Zum Inhalt springen
L

Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand

Wilhelm Dilthey

Wilhelm Dilthey (* 19. November 1833 in Biebrich; † 1. Oktober 1911 in Seis am Schlern, Südtirol) war ein deutscher Theologe, Gymnasiallehrer und Philosoph.

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Grundgedanke und Bedeutung
  2. 2. Leben und akademischer Weg
  3. 3. Leben, Erlebnis und Bewusstsein
  4. 4. Geisteswissenschaften und Hermeneutik
  5. 5. Weltanschauungen und Metaphysik
  6. 6. Wirkung, Kritik und Werke

Grundgedanke und Bedeutung

Wilhelm Dilthey (19. November 1833 in Biebrich; 1. Oktober 1911 in Seis am Schlern, Südtirol) war ein deutscher Theologe, Gymnasiallehrer und Philosoph. Er gilt als wichtiger Begründer einer Theorie der Geisteswissenschaften. Damit sind Wissenschaften gemeint, die menschliche Geschichte, Kultur, Gesellschaft, Sprache, Kunst, Religion und Handeln untersuchen.

Dilthey wandte sich gegen den Naturalismus seiner Zeit. Naturalismus bedeutet hier: Man versucht, auch das Innenleben des Menschen nach denselben mechanisch-kausalen Gesetzen zu erklären wie Naturvorgänge. Dilthey hielt das für unzureichend. Menschliches Leben soll nicht nur erklärt, sondern verstanden werden. Es steht für ihn in geschichtlichen und kulturellen Zusammenhängen. Deshalb entwickelte er eine Lebensphilosophie, in der Leben, Erlebnis, Ausdruck und Verstehen zentrale Begriffe sind.

Sein lebenslanges Projekt nannte er eine „Kritik der historischen Vernunft“. Damit wollte er, ähnlich wie Kant für die Naturwissenschaften, die Grundlagen der Geisteswissenschaften klären. Anders als Kant verstand Dilthey Vernunft nicht als überzeitlich gleichbleibende Größe, sondern als geschichtlich geprägt. Ziel der Geisteswissenschaften ist für ihn ein „Verstehen des Lebens und der Geschichte“.

Leben und akademischer Weg

Dilthey wurde 1833 als Sohn einer calvinistischen Predigerfamilie geboren. Sein Vater Maximilian Dilthey war nassauischer Oberhofprediger, seine Mutter Maria Laura Heuschkel war Tochter des herzöglichen Kapellmeisters Johann Peter Heuschkel. Dilthey besuchte das Gymnasium in Wiesbaden und hielt 1852 zum Abitur einen Vortrag über den Einfluss des griechischen Altertums auf die Jugend.

Er studierte in Heidelberg und Berlin Theologie, Geschichte und Philosophie, unter anderem bei August Boeckh, Kuno Fischer, Leopold von Ranke und Friedrich Adolf Trendelenburg. 1856 legte er das erste theologische Staatsexamen ab. Danach arbeitete er als Lehrer am Französischen und am Joachimsthalschen Gymnasium in Berlin. 1864 promovierte er mit einer lateinischen Arbeit über Friedrich Schleiermachers Ethik, habilitierte sich über das moralische Bewusstsein und wurde Privatdozent an der Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität.

1867 erhielt Dilthey ein philosophisches Ordinariat in Basel. Danach lehrte er in Kiel von 1868 bis 1871 und in Breslau von 1871 bis 1883. 1870 erschien der erste Band von Das Leben Schleiermachers, der seinen Ruf als historischer Geisteswissenschaftler begründete. In Breslau begann auch seine Freundschaft mit Graf Paul Yorck von Wartenburg, mit dem er einen wichtigen Briefwechsel über philosophische und geisteswissenschaftliche Fragen führte.

1874 heiratete Dilthey Katharina Püttmann. Sie hatten drei Kinder: Helene, Clara und Maximilian. Clara Dilthey heiratete später Georg Misch und gab Teile des Nachlasses ihres Vaters heraus. 1882 wurde Dilthey als Nachfolger Hermann Lotzes nach Berlin berufen, wo er von 1883 bis 1908 lehrte. 1883 erschien der erste Band der Einleitung in die Geisteswissenschaften. 1894 veröffentlichte er Ideen über eine beschreibende und zergliedernde Psychologie; nach scharfer Kritik Hermann Ebbinghauses gab er Pläne für einen zweiten Band der Einleitung auf.

Um 1900 unterstützte Dilthey die Frauenbewegung. Er gehörte der Vereinigung zur Veranstaltung von Gymnasialkursen für Frauen an und förderte Studentinnen, darunter Anna Tumarkin, Helene Stöcker und Gertrud Bäumer. 1906 wurde er mit Das Erlebnis und die Dichtung auch außerhalb der Fachwelt bekannter. 1911 erschien der Sammelband Weltanschauung, Philosophie und Religion, auf den Edmund Husserl mit Philosophie als strenge Wissenschaft kritisch reagierte. Im selben Jahr starb Dilthey nach einer Ruhr-Erkrankung.

Leben, Erlebnis und Bewusstsein

Diltheys Lebensphilosophie sucht den Ausgangspunkt nicht im bloß denkenden Subjekt, sondern im ganzen Menschen. Der Mensch ist für ihn nicht nur ein Verstandeswesen, sondern ein Wesen, das denkt, fühlt, will, handelt, bewertet und in einer Außenwelt lebt. Gegen ältere Bewusstseinstheorien betont Dilthey, dass Bewusstsein kein abgeschlossener innerer „Kasten“ ist. Innenwelt und Außenwelt, Geist und Körper, Denken und Handeln sind im Leben immer schon miteinander verbunden.

Der zentrale Begriff ist das Erlebnis. Erlebnis meint nicht nur ein einzelnes Gefühl oder Ereignis, sondern die unmittelbare Weise, in der Wirklichkeit für einen Menschen da ist. Für Dilthey liegt aller Realität das Erleben zugrunde. Das Leben ist ein Zusammenhang von Erlebnissen; diese stehen nie isoliert nebeneinander, sondern sind in die Biographie und den gesamten Lebenszusammenhang einer Person eingebettet.

Damit kritisiert Dilthey auch die Vorstellung eines Subjekts, das sich erst beweisen müsste, dass es eine Außenwelt gibt. Die Abtrennung von Subjekt und Außenwelt könne man theoretisch behaupten, aber nicht wirklich erleben. Alles, was für uns Bedeutung hat, ist bereits in Lebenszusammenhänge eingebunden. Verstehen ist deshalb für Dilthey eine Bewegung „von Leben zu Leben“: Man versteht menschliche Äußerungen, indem man sie aus einem Lebenszusammenhang heraus nachvollzieht.

Geisteswissenschaften und Hermeneutik

Dilthey unterscheidet Naturwissenschaften und Geisteswissenschaften durch ihre Grundmethode. Naturwissenschaften erklären Naturvorgänge, indem sie sie als Fälle allgemeiner Gesetze auffassen. Geisteswissenschaften versuchen historisch-kulturelle Geschehnisse zu verstehen. Verstehen bedeutet bei Dilthey ein aktives Nacherleben fremden Daseins, wie es sich in Schrift, Sprache, Gesten, Mimik, Kunst, Gesetzen, religiösen Vorstellungen oder gesellschaftlichen Ordnungen ausdrückt.

Diese Unterscheidung ist bei Dilthey nicht absolut. Er wollte keine völlig scharfe Trennung, sondern die Eigenart der Geisteswissenschaften sichtbar machen. In seinem späten Werk Der Aufbau der geschichtlichen Welt in den Geisteswissenschaften von 1910 beschreibt er sie mit der Formel Erleben, Ausdruck, Verstehen: Menschliche Zustände werden erlebt, gelangen in Lebensäußerungen zum Ausdruck und können in diesen Ausdrücken verstanden werden.

Die Methode dafür ist die Hermeneutik, also die Auslegung und Interpretation von Sinnzusammenhängen. Dilthey knüpft an Friedrich Schleiermacher an, erweitert die Hermeneutik aber über Texte hinaus auf alle menschlichen Lebensäußerungen. Bedeutung ist für ihn immer kontextabhängig. Ein Wort versteht man aus dem Textzusammenhang; ebenso versteht man Kunstwerke, Gesten, Institutionen oder religiöse Vorstellungen nur aus ihrem größeren Sinnzusammenhang.

Dabei entsteht der hermeneutische Zirkel: Das Einzelne wird aus dem Ganzen verstanden, aber das Ganze erschließt sich erst durch das Einzelne. Für Dilthey ist das kein Fehler, sondern ein Grundzug allen Verstehens. Jede Beobachtung und jede Erkenntnis setzt schon ein Vorverständnis voraus. Deshalb gibt es auch in den Naturwissenschaften keine völlig interpretationsfreien „Rohdaten“.

Zur Grundlage der Hermeneutik machte Dilthey eine verstehende Psychologie. Diese soll nicht, wie eine erklärende Psychologie, einzelne seelische Vorgänge nach naturwissenschaftlichem Muster zerlegen. Sie soll ein individuelles Erlebnis im Zusammenhang der ganzen Person beschreiben und verstehen. Später ergänzte Dilthey diesen Ansatz durch den Begriff des objektiven Geistes. Damit meint er geschichtlich entstandene gemeinsame Lebensformen wie Regeln, Werte, Handlungsweisen, Sprache, gesellschaftliche Ordnungen und Zwecksetzungen. Wer zum Beispiel eine politische Entscheidung im Mittelalter verstehen will, muss nicht nur einzelne Personen nachempfinden, sondern auch ihre kulturellen und sozialen Bedingungen kennen.

Weltanschauungen und Metaphysik

Dilthey sah die großen metaphysischen Systeme als gescheitert an. Metaphysik meint hier den Versuch, eine objektive Gesamtwirklichkeit unabhängig vom menschlichen Lebenszusammenhang endgültig zu bestimmen. 1887 sprach Dilthey davon, dass die „Systeme der Metaphysik“ gefallen seien. Trotzdem wollte er diese Systeme nicht einfach verwerfen. Er fragte, aus welchen Lebenserfahrungen, Grundstimmungen und geschichtlichen Zusammenhängen sie entstanden sind.

Daraus entwickelte er seine Weltanschauungslehre. Eine Weltanschauung ist bei Dilthey kein reines Ergebnis des Denkens. Sein „Hauptsatz der Weltanschauungslehre“ lautet: „Die Weltanschauungen sind nicht Erzeugnisse des Denkens. Sie entstehen nicht aus dem bloßen Willen der Erkenntnis. […] Aus dem Lebensverhalten, der Lebenserfahrung, der Struktur unserer psychischen Totalität gehen sie hervor.“ Die „letzte Wurzel der Weltanschauung“ ist für ihn „das Leben“.

Philosophische Systeme versteht Dilthey daher als Ausdruck verschiedener Perspektiven auf das Leben. Sie können nicht einfach wie einzelne Aussagen als wahr oder falsch behandelt werden, sondern müssen in ihrem geschichtlichen Sinn verstanden werden. Eine „Philosophie der Philosophie“ soll diese Systeme untersuchen und zeigen, welche gesellschaftliche Funktion, welche Grundstimmung und welche innere Denkform in ihnen wirksam sind.

Dilthey unterscheidet drei Haupttypen der Weltanschauung. Der Naturalismus bevorzugt Sensualismus als Erkenntnistheorie und Materialismus als Metaphysik; er ist vom Kampf gegen religiöse und spiritualistische Metaphysik getragen. Der Idealismus der Freiheit betont die frei handelnde Person und die Unabhängigkeit des Geistes von mechanischen Naturgesetzen; als Vertreter nennt der Artikel Kant und Schiller. Der objektive Idealismus hebt die universelle Harmonie des Weltganzen hervor; als Vertreter werden Goethe, Hegel und die Stoa genannt. Dilthey betonte, dass diese Einteilung vorläufig ist und nur durch historische Vergleichung gewonnen wird. Später fügte er noch den Typus der naturalistisch-positivistischen Weltanschauung hinzu.

Wirkung, Kritik und Werke

Diltheys Hermeneutik beeinflusste stark die späteren Diskussionen über Natur- und Geisteswissenschaften. An ihn knüpften unter anderem Martin Heidegger, Hans-Georg Gadamer und Paul Ricœur an. Als unmittelbare Nachfolger werden Hans Lipps, Herman Nohl, Theodor Litt, Eduard Spranger, Georg Misch und Erich Rothacker genannt. Auch Martin Buber, Theodor W. Adorno, Ernst Cassirer, Emilio Betti, Karl-Otto Apel und Jürgen Habermas erhielten Anregungen von Dilthey. Oswald Spenglers Der Untergang des Abendlandes nahm Elemente von Diltheys Weltanschauungslehre auf.

Heidegger griff in Sein und Zeit Diltheys Thema der Geschichtlichkeit auf. Auch das Konzept der Grundstimmung wurde für Heidegger wichtig. Gadamer setzte sich kritisch mit Dilthey auseinander: Ihm blieb Diltheys Begründung der Geisteswissenschaften noch zu stark an den Naturwissenschaften orientiert. Wolfgang Stegmüller kritisierte dagegen Diltheys Unterscheidung zwischen Naturwissenschaften und Geisteswissenschaften überhaupt.

Ein weiterer Kritikpunkt betrifft den Relativismus. Weil Dilthey alle Weltanschauungen und metaphysischen Systeme auf geschichtliche Lebenszusammenhänge zurückführt, wurde ihm vorgeworfen, objektive Wahrheit preiszugeben. Edmund Husserl reagierte 1911 mit Philosophie als strenge Wissenschaft und unterschied die Weltanschauung von einer strengen Wissenschaft mit überzeitlichem Wahrheitsanspruch. Dilthey wies in einem Brief an Husserl den Vorwurf zurück, er vertrete historischen Relativismus oder skeptische Konsequenzen.

Zu Diltheys wichtigen Werken gehören Einleitung in die Geisteswissenschaften von 1883, Ideen über eine beschreibende und zergliedernde Psychologie von 1894, Die Entstehung der Hermeneutik von 1900, Das Erlebnis und die Dichtung von 1906, Das Wesen der Philosophie von 1907, Der Aufbau der geschichtlichen Welt in den Geisteswissenschaften von 1910 und Die Typen der Weltanschauung und ihre Ausbildung in den metaphysischen Systemen von 1911. Seine Gesammelten Schriften erschienen in zahlreichen Bänden; die ersten Bände wurden von Schülern Diltheys herausgegeben.

Weiterlesen

Naturalismus (Philosophie) Der Naturalismus ist die Auffassung, dass die Welt als ein rein von der Natur gegebenes Geschehen zu begreifen ist. Er geht davon aus, dass alles natürliche … Naturwissenschaft Unter dem Begriff Naturwissenschaft werden Wissenschaften zusammengefasst, die empirisch arbeiten und sich mit der Erforschung der Natur befassen. Hermeneutik Die Hermeneutik (altgriechisch ἑρμηνεύειν hermēneúein, deutsch ‚erklären', ‚auslegen', ‚übersetzen') ist die Theorie der Interpretation von Texten und des … Weltanschauung Weltanschauungen sind teils soziokulturell bestimmt, also traditionsgebunden, teils geprägt durch transkulturelle philosophische oder religiöse Vorstellungen, … Calvinismus Die fünf Punkte des Calvinismus · Völlige Verdorbenheit/Unfähigkeit (Total depravity) · Bedingungslose Erwählung (Unconditional election) · Begrenzte Versöhnung/ … Wiesbaden Wiesbaden ist die Landeshauptstadt des Landes Hessen und mit ihren 15 Thermal- und Mineralquellen eines der ältesten Kurbäder Europas. Friedrich Schleiermacher Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher (* 21. November 1768 in Breslau, Schlesien; † 12. Februar 1834 in Berlin) war ein deutscher evangelischer Theologe, … Edmund Husserl Husserls Denken prägte die Philosophie des 20. Jahrhunderts besonders in Deutschland und Frankreich und ist bis in die Gegenwart von großer Wirkung. Zu Husserls … Immanuel Kant Hier wird der kategorische Imperativ als grundlegendes Prinzip der Ethik entwickelt und die Idee der Freiheit, die in der ersten Kritik für die theoretische … John Stuart Mill Mill war Anhänger des Utilitarismus, der von Jeremy Bentham, dem Lehrer und Freund seines Vaters James Mill, als Nutz-Ethik entwickelt wurde. Seine … Erkenntnistheorie Dabei wird auch untersucht, was Gewissheit und Rechtfertigung ausmacht und welche Art von Zweifel an welcher Art von Überzeugungen objektiv bestehen kann. Johann Gustav Droysen Den Begriff „Hellenismus“ erhob er anschließend mit seiner wegweisenden Geschichte des Hellenismus zur Epochenbezeichnung für die Zeit zwischen Alexander und …