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The Sisters (Joyce)

The Sisters ist eine Kurzgeschichte von James Joyce, die in ihrer ursprünglichen Fassung als von George William Russell initiierte Auftragsarbeit erstmals …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Werk und zentrale Bedeutung
  2. 2. Handlung
  3. 3. Erzählweise und mögliche Deutung
  4. 4. Leitmotive und Symbole
  5. 5. Entstehung und Stellung im Gesamtwerk

Werk und zentrale Bedeutung

„The Sisters“ („Die Schwestern“) ist eine Kurzgeschichte von James Joyce. Ihre erste Fassung erschien am 13. August 1904 in der Zeitschrift The Irish Homestead; die mehrfach überarbeitete Endfassung eröffnet den 1914 veröffentlichten Erzählzyklus „Dubliners“. Die Geschichte bildet zugleich den Auftakt der sogenannten „Childhood Stories“, in denen Erfahrungen eines möglicherweise identischen Jungen auf verschiedenen Altersstufen dargestellt werden.

Im Mittelpunkt steht ein etwa 13-jähriger, namenloser Ich-Erzähler. Nach dem Tod seines geistlichen Mentors Reverend James Flynn versucht er, die widersprüchlichen Äußerungen der Erwachsenen und seine eigenen Gefühle zu verstehen. Dabei sucht er vergeblich Orientierung bei einer Autorität, die selbst an ihrem Amt zerbrochen ist. Die Erzählung führt zentrale Themen des gesamten Zyklus ein: Isolation, Frustration, Resignation und vor allem „Paralyse“, also die körperliche, geistige und gesellschaftliche Lähmung des Lebens im Dublin um 1900. Zugleich deutet sie eine Abhängigkeit der irischen Gesellschaft von einer repressiven und als korrumpiert dargestellten katholischen Kirche an.

Die äußere Handlung ist gering, Anfang und Ende bleiben offen. Entscheidend sind die Gedanken des Jungen, unvollständige Gespräche und symbolische Einzelheiten. Der Text verlangt daher, dass Leserinnen und Leser die unausgesprochenen Zusammenhänge selbst erschließen.

Handlung

Die Endfassung spielt am Abend des 1. Juli 1895 und am folgenden Tag in Dublin. Der Junge denkt zunächst an Pater Flynn, der nach seinem dritten Schlaganfall offenbar keine Hoffnung mehr hat. Beim Abendessen teilt Old Cotter, ein Bekannter von Onkel und Tante des Erzählers, den Tod des Priesters mit. Cotter und der Onkel äußern sich abfällig und nur andeutungsweise über Flynn. Sie halten den engen Umgang des Jungen mit dem Geistlichen für schädlich und meinen, er hätte mehr mit Gleichaltrigen spielen und Sport treiben sollen. Der Junge ist wütend, zeigt es aber nicht.

Im Bett versucht er, den Sinn dieser Bemerkungen zu erfassen. In einem Wachtraum beziehungsweise Traum erscheint ihm Flynn lächelnd und nuschelnd, als wolle er etwas beichten. Der Junge versteht das Geständnis nicht. Am nächsten Morgen geht er zu dem Haus, in dem Flynn nach seiner Entbindung von den priesterlichen Pflichten bei seinen Schwestern Nannie und Eliza gelebt hat. Im Fenster ihres bescheidenen Textilgeschäfts hängt nun eine Todesanzeige anstelle des Schildes „Neubespannung von Schirmen“. Der Junge wagt nicht anzuklopfen. Überraschend empfindet er weniger Trauer als erwartet, sogar ein Gefühl der Befreiung.

Am Abend begleitet ihn seine Tante in das Trauerhaus. Flynn liegt in priesterlicher Kleidung mit einem Kelch in den Händen im offenen Sarg. Sein Gesicht erscheint dem Jungen grimmig, grau und riesig. Beim Gebet kann er seine Gedanken nicht sammeln. Anschließend berichten die Schwestern zunächst von Flynns friedlichem Tod. Dann erklärt Eliza, die Pflichten des Priesteramtes seien für ihren übermäßig gewissenhaften Bruder zu schwer gewesen. Nachdem er während einer Messe einen Kelch fallen gelassen und zerbrochen hatte, sei er verwirrt und psychisch instabil geworden. Später hätten ihn ein Küster und ein weiterer Geistlicher nachts hellwach und leise lachend in seinem Beichtstuhl gefunden. Elizas letzter Satz bricht ab: „Und da natürlich, als sie das sahen, kam ihnen der Gedanke, dass mit ihm irgendetwas nicht mehr stimmte …“ Eine eindeutige Aufklärung gibt es nicht.

Erzählweise und mögliche Deutung

Die Geschichte ist auf die eingeschränkte Wahrnehmung des jugendlichen Ich-Erzählers begrenzt. Auktoriale Erläuterungen, also Kommentare eines allwissenden Erzählers, fehlen. Dadurch wirkt das Erleben unmittelbar, doch weder der Junge noch das Publikum erhält sichere Antworten. Die Handlung entfaltet sich in Szenen mit wechselnden Orten und Figuren; widersprüchliche Aussagen ergänzen oder korrigieren einander.

Typisch sind Aposiopesen, also bewusst abgebrochene Sätze, außerdem Auslassungen, sprachliche Fehlleistungen und mehrdeutige Andeutungen. Das Unausgesprochene betrifft besonders Flynns Persönlichkeit, sein mögliches Fehlverhalten und seine Beziehung zum Jungen. Daher gibt es keine allgemein anerkannte Gesamtdeutung. Flynn wurde unter anderem als kranker und leidender Pfarrer, als seines Amtes enthobener Priester oder als Vertreter einer repressiven Kirche verstanden; weitergehende Deutungen sehen in ihm etwa einen Simonisten oder eine sexuell anrüchige Figur. Der Text entscheidet diese Fragen nicht.

Der Junge schwankt zwischen Anziehung und Abstoßung. Flynn hat ihn in kirchlichen und eucharistischen Fragen unterrichtet und möglicherweise für das Priesteramt gewinnen wollen. Zugleich erkennt der Junge, wie schwer die Verantwortung für Eucharistie und Beichtgeheimnis ist. Nach Cotters Bemerkungen, dem Traum und den Aussagen der Schwestern beginnt er sich offenbar von seinem Mentor und möglicherweise auch vom angestrebten Priesteramt zu lösen.

Als „epiphany“ bezeichnet Joyce eine plötzliche geistige Offenbarung, die sich etwa in einer Äußerung, einer Geste oder einem eindringlichen Bewusstseinsmoment zeigen kann. Das offene Ende lässt sich als eine solche Epiphanie lesen: Der Junge könnte plötzlich erkennen, dass Flynns Paralyse nicht nur körperlich war. Diese Erkenntnis wird jedoch weder ausgesprochen noch vom Erzähler erklärt und bleibt daher eine mögliche, nicht unumstrittene Lesart.

Leitmotive und Symbole

Drei Schlüsselwörter strukturieren die Erzählung: „paralysis“ (Paralyse), „gnomon“ (Gnomon) und „simony“ (Simonie). Paralyse bezeichnet zunächst Flynns körperliche Lähmung, wird aber zugleich mit geistigem Verfall, Sünde und der Erstarrung der Dubliner Gesellschaft verbunden. Für den Jungen klingt das Wort wie der Name eines bösartigen und sündigen Wesens, das ihn gleichzeitig erschreckt und anzieht.

Ein Gnomon ist in der euklidischen Geometrie die Restfläche eines halbierten oder ausgeschnittenen Parallelogramms, die mit der ursprünglichen Figur eine Ecke gemeinsam hat. Er kann deshalb Unvollständigkeit symbolisieren: Die Gespräche bleiben fragmentarisch, wichtige Informationen fehlen, und auch Flynns geistliche oder charakterliche Integrität erscheint fraglich. Als Schattenzeiger einer Sonnenuhr kann der Gnomon außerdem auf stillstehende Zeit, Verfall und Tod verweisen.

Simonie bedeutet den Handel mit geistlichen Gütern oder Ämtern. Mit ihr wird der Schnupftabak verbunden, den der Junge Flynn auf Veranlassung seiner Tante schenkt. Im Traum scheint der Junge den „Simonisten“ Flynn von seiner Sünde loszusprechen. Wegen Flynns zitternder Hände fällt der Tabak regelmäßig auf sein altes, grünlich verblichenes Priestergewand. Das beschmutzte Amtskleid kann für die Unzulänglichkeit eines kirchlichen Würdenträgers stehen; das Grün stellt zugleich einen Bezug zu Irland her. In dieser Lesart verkörpert Flynn die als beschädigt oder korrumpiert dargestellte katholische Kirche Irlands.

Auch Kelch, Brot und Wein erzeugen eucharistische Bezüge. Im Trauerhaus lehnt der Junge die angebotenen Cream Cracker ab, trinkt aber Sherry; zusammen mit dem Kelch beim Toten spiegelt dies seinen inneren religiösen Zwiespalt. Tante, Nannie und Eliza führen ihn zum Priester und zur kirchlichen Welt hin, geben ihm durch ihre Enthüllungen aber zugleich Anlass, deren Verhüllungen zu durchschauen.

Weitere Leitmotive sind Fensterblicke, Hell-Dunkel-Kontraste und Kerzenlicht. Sie verbinden Außen- und Innenwelt sowie sichtbare Realität und verborgene Bedeutung. Diese Details liefern keine eindeutigen Lösungen, sondern regen jeweils eine mögliche Epiphanie beim Jungen und beim Publikum an.

Entstehung und Stellung im Gesamtwerk

Joyce schrieb die erste Version im Frühjahr 1904, während er an „Stephen Hero“ arbeitete. George William Russell hatte den zweiundzwanzigjährigen Autor um eine einfache, spannende und gefühlvolle Geschichte für The Irish Homestead gebeten. Joyce veröffentlichte sie unter dem Pseudonym „Stephen Daedalus“. Bereits im Juli 1904 beschrieb er jedoch den Plan eines Zyklus namens „Dubliners“, der die Seele jener „Hemiplegia oder Paralyse“ zeigen sollte, die viele für eine Stadt hielten.

Aus der Auftragsarbeit entwickelte sich ein zusammenhängendes Gesamtwerk. Bis 1906 entstanden zwölf Geschichten; Joyce überarbeitete „The Sisters“ zwischen 1904 und 1909 mehrfach grundlegend. In der ersten Fassung standen die aufopferungsvollen, aber wenig gewürdigten Schwestern stärker im Mittelpunkt. Spätere Fassungen verlagerten den Schwerpunkt auf den Jungen und Flynn. Joyce entfernte Erklärungen, machte die Dialoge fragmentarischer und ergänzte die Schlüsselbegriffe Gnomon und Simonie sowie den Kelch im Sarg. Zugleich verankerte er die Handlung genauer im realen Dublin, beispielsweise durch die „St. Catharine’s Church“ an der Meath Street.

Als Eröffnung von „Dubliners“ nimmt die Endfassung Themen, Motive und Techniken des gesamten Bandes vorweg. Fenster, Kerzen, Paralyse, enttäuschte Erwartungen, Aussparungen und Epiphanien kehren in späteren Geschichten wieder. Besondere Bezüge bestehen zur letzten Erzählung des Zyklus, „The Dead“, in der unter anderem Fenster- und Kerzenmotive verändert aufgenommen werden. „The Sisters“ gilt deshalb als Keimzelle des Erzählbandes und als wichtige Grundlage für Joyces späteres Romanwerk. Inhaltlich verdichtet die Geschichte zudem Themen aus „Stephen Hero“ und „Ein Porträt des Künstlers als junger Mann“.

Die erste deutsche Übersetzung von Georg Goyert erschien 1928 als „Die Schwestern“ in der Sammlung „Dublin“. Dieter E. Zimmers Neuübersetzung folgte 1969; später erschienen weitere deutsche Übersetzungen. Im Februar 2017 wurde die Geschichte unter der Regie von Matthew James Eberle als 15-minütiger Kurzfilm verfilmt.

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