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Personengeschichte
Die Personengeschichte ist ein Teilbereich der Geschichtswissenschaft. Sie erforscht historische Einzelschicksale sowie das Verhältnis zwischen Person und …
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Begriff und Bedeutung
Die Personengeschichte ist ein Teilbereich der Geschichtswissenschaft. Sie untersucht historische Einzelschicksale und fragt nach dem Verhältnis zwischen Person und Gemeinschaft. Im Mittelpunkt stehen also nicht nur einzelne Menschen, sondern auch die sozialen Gruppen und historischen Strukturen, in denen sie handeln und von denen sie geprägt werden.
Heute wird Personengeschichte so verstanden, dass einzelne Personen in ihrem historischen Umfeld untersucht werden. Dazu gehören auch Personengruppen wie Familien, soziale Gruppen, Berufsgruppen oder konfessionelle Gruppierungen. Der Grundgedanke ist: Gesellschaften bilden sich aus Personen und aus sozialen Gruppen, die von Personen geformt werden.
Entwicklung der Personengeschichte
Als Biographie gibt es Personengeschichte seit der Antike, zum Beispiel bei Plutarch. In der Alten Geschichte ist sie als Prosopographie eine wichtige moderne Forschungsmethode. Prosopographie bedeutet, dass nicht nur eine einzelne Biografie betrachtet wird, sondern mehrere Personen einer Gruppe untersucht werden, um gemeinsame Merkmale, Netzwerke oder soziale Strukturen zu erkennen.
Die Biografie blieb eine populäre Form der Geschichtsdarstellung. Seit den 1960er Jahren wurde sie aber stark kritisiert, besonders von Vertretern der Historischen Sozialwissenschaft in Deutschland, zum Beispiel Hans-Ulrich Wehler. Kritiker sahen sie als zu beschränkt und schwer vereinbar mit der Strukturgeschichte. Strukturgeschichte untersucht vor allem langfristige gesellschaftliche, wirtschaftliche und politische Strukturen statt einzelner Personen.
Kritik an Personalisierung
Ein wichtiger Kritikpunkt war, dass die personalisierende Geschichtsdarstellung im 19. Jahrhundert bedeutende historische Personen stark betonte und sie manchmal idealisierte oder heroisierte. Imanuel Geiss kritisierte diese Tendenz; Thomas Carlyle gilt als Beispiel für eine solche Betonung großer Persönlichkeiten. Joachim Rohlfes beschrieb, dass vor allem „geistige Führer, Staatsmänner, Erfinder, Entdecker, Glaubenshelden“ lebendig gemacht werden sollten, weil ihnen ein besonderer erzieherischer Einfluss zugeschrieben wurde.
Dabei wurden einfache „kleine“ Menschen, Männer und Frauen als politisch Handelnde, sowie gesellschaftliche Strukturen oft übersehen. Michael Sauer kritisierte, historische Prozesse würden dadurch unzulässig auf Einzelne reduziert, vereinfacht, individualisiert und entpolitisiert. Die Hauptprobleme der Personalisierung liegen demnach darin, dass sie die Rolle und Bedeutung der „Massen“ unterschätzt und die Strukturgeschichte vernachlässigt. Diese Kritik ähnelt in Teilen dem historischen Materialismus, wie er in Bertolt Brechts Gedicht „Fragen eines lesenden Arbeiters“ popularisiert wurde, teilt aber nicht dessen historischen Determinismus.
Personifizierung als Gegenkonzept
Ein didaktisches Problem der Personalisierung kann darin liegen, dass junge Menschen Anpassungsbereitschaft, Ohnmachtsgefühl und Manipulierbarkeit entwickeln. Klaus Bergmann warnte davor, dass Personalisierung, besonders wenn sie mit Heroisierung gleichgesetzt wird, das Geschichtsbewusstsein und die politische Einstellung negativ beeinflussen könne.
Bergmann setzte 1972 das Konzept der Personifizierung dagegen. Personifizierung bedeutet: Geschichte wird anhand konkreter handelnder und leidender Menschen dargestellt, besonders anhand „namenloser“ Personen oder „kleiner Leute“. Diese Menschen haben eine eigene Perspektive auf Geschichte und stehen zugleich stellvertretend für soziale Gruppen. Nicht das einzigartige Individuum ist entscheidend, sondern die Person als Typus, also als Vertreterin oder Vertreter einer Gruppe. So können abstrakte Gruppen ein Gesicht bekommen, und auch Alltagsgeschichte kann stärker in die Geschichtsdarstellung einfließen.
Personalisierung im Unterricht
In der Geschichts- und Politikdidaktik bezeichnet Personalisierung die Zuschreibung von Verantwortung für historische und politische Veränderungen an einzelne, möglicherweise herausragende Persönlichkeiten. Ältere Entwicklungspsychologie und Pädagogik, besonders das Konzept der Volkstümlichen Bildung, hielten diese Form für passend zum kindlichen Entwicklungsstand oder zur „Bildsamkeit“ der Mehrheit der Bevölkerung.
Bis in die 1960er Jahre war Personalisierung ein ausdrücklich gefordertes Prinzip der Lehrererzählung. Historische Prozesse sollten Kindern in konkreten, novellistisch und dramatisch gestalteten Erzählungen nahegebracht werden. Einzelne herausragende Persönlichkeiten, oft „große Männer“, wurden dabei als verantwortlich dargestellt. Beispiele aus dem Artikel sind Friedrich der Große und Otto von Bismarck, die als abgehobene, geniale Persönlichkeiten vermittelt wurden.
Besonders problematisch wurde diese Methode bei „negativen Helden“ wie Erich Ludendorff oder besonders Hitler. In den 1960er und 1970er Jahren geriet Personalisierung deshalb stark in die Kritik. Empirische Untersuchungen zum Geschichtsbild der Jugend zeigten, dass Jugendliche meist nur wenigen herausragenden Persönlichkeiten Einfluss zuschrieben und kaum Vorstellungen über eigene Partizipationsmöglichkeiten hatten. Ein bewusst personalisierender Geschichtsunterricht wurde dafür mitverantwortlich gemacht, unter anderem von Ludwig von Friedeburg und P. Hübner 1964/1970.
Heutige Sicht
Heute werden Persönlichkeiten und Strukturen nicht mehr als Gegensätze verstanden, die sich ausschließen. Joachim Rohlfes beschreibt ihr Verhältnis als „interdependentes Verhältnis, bei dem das eine ins andere greift“. Die Leitidee lautet daher nicht: Strukturen oder Persönlichkeiten, sondern Strukturen und Persönlichkeiten.
Seit den 1990er Jahren wurde das Narrative im Geschichtsunterricht wieder stärker beachtet, im Zusammenhang mit historischer Phantasie und Imagination, zum Beispiel bei Rolf Schörken. Personalisierung beziehungsweise Personifizierung gilt etwa bei Opferbiografien in nationalsozialistischen Konzentrationslagern als didaktischer „Königsweg“ der Gedenkstättenpädagogik. Auch Oral History, also die Arbeit mit mündlichen Erinnerungen und Zeitzeugenberichten, ist eine Form personifizierter Geschichtsdarstellung.