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Solon

Solon (altgriechisch Σόλων Sólōn [só.lɔːn]; * wohl um 640 v. Chr. in Athen; † vermutlich um 560 v. Chr.) war ein athenischer Staatsmann und Lyriker.

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Solon als Reformer und Wegbereiter Athens
  2. 2. Krise, Eunomie und Abschaffung der Schuldsklaverei
  3. 3. Gesetze, Bürgergemeinschaft und politische Teilhabe
  4. 4. Politisches Denken und Ablehnung der Tyrannis
  5. 5. Reisen, Nachwirkung und Quellenkritik

Solon als Reformer und Wegbereiter Athens

Solon (wohl um 640 v. Chr. in Athen geboren, vermutlich 560 v. Chr. oder kurz danach gestorben) war ein athenischer Staatsmann und Lyriker. Er wirkte in einer schweren Krise der attischen Polis, also des griechischen Stadtstaats, und verband politische Reform, Gesetzgebung und dichterische Argumentation. In der Antike zählte man ihn zu den sieben Weisen Griechenlands. Die moderne Forschung sieht ihn vor allem als wichtigen Vor- und Wegbereiter der späteren attischen Demokratie, nicht jedoch ohne Weiteres als deren Gründer.

Sein politisches Grundverständnis beruhte auf drei miteinander verbundenen Ideen: der Abschaffung und dauerhaften Ächtung der Schuldsklaverei, der Mitverantwortung jedes Bürgers für das Gemeinwesen und der Bindung aller an ein schriftlich festgelegtes Gesetzeswerk. Solon lehnte es ab, seine herausgehobene Stellung zur Errichtung einer Tyrannis, also einer Alleinherrschaft, zu nutzen. Nach Abschluss seines Reformwerks verließ er Athen für längere Zeit. Die neue Ordnung sollte daher von den Bürgern selbst getragen und weiterentwickelt werden.

Die Überlieferung ist jedoch unsicher. Angaben zu Solons Leben, zur Datierung seiner Reformen, zu einzelnen Gesetzen und zu seinen Gedichten stammen überwiegend aus späteren Quellen. Daher muss zwischen relativ gut gesicherten Informationen, umstrittenen Berichten und späteren Zuschreibungen unterschieden werden.

Krise, Eunomie und Abschaffung der Schuldsklaverei

Solon wurde zum Schlichter und Versöhner der Bürgerschaft berufen, weil sich die soziale Krise Athens zugespitzt hatte. Viele Kleinbauern waren verschuldet. Wohlhabende Grundbesitzer konnten zahlungsunfähige Bürger zu Schuldsklaven machen und sie sogar außerhalb Athens verkaufen. Die Angst vor dem Verlust von Besitz und persönlicher Freiheit führte unter anderem zur Forderung nach gleicher Landverteilung, der sogenannten Isomoria. Eine solche Bodenreform lehnte Solon ab.

Er machte vor allem die Unersättlichkeit und Habsucht mächtiger Kreise für die Krise verantwortlich. In seinen Elegien schilderte er, dass die innere Zerstrittenheit der Polis letztlich niemanden verschone. Als Gegenmodell stellte er die Eunomie, die „gute“ oder gerechte Ordnung, der Dysnomie, also einer schlechten und aus dem Gleichgewicht geratenen Ordnung, gegenüber. Eunomie war für Solon kein fertiger Zustand, sondern ein von den Bürgern gemeinsam herzustellender Prozess. Sie verlangte Vernunft, Mäßigung, Selbstbeherrschung und rechtmäßiges Handeln.

Die wichtigste soziale Maßnahme war die Seisachtheia, die „Lastenabschüttelung“. Solon strich sämtliche Schulden der Hektemorier, die ein Sechstel ihrer Ernte an Gläubiger abführen mussten, und ließ die Markierungssteine, die Horoi, von ihren Grundstücken entfernen. Früherer Landbesitz wurde Athenern zurückgegeben, die mit ihrem Leib für Schulden gehaftet hatten; auch bereits außerhalb Attikas verkaufte Schuldsklaven wurden ausgelöst. Für die Zukunft verbot Solon den Zugriff auf die Person eines zahlungsunfähigen Schuldners. Damit beseitigte er die Schuldsklaverei in Athen dauerhaft.

Solon rechtfertigte seine Politik als Ausgleich zwischen den Gruppen: Er habe dem Volk gegeben, was ihm zustand, aber auch den Wohlhabenden nichts Unrechtes angetan. Die Seisachtheia entschärfte die akute Krise und stabilisierte nach Einschätzung der Forschung langfristig die soziale Ordnung. Eine vollständige Gleichheit des Landbesitzes stellte Solon jedoch nicht her.

Gesetze, Bürgergemeinschaft und politische Teilhabe

Solons Reformen sollten durch eine schriftliche Gesetzgebung dauerhaft gesichert werden. Die Gesetze wurden auf drehbaren Holztafeln, den Axones, festgehalten. Ihre Geltungsdauer war ursprünglich auf 100 Jahre angelegt; viele blieben jedoch bis zum Ende des 5. Jahrhunderts v. Chr. in Kraft und wurden noch mindestens bis zum Ende des 3. Jahrhunderts v. Chr. im Athener Prytaneion aufbewahrt. Dadurch wurde die Rechtsordnung von einzelnen Situationen und Amtsträgern unabhängiger. Recht und Unrecht sollten nicht mehr vor allem individuell abgewogen, sondern anhand schriftlich geltender Gesetze beurteilt werden.

Zum Gesetzeswerk gehörte wahrscheinlich ein Ausfuhrverbot für Nahrungsmittel mit Ausnahme von Olivenöl. Es sollte möglicherweise die Versorgung der ärmeren Bevölkerung sichern. Außerdem wurde das Bürgerrecht für Zuwanderer eingeschränkt: Nur Bürger durften Grundbesitz erwerben, sodass das vorhandene Land weitgehend den „Altbürgern“ vorbehalten blieb.

Eine wichtige Neuerung war die Popularklage. Jeder Bürger konnte und sollte Verstöße gegen die Polisordnung, insbesondere durch Amtsträger, zur Anklage bringen. Sie ermöglichte auch, Mitbürger gegen Unrecht anderer zu unterstützen. Gegenstand konnten etwa Diebstahl und Raub, die Veruntreuung von Vermögen Schwacher und Unmündiger oder Vermögensverschwendung durch Müßiggang sein. Alle Athener mussten auf die Gesetzgebung einen Eid leisten.

Solon stärkte außerdem die politische Beteiligung breiterer Bürgerschichten. Als Gegengewicht zum traditionell adligen Areopag wird ihm ein Rat der 400 zugeschrieben; seine Zuständigkeiten und die Frage, wer Zugang zu ihm hatte, sind jedoch unsicher. Volksgerichte, die Heliaia, eröffneten zusätzliche Mitwirkungs- und Verantwortungsmöglichkeiten. In der Volksversammlung, der Ekklesia, waren alle Vollbürger stimmberechtigt. Das sogenannte Stasisgesetz, nach dem bei einem Aufruhr jeder für eine Konfliktseite Partei ergreifen musste, wird Solon in der neueren Forschung überwiegend nicht zugeschrieben.

Solons Ordnung war keine politische Gleichheit. Die Rechte richteten sich nach Einkommen und sozialer Stellung. Diese Timokratie war eine einkommensabhängige Einteilung der Bürger. Als Maß dienten Getreide-, Öl- und Weinmengen; ein Medimnos entsprach etwa 52,8 Litern. Die Zeugiten, die sich als Hopliten ausrüsten konnten, verfügten über mindestens etwa 200 Scheffel Jahreseinkommen. Die Hippeis, die ein Pferd halten und als Reiter kämpfen konnten, hatten mindestens etwa 300 Scheffel. Die reichste Gruppe waren die Pentakosiomedimnoi, die „Fünfhundertscheffler“.

Nur die beiden oberen Vermögensklassen konnten wichtige Ämter wie das Archontat übernehmen; Schatzmeister, die Tamiai, durften nur Fünfhundertscheffler werden. Die beiden unteren Klassen waren vor allem in Volksversammlung und Volksgerichten beteiligt. Nach einer neueren Deutung zählte nicht nur angesammelter Besitz, sondern besonders das jährlich erzielte Erwerbseinkommen, das einen Auf- oder Abstieg innerhalb der Timokratie ermöglichen konnte.

Politisches Denken und Ablehnung der Tyrannis

In seinen öffentlich vorgetragenen Elegien entwarf Solon erstmals deutlich das Bild einer durch Gesetze gerecht geordneten und von der Mitwirkung ihrer Bürger getragenen Polis. Die Bezeichnung „unsere Polis“ verweist auf eine gemeinsame Bürgeridentität. Solon forderte die Athener auf, den Zusammenhang zwischen der Raffgier der Mächtigen und dem Elend der Armen zu erkennen. Wer sich von der Polis fernhielt, handelte aus dieser Sicht nicht bloß privat, sondern gefährdete das Gemeinwesen.

Eunomie besaß bei Solon auch eine religiöse Dimension. Dike, die Verkörperung des Rechts und des Strafgerichts, sowie Eunomia als göttlich ausgezeichnete Ordnung standen der menschlichen Verfehlung und der Dysnomie gegenüber. Umstritten ist, wie stark Solon göttliche Kräfte selbst als handelnd ansah. Sicher ist jedoch, dass er menschliches Fehlverhalten als Ursache der Krise besonders deutlich hervorhob.

Solon lehnte die Tyrannis auch dann ab, wenn sie ihm selbst angeboten worden sein soll. Eine Alleinherrschaft hätte ihm Reichtum und Macht verschaffen können, hätte aber ihn sowie seine Vorfahren und Nachkommen der Ächtung durch die Athener ausgesetzt. Für die Entstehung von Knechtschaft und Tyrannis machte er nicht ein unvermeidbares Schicksal verantwortlich, sondern die Leichtgläubigkeit, Kurzsichtigkeit, Selbstsucht und persönliche Vorteilsorientierung der Bürger.

Die Datierung seines Reformwerks ist umstritten. Üblicherweise wurde es mit seiner Wahl zum Archon auf 594/3 v. Chr. datiert. Mortimer Chambers verweist dagegen auf anarchische Zustände in Athen 590 und 586 sowie auf das „lange Archontat“ des Damasias 582–580 v. Chr. und schlägt für die Reformen den Zeitraum zwischen 575 und 570 v. Chr. vor. Auch Charlotte Schubert hält eine spätere Datierung für möglich, weil sonst wesentliche Teile der antiken Überlieferung als anachronistisch oder erfunden verworfen werden müssten.

Solons Reformen betrafen neben Politik und Recht auch Wirtschaft und Gesellschaft. Genannt werden Impulse für den Außenhandel, eine sogenannte Münzreform, mögliche Obergrenzen für die Konzentration von Landbesitz und Bestimmungen zum Bürgerrecht. Für Josiah Ober bedeutete das Gesamtpaket einen „regelrechten Neustart“ der athenischen Gesellschaft.

Reisen, Nachwirkung und Quellenkritik

Nach Abschluss seiner Reformen soll Solon etwa zehn Jahre lang gereist sein. Herodot und Plutarch berichten von Aufenthalten in Ägypten und auf Zypern. Herodot zufolge übernahm Solon ein Gesetz des ägyptischen Königs Amasis, nach dem jeder Einwohner jährlich angeben musste, wovon er lebte; wer keine rechtmäßigen Einkünfte nachwies, wurde mit dem Tod bestraft. Plutarch verbindet Solon außerdem mit dem Mythos von Atlantis. Auf Zypern soll er König Philokypros bei einer Stadtgründung beraten haben; die Stadt wurde nach ihm Soloi genannt.

Besonders bekannt ist die Begegnung mit dem lydischen König Kroisos in Sardes. Ob sie tatsächlich stattfand, war bereits in der Antike umstritten; auch heute gilt sie als chronologisch schwierig, aber nicht völlig unmöglich. Solon erklärte Kroisos, nicht der reichste Herrscher, sondern der rechtschaffene Athener Tellos und später die Brüder Kleobis und Biton seien glücklich zu nennen. Niemand könne vor seinem Lebensende als glückselig gelten. Die spätere Erzählung verbindet Solons Namen mit Kroisos’ Niederlage gegen Kyros II. und dessen Rettung vom Scheiterhaufen.

Nach seiner Rückkehr konnte Solon die erneuten Konflikte in Athen und den Aufstieg der Peisistratiden-Tyrannis nicht verhindern. Eine Rede auf dem Markt und das demonstrative Niederlegen seiner Waffen vor dem eigenen Haus gehören wahrscheinlich zur Legendenbildung. Peisistratos soll Solon dennoch respektiert und große Teile seiner Gesetzgebung beibehalten haben. Solon starb 560 v. Chr. oder bald danach. Die von Plutarch erwähnte Zerstreuung seiner Asche über Salamis bezeichnete dieser selbst als abgeschmackte Fabel.

Solons Nachruhm verbindet historische und legendäre Elemente. Aristoteles bezeichnete die solonische Ordnung in der Athenaion politeia als Beginn der Demokratie, unterschied sie aber von der späteren kleisthenischen und der von Ephialtes eingeführten radikalen Demokratie. Wegen der timokratischen und sozial hierarchischen Rechte lehnt die neuere Forschung die Bezeichnung „Demokratiegründer“ häufig ab. Nahezu unbestritten ist dagegen, dass Solon wichtige Voraussetzungen für die spätere Entwicklung schuf: die politische Bedeutung der Bürgerschaft, die Herrschaft des Gesetzes, institutionalisierte Beteiligung und die Ablehnung tyrannischer Ambitionen.

Die wichtigsten Quellen sind Herodot, Aristoteles beziehungsweise die Athenaion politeia und Plutarch. Herodot hebt vor allem den reisenden Weisen hervor und kann dramatische oder legendäre Elemente gestaltet haben. Die Athenaion politeia bietet eine ausführliche Rekonstruktion der Reformen, enthält aber Widersprüche zu Aristoteles’ Politik, etwa beim Rat der 400, beim Losverfahren und bei der Ämterbesetzung. Plutarch schrieb mit großem zeitlichem Abstand und ordnete sein Material nach charakteristischen Eigenschaften und Anekdoten; seine faktische Zuverlässigkeit schwankt.

Auch die Echtheit der Solon zugeschriebenen Gedichte und Gesetze ist umstritten. Für kein überliefertes Gedicht ist der Echtheitsnachweis vollständig erbracht. Einige Forscher halten politische Gedichte sogar für Produkte des 4. Jahrhunderts v. Chr.; andere erkennen in der Eunomia-Elegie eine für das 6. Jahrhundert v. Chr. originelle und schlüssige Position. Bei den Gesetzen wird neben genuin solonischen und nichtsolonischen Bestimmungen die dritte Kategorie eines „solonischen Kerns“ vorgeschlagen, also später veränderter Gesetze mit einem authentischen Ausgangspunkt.

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