltall (1953), stand es für Fremdartigkeit und Bedrohung. Später wurde es auch parodistisch und für komische Effekte verwendet. Im Fernsehen ist es unter anderem in Outer Limits, Inspector Barnaby, Babylon 5, The Big Bang Theory, Die Simpsons und American Horror Story zu hören.

Varianten und wichtige Aufnahmen

Aus dem Theremin entstanden zahlreiche abgewandelte Instrumente. Das Tannerin erleichtert die Bedienung durch ein Bandmanual; bei anderen Varianten wird die Lautstärke über ein Pedal geregelt. Die in den 1980er Jahren von Wjatscheslaw Maximow und Lew Termen entwickelte Tonica war ein vereinfachtes Theremin für Kinder. Es wurden nur 25 Exemplare hergestellt, die sofort ausverkauft waren. Masami Takeuchi baute 2000 ein Theremin in eine Matrjoschka ein und nannte es Matryomin. Dieses besitzt meist nur eine Antenne für die Tonhöhe und ein kleineres Spielfeld. 2010 entstand ein Matryomin-Ensemble.

Optische Theremine verwenden zusätzliche sichtbare Orientierungshilfen, etwa Laserstrahlen in künstlichem Nebel. Das von Leila Hasan am MIT konstruierte Termenova-Laser-Theremin kalibriert Laser auf bestimmte Tonlagen. Wird ein Laserstrahl unterbrochen, kann der Abstand der Hand gemessen und mit Lautstärke oder Verzerrung verknüpft werden. Diese Instrumente blieben Prototypen. In der Sowjetunion entwickelte Theremine von Kowalski und Koroljow besaßen dagegen eine Tonhöhenanzeige, ein Lautstärkepedal und Knöpfe für Staccati und Triller.

Andere berührungslose Instrumente arbeiten mit denselben oder ähnlichen Ideen. Das Terpsiton besitzt eine vergrößerte Tonhöhenantenne und keine Lautstärkesteuerung; es kann theoretisch durch Tanzen gespielt werden. Radio Drum und Radio Baton messen Bewegungen und steuern Schlaginstrumente. Das Hypercello verbindet solche Sensoren mit einer celloähnlichen Spielweise. Foto-Theremine reagieren über Fotozellen auf Helligkeit. Die polyphone Chimaera misst Magnetfelder mit linearen Hall-Sensoren und Magneten an den Fingern. Weitere Systeme nutzen Infrarot, Ultraschall, Radar, Mikrowellen oder optische Sensoren. Das Projekt OpenTheremin veröffentlicht entsprechende Instrumente als frei weiterentwickelbare Open-Source-Hardware.

Als wichtige Aufnahmen nennt der Artikel Samuel Hoffmans Music Out of the Moon (1947–1949), Clara Rockmores The Art of the Theremin (1992), Lidija Kawinas Music from the Ether (1999), Barbara Buchholz’ Russia with Love (2006) und Moonstruck (2008), Touch! Don’t Touch! (2006) sowie Kalevi Ahos Theremin-Konzert Eight Seasons. Diese Veröffentlichungen dokumentieren sowohl klassische Bearbeitungen als auch Neue Musik und zeitgenössische Formen des Instruments.

Weiterlesen

Elektronisches Musikinstrument Instrumententypen · Drumcomputer · Elektronische Orgeln · Elektronisches Pianos/Stagepianos · Groovebox · Keyboard · Modularer Synthesizer · Sampler · Soundmodule … Vereinigte Staaten Vereinigte Staaten ; Amtssprache · Englisch ; Hauptstadt · Washington, D.C. ; Staats- und Regierungsform · föderale präsidentielle konstitutionelle Republik. Tonhöhe Die Tonhöhe wird in der Praxis mit der Frequenz (Schwingungsanzahl pro Zeitspanne) eines hörbaren Tones gleichgesetzt, genauer: mit der Grundfrequenz, … Neue Musik Neue Musik ist der Sammelbegriff für eine Fülle unterschiedlicher Strömungen komponierter westlicher Kunstmusik von etwa 1910 bis zur Gegenwart. Popmusik Popmusik (englisch pop music), kurz Pop, ist ein Genre der populären Musik, das Mitte der 1950er-Jahre in den USA und im Vereinigten Königreich entstand. Moog-Synthesizer Moog-Synthesizer sind Modulare Synthesizer von Robert Moog und die ersten ihrer Art, zu ihrer Produktion gründete er Moog Music. Erster Moog-Synthesizer … Interpretation (Musik) Interpretation oder (musikalischer) Vortrag bezeichnet in seiner musikpraktischen Bedeutung zunächst die Ausführung einer Komposition durch einen oder mehrere … Violine Die Violine oder Geige ist ein zu den Kastenhalslauten gehörendes Streichinstrument. Ihre vier Saiten (g – d 1 – a 1 – e 2) werden hauptsächlich mit den … Stehende Welle Eine stehende Welle, auch Stehwelle, ist eine Welle, bei der die Orte maximaler Auslenkung und die Orte ohne jede Auslenkung stillstehen. Posaune Die Bassposaune wird in der Regel nichttransponierend im Bassschlüssel notiert. Der Tenorschlüssel bildet die Ausnahme, der Altschlüssel kommt, wenngleich … Tonleiter Weit verbreitet sind diatonische Tonleitern in Dur und Moll oder die Kirchentonleitern. Tonleitern sind durch Tonabstände definiert. Die in der konkreten … Vibrato Vibrato bezeichnet die periodische Schwankung der Tonhöhe (Frequenzmodulation). · Tremolo bezeichnet die periodische Schwankung der Lautstärke ( …