Zum Inhalt springen
L

Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand

Thematische Strukturierungskonzepte im Geschichtsunterricht

Zahlreiche gegenwartsbezogene Probleme können durch den historischen Längsschnitt historisch aufgearbeitet und erklärt sowie verständlich werden. ... Reflexionen …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Bedeutung und Einsatz im Geschichtsunterricht
  2. 2. Zeitliche und strukturelle Zugriffe
  3. 3. Exemplarische Untersuchung und Vergleich
  4. 4. Biographische Zugriffe
  5. 5. Geschichtsdarstellungen kritisch prüfen

Bedeutung und Einsatz im Geschichtsunterricht

Thematische Strukturierungskonzepte sind Formen, Geschichte darzustellen und historische Gegenstände narrativ oder didaktisch zu verknüpfen. Sie gehören zu jeder Präsentation von Vergangenheit und sind deshalb für Planung, Durchführung und Reflexion von Geschichtsunterricht grundlegend.

Sie beantworten die Frage, wie ein historisches Thema erschlossen und dargestellt werden kann. Die inhaltsbezogene Strukturierung ist dabei von der unterrichtsmethodischen Strukturierung zu unterscheiden: Letztere ist ihr vorgelagert. In problemorientiertem Geschichtsunterricht kann die Wahl der Darstellungsform besonders wichtig sein, schließt historische Erkenntnisverfahren aber nicht aus.

Amtliche Richtlinien verlangen, dass in einem Schuljahr mehrere Konzepte angewendet werden. Schülerinnen und Schüler sollen außerdem deren Leistungen und Grenzen reflektieren. Es handelt sich nicht um bloße Erfindungen der Geschichtsdidaktik, sondern um grundsätzliche Verfahrensweisen der Geschichtswissenschaft, die im Unterricht eingesetzt werden.

Zeitliche und strukturelle Zugriffe

Das genetisch-chronologische Verfahren stellt Ereignisse in ihrer zeitlichen Reihenfolge dar. Ein Gegenstand wird von seinem Ursprung bis zu seinem jeweiligen endgültigen Zustand verfolgt. Im Mittelpunkt stehen kausale Zusammenhänge, also Beziehungen zwischen Ursachen und Ergebnissen. Dadurch soll verständlich werden, wie historische Entwicklungen zustande kamen. Problematisch ist, dass Geschichte auf Daten, Fakten und zwanghafte Abläufe reduziert werden könnte. Deshalb muss das Verfahren kritisch gewählt werden und Raum für Fragen und Problematisierungen lassen.

Der Längsschnitt untersucht einen Teilaspekt über verschiedene Epochen oder universalgeschichtliche Zeiträume hinweg auf vergleichbare Merkmale. Er macht Veränderbarkeit in unterschiedlichen Faktoren sichtbar, ermöglicht einen Gegenwartsbezug und kann gegenwärtige Probleme historisch erklären. Große Zeiträume lassen sich dadurch überbrücken; Geschichte wird in ihren „Tiefendimensionen“ erfahrbar. Die Gefahr besteht darin, dass isoliert betrachtete Probleme oder Erscheinungen zu einfach erklärt werden.

Das strukturierende Verfahren hebt die vertikale Mehrschichtigkeit historischer Sachverhalte hervor. Eine Epoche kann etwa anhand ihrer typischen strukturbildenden Elemente untersucht werden; häufig steht dabei das Statische im Vordergrund. Es eignet sich für sozialintegrativen, fächerübergreifenden, projektförmigen Unterricht und Gruppenarbeit, weil mehrere Elemente eines Sachverhalts unter verschiedenen Aspekten bearbeitet werden können.

Exemplarische Untersuchung und Vergleich

Die Fallanalyse untersucht ein historisches Ereignis oder einen Prozess als eng zeitlich und regional begrenzten exemplarischen Fall. An ihm können besondere Aspekte und Strukturen sehr genau, gleichsam mikroskopisch, analysiert werden. Danach muss zu den allgemeinen Aspekten des Themas zurückgekehrt werden. Vorausgehen soll eine inhaltliche Orientierung: das „Regel-Beispiel-Regel“ Prinzip.

Der Fall sollte ein relevantes Schlüsselereignis sein und möglichst viele themen- und epochentypische Merkmale enthalten. Ob ein Fall tatsächlich repräsentativ ist und wie viele historische Kategorien er erfasst, muss jeweils geprüft werden. Einen „reinen Fall“ gibt es sicher nie. Außerdem kann die Genauigkeit in Pedanterie umschlagen. Die verbreitetste Form ist das Lokalmodell, etwa Industrialisierung oder Reformation in einer Stadt oder Region X. Auch Konfliktanalysen wie der Weberaufstand und Ereignisanalysen wie der Sturm auf die Bastille sind möglich.

Das vergleichende Verfahren vergleicht zwei historische Phänomene systematisch, die zeitlich oder regional unterschiedlich liegen; es ist also intertemporal oder interregional. Vergleichbar sind beispielsweise Strukturen wie Familie, Verfassung, Herrschaft und Stadt, Verläufe wie Revolutionen und Staatsbildungen sowie Tendenzen wie Kapitalismus und Sozialismus. Auch die Behandlung von Minderheiten, Erziehungsgrundsätze oder Ernährung können verglichen werden.

Ein Vergleich setzt zunächst die Analyse der einzelnen Gegenstände voraus und integriert daher andere Verfahren, etwa Längsschnitt, Querschnitt oder Fallanalyse. Die Kontrastierung zeigt Unterschiede, die Generalisierung oder Verallgemeinerung Übereinstimmungen. Das Verfahren fördert Begriffs-, Modell- und Theoriebildung. Risiken sind unreflektierte Generalisierungen, die zu hypothesengestützten Pauschalisierungen werden, sowie wenig aussagekräftige Kontrastierungen ohne systematische Analyse.

Biographische Zugriffe

Individualisierende oder biographische Verfahren setzen unterschiedliche Schwerpunkte und sollen deshalb als eigenständige Unterformen unterschieden werden.

Das sozialbiographische Verfahren ist eine exemplarische Fallanalyse, die eine Person oder Gruppe untersucht. Von einer Biographie aus sollen Rückschlüsse auf soziale Strukturen einer Gesellschaft möglich werden. Zeittypische und schichtspezifische Habitus, politische Positionen und Lebenssituationen sollen erkennbar sein. Es verbindet die Vorteile und Risiken von Fallanalyse und Vergleich: Tiefe und Konkretheit stehen möglichen Problemen wie Pedanterie, einem fehlenden „reinen Fall“, Generalisierung und Pauschalisierung gegenüber. Zugleich spricht es gezielt die Empathie der Schülerinnen und Schüler an.

Das von Klaus Bergmann entwickelte „personifizierende“ Verfahren ist eine besondere Form: Es verwendet erfundene biographische Auszüge und Aspekte statt realer Persönlichkeiten. Dies wird genutzt, weil aus unterprivilegierten Schichten vieler Epochen häufig keine Biographien und Textquellen erhalten sind.

Das personalisierende Verfahren ist ebenfalls biographisch und eine Form der Fallanalyse, steht aber einer ereignisgeschichtlichen, genetisch-chronologischen Perspektive nahe. Es betrachtet das Handeln einer Person oder Gruppe vor allem im Zusammenhang mit seiner Bedeutung für den Verlauf der Geschichte. Seit den 1960er Jahren galt es lange als verpönt, weil Strukturen und Handlungsgefüge stärker betont wurden. Zunehmend wird jedoch wieder versucht, die Bedeutung einzelner Personen und Handlungen ausgewogen zu den kontextuellen Interdependenzen und strukturellen Bedingungen ins Verhältnis zu setzen.

Geschichtsdarstellungen kritisch prüfen

Das perspektiv-ideologiekritische Verfahren untersucht Darstellungen von Geschichte kritisch. Im Mittelpunkt stehen nicht originäre, zeitgenössische Quellen zum historischen Gegenstand, sondern spätere, retrospektive und erinnernde Darstellungen. Dazu zählen vor allem Zeitungen, Schulbücher und Reden, aber auch Bilder und Denkmäler.

Diese Darstellungen werden für Schülerinnen und Schüler selbst zu Quellen. Mit Methoden historischer Erkenntnisverfahren sollen sie mögliche ideologische und politische Färbungen sowie Absichten der Urheber erkennen, die deren Geschichtsbild prägen. Ziel ist, Qualität und „Objektivität“ konkreter und zukünftiger Darstellungen besser beurteilen zu können. Zugleich sollen Grenzen der Wahrheitsfindung in der Geschichtswissenschaft sichtbar werden.

Lernvideos zu Thematische Strukturierungskonzepte im Geschichtsunterricht

Weiterlesen

Geschichte Unter Geschichte versteht man im Allgemeinen diejenigen Aspekte der Vergangenheit, derer Menschen gedenken und die sie deuten, um sich über den Charakter … Geschichtsunterricht Geschichtsunterricht, kurz Geschichte, bezeichnet jede Form institutionalisierter Unterweisung in Geschichte, besonders als Unterrichtsfach in der Schule. Geschichtsdidaktik Geschichtsdidaktik ist diejenige wissenschaftliche Disziplin, die sich mit der Form, Entstehung und Förderung von Geschichtsbewusstsein beschäftigt. Hans-Jürgen Pandel Hans-Jürgen Pandel (* 2. Dezember 1940 in Oppeln) ist ein deutscher Historiker, Geschichtsdidaktiker und emeritierter Professor an der … Geschichtswissenschaft Die Geschichtswissenschaft ist die methodisch gesicherte Erforschung und Rekonstruktion von Aspekten der Menschheitsgeschichte oder Geschichte auf der Basis … Projektunterricht Kommunikationskompetenz zum Herstellen und Pflegen von Kontakten, zur gemeinsamen Reflexion und Arbeit im Projekt; Organisationskompetenz als Teil der … Industrialisierung Dieser Artikel behandelt die Industrialisierung. Zum historischen Epochenbegriff der Industriellen Revolution, die in England ihren Ausgang nahm, siehe … Reformation Ihr Beginn wird traditionell auf den 31. Oktober 1517 datiert, als Martin Luther seine 95 Thesen gegen den Ablasshandel an die Tür der Schlosskirche zu … Sturm auf die Bastille Der Sturm auf die Bastille (französisch La prise de la Bastille ‚die Einnahme der Bastille') am 14. Juli 1789 gilt als eines der bedeutenden Ereignisse am … Personengeschichte Die Personengeschichte ist ein Teilbereich der Geschichtswissenschaft. Sie erforscht historische Einzelschicksale sowie das Verhältnis zwischen Person und … Klaus Bergmann Klaus Bergmann (* 23. Februar 1938 in Essen; † 18. November 2002 in Gießen) war ein deutscher Historiker und Geschichtsdidaktiker an der Universität Gießen. Quelle (Geschichtswissenschaft) Für die Definition einer Quelle ist das Forschungsinteresse des jeweiligen Historikers entscheidend. Aus dieser und aus der inneren und äußeren Form der Quellen …