Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Thales
... Satz des Thales gemeint ist. Der Satz des Thales ist ein mathematischer Lehrsatz, nach dem ein Dreieck, von dem eine Seite dem Durchmesser seines Umkreises …
Inhalt6 Abschnitte
Bedeutung und Quellenlage
Thales von Milet war ein vorsokratischer Naturphilosoph, Geometer und Astronom des archaischen Griechenlands. Er wurde wahrscheinlich um 624/23 v. Chr. in Milet geboren und starb zwischen 548 und 544 v. Chr. ebenda. Er gilt als frühester namentlich bekannter Philosoph und Mathematiker.
Wichtig ist Thales vor allem, weil die antike Überlieferung ihn als Begründer der Naturphilosophie, Astronomie und Geometrie ansah. Naturphilosophie meint hier den Versuch, die Welt durch allgemeine Ursachen in der Natur zu erklären, nicht nur durch Mythen.
Die Quellenlage ist unsicher: Thales hat wahrscheinlich keine Schriften hinterlassen. Fast alles, was über ihn bekannt ist, stammt von späteren antiken Autoren wie Herodot, Platon, Aristoteles und Diogenes Laertios. Diogenes Laertios lebte etwa 800 Jahre nach Thales und nutzte selbst widersprüchliche Quellen. Viele Einzelheiten können deshalb legendarisch sein; nur ein grobes Bild gilt als plausibel.
Leben und politisches Wirken
Thales stammte aus Milet an der Westküste Kleinasiens. Seine Eltern hießen Examyes und Kleobuline. Ob er phönizischer Herkunft war, ist umstritten; auch griechische und karische Abstammung werden genannt. Über seine Familie gibt es widersprüchliche Angaben: Vielleicht hatte er eine Frau und ein Kind, vielleicht war er unverheiratet und adoptierte den Sohn seiner Schwester.
Auch die Lebensdaten sind in den Quellen unterschiedlich überliefert. Spätere Berechnungen und Korrekturen, besonders durch Hermann Diels, führten zu der heute oft genannten Datierung: Geburt um 624/23 v. Chr., Tod um 546/45 v. Chr. oder allgemein zwischen 548 und 544 v. Chr.
Thales hielt sich vermutlich zeitweise in Ägypten und vielleicht auf Kreta auf. Nach Diogenes Laertios habe er von den Ägyptern, besonders von Priestern, gelernt; Pamphile schreibt ihm zu, dort Geometrie gelernt zu haben.
In Milet hatte Thales wahrscheinlich politischen Einfluss. Er wurde zu den Sieben Weisen gezählt, einer Gruppe berühmter griechischer Männer, zu denen auch Staatsmänner wie Solon gehörten. Berichte schildern ihn als politischen Ratgeber, etwa mit dem Vorschlag eines gemeinsamen ionischen Versammlungshauses in Teos oder mit dem Rat an die Milesier, kein Bündnis mit Kroisos einzugehen. Einzelne Geschichten widersprechen sich oder wirken später erfunden, doch insgesamt erscheint eine politische Rolle in Milet plausibel.
Naturphilosophie: Wasser als Ursprung
Thales ist in die Philosophiegeschichte eingegangen, weil er das Wasser als archḗ bezeichnet haben soll. Archḗ bedeutet Anfang, Ursprung oder Urgrund aller Dinge. Nach Aristoteles war Thales der erste Philosoph, der nach einem solchen Urgrund fragte.
Aristoteles berichtet, Thales habe das Wasser als Ursprung gewählt, weil Nahrung aller Lebewesen feucht sei, Wärme aus Feuchtigkeit entstehe und Samen feuchter Natur seien. Außerdem habe Thales gelehrt, dass die Erde auf Wasser ruhe. Diese Vorstellung erinnert an ältere kosmologische Ideen aus dem Alten Orient und aus griechischer Dichtung, etwa an den Okeanos als Ursprung von allem.
Für Aristoteles war wichtig, dass Thales nur einen Ursprung annahm und dass dieser materieller Natur war. Damit unterschied er sich von späteren Denkern wie Empedokles, der vier Ursprünge Feuer, Wasser, Luft und Erde annahm, oder Anaximander, der einen nicht näher bestimmten Ursprung, „das Unbegrenzte“, lehrte.
Weitere Aussagen der Überlieferung schreiben Thales zu, der Kosmos sei beseelt und voller Gottheiten. Aristoteles berichtet, Thales habe die Seele als Bewegungsursache verstanden: Weil ein Magnet Eisen bewege, habe er dem Magnetstein eine Seele zugeschrieben. Auch Bernstein und Magneteisen werden in diesem Zusammenhang genannt. Zur Erklärung der jährlichen Nilüberschwemmung soll Thales die Etesien genannt haben, also Sommerwinde, die dem Abfluss des Nils ins Mittelmeer entgegenwirkten.
Mathematik und Technik
Thales wurde in der Antike mit mehreren mathematischen Erkenntnissen verbunden. Am bekanntesten ist der Satz des Thales: Ein Dreieck, bei dem eine Seite der Durchmesser seines Umkreises ist, ist ein rechtwinkliges Dreieck. Diogenes Laertios überliefert, Thales habe als Erster ein rechtwinkliges Dreieck in den Kreis eingetragen; diese Stelle wird meist auf den Satz des Thales bezogen.
Eine weitere bekannte Überlieferung besagt, Thales habe die Höhe der Pyramiden mithilfe ihrer Schatten gemessen: Er habe den Schatten in dem Moment gemessen, in dem der menschliche Schatten genauso lang war wie der Körper. Dieses Verfahren gilt als früher Vorläufer eines späteren Strahlensatzes. Der Wahrheitsgehalt ist aber umstritten, weil die Methode bei Pyramiden nur unter besonderen Bedingungen praktisch funktioniert.
Proklos schreibt Thales weitere geometrische Erkenntnisse zu: Der Durchmesser halbiert den Kreis; in einem gleichschenkligen Dreieck sind die Winkel an der Grundlinie gleich; Scheitelwinkel sind gleich. Außerdem führt Eudemos den dritten Kongruenzsatz auf Thales zurück und vermutet, dass Thales ihn zur Berechnung der Entfernung von Schiffen auf dem Meer verwendet habe. Wie das praktisch geschehen sein soll, ist unklar.
Auch eine technische Leistung wird berichtet: Thales habe den Fluss Halys zumindest teilweise umgeleitet, damit Kroisos’ Heer ihn überqueren konnte. Herodot bezweifelte diese Geschichte und erklärte die Überquerung mit bestehenden Brücken.
Astronomie
Thales wurde auch mit frühen astronomischen Kenntnissen verbunden. Herodot berichtet, Thales habe das Jahr einer Verfinsterung richtig vorhergesagt, die während einer Schlacht zwischen Lydern und Medern eingetreten sei. Häufig wird dies als totale Sonnenfinsternis gedeutet. Rückrechnungen passen am ehesten zur Sonnenfinsternis vom 28. Mai 585 v. Chr.
Die Überlieferung ist jedoch unsicher. Herodot sagt nicht eindeutig, welche Art von Verfinsterung gemeint war. Totale Sonnenfinsternisse sind selten, und mit dem Wissen der Zeit war es wahrscheinlich nicht möglich, den genauen Zeitpunkt einer Sonnenfinsternis im Voraus zu berechnen. Vielleicht sagte Thales etwas anderes voraus, das später mit dieser Verfinsterung verbunden wurde. Der Astronom Miguel Querejeta hält eine Vorhersage mithilfe eines Zyklus ähnlich dem Saroszyklus nicht völlig für ausgeschlossen, betont aber, dass ein Treffer Zufall gewesen wäre und kaum auf wissenschaftlicher Berechnung beruhte.
Diogenes Laertios überliefert außerdem, Thales habe als erster Astronomie betrieben, Sonnenfinsternisse vorhergesagt und Sonnenwenden festgelegt. Er soll die Sonnenbahn von Wende zu Wende bestimmt, das Verhältnis von Sonnen- und Monddurchmesser zum jeweiligen Bahnumfang als 1:720 angegeben, die Jahreszeiten eingeführt und das Jahr in 365 Tage geteilt haben. Der Mondkrater Thales ist nach ihm benannt.
Anekdoten und Nachwirkung
Zwei Anekdoten sind besonders bekannt. Nach Aristoteles soll Thales wegen seiner Armut verspottet worden sein, als ob Philosophie nutzlos sei. Aufgrund von Sternbeobachtungen habe er jedoch eine reiche Olivenernte vorhergesehen, im Winter Ölpressen in Milet und Chios billig gemietet und sie später bei hoher Nachfrage gewinnbringend weitervermietet. Damit habe er zeigen wollen, dass Philosophen reich werden könnten, wenn sie wollten, dies aber nicht ihr Ziel sei.
Nach Platon fiel Thales beim Blick zu den Sternen in einen Brunnen. Eine thrakische Magd verspottete ihn, weil er die Dinge am Himmel erkennen wolle, aber nicht sehe, was vor seinen Füßen liege. Diese Geschichte wurde oft als Beispiel für die Spannung zwischen theoretischem Denken und praktischer Alltagssicht erzählt.
Eine weitere oft erzählte, aber widersprüchlich überlieferte Geschichte berichtet, Thales habe einen Dreifuß erhalten, der dem weisesten Menschen bestimmt gewesen sei. Als Zeichen späterer Ehrung wurde außerdem die Pflanzengattung Thalesia Bronner aus der Familie der Weinrebengewächse nach ihm benannt.