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Violine
Die Violine oder Geige ist ein zu den Kastenhalslauten gehörendes Streichinstrument. Ihre vier Saiten (g – d 1 – a 1 – e 2) werden hauptsächlich mit den …
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Definition und Aufbau
Die Violine, auch Geige genannt, ist ein zur Gruppe der Kastenhalslauten gehörendes Streichinstrument und ein Chordophon. Ihre vier Saiten werden normalerweise mit einem Bogen gestrichen. Der etwa 35 bis 36 cm lange Korpus ist ein Hohlkörper und dient als Resonanzkörper. Er besteht aus der gewölbten Decke, dem gewölbten Boden und dem Zargenkranz.
Die Decke besteht aus Fichtenholz und besitzt zwei F-Löcher. Sie wird meist aus zwei mittig verleimten, spiegelbildlichen Teilen gefertigt. Unter dem Steg ist sie gewöhnlich 2,4 bis 3,5 mm dick. Für den Bau wird möglichst feinjähriges Holz verwendet, dessen Jahresringe eng und gleichmäßig liegen. Der Boden besteht meistens aus Ahorn, sehr selten aus Pappel oder Weide, und kann einteilig oder aus zwei verleimten Teilen bestehen. Die Zargen bilden die Seiten des Korpus. Randeinlagen aus drei schmalen Holzstreifen verzieren und stabilisieren die überstehenden Ränder von Decke und Boden.
Im Inneren verstärkt der schräg zur Faserrichtung verlaufende Bassbalken die Decke und erhöht ihre Anisotropie, also die richtungsabhängigen Eigenschaften des Materials, sowie ihre Steifigkeit. Er liegt asymmetrisch unter dem bassseitigen Stegfuß. Der Stimmstock, auch Seele oder Stimme genannt, ist ein etwa 6 mm dicker Fichtenholzstab. Er wird zwischen Decke und Boden eingepasst, aber nicht verleimt. Seine Position liegt ungefähr drei Millimeter unterhalb des dem Bassbalken gegenüberliegenden Stegfußes. Klötze und Reifchen stabilisieren zusätzlich die Zargen.
Der etwa 13 cm lange Hals ist in den Korpus eingeleimt. Mit ihm verbunden ist das ungefähr 27 cm lange Griffbrett, das etwa 14 cm über den Korpus ragt. Es besteht meist aus hartem und verschleißfestem Ebenholz. Am oberen Ende führt der Obersattel die Saiten in den Wirbelkasten. Dort befinden sich vier konische Wirbel zum Stimmen. Der Wirbelkasten endet meist in einer geschnitzten Schnecke; seltener kommen ein Frauen- oder Löwenkopf vor. Schnecke und andere bauliche Details können bei der Provenienzforschung alter Instrumente helfen.
Der feinjährige Ahornsteg steht ohne Befestigung auf der Decke und wird durch die Saitenspannung gehalten. Er überträgt die Schwingungen der Saiten auf den Korpus. Die Saiten laufen vom Wirbelkasten über den Steg zum Saitenhalter, der mit einer Henkelsaite am im Zargenloch befestigten Endknopf hängt. Am Saitenhalter können Feinstimmer angebracht sein. Verleimt wird meist mit Knochen- oder Hautleim. Dieser ist wasserlöslich und wird bei etwa 50 bis 60 °C weich, sodass ein erfahrener Geigenbauer das Instrument auseinandernehmen kann. Der Lack schützt das Holz und konserviert seine Schwingungseigenschaften; ein unfachmännischer Auftrag kann die Schwingfähigkeit der Decke stark einschränken.
Saiten, Bogen und Spieltechnik
Die vier Saiten sind in Quinten auf g–d¹–a¹–e² gestimmt. Die höchste Saite, die Chanterelle, ist meistens eine Stahlsaite. Saiten können aus Naturdarm, mit Silber- oder Aluminiumdraht umsponnenem Darm, Kunststoff oder Stahldraht bestehen. Darmsaiten reagieren stärker auf Temperatur- und Feuchtigkeitsänderungen und werden vor allem in der historischen Aufführungspraxis verwendet. In Deutschland und Österreich stimmen Orchester meist auf den Kammerton a¹ = 443 Hz, in der Schweiz vorwiegend auf 442 Hz; häufig ist auch 440 Hz gebräuchlich. Bei 443 Hz liegen die Frequenzen von e², a¹, d¹ und g bei 664,50 Hz, 443,00 Hz, 295,33 Hz und 196,89 Hz.
Der Bogen besteht meist aus Pernambuk. Seine Stange soll trotz Stabilität elastisch sein. Wegen des begrenzten Vorkommens von Pernambuk werden auch Bögen aus kohlenstofffaserverstärktem Kunststoff verwendet, deren klangliche und spieltechnische Qualitäten viele professionelle Musiker nicht als gleichwertig empfinden. Zwischen Frosch und Spitze sind etwa 150 bis 220 Rosshaare eingespannt. Sie werden mit Kolophonium, einem natürlichen Baumharz, griffig gemacht. Nach dem Spiel werden die Haare entspannt. Ein neuer Bogenbezug ist je nach Beanspruchung und Qualität nach zwei Monaten bis spätestens nach einem Jahr nötig. Ein Geigenbogen wiegt 55 bis 65 Gramm; sein Schwerpunkt sollte 24–25 cm vom Stangenanfang entfernt liegen, ohne Beinchen gemessen.
Die Violine liegt linksseitig auf Schulter und Brust. Die linke Hand greift die Saiten, die rechte Hand führt den Bogen. Gestrichen wird meist zwischen Griffbrettende und Steg, in modernen Kompositionen teilweise auch hinter dem Steg. Diese Stelle heißt Kontaktstelle. Lautstärke, Artikulation, Legato und Klangfarbe hängen besonders von einer Kombination aus Bogengewicht, Geschwindigkeit, Kontaktstelle und Kantung der Bogenhaare ab. Neben dem Streichen mit den Bogenhaaren sind col legno mit der Bogenstange, battuto mit den Bogenhaaren und pizzicato, das Zupfen mit den Fingern, möglich.
Da das Griffbrett keine Bünde besitzt, muss der Spieler die Saite exakt an der richtigen Stelle niederdrücken. Doppelgriffe ermöglichen zweistimmiges Spiel. Drei- oder vierstimmige Akkorde werden normalerweise arpeggiert, also nacheinander gebrochen. Kurz dauernde dreistimmige Akkorde können ohne Arpeggio erklingen; vierstimmiges Spiel ohne Arpeggio ist nur mit einem speziell konstruierten Rundbogen möglich. Vibrato entsteht unter anderem durch Rollen der Fingerkuppe, Kippbewegungen der Hand oder Bewegungen des Unterarms. Flageoletttöne entstehen, wenn ein Finger die Saite an einem Schwingungsknoten höherer Schwingungsmodi leicht berührt. Dadurch wird die Grundschwingung gedämpft und es erklingen Oberwellen, etwa die doppelte oder dreifache Frequenz.
Ein Dämpfer wird auf den Steg gesteckt oder an ihn herangeschoben. Er verringert die Schwingungsamplitude und begrenzt die Eigenfrequenz des Steges. Dadurch entsteht ein gewollt reduzierter, oft als „nasal“ oder „verschleiert“ bezeichneter Ton. Die Spielanweisung con sordino verlangt den Einsatz eines Dämpfers. Im Fortissimo erreicht die Violine am linken Ohr des Geigers Spitzenwerte von über 110 dB; in 6,5 m Entfernung liegen die Werte ungefähr bei 43–45 dB im Pianissimo und 73–80 dB im Fortissimo.
Die Violine wirkt nicht nur scheinbar symmetrisch. Bassbalken und Stimmstock liegen verschieden, die Wirbel sind versetzt angeordnet, die Saiten haben unterschiedliche Dicken und die Holzmaserung kann auf beiden Seiten verschieden sein. Die E-Saite liegt aus Sicht des Spielers rechts, passend zur Bogenführung der rechten Hand. Linkshänder spielen normalerweise wie Rechtshänder; Linkshändergeigen mit umgekehrter Saitenanordnung sind selten und in Orchestern meist nicht erwünscht.
Akustische Funktionsweise
Die Bogenhaare besitzen durch ihre Oberflächenstruktur und das Kolophonium eine hohe Haftkraft. Beim Streichen wird die Saite zunächst in Strichrichtung ausgelenkt. Sobald ihre Rückstellkraft größer als die Haftreibung ist, schnellt sie zurück und wird anschließend wieder vom Bogen erfasst. Dieser wiederholte Stick-Slip-Effekt regt die Saite dauerhaft an. Die Zahl der Wiederholungen pro Sekunde entspricht der Frequenz des gespielten Tons und hängt von der wirksamen Saitenlänge ab.
Die Saite allein bewegt zu wenig Luft, um einen gut hörbaren Ton zu erzeugen. Der Korpus arbeitet als Impedanzwandler: Er überträgt die Saitenschwingung, vergrößert die Abstrahlungsfläche und koppelt die Schwingung dadurch besser an die Luft an. Der Steg folgt zunächst der Saitenschwingung. Weil die Decke vor allem senkrecht zur Strichebene schwingt, wird der Steg zu einer Schaukelbewegung gezwungen. Stimmstock und Bassbalken verändern dabei die Lage der Drehachse und verteilen die Schwingungen unterschiedlich.
Bei tiefen Frequenzen arbeitet stärker der linke Stegfuß; bei hohen Frequenzen ist stärker der rechte Stegfuß aktiv. Dadurch werden die Schwingungen je nach Frequenz stärker über die Decke oder über Decke und Boden abgegeben. Bei tiefen Frequenzen schwingen Boden und Decke gegeneinander. Das eingeschlossene Luftvolumen wirkt dann als breitbandiger Hohlraumresonator, der über die F-Löcher Schall abstrahlt.
Auch die Tonart beeinflusst Spielbarkeit und Klang. Tonarten mit häufigem Einsatz leerer Saiten sind vergleichsweise einfach zu spielen. Hector Berlioz ordnete in Tabellen zu 19 Dur- und 19 Moll-Tonarten Schwierigkeitsgrade und Klangqualitäten zu. Beispielsweise bezeichnete er As-Dur als „nicht sehr schwer“ und „sanft, verschleiert, sehr edel“, e-Moll als „leicht“ und „schreiend, gewöhnlich“. Einige Tonarten nannte er „fast unausführbar“ oder „unausführbar“.
Entwicklung und historische Veränderungen
Die Entstehung der Violine lässt sich wegen fehlender erhaltener Frühinstrumente vor allem anhand norditalienischer Kunstwerke nachvollziehen. Die frühesten Gemälde mit Violininstrumenten entstanden ab 1508 in Ferrara; weitere Darstellungen bis in die 1530er Jahre gibt es unter anderem aus Finalpia, Parma, Padua, dem Mailänder Raum und dem Friaul. Den heutigen Violinen besonders nahe kommen Darstellungen aus der Werkstatt Gaudenzio Ferraris ab 1529/30. Die Bilder zeigen unterschiedliche Größen einer neu etablierten Instrumentenfamilie.
Die neue Bauweise unterschied sich von mittelalterlichen Streichinstrumenten, die aus massiven Holzblöcken gearbeitet waren. Die neuen Instrumente wurden aus mehreren, teilweise sehr dünnen Holzteilen zusammengeleimt. Außerdem bestand ihr Korpus aus Oberbügel, Mittelbügel und Unterbügel. Die erste urkundliche Erwähnung erfolgte 1523 in Turin, als „Trompeten und Violinen aus Vercelli“ am Hof des Herzogs von Savoyen ein Honorar erhielten. Italienische Geiger sind spätestens ab 1545 am englischen Hof, ab 1555 am französischen Hof und ab 1561 in München belegt.
Andrea Amati aus Cremona gilt als Begründer des italienischen Geigenbaus. Aus seiner Spätzeit, etwa ab 1560, sind prächtig bemalte Instrumente der Violin-Familie erhalten. Cremona blieb mindestens 200 Jahre ein Zentrum des italienischen Geigenbaus. Zu den von Nicola Amati ausgebildeten Geigenbauern gehörte Andrea Guarneri; besonders berühmt wurde später Giuseppe Guarneri „del Gesù“. Antonio Stradivari wurde zum Vorbild für Aussehen und Konstruktionsprinzipien vieler Violinen. Seit Andrea Amati hat sich die Grundform im Wesentlichen nicht verändert.
Bald wurden Violinen auch nördlich der Alpen gebaut. Jakob Stainer aus Absam schuf in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts die nach damaliger Einschätzung besten Violinen nördlich der Alpen. Unter welchen Umständen er das Handwerk in Italien gelernt hatte, ist umstritten. Sein Modell wurde in Deutschland, England und Italien nachgeahmt und verlor erst um 1800 an Einfluss.
Barockviolinen sind Instrumente des 17. und 18. Jahrhunderts. Seit den 1950er Jahren werden sie verstärkt für Aufführungen Alter Musik eingesetzt. Im 19. Jahrhundert erhielten Violinen häufig einen längeren, schräger angesetzten Hals, einen stärkeren Bassbalken, längere Saiten und einen gestreckt-konkaven Bogen. Dadurch stiegen Saitenspannung und Lautstärke, passend zu größeren Konzertsälen und Orchestern; Kritiker empfanden den Klang jedoch als härter und weniger lieblich. Neben vielen Reformversuchen entstanden preiswerte Manufakturgeigen. Der industrielle Geigenbau begann 1887 in Nagoya mit der Gründung der Suzuki Violin Co. Ltd. durch Masakichi Suzuki. Spätere Kunststoff- und CFK-Violinen zielten auf Wetterfestigkeit und Serienfertigung, konnten klanglich aber nur begrenzte Ansprüche erfüllen. Billiginstrumente werden zu Preisen ab 50 Euro verkauft.
Lernen und musikalische Verwendung
Das Violinspiel kann bereits im Alter von drei bis sechs Jahren beginnen. Pädagogen sehen einen möglichst frühen Beginn grundsätzlich als vorteilhaft und für eine erfolgreiche Karriere als unbedingt empfehlenswert an. Für Kinder gibt es angepasste Größen von ⁷⁄₈, ³⁄₄, ¹⁄₂, ¹⁄₄ und ¹⁄₈ sowie sogar ¹⁄₁₆ und ¹⁄₃₂. Die Bruchteile bezeichnen nicht die tatsächliche Größenproportion: Eine ³⁄₄-Geige ist nur etwa 6 % kleiner als eine ganze, eine ¹⁄₂-Geige nur etwa 12 %. Maßgeblich ist meist die Armlänge. Ein früher Beginn ist ein wichtiger Bestandteil der Suzuki-Methode. Zu den bedeutenden Lehrwerken gehören Leopold Mozarts Violinschule von 1756, Tartinis erstes Lehrwerk über Bogenführung sowie systematische französische Lehrwerke seit der Gründung des Pariser Konservatoriums. Im 20. Jahrhundert waren unter anderem Carl Flesch und Ivan Galamian einflussreich.
In der europäischen Kunstmusik spielt die Violine solistisch, in der Kammermusik und im Orchester eine herausragende Rolle. Im Barock entstanden zahlreiche Werke für Violine allein und die ersten Violinkonzerte. In der Kammermusik ist sie in Gattungen wie Violinsonate, Klaviertrio, Streichquartett und Streichquintett besonders wichtig und führt oft die Melodie. Im Orchester gibt es seit der Barockzeit Erste und Zweite Geigen, meist mehrfach besetzt. In einer groß besetzten romantischen Sinfonie spielen im Allgemeinen 16 Erste und 14 Zweite Geigen. Der erste Konzertmeister sitzt vorne in der ersten Geigengruppe und trägt besondere Verantwortung für das Orchester.
Als Tanzinstrument wurde die Violine im 17. Jahrhundert bedeutend. Tanzkapellen bestanden im 18. Jahrhundert häufig aus zwei Violinen und Bass: Die erste spielte die Melodie, die zweite ergänzte Rhythmen und Akkorde. In der europäischen Volksmusik wird sie oft Fiedel oder Fiddle genannt und ist in vielen regionalen Traditionen verbreitet. Sie wurde außerdem in arabische und persische Musik übernommen; in Iran kann sie seit Anfang des 20. Jahrhunderts das klassische Repertoire der Kamānče übernehmen. In Südindien ist sie neben der Vina das wichtigste Saiteninstrument und wird gegen die Brust gestützt schräg abwärts gehalten. In Südostasien erscheint sie unter Bezeichnungen wie tayaw, biola und biyolin in verschiedenen regionalen Musikstilen.
In Tango, Jazz, Crossover, Folk-Rock, Folk Metal, Rock und Metal wird die Geige ebenfalls eingesetzt. Elektrische Violinen ermöglichen Verstärkung, Klangveränderung und Verzerrung; in Big Bands kann sie dadurch auch als Soloinstrument über den Bläsern spielen. In Symphonic Rock und Metal, Gothic und Dark Metal ersetzen bei Liveauftritten aus Kostengründen häufig Synthesizer die Streicher.
Zur Instrumentenfamilie gehören die größere und tiefer klingende Bratsche sowie das Violoncello. Der Kontrabass verbindet Eigenschaften der Gamben- und der Geigenfamilie. Kleinere Formen sind unter anderem Tanzmeistergeige, Violino piccolo, Kurzhalsgeige und Rebec. Die 1899 in London entwickelte Strohgeige besitzt keinen Resonanzkörper; ihr Schall wird über einen Hebel, eine Membran und einen Metalltrichter geleitet. Historische Übungsinstrumente wie die Brettgeige sowie moderne elektrische Violinen ohne Resonanzkörper zeigen weitere Möglichkeiten, den Klang abzunehmen oder zu übertragen.